
Er ist weit mehr als nur ein weiterer Name in der Geschichte des Hard-Techno – Arkus P zählt zu den zentralen Protagonisten einer Ära, die den Sound der frühen 2000er entscheidend geprägt haben. Gemeinsam mit Robert Natus produzierte er mit „Hardcore Salsa“ einen der ersten großen Schranz-Tracks überhaupt – ein Stück, das sich tief ins kollektive Gedächtnis der Szene eingebrannt hatte und bis heute als Meilenstein gilt. Über Jahre hinweg stand sein Name für kompromisslose Energie, rohe Dynamik und eine Phase, in der Techno noch stark von Pioniergeist getragen war. Vor zehn Jahren zog er sich bewusst aus dem Rampenlicht zurück — nicht aus Kalkül, sondern aus einer persönlichen Notwendigkeit heraus. Seitdem hat sich viel verändert – in der Szene, im Musikbusiness und in seinem eigenen Leben. In diesem Monat kehrt Arkus P zumindest symbolisch zurück: Er verantwortet den aktuellen FAZEmag-DJ-Mix. Im Interview spricht er über Leere und Erdung, über Generationenkonflikte, Social Media, technische Evolution – und darüber, was Techno heute noch leisten muss, um relevant zu bleiben.
Vor zehn Jahren hast du deine Karriere bewusst beendet. Welcher war damals der entscheidende Moment – und was hast du in diesen zehn Jahren Abstand über dich selbst und das Musikbusiness gelernt?
Im Jahr 2015 zeichnete sich bereits eine starke Wandlung in der Hard-Techno-Szene ab. Die Leute, die von Anfang an dabei waren, wurden älter, Dark-Techno dominierte zunehmend, und die Social-Media-Präsenz wurde immer essenzieller. Meinen ersten richtigen Club-Gig hatte ich im Jahr 2000, und von da an ging alles sehr schnell. Die Szene entwickelt eine enorme Sogkraft. Sobald man Teil davon ist, bestimmt sie jeden Aspekt des Lebens, privat, beruflich, Freundschaften, Beziehungen, einfach alles. Nach etwa 15 Jahren fühlte sich vieles zunehmend leer an. Meine Gesundheit litt, soziale Fähigkeiten und echte Bindungen waren stark verkümmert und ich merkte, dass ich mich selbst dabei verloren hatte. Der Rückzug war deshalb keine spontane Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit, die ich bis heute nicht bereue. Rückblickend hat mich diese Pause aufgeladen und geerdet. Sie hat mir einen klareren Blick auf mich selbst und auf das Musikbusiness gegeben. Mit Abstand erkennt man viel deutlicher, was Substanz hat und was nur kurzfristiger Hype ist, und genau diese Erkenntnis war für mich sehr wichtig.
Was ist in diesen zehn Jahren musikalisch bei dir passiert? Hast du weiter produziert, anders gearbeitet oder dich bewusst von allem gelöst?
Musikalisch war ich nie wirklich weg, im Gegenteil. Ich habe in dieser Zeit in vielen verschiedenen Musikrichtungen gearbeitet, unter anderem als Co- und Ghostproducer. Diese Erweiterung meines musikalischen Spektrums hat mir sehr gutgetan, weil ich ohne Druck und Erwartungen arbeiten konnte. Ich konnte mich komplett auf die Musik konzentrieren, oft nächtelang im Studio sitzen und Neues aus dem Nichts erschaffen. Dabei gelang mir auch ein langersehnter Erfolg mit einer hohen Platzierung in den deutschen Dance-Charts. Es war spannend zu sehen, wie Newcomer in der House-Szene mit einem Track von mir erfolgreich wurden. Vor allem aber bedeutete diese Zeit eine Rückbesinnung auf das Wesentliche: nämlich auf das Produzieren selbst, auf die kreative Arbeit am Klang und auf die Freiheit, sich musikalisch in alle Richtungen zu entwickeln.
Womit beschäftigst du dich jenseits der Musik und wie hat das deinen Blick auf die Szene, auf Kunst und Öffentlichkeit verändert?
