AVE – Rave Forever

Foto: Maria Bischoff

Hard-Techno, unendliche Weiten: Dies sind die Abenteuer der DJ Ave, die aus der tiefsten Provinz ausgezogen ist, um die deutsche Hard-Techno-Szene im Sturm zu erobern. Nachdem sie sich als Mitglied der bekannten Affenkäfig-Posse bereits Nordrhein-Westfalen zu eigen gemacht hatte, zog sie weiter zu Global Stage, um nun auch den Osten der Republik einzunehmen. Okay, rücken wir ein wenig ab von den martialischen Formulierungen. Auch wenn der Sound von Ave rough und die Attitüde tough ist, sieht sie sich doch als DJ der guten Laune. Um es kurz zu machen: Es gab im großen Cover-Interview einiges zu lachen.

Ave, wie bist du auf den Namen gekommen und wann war das?

Ich wollte einen Namen haben, der weiblich klingt, der kurz ist und den man einfach aussprechen kann. Und ich habe mich an den Buchstaben meines Namens orientiert. Mein Vorname ist ein Anagramm für Rave, und daraus wird Ave. Also, an dieser Stelle vielen Dank an meine Eltern für meinen coolen Vornamen.

Du bist jetzt seit zehn Jahren in der Szene aktiv. Wo fing es an?

Im Jahr 2015 hatte ich meinen ersten Auftritt in der Räucherkammer des Butan-Clubs in Wuppertal. Das war ein wilder erster Gig, weil ich an dem Tag sehr krank war, sehr hohes Fieber hatte. Und ich hatte mit meinem Laptop angefangen aufzulegen, der dann nicht funktionierte, sodass ich den Laptop von einem Freund nehmen musste. Dann stand ich also da, mit Fieber hinter den Decks, aber ich wollte den Gig natürlich auf gar keinen Fall absagen, weil es eine große Ehre ist, in so einem Club wie dem Butan zu spielen — und dann noch beim ersten Gig.

Wie bist du an den Gig gekommen?

Ich musste ein Set einreichen. Ich muss jetzt lachen, denn der zuständige Floor-Host an dem Abend hatte mir später mal erzählt, dass das Set, das ich damals eingereicht hatte, nicht unbedingt das beste gewesen sei, man aber trotzdem mein Potenzial erkannt habe.

Da hattest du ja wirklich Glück. Wie war denn dein Set?

Ich war natürlich total aufgeregt, aber ich erinnere mich noch daran, wie die Gäste beim ersten Drop gejubelt haben. Dann kam der Floor-Host zu mir und hat den Daumen hochgemacht und dann lief das Set von selbst.

Aber vor dem ersten Gig hast du ja irgendwann deine Liebe zu elektronischer Musik entdeckt. Wie ist das passiert? Wie bist du aufgewachsen, mit welcher Art von Musik, und wann hast du das erste Mal Techno gehört?

Tatsächlich bin ich ganz fern von elektronischer Musik aufgewachsen, habe Hip-Hop gehört, deutschen Hip-Hop, und bin dann 2013 das erste Mal in Köln feiern gewesen, ich glaube, bei einer Affenkäfig-Party, und da hat eine DJ aufgelegt, Mahssa Dadari.

Mahssa hat auch schon für uns aufgelegt. Sie ist cool.

Ja, und du weißt ja, dass sie so strahlt, wenn sie auflegt. Und ich habe sie gesehen und dachte mir so, wow, diese Energie, diesen Vibe — das will ich einfach auch lernen. Durch Zufall bin ich dort auf einen alten Bekannten gestoßen, der auch DJ ist. Ich habe ihn gefragt, wie funktioniert das, wie tanze ich zu Techno? Und dann hat er gesagt, pass auf, setz dich mal hin und wir zählen erstmal bis vier, so eins, zwei, drei, vier, wir haben Takte gezählt, ich habe die ganze Nacht die Takte gezählt. Und dann sagte er irgendwann: Jetzt versuch mal, dich zu den Takten zu bewegen und als Nächstes versuche mal herauszuhören, was in der Musik passiert, was für Elemente du wahrnimmst.

