Eine Zeit lang wusste niemand so wirklich, wer genau sich hinter Anstam verbirgt. Doch spätetestens seit seinem letztjährigen Albumdebüt „Dispel Dances“ war klar, dass es sich um den vielseitigen Künstler Lars Stöwe handelt. Der legt nun mit dem neuen Werk „Stones And Woods“ auf 50Weapons nach und stand uns in diesem Sinne Rede und Antwort. 

Als Anstam gibst du dich meist inkognito, man weiß wenig über dich. Inwieweit spielst du mit dem dadurch entstandenen Freiraum für Interpretationen?

Anstam: Das ist eigentlich weniger Spiel, sondern ganz einfach erklärt. Als ich mit meinem Bruder die ersten drei Anstam 12Inches zusammen mit Hardwax gemacht habe, ging es da immer um das Vinyl und weniger um ein Musikprojekt oder Label. Deswegen sind wir gar nicht auf die Idee gekommen, so etwas wie Promo- oder Pressearbeit zu machen. Es wurde aber schnell klar, dass das für die Leute draußen überhaupt kein Problem war, eher im Gegenteil. Den wenigsten ist bewusst, dass man mit sich selbst als Person, der Musik auch durchaus im Wege stehen kann. Außerdem denke ich grundsätzlich, dass die Musik die man macht, immer auch größer ist als man selbst. Deswegen macht man es ja, um seiner Person etwas hinzuzufügen.

Sind Informationen über die Person/das Leben eines Künstlers überhaupt relevant für dich?
Eigentlich nicht wirklich, da ich so ziemlich alles was mir gefällt sowieso für mich vereinnahme. Das wechselt dann in meinen Besitz, in meinen Erfahrungspool über. Wenn ich dann etwas über die Künstler erfahre und mir das dann auch noch gefällt, umso besser. Aber das Werk des Künstlers muss immer für sich stehen, finde ich. Deswegen ist es auch für mich völlig okay, wenn sich jeder seine ganz persönliche Anstam -ersion zurecht denkt.

Wo liegt bei der Produktion von neuen Stücken die größte Herausforderung für dich?
Beruhigenderweise scheine ich eher einer der wenigen Musiker oder Künstler zu sein, die ein sehr gesundes Verhältnis zur eigenen Arbeitsweise haben. Damit meine ich, dass ich mich weder zum Produzieren zwingen, noch dass ich in dieser Zeit irgendwelche größeren inneren Kämpfe
mit mir selber austragen muss. Für mich ist das eher eine Mischung aus kindlicher Euphorie, weil man gleich mit neuem Spielzeug spielen darf, und dem Bewusstsein, dass sich vielleicht zwei oder drei Leute da draußen darauf freuen werden. Die größte Herausforderung ist daher vermutlich eher, diesen gesunden spielerischen Grundzustand zu halten, dass die Produktion dann auch wirklich produktiv wird.

Inwieweit fließt denn dein Kunstanspruch da mit hinein?
Für mich gibt es eigentlich immer nur einen Anspruch – den ‚Lars Stöwe‘-Anspruch. Der ist natürlich künstlerisch geprägt, jedenfalls hinsichtlich dessen, was mich antreibt. Für mich liegt der produktivste Ansatz, ‚Künstler sein‘ zu erklären, immer noch im Antrieb. Und da geht es mir eben weniger darum zu analysieren, was bei der Welt da draußen jetzt am besten funktionieren würde, sondern um ganz einfache Selbstdokumentation. Der Blick nach innen ist da weitaus wichtiger als
der Blick nach außen. Und das fließt natürlich auch in meine Musik ein, weil das für mich genau der Ansatz ist, ‚originell‘ zu sein. Wenn das dann auch noch gut gearbeitet ist, hat man auch beim Hören wirklich was davon.

Spielt für dich direkte Zugänglichkeit für den Hörer eine Rolle bei der Herangehensweise im Studio oder ergibt sie sich erst während des Arbeitsprozesses? Oder betrachtest du es eher als Aufgabe, verschlüsseltere, vertracktere Arbeiten zu erschaffen?
Das ist eine interessante Frage, weil sich das – meiner Meinung nach – einfach nicht ausschließen muss. Für mich ist jede künstlerische Arbeit, die ich mache, in erster Linie ‚Pop‘, einfach weil ich das alles als Kommunikation sehe, oder vielleicht noch schöner, als Form von Unterhaltung. Da will ich auch von vorn herein niemanden ausschließen. Deswegen macht es Sinn eine Sprache zu sprechen, die alle verstehen können. Und selbst Anstam spricht eine ziemlich klare Sprache,
möglicherweise mit einem harten Akzent, aber doch eben unmissverständlich. Das Verschlüsselte, Vertrackte, also das Rätselhafte liegt ja eher zwischen den Zeilen oder entsteht ganz heimlich im
Hintergrund.

