Anthony Rother – Das Kapitel DATAPUNK

Mit DATAPUNK schuf Anthony Rother Anfang der 2000er-Jahre einen Sound, der die europäische Electro-Szene nachhaltig prägte. Tracks wie „Father“, „Back Home“, „Punks“ oder „Big Boys“ verbanden futuristische Klangwelten, Synth-Pop-Einflüsse und emotionale Tiefe zu einer musikalischen Handschrift, die bis heute nachwirkt. Als Rother 2015 nach einem letzten DATAPUNK-Auftritt in Amsterdam einen bewussten Schlussstrich unter das Projekt zog, wollte er sich von den Erwartungen lösen, die mit seinem eigenen Erfolg verbunden waren, und Raum für neue kreative Entwicklungen schaffen. Mit „Anthony Rother presents DATAPUNK 20+ YRS“ erscheint nun eine umfangreiche Werkschau, die neben den bekanntesten DATAPUNK-Veröffentlichungen auch Hybrid-Versionen, Live-Mitschnitte sowie bislang unveröffentlichte Produktionen aus den Jahren 2005 bis 2010 umfasst. Im Interview spricht Rother über die Aufarbeitung seines musikalischen Archivs, die Bedeutung von DATAPUNK für sein künstlerisches Schaffen und seinen Blick auf dieses prägende Kapitel seiner Karriere.

DATAPUNK war über viele Jahre eines deiner prägendsten Projekte. Was hat dich nach mehr als einem Jahrzehnt dazu bewegt, DATAPUNK zu reaktivieren und wie blickst du auf die Entscheidung von damals zurück?

Ich habe 2015 beschlossen, DATAPUNK hinter mir zu lassen, weil ich nicht den Rest meines Lebens „Father“ spielen wollte. Musikalisch trat ich damals auf der Stelle. Ich wollte mich als Künstler einfach weiterentwickeln. Tatsächlich war es ein radikaler Bruch. Einfach nur Abstand nehmen, hätte nicht ausgereicht. Geschäftlich und wirtschaftlich gesehen gab es keinen vernünftigen Grund, DATAPUNK zu beenden, aber mit Blick auf meine Kreativität war es nötig. Mittlerweile weiß ich, dass meine damalige Entscheidung richtig war. Die Compilation ist jetzt der versöhnliche und logische Abschluss dieser Phase.

Inwiefern hat die zehnjährige Distanz deinen Blick auf die Musik und die Ideen von DATAPUNK verändert?

Der Punkt, an dem ich heute als Musiker bin, ermöglicht es mir, die Datapunk-Tracks gefühlsmäßig wieder in mein Gesamtwerk aufzunehmen. Ich liebe das, was ich heute musikalisch mache, die Leute akzeptieren meinen Sound und mich so, wie ich bin – auch ohne Datapunk. Ich habe Jahre gebraucht, um dorthin zu kommen. Die Compilation war schon lange geplant, aber erst jetzt hatte ich das Gefühl, dass es für mich passt. Anscheinend war das die innere Bedingung, um mich wieder mit Datapunk in Einklang zu bringen.

Das neue Album vereint Klassiker, Hybrid-Versionen, Live-Aufnahmen und bislang unveröffentlichte Tracks. Nach welchen Kriterien hast du entschieden, welche Stücke Teil von „DATAPUNK 20+ YRS“ werden?

Letztes Jahr habe ich mit der Zusammenstellung der Tracks begonnen. Ich bin mein gesamtes Archiv durchgegangen, habe mir alles angehört und dann begonnen, auszuwählen. Viele der unveröffentlichten Stücke habe ich editiert und bearbeitet – das war eine schöne Reise. Was jetzt auf der Compilation ist, habe ich rein nach Gefühl entschieden. Meine Produktionen mit DJ Hell und Sven Väth oder die Remixes von Underground Resistance habe ich hier bewusst ausgelassen. Sie wären aber für eine zukünftige Compilation sicher interessant.

„Father“ gilt für viele Fans als einer deiner ikonischsten Tracks. Was macht diesen Titel für dich persönlich so besonders und warum eignet er sich als erstes Signal für die Rückkehr von DATAPUNK?