Das klingt ja nach harter Arbeit.

Naja, ich saß da eigentlich die ganze Nacht und habe mir das Set von Mahssa angehört und auch die von den anderen DJs — ich weiß gar nicht mehr, wer da alles war. Aber direkt nach dem Abend habe ich angefangen mit dem Auflegen.

Du hast soeben erzählt, dass du bei deinem ersten Gig mit einem Laptop aufgelegt hattest. Wieso?

Ich habe wirklich mit Low Budget begonnen. Die ersten Tracks habe ich sogar von meinen Kumpels geschenkt bekommen, und dann habe ich mir so einen ganz günstigen Behringer-Controller für 200 Euro und einen Laptop mit einer Soundkarte gekauft. So habe ich halt angefangen aufzulegen.

Foto: Maria Bischoff

Wie hast du dich dabei gefühlt?

Ich war superunsicher zu der Zeit. Damals gab es diese Diskussion „Vinyl-DJ versus Laptop-DJ“, und deswegen erzählte ich niemandem, dass ich auflege. Ich sagte mir, du bist ein Mädchen mit einem Laptop, keiner interessiert sich für die Musik, die du machst, du bist kein DJ. Das habe ich mir selbst eingeredet. Heute würde ich am liebsten zurückreisen zu der Ave von damals und ihr sagen: „Lass dir nichts einreden und sei mutig“. Da ich das aber nun mal nicht kann, mache ich es mir jetzt gerne zur Aufgabe, junge Frauen zu supporten, die mit solchen Unsicherheiten zu kämpfen haben und versuchen, mit sich selbst diese ganzen Debatten, wann man ein DJ ist und wann nicht, auszumachen.

Sprichst du jetzt von der Vinyl-Diskussion?

Vinyl ist wirklich eine besondere Kunst des Auflegens, ganz ehrlich Chapeau davor, wer das kann; aber die Diskussionen darüber, was vermeintlich besser etc. ist, sind für mich veraltet und einfach nicht passend — es gibt viele Formen von DJing und Entertainment sowie Performing auf der Stage. Aber worum geht es im Ergebnis? Dein Publikum zum Feiern zu bringen und ihm ein tolle Zeit zu geben.

Was muss ein DJ deiner Meinung nach können, was muss er oder sie mitbringen, damit er sich DJ nennen darf?

Gute Laune — das ist für mich das Wichtigste — natürlich in Verbindung mit Energie und einem Gefühl für die Fans und Hörer*innen. Jedes Genre mixt sich ja so ein bisschen unterschiedlich und ist auf seine Art und Weise komplex, von daher ist Technik natürlich auch wichtig. Das Gefühl für Tracks ist wichtig; es bringt alles nichts, wenn es nicht gelingt, die Leute abzuholen, also man sollte performen, man sollte den Vibe der Menge spüren und ihn aufgreifen können.

Du hast mit „normalem“ Techno angefangen, oder?

Sogar mit Minimal-Techno. Dann wurde es auch ein bisschen rougher, dann kam die Corona-Zeit und schließlich wurde es halt härter und härter. Jetzt bin ich schon bei einem starken Hard-Techno und Hardcore, mit teilweise Hardcore- oder Hardstyle-Elementen, das ist schon drin. Aber nichtsdestotrotz finde ich, dass Bounce zum Beispiel eine richtig schöne Musikrichtung ist. Ich finde es auch supererfrischend, dass es mal wieder etwas melodischer wird. Das würde ich zwar nicht auflegen, aber ich höre es mir gerne an und kann dazu auch gut feiern. Ich feiere eh gerne — auch zu Karnevalsmusik.

Naja, du kommst ja aus der Region.

Gib mir eine Party, gib mir eine gute Stimmung und dann zehn Minuten später siehst du mich tanzen.