Was bedeutet diesbezüglich Experimentieren für dich?
Ich verweise ja bei Anstam immer gerne auf das Joseph Conrad-Thema. Die Idee, sich auf die Reise zu machen, in das große Unbekannte, um dann an sich selbst zu beobachten, was das mit einem macht. Wenn man dies zulässt, ist das ja so etwas wie ein Selbstexperiment. Ich versuche
schon immer auch etwas anderes zu machen, andere Dinge auszuprobieren, die auch für mich Neuland sind.

Gab es bei der Arbeit an deinem neuen Album eine Art Schlüsselmoment, in dem sich für dich die Idee bzw. der Weg, den das Werk gehen sollte, erschlossen hat? Welchen Einfluss
hatte deine Arbeitsumgebung?

Ich glaube, dass sich beim Machen eines Albums bei mir immer schon die möglichen Ansätze für das nächste Album zeigen. Das ist alles mehr oder weniger fließend. In irgendeiner Weise bauen alle Sachen bei mir aufeinander auf oder reagieren aufeinander. Also ganz nach dem Motto: Nach
der Platte ist vor der Platte. Auch das Feedback, das ich auf das erste Album „Dispel Dances“ bekam, spielte eine große Rolle für „Stones And Woods“. Das kann man alles schwer beschreiben oder festmachen, da solche Fragen eigentlich dauernd durch meinen Kopf rattern und ich auch jetzt schon darüber nachdenke, was mögliche Optionen für ein nächstes Album sein könnten. Das lässt sich bei mir nicht abstellen. Dazu kommt ja auch noch, dass ich komplett alleine und sehr isoliert arbeite und mir selbst ja nicht dauernd erklären muss, was ich wann, warum und wie gedacht und gemacht habe.

Wie hast du konkret die Dramaturgie von „Stones And Woods“ konzipiert, geschah diese
eher aus dem Prozess heraus oder hattest du im Vorfeld eine klare Idee?

Grundsätzlich habe ich ganz genaue Vorlieben, was Alben angeht. Zwischen vierzig und fünfundvierzig Minuten, also die traditionelle Kassettenlänge und so zwischen acht und zehn Songs. Ich finde es für mich wichtig, dass man ein Album in seiner Gesamtheit zu fassen kriegt, dass man in der Lage ist, sich die Abläufe gut zu merken. Bei „Stones And Woods“ stand da zusätzlich eine
Idee im Raum, die ich schon lange mal machen wollte. Die Idee war ein Popalbum aus den 80iger-Jahren in seinem Ablauf nahezu exakt zu kopieren. Ich habe also einen allseits bekannten Klassiker aus den 80igern genau analysiert und die einzelnen Songs für mich bewertet. Da ging es mir hauptsächlich um die Mischung aus Tanzbarkeit und Emotionalität in den Songs. Also die Entscheidung, ob jetzt eher eine Ballade kommt oder was zum Tanzen oder ein Zwischending.

Wann/wie bist du überhaupt zur elektronischen Musik gekommen, was schätzt du bei der elektronischen Klangerzeugung am meisten?
Die Freiheitsgrade. Ab dem Punkt, an dem ich anfing mit Computer zu arbeiten, habe ich mich ja mehr oder weniger dazu entschieden, vom Musiker zum Komponisten, zum Autor zu wechseln. Denn das ist es ja das, was man macht, wenn man digital mit dem Rechner arbeitet. Man dirigiert
einen Maschinenpark. Man arbeitet mit einer Art Notensystem, in dem man die Vorgaben festsetzt, in denen die virtuellen Maschinen dann spielen können. Und das für mich interessante daran, ist bei meiner Arbeitsweise eben, dass man nicht nur die Noten und die Art und Weise, wie die Noten
gespielt werden sollen, genau festlegen kann, sondern jeden einzelnen Effektparameter millisekundengenau ansteuern kann und so die Möglichkeit hat, extrem in die Tiefe zu arbeiten.

Welche weiteren Projekte stehen bei dir an?
Hauptsächlich werde ich wohl damit Zeit verbringen, das „Stones And Woods“-Album live zu spielen und zu versuchen dem Anstam-Zirkus, der dann von Stadt zu Stadt zieht, immer mehr Attraktionen hinzuzufügen.

www.anstam.com