Abseits der Musik gehe ich einer normalen Arbeit nach und habe begonnen, stärker auf meine Gesundheit zu achten. Dieser Schritt hat mir eine andere Stabilität im Leben gegeben und einen bewussteren Umgang mit Arbeit und Kreativität ermöglicht. Der Abstand zur Szene verändert automatisch den Blick auf Öffentlichkeit und künstlerische Prozesse. Man erkennt klarer, was wirklich wichtig ist, und entwickelt wieder ein Gefühl für Balance. Die Musik bleibt ein zentraler Bestandteil meines Lebens, aber sie steht nicht mehr allein im Mittelpunkt. Diese Perspektive hat meinen Umgang mit der Szene und mit mir selbst deutlich entspannter gemacht und mir geholfen, vieles nüchterner zu betrachten.
Wenn du die Techno-Szene der frühen 2000er mit heute vergleichst: Was hat sich musikalisch am deutlichsten verändert?
Musik wiederholt sich bekanntlich in vielen Zyklen, das gilt für alle Genres. Besonders auffällig ist für mich die technische Weiterentwicklung. Neuer Hard-Techno oder Schranz ist heute dynamischer, komplexer und abwechslungsreicher als damals. Produktionsmittel sind präziser geworden, Arrangements vielseitiger und der Sound insgesamt deutlich druckvoller. Auch die Vermischung verschiedener Stilrichtungen funktioniert heute viel selbstverständlicher. Was früher als Bootleg oder Experiment galt, ist heute oft ein ganz normaler Track. Diese Offenheit macht die Entwicklung sehr spannend und bietet auch mir persönlich immer wieder neue Inspiration.
Wie hat sich der menschliche Umgang innerhalb der Szene entwickelt, unter Artists, Veranstalter*innen und Publikum?
Was ich heute teilweise vermisse, ist eine gewisse Leichtigkeit. Viele nehmen sich selbst sehr ernst, Künstler, Clubs und auch das Publikum. Dabei war Techno immer auch eine Freizeit- und Subkultur, die von Offenheit, Toleranz und Gemeinschaft getragen wurde. Ich sehe häufiger Diskussionen und Spannungen zwischen verschiedenen Lagern oder Generationen. Ein wenig mehr Humor, Selbstironie und Gelassenheit würden der Szene guttun. Techno sollte Menschen verbinden, Freundschaften schaffen und Raum für Experimente bieten und nicht in erster Linie für Abgrenzung oder Selbstdarstellung stehen.
Wie viel von der Pionierarbeit eurer Generation erkennst du heute noch in neuer Musik und bei jungen Künstler*innen wieder?
Viele Elemente kehren wieder, wie in jeder Musikbewegung. Bestimmte Ideen und Sounds tauchen in neuen Formen immer wieder auf. Gleichzeitig entwickeln sich technische Möglichkeiten ständig weiter, wodurch die Umsetzung heute oft auf einem ganz anderen Niveau stattfindet. Die heutige Produktion ist häufig komplexer und vielseitiger, die Mischung verschiedener Einflüsse funktioniert besser und musikalische Grenzen sind offener geworden. Man erkennt sowohl die Wurzeln der frühen Szene als auch eine klare Weiterentwicklung, beides existiert parallel und beeinflusst sich gegenseitig.
Soziale Medien sind heute zentral für die Sichtbarkeit und somit auch für eine Karriere. Wie stark beeinflussen sie aus deiner Sicht nicht nur Erfolg, sondern auch die Musik selbst?
Plattformen wie TikTok sind heute eine Art Karriereleiter oder sogar ein Katapult. Sichtbarkeit entsteht schneller und direkter als früher. Für mich ist das vor allem eine Anpassung an die Zeit und an veränderte Kommunikationswege. Was früher Plakate, Vinyl oder Mixtapes waren, sind heute Reels, Storys oder kurze Videos. Ich kann mir vorstellen, dass man Musik und Social Media automatisch als Einheit betrachtet, wenn man die Musik von Anfang an parallel zu sozialen Medien produziert. Für meine Generation sind das eher zwei unterschiedliche Aspekte. Ich persönlich nehme die ständige Notwendigkeit der Selbstvermarktung teilweise als störend und bremsend für das eigentliche Musikmachen wahr. Als ich angefangen habe, gab es diese Strukturen nicht, es gab im Grunde nur die Musik. Dadurch ist mein Verhältnis dazu naturgemäß ein anderes als das jüngerer Künstler.
Früher war alles besser, heißt es so schön: Wie real ist der Generationenkonflikt im Techno wirklich? Gibt es objektive Unterschiede oder ist vieles Nostalgie?
