apaull – Fame, Kontrolle & Clubkultur

Foto: Dave Clark

Mit „Gunfactor“ veröffentlicht apaull ein Album, das sich zwischen Techno, Industrial, Synthwave und Indie Dance bewegt und dabei große Themen wie Ruhm, Gewalt, Moral und gesellschaftliche Wahrnehmung verhandelt. Inspiriert von Städten wie Berlin, Detroit und New York erschafft der Künstler einen düsteren, cineastischen Soundkosmos, der sowohl für den Club als auch für das genaue Zuhören gedacht ist. Im Interview spricht apaull über den schmalen Grat zwischen Anerkennung und Infamie, seinen kreativen Prozess sowie die Suche nach einer eigenen künstlerischen Identität.

„Gunfactor“ spielt mit der Idee des „It-Faktors“ und der schmalen Grenze zwischen Ruhm und Infamie. Was hat dieses Konzept ursprünglich ausgelöst und wie persönlich ist es für dich?

Das Konzept entstand aus einem Gespräch mit einer Booking-Agentin in Amsterdam. Sie meinte, man brauche großartige Musik, aber auch diesen schwer greifbaren „It-Faktor“ – etwas, das andere einem zuschreiben und das signalisiert, dass man etwas Besonderes hat. Ich liebe die doppelte Bedeutung von Gunfactor (auf Niederländisch und Englisch) und habe diese Dualität von Ruhm und Infamie erforscht. Persönlich strebe ich danach, Musik zu schaffen, die kritisch anerkannt wird und die Menschen wirklich erreicht. Dafür arbeite ich hart daran, das Talent, das ich habe, weiterzuentwickeln. Der Rest – Anerkennung, Momentum und Ruhm – ist der Teil, den man nie komplett kontrollieren kann, auf den man aber trotzdem hinarbeitet.

Das Album behandelt schwere Themen wie Gewalt, moralische Ambivalenz und den Preis von Aufmerksamkeit. Siehst du das Werk eher als Spiegel der Gesellschaft oder als Kritik daran?

Es ist beides: Spiegel und Kritik. Wir leben in einer Kultur, in der Sichtbarkeit ständig angestrebt wird, oft ohne viel darüber nachzudenken, wie sie erreicht wird. Social Media verstärkt diese Dynamik. Gleichzeitig gibt es diesen dunkleren Weg – Infamie – bei dem negative oder sogar gewaltsame Handlungen zu Aufmerksamkeit führen können. Diese Dualität hat mich interessiert. Das Album versucht nicht zu moralisieren, sondern bewegt sich bewusst in dieser Spannung und lädt dazu ein, darüber nachzudenken, was wir als Gesellschaft belohnen – und warum.

Dein Sound verbindet Techno mit Industrial-, Indie-Dance- und Synthwave-Elementen. Wie bewusst gehst du beim Produzieren mit Genregrenzen um?

Mein Ansatz ist sehr organisch. Ich arbeite nicht mit Referenztracks und versuche auch nicht, die Arbeit anderer rückwärts zu analysieren. Ich beginne mit Ideen – manchmal einem Vocal, manchmal einem Rhythmus oder einfach nur einer Textur – und baue darauf auf. Die Grundlage ist zwar Techno, aber meine Einflüsse kommen aus einem viel breiteren Spektrum: Industrial-Acts wie Skinny Puppy, Bands wie Depeche Mode und viele andere elektronische oder alternative Künstler. Diese Einflüsse formen den Sound ganz natürlich. Mit der Zeit arbeite ich darauf hin, dass sich daraus eine eigene apaull-Identität entwickelt, ohne mich in eine feste Schublade zu stecken.

Foto: Dave Clark

Tracks wie „Fang Mich“ oder „Push the Button“ funktionieren stark im Club, während andere Stücke eher narrativ wirken. Wie balancierst du Storytelling und Dancefloor-Effizienz aus?

Ich schreibe Musik nicht primär mit dem Dancefloor als Ziel. Für mich geht es darum, Tracks zu erschaffen, die sich aus künstlerischer Sicht vollständig anfühlen, und manche davon entwickeln dadurch automatisch einen stärkeren narrativen Charakter. Sehr wertvoll war dabei die Zusammenarbeit mit Remixern. Auf diesem Album nehmen Künstler wie Junior Sanchez, Christian Smith, André Winter oder Dina Summer meine Grundideen und übersetzen sie in direktere, cluborientierte Versionen. Dadurch entsteht eine Balance – meine Originale sind oft expressiver oder experimenteller, während die Remixe ihre Wirkung auf dem Dancefloor erweitern.

Teile des Albums entstanden in Städten wie Berlin und Detroit, mit Bezügen zu New York. Wie haben diese Orte die Atmosphäre und emotionale Stimmung der Platte geprägt?

Reisen spielt eine große Rolle in meinem Prozess. Ich schreibe oft in Hotelzimmern – nicht, weil ich es plane, sondern weil ein anderer Ort kreativ etwas freisetzt. Ich nehme dann auch gerne Umgebungsgeräusche mit einem Field Recorder auf. Manchmal entsteht ein Track direkt vor Ort, manchmal nur eine Skizze, die ich später weiterentwickle. Jede Stadt hat ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Energie – Berlin, Detroit, New York – und diese Eindrücke fließen zwangsläufig in die Musik ein.