Ehrlich gesagt führt der Track mittlerweile so ein Eigenleben, dass mir nicht mehr so richtig klar ist, was an ihm so besonders ist. Aber ich erinnere mich noch daran, wie ich damals zu meinem Plattenvertrieb Intergroove gefahren bin, um dort „Father“ als Demo-Version vorzuspielen, wie besonders ich den Song fand und wie die Vertriebsleute das zu diesem frühen Zeitpunkt nicht sofort nachvollziehen konnten. Ich würde für mein damaliges Gefühl das Wort Synchronizität wählen.

Du beschreibst die Compilation auch als eine Form der Selbstreflexion. Welche Erkenntnisse hast du beim Durchforsten deines Archivs über dich selbst als Künstler gewonnen?

2015 war ich schon 20 Jahre im Musikbusiness unterwegs. Die Datapunk-Tracks sind wie ein Tagebuch – sie erzählen von meinen Beobachtungen und meinem Leben. Im Rückblick war das eine sehr schöne und emotionale Zeit, aber auch eine mit vielen Problemen. In den 20 Jahren Techno-Life hatte ich außerdem versäumt, erwachsen zu werden; es war damals an der Zeit, auch das anzugehen. Der Blick jetzt zurück in dieses musikalische Tagebuch war und bleibt intensiv. Am Ende gab es einen Punkt, an dem ich viel zu sehr zum reinen Musikproduzent geworden war – mir fehlte die künstlerische Tiefe. Es war eine Art Perfektionierung der musikalischen Ausführung. Das habe ich in den letzten 10 Jahren wieder verändert. Heute kommt für mich erst das Gefühl und danach das Handwerk.

Viele Produzenten erleben irgendwann den Konflikt zwischen künstlerischer Weiterentwicklung und den Erwartungen des Publikums. Wie schwierig war es für dich, dich von einer so erfolgreichen musikalischen Identität zu lösen?

Es war ein schwieriger Prozess. Ich hatte den Datapunk-Sound mehrmals weiterentwickelt, aber irgendwann war klar: Es geht nicht mehr weiter. Ich musste aussteigen und etwas Neues finden. Und Suchen ist ein Weg ohne Ziel. Das Publikum hat am Anfang sehr negativ auf meine musikalische Veränderung reagiert. Aber ich war auf der Suche nach mir selbst und nicht nach etwas, das fürs Publikum funktioniert. Die Arbeit am Sound fand im Grunde im laufenden Betrieb statt. Mir war dabei immer klar: Erwartungen zu erfüllen, ist der Tod meiner Kreativität.

Die unveröffentlichten Tracks auf dem Album stammen teilweise aus den Jahren 2005 bis 2010. Warum sind sie damals in der Schublade geblieben und wie fühlt es sich an, sie heute erstmals zu veröffentlichen?

Das hatte verschiedene Gründe. Mal war es das Timing oder ein Projekt hatte sich nicht realisieren lassen. Später kam Unentschlossenheit dazu oder die Idee hatte sich bereits wieder geändert. Ich freue mich, dass diese ganzen Tracks jetzt in der Welt sind. Es ist ein schönes Gefühl, damit im Reinen zu sein, nachdem ich ein Jahrzehnt lang keinen Kontakt dazu hatte.

Welche Rolle soll DATAPUNK in deiner Zukunft spielen – und gibt es noch Visionen oder Ideen, die du damit verwirklichen möchtest?

„DATAPUNK (Hybrid Set) presented by Anthony Rother“ ist ein neues eigenständiges Projekt, bei dem ich nur Datapunk-Tracks spiele, um mit den Leuten diesen Sound zu feiern. Das Projekt ist ein Special. Los geht’s diesen Sommer mit dem Paradise City Festival in Brüssel und dem MIRA Festival in Barcelona – weitere Events folgen. Mein reguläres „Anthony Rother (Hybrid Set)“ bleibt weiterhin frei von Datapunk; ich bin voll auf das Hier und Jetzt sowie meine musikalische Weiterentwicklung von Technobeat-Electro fokussiert. Geplant sind Kollaborationen mit Mell G und Marcel Dettmann.

Aus dem FAZEmag 173/07.2026
Text: Triple P
www.instagram.com/anthony_rother