Lass uns ein bisschen zurückspulen: 2013 hast du durch Mahssa Dadari deine Liebe zum Auflegen entdeckt. Du warst am Anfang eher unsicher, hattest trotzdem ziemlich schnell deinen ersten Gig im Butan. Wie ging es danach weiter? Gab es für dich so etwas wie „den einen Durchbruch“ – oder war das alles eher ein längerer Prozess?

Für mich gab es tatsächlich nie diesen typischen „Durchbruch-Moment“. Ich bin jetzt seit rund zehn Jahren dabei und es hat sich alles Schritt für Schritt aufgebaut. Von Anfang an habe ich mir zwei Grundsätze gesetzt: Ich wollte keine Veranstalter aktiv anschreiben und an keinen DJ-Newcomer-Contests teilnehmen. Nicht, weil ich das verurteile – im Gegenteil, ich kenne viele, für die das super funktioniert. Aber für mich persönlich hat sich das nicht richtig angefühlt. Spannenderweise wurde ich trotzdem sehr früh außerhalb von Köln gebucht. Die Veranstalter sind irgendwie von selbst auf mich aufmerksam geworden. Ein halbes Jahr später stand ich schon in Stuttgart im Line-up – und bin damals noch für 45 Euro mit dem FlixBus hin- und zurückgefahren. Das war eine wilde Zeit.

Foto: Maria Bischoff

Das finde ich interessant, da muss ich einhaken. Ich würde jedem jungen DJ vorschlagen, selbst aktiv zu sein, Veranstalter anzusprechen oder anzurufen. Warum hast du das nicht gemacht? Hattest du Hemmungen, weil du dachtest, kein richtiger DJ zu sein? Oder wolltest du nicht zu aufdringlich sein?

Weder noch. Ich finde es vollkommen legitim und sinnvoll, wenn Newcomer Kontakt aufnehmen und netzwerken. Bei mir war es eher eine bewusste strategische Entscheidung: Ich habe schnell gemerkt, dass ich mich voll auf meine Musik, meine Energie und mein künstlerisches Konzept konzentrieren kann, wenn nicht ich selbst diejenige bin, die parallel Gagen verhandelt oder Gigs akquiriert.

Und es hat mir extrem geholfen, dass früh jemand anderes diesen Part für mich übernommen hat. Wenn eine dritte Person im Booking sitzt, entsteht automatisch eine andere Dynamik und Professionalität. Aber: Ich empfehle trotzdem jedem, der gerade am Anfang steht, aktiv zu werden. Die Szene lebt von Kontakten. Mein Weg war nur mein Weg.

Deine erste Agentur saß in Berlin und hat gemerkt, dass du ganz gut funktionierst, dass eine Nachfrage besteht. Wie ist das abgelaufen im daily Business?

Eigentlich war es eine richtig schöne Anfangszeit. Das war eine Agentur in Berlin, wir haben uns gut verstanden, sie hatten auch gute Kontakte. Es gab eine Crew; man hat sich mit den DJs verstanden. Die wohnten natürlich weiter weg und die Kommunikation war bisweilen schwierig. Aber so habe ich auch bei der Nature One aufgelegt, da sie einen Bunker gemietet hatten. Nur das Ende war dann leider etwas unschön.

Auch daraus lernt man, oder?

Ja, auch daraus lernt man. Dann war ich bei Bea Torwellen — eine super Bookerin. In der Zeit mit ihr habe ich am meisten gelernt. Sie ist eine Powerfrau. Sie hat mir beispielsweise Ratschläge für den Umgang mit Veranstaltern bei Instagram gegeben und dann entsprechend die Koordination übernommen. Ich habe immer nur positives Feedback von den Veranstaltern erhalten. An die Zeit erinnere ich mich sehr gerne zurück. Irgendwann hat Bea sich neu orientiert. Ich wünsche ihr nur das Beste. Wir folgen uns auch immer noch.

