
For english click here. Mit „EXIT UTOPIA“ veröffentlicht Anthony Rother ein Album, das als persönliches Protokoll eines intensiven Jahres gelesen werden kann. In unserem Q&A spricht er offen über Endlichkeit, Maschinen als Metaphern, kreative Autonomie, Onlinesucht, die Musikwirtschaft und darüber, warum ein Ende immer auch ein neuer Anfang ist. Das Werk ist auf seinem eigenen Label 3MULATOR BOY erschienen.
Anthony, was bedeutet der Titel „EXIT UTOPIA“ für dich? Es klingt wie der Abschied von einer Idee.
Seit einiger Zeit produziere ich jedes Jahr ein Album, das im Dezember erscheint. „EXIT UTOPIA“ dokumentiert das Jahr 2025. Es ist eine musikalische Autobiografie meiner Erlebnisse, Beobachtungen, Ideen und kreativen Experimente. 2025 war ein sehr intensives und interessantes Jahr. Zentral waren in den letzten zwölf Monaten meine Gesundheit und die nüchterne Erkenntnis, dass man anscheinend doch nicht ewig lebt, so wie man es als junger Mensch selbstverständlich geglaubt hatte (lacht). In meinem Alter ahnt man es ja schon. Wenn man dann aber mit der Endlichkeit konfrontiert wird, ist das eine andere Sache. Allerdings setzt dann auch schnell wieder die Verdrängungstaktik ein und es geht unsterblich weiter.
Viele Tracks und Lyrics kreisen um Maschinen, Kontrolle und Abhängigkeit. Ist das Album eher eine Warnung – oder beschreibst du schlicht einen Zustand, den wir längst akzeptiert haben?
Ich denke, mein Album hat keine feste Aussage. Es hat Atmosphäre. Das, was ich beim Schreiben denke, ist nicht unbedingt das, was der Hörer sich denkt. Und das ist gut so. Ich selbst entdecke in meiner Musik immer wieder Neues, das ist großartig. Kunst führt ein Eigenleben. „EXIT UTOPIA“ ist meine Idee davon, wie Technobeat-Electro klingt. Damit beschäftige ich mich seit 2024 und habe dafür mein neues Label 3MULATOR BOY gegründet. Durch den technischen Fortschritt haben wir ja bereits ein recht futuristisches Leben. Ich versuche mit meiner Musik, eine Stimmung zu erzeugen, die über Geschichten der Zukunft fest mit der Gegenwart verbunden ist. Die Maschine ist eine Metapher für zutiefst menschliche Themen. Künstliche Intelligenz verändert, wie die Gesellschaft Maschinen wahrnimmt, KI-Maschinen betreten und verändern den sozialen Raum.
Deinen Leitsatz „IN 3L3C7RO WE TRUST“ kennen wir bereits seit geraumer Zeit. Wie hat er sich über die letzten Jahre entwickelt?
Dieser Claim ist von 2005, er ist eine Art Attitude. Er ist das, was die Leute und ich daraus machen. Mit meinem Technobeat-Electro verändert sich bei mir gerade einiges. Und das ändert bestimmt auch die Attitude. Mein Hybrid-Set besteht seit letztem Jahr zu 50 Prozent aus Electro und zu 50 Prozent aus Technobeat-Electro. Auf Letzterem liegt mein Fokus. Technobeat-Electro ist mein neues Universum, in dem ich mich derzeit kreativ austobe und experimentiere. Das Zusammenspiel von Gigs und Studioarbeit, bei dem die Erfahrungen der Auftritte direkt in die Musik einfließen, empfinde ich als Gesamtkunstwerk. Ich spüre beim Musikmachen eine hohe Intensität. Die Musik ist wie ein Tagebuch aus einem Science-Fiction-Film, in den ich mich hineinträume — Eskapismus und Selbsterfahrung.
Du hast das Album komplett selbst geschrieben, produziert und gemastert. Was bedeutet diese totale Autonomie für dich künstlerisch – und wo kann sie auch zur Belastung werden?
Diese Autonomie ist aus purem Mangel an finanziellen Möglichkeiten erwachsen. Und sie kommt mir heute zugute. Mastering musste ich lernen, weil es zu teuer war, alle Tracks für das Hybrid-Set mastern zu lassen. Das hätte meine Möglichkeiten, beim Produzieren zu experimentieren und diese vielen Tracks im Hybrid-Set zu spielen, enorm eingeschränkt. Mein Label PSI49NET hatte ich gegründet, weil es schon immer schwierig war, eigenwillige Musik bei Labels zu platzieren. Ich wollte entscheiden, wie und was ich veröffentliche, und das ging nur mit einem eigenen Label. Eine Belastung war eher, dass Labels einem keine Lizenzen gezahlt haben oder dass vorab viel versprochen, aber dann nicht eingehalten wurde. Autonomie war immer ein sicherer Hafen.
Titel wie „Slave To The Machine“ oder „God Machine“ arbeiten mit religiösen Bildern. Ersetzt Technologie für dich heute Spiritualität oder hat sie selbst etwas Dogmatisches angenommen?
