„Berghain Nights“ – Im Gespräch mit Autor Liam Cagney

Foto: Louisa Boeszoermeny

Im Dezember veröffentlicht Autor Liam Cagney sein neues Buch „Berghain Nights: A Journey Through Techno and Berlin Club Culture“, in dem er über seine Erfahrungen im Berghain sowie über die Clubkultur Berlins schreibt. Wir haben ihm die wichtigsten Fragen gestellt.

Liam, erzähl uns von deiner ersten Nacht im Berghain. Wer hat gespielt, wie hast du sie erlebt?
Es war im August 2006, mein erster Besuch in Berlin. Wir waren eine Gruppe junger irischer Musiker und Modestudierender – begeistert von Drogen, Musik und ausgefallener Kleidung. Es war die Zeit des Electroclash. Zuerst waren wir bis etwa drei Uhr morgens auf einer Party in West Germany (glaube ich), dann brachte uns Jackie Taylor ins Berghain. Die Schlange war kurz, Sven stand an der Tür. Ich hatte eine Kamera dabei, die mir abgenommen wurde. Mein Freund Paul bekam von einer Frau an der Bar im ersten Stock – sie hatte ein weißes Kaninchen-Tattoo – Magic Mushrooms, später auch noch Pillen. Wir feierten rund zwölf Stunden bis in den sonnigen Nachmittag hinein. Gegen Morgen spielte Andy Baumecker, die Tanzfläche war heiß, schwitzig, voller Dragqueens und Queers – einfach großartig. Es war ein seltsamer Sommer. Schon in Dublin hatte ich Halluzinationen – so war mein Leben damals eben.

Hat das Berghain deine Sicht auf Clubkultur grundsätzlich verändert?
Anfangs auf jeden Fall – vor allem, weil es mich in die schwule und queere Clubszene einführte. Aber obwohl das Berghain im Titel meines Buchs steht, sehe ich es nicht als Zentrum meines Clublebens. In Berlin war ich auch in der Renate, Else, Griessmuehle, Panke, Loftus Hall, Repeat Bar, KitKat, Ohm … jede dieser Locations hatte eine eigene Musik und Energie. Größer heißt nicht automatisch besser. Dennoch war das Berghain mit seiner Wucht und Architektur der Auslöser, Clubkultur und Techno als ernsthafte Forschungsfelder zu begreifen. Im Buch verbinde ich diese Erfahrungen mit Theorien wie Schklowskys „Verfremdung“ oder Tavia Nyong’os Idee der „Afrofabulation“. Clubbing ist Kultur – und verdient Reflexion.

Viele Geschichten in deinem Buch sind sehr persönlich – Zigaretten, Gänge durch den Club, Begegnungen. Wie hast du entschieden, was hineingehört?
Ich nahm alles auf, was der Erzählung diente. Das Buch ist keine lose Sammlung, sondern chronologisch aufgebaut – jedes Kapitel führt ins nächste. So entsteht ein erzählerischer Fluss. Ich wollte mich selbst als Fallstudie begreifen, um zu zeigen, was queeres Clubbing mit einem Menschen machen kann. Schwer war das nicht – ich neige ohnehin zu Dissoziation und Dysphorie.

Du hast das Berghain über Jahrzehnte erlebt. Welche Phase war für dich die prägendste – und warum?
Am stärksten geprägt haben mich die Jahre 2017 bis 2019. Diese Zeit hat mich „umprogrammiert“. Heute ist das Berghain immer noch fantastisch, aber das Publikum weniger nonkonformistisch. Musikalisch war die 2010er-Phase entscheidend: Techno war psychedelischer, experimenteller – Phase, Rødhåd, Developer, PAS und viele andere produzierten kompromisslosen, hochentwickelten Sound.

Hat sich dein Blick auf den Club nach dem Schreiben des Buches verändert?
Ja. Wenn man jahrelang über etwas schreibt, nutzt man sich daran ab. Ich habe zuvor zehn Jahre an einem Buch über spektrale Musik gearbeitet – und merke, dass sich die Obsession nun ähnlich auflöst. Das ist wohl auch Teil meines autistischen Musters: Ich habe inzwischen ein neues Spezialinteresse. Techno hat mich letztlich zu etwas anderem geführt – und genau darum wird sich wohl mein nächstes Buch drehen.

„Berghain Nights“ wird ab dem 5. Dezember in deutschen Buchhandlungen erhältlich sein.

Aus dem FAZEmag 165/11.2025
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