Alles pauschal zu verteufeln, halte ich für zu oberflächlich. Der treffendste Satz ist wohl: Früher war alles anders. Jede Zeit hat ihre eigene Dynamik und Herausforderungen. Was sich objektiv verändert hat, ist vor allem die Geschwindigkeit. Trends entstehen und verschwinden heute deutlich schneller als früher. Die Szene ist insgesamt schnelllebiger geworden, aber das bedeutet nicht automatisch, dass sie besser oder schlechter ist, sondern einfach anders. Ich glaube, der Moment, in dem man sagt, früher war alles besser, ist oft der Moment, in dem man selbst stehen bleibt. Ich persönlich höre sehr gerne neue Musik. Es gibt kaum etwas Schöneres als diese spontane Begeisterung für etwas völlig Neues, einen Sound, den man so noch nie gehört hat. Genau dieses Gefühl kann Techno bis heute immer wieder erzeugen.
Wie hat sich dein persönliches Verständnis von Techno als Kunstform über die Jahre verändert? Was bedeutet Techno heute für dich?
Elektronische Musik war und ist ein großer Teil meines Lebens. Meine persönliche Auseinandersetzung damit geht weit über das Technische hinaus, aber die Klanggestaltung, Synthese und tontechnische Arbeit stehen für mich weiterhin im Zentrum dieser Kunstform. Der kreative Prozess selbst bleibt das Entscheidende. Gleichzeitig ist elektronische Musik heute in nahezu alle Bereiche der Gesellschaft vorgedrungen, in Werbung, Medien und kommerzielle Nischen. Vieles von dem, was die Pioniere geschaffen haben, breitet sich bis heute weiter aus und prägt unsere Kultur nachhaltig. Diese Entwicklung zu beobachten, ist für mich ein faszinierender Prozess.
Welche Werte oder Prinzipien sind für dich in der elektronischen Musik nicht verhandelbar, gerade in einer Zeit von Algorithmen, Hypes und schneller Verwertung?
Techno sollte für Toleranz, Freundschaft und Offenheit stehen. Die Szene lebt von Experimentierfreude und dem Mut, neue Wege zu gehen. Ebenso wichtig ist für mich ein gesunder Abstand zum eigenen Ego und ein gewisser Sinn für Humor. Musik sollte Menschen verbinden und Emotionen erzeugen, nicht nur Trends bedienen oder kurzfristige Aufmerksamkeit generieren. Diese Haltung ist für mich die Grundlage dieser Kultur und ihrer Bedeutung.
Technik und Produktionswerkzeuge haben sich massiv weiterentwickelt. Macht das heutige Produzieren kreativer oder führt es eher zu mehr Austauschbarkeit? Welche Entwicklungen im Sounddesign findest du aktuell wirklich spannend?
Die technische Entwicklung hat enorme Möglichkeiten geschaffen. Als Software-Emulationen klassischer Geräte, wie z.B. des Roland TB303, sehr authentisch wurden und später auch Hardware-Nachbauten erschienen, hörte man den Acid-Sound plötzlich wieder überall. Ein Gerät, das oft totgesagt wurde, prägt auf einmal erneut eine ganze Generation, und genau das zeigt, wie stark Technik musikalische Entwicklungen beeinflussen kann. Auch die enorme Computerleistung ermöglicht heute deutlich aufwendigere und effizientere Produktionen. Mixing und Sounddesign sind präziser geworden, der Klang insgesamt kraftvoller und dynamischer. Diese technischen Fortschritte eröffnen neue kreative Wege, verlangen aber gleichzeitig ein klares künstlerisches Profil, damit Musik nicht austauschbar wird.
Welche Rolle spielt heute für dich eine Live-Performance im Verhältnis zur reinen Studioarbeit, und was treibt dich musikalisch aktuell an?
Das richtige Verhältnis zwischen Studioarbeit und Live-Erfahrung ist entscheidend. Wer nur auf Tour ist, verliert oft die Tiefe in der Produktion. Wer ausschließlich im Studio arbeitet, verliert den direkten Bezug zur Wirkung der Musik auf das Publikum. Die Balance zwischen beiden Welten ist essenziell. Für mich bleibt die Motivation, Musik zu erschaffen, Klänge zu formen und immer wieder neue Ideen umzusetzen. Dieser kreative Prozess, etwas Neues aus dem Nichts zu erschaffen, ist bis heute der stärkste Antrieb meiner musikalischen Arbeit.
Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
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