Ich würde den Begriff religiös gegen spirituell austauschen. Die Lieder sprechen für sich selbst, für eine Erklärung würde man wahrscheinlich ein ganzes Buch schreiben müssen. Letztes Jahr im August ist mir meine Onlinesucht aufgefallen, konkret meine YouTube-Sucht im Höchststadium, man könnte auch Endstadium sagen. Ich hatte seit Jahren immer mal mit YouTube-Sucht-Spitzen zu kämpfen und gedacht, ich hätte sie durch Abstinenz im Griff. Letztes Jahr war es dann jedoch so schlimm, dass ich meine Konzentrationsfähigkeit komplett verloren hatte. Dies war schleichend über viele Jahre passiert. Ich konnte keine Musik mehr machen, weil mein Antrieb weg war. Ich hatte keine Motivation mehr, obwohl ich Musik machen wollte, es ging nicht. Und wenn ich es dann doch geschafft hatte, Musik zu machen, konnte ich mich nicht lange konzentrieren, vielleicht nur so zehn Minuten. Ich hatte mir dann mit Hilfe von KI alle Infos besorgt, was in so einem Fall biologisch im Gehirn und Körper passiert und was ich tun kann, um mein Gehirn und die Neurotransmitter wieder zu normalisieren. Das habe ich dann eisern durchgezogen, und nach einem Monat ging es schlagartig bergauf. Heute bin ich wieder voll am Start. Es ist unglaublich, was Onlinemedien und vor allem Passivkonsum mit dem Gehirn machen. Ich habe es erlebt, es entspricht der Wahrheit. Es fängt harmlos an. Sobald man es realisiert, ist man jedoch schon gefährlich tief drin. Man könnte sagen, dass Technologie als Konsummedium wie Schokolade wirkt: Sie tröstet und stopft ein inneres Loch. Eine Lösung ist es nicht.
Klanglich setzt du weiterhin stark auf Hardware, modulare Systeme und eigene Maschinen. Ist dies ein bewusster Gegenentwurf zur immer stärkeren Software- und KI-getriebenen Musikproduktion?
Nicht nur das Ergebnis zählt für mich. Mir ist besonders wichtig, wie ich Musik mache. Es ist ein Ritual, ich zelebriere es. Mir gefallen echte Synthesizer und Drumcomputer, es gefällt mir, daran herumzudrehen und mich körperlich einzubringen. Ich nutze auch Software, aber nur in geringem Maß. Für mich hat beides seine Berechtigung, ich bin dahingehend nicht dogmatisch.
Deine Texte sind oft sehr reduziert, fast wie ein Mantra. Wie bewusst lässt du inhaltlich auch Leerstellen, damit die Hörer*innen ihre eigenen Bedeutungen hineinlesen können?
Ich schreibe nicht für den Hörer. Ich schreibe, was ich erlebe, was ich beobachte, ich erschaffe Atmosphären oder setze eine Klangidee um. Die Intention hat nichts mit dem Hörer zu tun. Ganz sicher aber gibt es Überschneidungen mit dem, was jemand, der meine Musik hört, erlebt oder beobachtet hat. Ich rede aus Prinzip so gut wie nie über meine Intentionen. Das Publikum kann sich aber sicher sein, dass es diese Intentionen gibt und dass das, was man beim Hören denkt, vielleicht manchmal gar nicht so weit weg davon ist, was ich denke.
„EXIT UTOPIA“ erscheint exklusiv digital. Hat sich dein Verhältnis zu Release-Formaten und zur heutigen Musikwirtschaft verändert?
Die Musikwirtschaft ist tot; zumindest der Independent-Bereich. Dieser Bereich war eine Art Mittelstand und hat früher gut funktioniert, heute nicht mehr. Und dafür gibt es nachvollziehbare Gründe. Meiner Meinung nach könnte man etwas ändern, aber dabei müssten viele mitmachen. Solange man als Mittelständler im Massenmarkt handelt, ist man tot. Massenprodukte von Großkonzernen funktionieren anders. Wer in dem Bereich als Mittelständler mit Kleinauflage mitmachen möchte, ist zum Untergang verdammt. Dazu kommt die Leidenschaft, die viele Musiker haben. Diese Liebe schaltet bei vielen den gesunden kaufmännischen Blick aus. Man subventioniert den Gewinn von Konzernen, Vertrieben und allen, die sonst noch in der Wertschöpfungskette drin sind. Die Liebe zur Musik und der Traum von Erfolg werden schamlos ausgenutzt.
Wenn man deine frühen Veröffentlichungen mit diesem neuen Album vergleicht: Was hat sich in deinem Blick auf Zukunft, Technik und Gesellschaft am stärksten verschoben?
Jetzt Anfang 2026 und mit Blick auf die aktuelle Welt muss ich sagen, dass vieles anders ist. Wenn ich zurückschaue und an die Jahre 1999 und 2000 denke, wenn ich an die Loveparade als ein Rave-Ereignis von vielen denke, erinnere ich mich, dass wir damals das Gefühl hatten, dass der Weltfrieden kurz bevorstünde. Wie herrlich naiv wir waren! Heute muss ich feststellen, dass wir, während wir die ganzen Jahre Techno feierten und uns darauf verließen, dass die Politik einigermaßen das Richtige tun würde, diese doch sehr viel Mist gebaut hatte. Ich muss mich heute mit Politik beschäftigen, um zu verstehen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und um mich irgendwie in den Positionen zurechtzufinden. Ich wünsche der Welt alles Gute.
Wenn „EXIT UTOPIA“ ein Ausgang ist – wohin führt der nächste Schritt für dich, musikalisch wie gedanklich?
Ein Ausgang ist immer auch ein Eingang. Ich folge dem Leben. Eine Zeit lang habe ich versucht, die Dinge zu lenken, zu kontrollieren. Dabei kam möglicherweise heraus, was ich wollte, doch das ist kein Leben. Heute warte ich ab und versuche, dem Leben nachzuspüren, um dann zu folgen und das Unbekannte, das mir das Leben anbietet, zu empfangen. Denn das ist das echte, das wahre Leben.
Aus dem FAZEmag 168/02.2026
Text: Triple P
www.instagram.com/anthony_rother