Nach Bea Torwellen warst du dann bei …

Rheinaudio bzw. Affenkäfig, genau.

Wie kam es dazu?

Auch das verlief wieder sehr glücklich. Bea hatte kommuniziert, dass sie mit der Agentur aufhören möchte und dann kam relativ schnell die Nachricht von Rheinaudio. Ich weiß gar nicht, welches Jahr das war, aber wir mussten zunächst die Corona-Zeiten überstehen. Aber nach Corona sind wir viel zusammen auf Tour gewesen, und daran erinnere ich mich auch noch sehr, sehr gerne, weil da eine echte Crew-Connection unter den DJs war. Man hat sich supportet, man hat sich unterstützt. Und ich habe mich immer gefreut, wenn ich alle von der Crew gesehen habe. Das war mit Sicherheit eine der schönsten Zeiten.

Aber trotzdem war 2025 für dich jetzt so ein Wendejahr, denn du bist zu Global Stage, eine starke Agentur aus dem Osten Deutschlands, gewechselt.

Genau, ja. Das war auch ganz anderes Terrain, weil ich im Osten bisher auch noch nie so richtig gespielt habe. Der Wechsel hat meiner Karriere einen enormen Schub gegeben. Viele gute Bookings, die reingekommen sind. Viel Beratung von Global Stage zu verschiedenen Themen. Und auch da natürlich ein starkes Roster. Und viele Kollegen, die sich auch direkt untereinander supporten. Wir machen zum Beispiel regelmäßig Producing- und Songcamps gemeinsam mit meiner Managementagentur Global Stage. Dann kommen wir alle zusammen. Ich erinnere mich noch an das erste gemeinsame Songcamp. Dort bin ich KaaCee aka Komacasper über den Weg gelaufen. Der meinte direkt: „Komm, weißt du was? Wir machen einen Track zusammen.“ Und ich so: „Ja, natürlich. Ja, klar, cool, machen wir so.“ Dann saßen wir da, haben uns die Lyrics für den Song überlegt und entstanden ist dabei der Track „Lose Control“, der ja dann auch bis heute noch einer meiner am besten gestreamten Tracks auf Spotify ist, auch wenn es kein klassischer Hard-Techno-Track ist.

Im Gegensatz zu einigen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die jedes Wochenende auflegen, hast du noch einen 9-to-5-Job, einen regulären Job. Und der nimmt dich ebenfalls in Beschlag, sodass du quasi bis Freitag arbeitest und es dann in den Flieger oder in den Zug und dann direkt zum Auflegen geht.

Absolut, ja.

Wie lange hältst du das durch?

Ein paar Jahre geht es auf jeden Fall noch. Man muss aber auch dazu sagen, dass ich nicht fünf Tage ins Büro muss. Das ist ein massiver Unterschied. Ich habe Montag und Freitag Homeoffice und gehe von Dienstag bis Donnerstag ins Büro. Das heißt, wenn das Wochenende mal hart war, dann fange ich auch mal um 9:30 Uhr ganz entspannt von zu Hause aus an zu arbeiten. Wenn ich wie z.B. dieses Wochenende nach Salzburg fliege, werde ich auch früher Feierabend machen, ohne mir den halben Tag Urlaub nehmen zu müssen. Da ist meine Chefin schon sehr kulant. Ich arbeite in einem Logistikunternehmen in der zentralen Personalabteilung und zeichne verantwortlich für alle Azubis bundesweit. Das heißt, mir sitzt du dann im Vorstellungsgespräch gegenüber. Wir planen gerade ein Event für alle neuen Azubis, das sind dann 100 Azubis dieses Jahr.

Sehr groß, oder?

Ja. Dann muss man überlegen, wer die die Garderobe macht, wer die Bar und wer die Getränke. Komischerweise muss auch immer ich die Musik anschließen und die Soundtechnik machen. Das ist natürlich auch meine Aufgabe, neben der Moderation am Abend.

