APPLAUS-Award 2026 – Wo Livemusik Zukunft bekommt

Foto: Thomas Sasse

Seit 2013 zeichnet der APPLAUS herausragende Livemusikprogramme und -spielstätten in Deutschland aus. Am 24. November 2026 geht der bundesweite Kulturpreis im Waschhaus Potsdam in seine 13. Ausgabe. In sechs Kategorien werden rund 1,6 Millionen Euro Preisgeld vergeben – für Livemusikprogramme und Spielstätten, kleinere Venues und Konzertreihen sowie für Awareness, Inklusion und Nachhaltigkeit. Seit zwei Jahren gehört Julia Sasse, Geschäftsführerin von local heroes, der Hauptjury an.

Foto: Thomas Sasse

Ihr eigener Weg in die Musikförderung begann eher zufällig. „Ich habe local heroes 2010 kennengelernt. Damals hatte ich gerade mein Journalistik-Studium beendet“, erzählt Sasse. Aus einer Begegnung mit local-heroes-Gründungsvater Dieter Herker entstand zunächst eine Musik- und Medien-Berufsmesse. „Von da an war mein beruflicher Werdegang eng mit local heroes verflochten.“ Fünf Jahre später übernahm sie die Geschäftsführung. Diese Arbeit prägt auch ihren Blick in der APPLAUS-Jury. „Für junge Künstler:innen zählt es meiner Wahrnehmung nach vor allem, dass sie überhaupt Bühnen bekommen.“ Genau das werde durch Clubsterben und wegfallende Fördermittel schwieriger. Spielstätten bräuchten heute „so viel mehr Mut“, um Infrastruktur für Newcomer:innen bereitzustellen. Gleichzeitig profitierten sie selbst davon, wenn sie „die Stars von Morgen selbst mit ‚heranziehen‘“. Bei der Bewertung der Bewerbungen recherchiert Sasse zusätzlich Websites, Social-Media-Profile und Werbematerialien und vergleicht Spielstätten innerhalb ihrer Kategorien. „Mir persönlich ist natürlich der Blick auf die Förderung von Newcomer:innen besonders wichtig.“ Ebenso berücksichtigt sie die unterschiedlichen Voraussetzungen von Großstadt und ländlichem Raum. Leicht seien die Entscheidungen nicht. „Hinter jedem Club, jeder Spielstätte, jeder Veranstaltung steckt so viel Engagement und Leidenschaft – das allein ist ja schon preiswürdig.“ Für ihre Bewertung setzt sie die Bewerbungen auch in Beziehung zu gesellschaftlichen und musikspezifischen Herausforderungen. „Denn Live-Musik findet ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern immer in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext.“

Foto: Thomas Sasse

Besonders deutlich zeigt sich das beim wirtschaftlichen Druck auf kleinere Spielstätten. „Sehr erfolgreiche Projekte finanzieren den Aufbau von Newcomer:innen und die Etablierung von Nischen-Artists“, erklärt Sasse. Wenn steigende Kosten dazu führen, dass große Events weniger abwerfen, werden riskantere Bookings schwieriger. Das verursache einen „riesigen Kollateralschaden“. Denn: „Um morgen erfolgreiche Künstler:innen zu haben, müssen diese sich heute auf der Bühne ausprobieren können.“ Auch viele Clubs und soziokulturelle Zentren kämpften damit, langfristig engagierten ehrenamtlichen Nachwuchs zu finden.

Foto: Thomas Sasse

Was ein wirklich preiswürdiges Programm ausmacht, ist für Sasse deshalb mehr als eine starke Künstlerliste. „Ein preiswürdiges Programm sorgt dafür, dass leidenschaftliche Musikfans wie ich neue Künstler:innen entdecken.“ Es sei vielseitig, erreiche auch Menschen außerhalb des klassischen Konzertpublikums und denke Nachwuchsförderung im besten Fall neu. Besonders am Herzen liegen ihr Spielstätten außerhalb der großen Musikzentren. „Es gibt so tolle Veranstalter:innen im ländlichen Raum, die, zum Teil gegen enorme Widerstände, beeindruckende Programme auf die Beine stellen.“ Solche Orte seien weit mehr als bloße Clubs: „Sie sind mehr als Clubs, sondern in jeglichem Sinne Plätze der Gemeinschaft und der Begegnung.“

Foto: Thomas Sasse

Bei Awareness, Inklusion und Nachhaltigkeit sieht sie Fortschritte, aber auch Grenzen. Die Themen seien heute deutlich präsenter, doch der Anspruch bringe manche Veranstalter:innen an ihre Belastungsgrenze – etwa wenn ehrenamtliches Personal schon für Einlass, Technik und Bar kaum ausreiche oder Fördermittel nicht einmal den Erhalt eines Hauses sichern. Deshalb sei es „wohl noch ein langer Weg“, bis entsprechende Konzepte flächendeckend im Nachtleben angekommen seien. Die größte Sorge gilt Sasse den politischen und finanziellen Rahmenbedingungen. „Popmusik und Kulturveranstaltungen sind hochgradig subventioniert, ohne ausreichende und vor allem planbare Fördermittel stehen viele Initiativen, Spielstätten und Vereine vor dem Aus.“ Die Folgen beträfen weit mehr als die Branche allein: „Die Konsequenzen für die Musikbranche, die kulturelle Vielfalt in unserem Land und unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt möchte ich mir nicht ausmalen.“

Aus dem FAZEmag 175/09.26
Text: Triple P
Foto: Thomas Sasse
www.applaus-award.de/