Der Titeltrack stellt die Frage: „Do you have the gunfactor?“ – wie lautet deine eigene Antwort darauf heute?

Letztlich müssen das andere entscheiden. Die ganze Idee hinter einem „It-Faktor“ ist ja, dass er von außen wahrgenommen und nicht selbst beansprucht wird. Trotzdem gehe ich meine Arbeit mit Selbstvertrauen an. Deshalb würde ich mit einem gewissen Augenzwinkern sagen: Ja, ich glaube, dass er da ist. Dort wirklich anzukommen bedeutet aber, weiter zu schreiben, zu produzieren, zu veröffentlichen und aufzutreten – also Schritt für Schritt auf den Punkt hinzuarbeiten, an dem Menschen selbst zu diesem Schluss kommen.

Ein wiederkehrendes Thema des Albums ist die Idee, dass Ruhm Menschen scheinbar unangreifbar macht. Beobachtest du das auch in der Musikszene?

Ich würde nicht sagen, dass meine Arbeit suggeriert, Ruhm mache Menschen unangreifbar. Was ich eher denke, ist, dass sehr sichtbare Personen – egal ob durch Ruhm oder Berüchtigung – oft mehr Menschen um sich haben, die „Ja“ sagen, und weniger Grenzen erleben als andere. Das kann eine gewisse Verzerrung erzeugen, ist aber nicht dasselbe wie Konsequenzlosigkeit. Wenn überhaupt, haben wir in den letzten zehn Jahren eher mehr Verantwortung und Rechenschaft erlebt, nicht weniger. Die Vorstellung, dass man sich schlecht verhalten kann, ohne Konsequenzen zu spüren, wird heute viel konsequenter hinterfragt. Interessanter finde ich die Seite der Infamie – also Situationen, in denen objektiv schädliche Handlungen von manchen, etwa von Behörden, klar verurteilt werden, von anderen aber nicht. In bestimmten Kreisen werden solche Taten sogar gefeiert und die Personen dahinter entwickeln eine Art Anhängerschaft. Diese Spannung zwischen Konsequenz und Verherrlichung finde ich spannend zu erforschen.

Manche Tracks wirken sehr minimalistisch und diszipliniert, fast auf das Wesentliche reduziert. Was ist deine Philosophie, wenn es um Arrangements und den Punkt geht, an dem ein Track „fertig“ ist?

Mein Prozess beginnt sehr offen. Ich entwickle Ideen in Ableton, experimentiere mit Klangkombinationen und forme daraus nach und nach ein Arrangement. Zu wissen, wann etwas fertig ist, gehört zu den schwierigsten Dingen überhaupt. Ich male auch Aquarelle, und dort gibt es ein ähnliches Prinzip: Sobald ein Bild fertig ist, kann mehr oft sogar schaden. In Musik funktioniert das genauso. Ich tendiere daher zu Zurückhaltung und Klarheit. Außerdem arbeite ich seit fünf Jahren eng mit meinem Executive Producer Abe Duque zusammen, und diese Zusammenarbeit hilft enorm dabei zu erkennen, wann ein Track wirklich seine finale Form erreicht hat.

Das Album besitzt auch eine starke visuelle Identität. Wie wichtig ist die visuelle Ebene dafür, wie Menschen deine Musik wahrnehmen?

Sie ist extrem wichtig. Ich sehe die visuelle Seite als Erweiterung der Musik. Die Coverfotografie dieses Projekts stammt von Dave Clarke, mit dem ich seit mehreren Jahren arbeite und dessen künstlerischen Ansatz ich sehr schätze. Außerdem arbeite ich mit Al Díaz zusammen, der markante Schriftzüge aus zerschnittenen Materialien von New Yorker Subway-Postern erstellt. Diese visuelle Kontinuität hilft dabei, eine wiedererkennbare Identität aufzubauen. Im Idealfall sieht jemand das Artwork und verbindet es sofort mit apaull.

Für Leser:innen, die dich vielleicht erst durch dieses Album entdecken: Was definiert apaull als Künstler im Jahr 2026?

Ich würde sagen: Beständigkeit, Neugier, Antrieb und klare Intention. Ich veröffentliche seit mehreren Jahren kontinuierlich Musik und entwickle das Projekt immer weiter. Im Kern sehe ich mich als Künstler im klassischen Sinn – als jemanden, der sich darauf konzentriert, durchdachte und sorgfältig ausgearbeitete Arbeiten zu erschaffen. Auch wenn sich meine Musik im Techno bewegt, interessiert es mich, diesen Rahmen zu erweitern und andere Einflüsse einzubringen. Mein Ziel ist es, Musik zu schaffen, die Menschen berührt – egal ob im Club, zuhause oder an einem unerwarteten Ort – und dabei auf den (niederländischen) Gunfactor hinzuarbeiten.

Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
Foto: Dave Clark
www.instagram.com/apaull_music