Klingt so, als würde dir der Job Spaß machen.

Absolut, ja. Ich liebe beide Jobs und gehe in beiden auf. Das Schöne ist, dass sich beide Jobs miteinander kombinieren lassen. Meine Arbeitskollegen wissen, dass ich DJ bin. Die sind alle superinteressiert, was ich klasse finde – auch die Geschäftsführung. Die hat mich mal gefragt: „Vera, nimmt man auf den Partys eigentlich Drogen?“ Und ich so: „Tja, gute Frage. Naja, die Leute auf der Tanzfläche vielleicht, aber unter uns DJs ist das total verpönt. Also, das macht gar keiner.“

Genau die richtige Antwort.

Ja, genau. Denn wir sind ja da zum Arbeiten und nehmen unsere Aufgabe ernst.

Und Gästeliste machst du klar, oder?

Wenn man schon mal irgendwo ist, dann versuchen die Kollegen, einen auch persönlich zu sehen. Meine Azubis sind schon mal vorbeigekommen. Ein dualer Student auch, der ist bereits zweimal da gewesen, das letzte Mal im Fusion. Den habe ich sogar ins Backstage geholt, das war für ihn ein Riesenerlebnis.

Ein Thema, das gerade vielerorts diskutiert wird, ist die zur Schau gestellte Sexualität. Unter anderem Deborah De Luca hat sich vor Kurzem darüber aufgeregt, dass Frauen, die sich sexy kleiden, oft in eine Schublade gesteckt werden. Und bei Männern, gerade im Hard-Techno, die in Shape mit nacktem Oberkörper auflegen, ist das total legitim, bei Fantasm beispielsweise. Du spielst ja auch mit deinen Reizen. Deine Pressebilder sind schon sexy. War das für dich eine schwierige Entscheidung oder kommt das einfach so natürlich?

Ich sehe das tatsächlich sehr entspannt. Ich finde es schön, dass wir derzeit in der Szene und in der Gesellschaft diesbezüglich eine enorme Entwicklung erleben – sowohl im Frauenbild als auch generell auf den Partys. Und bei mir war das kein plötzlicher Schritt, sondern ein langer Weg dahin.

Am Anfang war ich extrem unsicher, wirklich schüchtern. Ich habe mich oft kleiner gemacht, als ich war, und mich nicht getraut, mich so zu zeigen, wie ich bin. Das hat Jahre gedauert. Und heute bin ich an einem Punkt, an dem ich sagen kann: Ich bin stolz auf meinen Körper. Ich bin stolz auf meine Weiblichkeit. Und ich bin stolz darauf, mich so zu zeigen, wie ich mich wohlfühle.

Für mich war das keine Marketingstrategie, sondern eine persönliche Entwicklung – und eine Form von Selbstbestimmung, die ich mir hart erarbeitet habe. Und ich sehe sehr viele andere weibliche DJs, die auf diesem Weg auch riesige Schritte gemacht haben. Das inspiriert mich zusätzlich.

Bekommst du auch negatives Feedback?

Ich habe letztens einen Kommentar unter einem Video gehabt: „Warum müssen jetzt alle auf diesen Nackt-Zug aufspringen?“ Und ich habe ganz ehrlich geantwortet: „Es geht nicht um einen Trend. Ich lebe mich gerade einfach so aus und bin dankbar, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der man frei entscheiden kann, wie man sich kleidet.“

Ich bin jetzt über 30 und habe ein starkes Selbstbewusstsein entwickelt und ich liebe es, mich zu entfalten und mich auch weiblich anzuziehen, damit auch zu spielen und bin stolz darauf, was ich bisher erreicht habe. Bisher kam da auch noch nichts Negatives. Natürlich ist es auch Leuten aufgefallen, die mir schon ein bisschen länger folgen. Die DMs an mich sind nicht so, wie man es vielleicht erwarten würde.

Keine unmoralischen Angebote en masse?

Nein, wirklich gar nicht. Und das finde ich bemerkenswert und sehr positiv. Deshalb ist es mir auch wichtig, über das Thema zu sprechen, weil ich glaube, dass wir als Szene gerade an einem Punkt sind, an dem man sich viel freier ausdrücken kann als noch vor ein paar Jahren.

Ich gebe jeder Frau und auch jedem Mann mit: Zieht euch so an, wie ihr wollt. Lebt euch aus. Wenn ein Typ Lust hat, sich die Nägel zu lackieren oder sich zu schminken – bitte mach es. Wenn eine Frau cropped, transparent oder experimentell auftreten möchte – bitte mach es. Für mich symbolisiert die Szene genau das: Freiheit, Selbstentfaltung und Respekt. Und dass wir da hingekommen sind, empfinde ich als unglaublich positive Entwicklung.

Foto: Maria Bischoff

Verstehst du Techno auch als eine Art Entfaltung in jedweder Art? Oder ist das jetzt zu platt?

Doch, ja, schon. Für mich bedeutet Techno die Freiheit, rebellisch zu sein. Ich bin auch ein Rebell. Davon können meine Eltern einiges erzählen. Ich habe mal eine Haus-Party geschmissen, von der das Dorf heute noch erzählt. So, aber nein, zurück zum Thema. Techno ist rebellisch für mich, es ist frei und bedeutet, sich ausleben zu können. Das ist für mich die Szene.

Das war gerade ein schönes Stichwort mit deinen Eltern. Wie finden sie denn deine Entwicklung als Künstlerin? Kriegen sie davon viel mit?

Ja, die verfolgen das alles. Das ist so süß. Mein Papa hat sich wahrscheinlich extra deshalb bei Instagram angemeldet.

Du hast auch eine Schwester, oder? Wie alt ist sie?

Meine Schwester ist 30, also etwas jünger als ich. Wir sind charakterlich sehr unterschiedlich und führen ganz unterschiedliche Leben – aber wir unterstützen uns total. Mein enger Kreis macht sich natürlich manchmal Sorgen, was Schlafmangel, Stress oder Reisestrapazen angeht. Da kommt dann gerne mal der Satz: „Pass auf dich auf, übertreib’s nicht.“ Aber das kommt aus Liebe.

Ich habe eine sehr große Familie mit vielen Tanten und Onkeln und Cousins und Cousinen. Und immer, wenn ich zu einer Familienfeier komme, dann sind alle gespannt, was ich so zu erzählen habe. Meine Familie verfolgt auch meine ganzen Social-Media-Aktivitäten und ich bekomme viel Zuspruch für meinen Content. Sie sind quasi meine größten Fans. Liebe Grüße besonders an meine Tante Gudrun an der Stelle.

Hast du Vorbilder aus der Szene?

Vorbilder würde ich es nicht nennen, sondern eher so eine Art Bewunderung. Cloudy und Negitiv zum Beispiel. Ich bewundere einfach, was diese Frauen leisten. Das ist krass und toll.

Welche Ziele hast du für die kommenden Jahre? Hast du welche für dich formuliert?

Das ist immer eine schöne Frage, finde ich. So festgesteckte Ziele habe ich tatsächlich keine im Musikbereich, weil ich eigentlich schon alle meine Ziele erreicht habe. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich irgendwann auch mal mit dir hier sitze oder im FAZEmag auf dem Cover bin. Dass ich an dem Punkt bin, wo ich auf großen Festivals auflege. Dass ich, wenn ich irgendwo ankomme, Autogramme unterschreibe, Fotos mit den Leuten mache. Ich hätte niemals gedacht, an diesen Punkt zu gelangen.

Alles, was jetzt noch kommt, fühlt sich für mich wie ein riesiger Bonus an – aber ich habe natürlich weiter Lust zu wachsen, neue Musik zu machen und noch mehr Menschen zu erreichen.

Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Sven Schäfer
Fotos: Maria Bischoff
www.instagram.com/ave_techno