beyerdynamic Headphone Lab – Studioraum ohne Miete

Neben Rhythmus und Melodie ist es vor allem die Klangfarbe selbst, an der Menschen blitzschnell Tracks erkennen. Nach weniger als einer Sekunde konnten Probanden in einer Studie sagen, welcher Track gerade angespielt wurde. Das liegt daran, dass Klang blitzschnelle Assoziationen zu Erinnerungen, Gefühlen und Erlebtem in uns auslöst. Beim Producen von Musik ist es vor allem der Mixdown, der das Klangbild formt. Von allen 120.000 Tracks, die täglich auf den Streamingplattformen hochgeladen werden, hat aber nur ein Bruchteil ein professionelles Studio von innen gesehen. Und das ist auch völlig ok, denn für einen Großteil des Producings braucht man kein teures Studio, wenn man doch fast alles mit einem Macbook im Homestudio erreichen kann. Doch ein Element im Mixdown kann man verlässlich fast nur in einem akustisch perfekt ausgemessen Raum erreichen: die räumliche Dimension des Track, die Tiefenstaffelung.

Es gibt genügend Storys, wie viel hierbei die Akustik eines guten Studios ausmacht, z. B. von Daft Punk, die belegen, dass Tracks, auch von sehr etablierten Producern, regelrecht in sich zusammengefallen sind, weil man sie im Studio das erste Mal „richtig“ hören konnte. Aber natürlich haben die meisten keinen aufwendig ausgerüsteten Raum, und deswegen sind gute Studiokopfhörer die Wahl des Vertrauens. Die haben nämlich einen riesigen Vorteil: Für weit unter 1.000 Euro gibt es dort Modelle, die zum Studiostandard gehören. Deswegen findet man fast überall zum Beispiel die beyerdynamic DT 770 und DT 990. Klingt erstmal gut gegenüber Lautsprechern, die mindestens dreimal soviel kosten, oder im Vergleich zu einem Studioraum für noch viel mehr Geld. Und auch klanglich haben Kopfhörer einige Vorteile: Man hört wirklich jedes kleinste Detail, sei es eine subtile EQ-Anpassung, fragile Foley-Schichten oder einen ganz leisen Hall. Und das, egal, ob man gerade in der Bahn sitzt oder zu Hause im Bedroom-Studio.

Diese auf feinste Details fokussierten Schritte beim Produzieren braucht es definitiv für die richtige Portion Ear-Candy im Track. Aber auch klassische Audiofehler wie Klicks, Rauschen oder Störgeräusche lassen sich manchmal besser mit Kopfhörern erkennen. Doch genau eine Sache klappt naturgemäß mit Kopfhörern nicht — und zwar gerade weil uns Kopfhörer so gut von der Umwelt abschirmen und uns den Track direkt auf die Ohren geben. Was fehlt, ist natürlich die Wirkung der Musik im Raum. Die allermeisten Tracks hören wir nämlich draußen und ein Großteil der elektronischen Tracks ist für das Hören im Club und auf Festivals produziert.

Weil wir das rechte Signal nur rechts auf dem rechten Kopfhörer und das linke Signal nur auf dem linken Kopfhörer hören, gibt es ein unrealistisches Stereopanorama. In „echt“ vermischen sich die beiden Lautsprechersignale ineinander. Wir nehmen links und rechts dann durch Laufzeitunterschiede, Lautstärkeunterschiede und durch unsere Kopfform bedingte Frequenzänderungen an. Dadurch ist der Raumeindruck im Kopfhörer oft ein ganz anderer; auf Kopfhörern klingt das Stereopanorama viel breiter als in echt.

Gerade wenn es um Club-Tracks geht, ist auch die Wahrnehmung von Bässen in Kopfhörern nochmals anders als auf dem Floor. Denn die Wellenlängen der Bässe brauchen oft etwas Platz, um sich auszubreiten. Deswegen wummert es manchmal in Ecken von Dancefloors zu stark — aber im Kopfhörer gibt es den Raum natürlich gar nicht.  Der Bass sitzt dort direkt im Ohr – sehr klar, kontrollierbar, aber ohne dieses physisches „Ausbreiten“, das man aber bewerten muss, wenn man an Club-Tracks arbeitet. In der Folge machen Producer*innen dann eher zu viel Bass rein, weil das Gefühl der Energie von Kicks, Rumbles und Basslines im Kopfhörer nicht so rüberkommt wie auf einem Clublautsprecher. Dort klingt eine typische Kopfhörer-Mischung wiederum — die jemand Unerfahrenes produziert hat — dann zu basslastig und damit matschig.

Langer Rede kurzer Flex: Maßgeschneidert für die am meisten in Studios verwendeten Kopfhörer kommt Headphones-Spezialist beyerdynamic nun mit einer Software daher, mit der wir uns vielleicht den Umweg ins Studio sparen können. Die Heilbronner liefern zu jedem ihrer Kopfhörer ein Plug-in, maßgeschneidert auf das jeweilige Modell. Und das gratis — anstatt 400 Euro Studiomiete pro Tag. Das Headphone-Lab simuliert einen perfekten Studioraum und dekodiert die Raumakustik, die Vermischung der beiden Kanäle und die Laufzeitunterschiede auf die Kopfhörer. Das Plug-in in den Brand-Farben grau-schwarz-orange kommt immer als Letztes in die Signalkette, damit es nur den Master an die Kopfhörer schickt. Im Fenster sieht man zwei Arbeitsbereiche: Zum einen die Lautsprecher-Simulation; hier kann man einmal den Winkel der Lautsprecher einstellen. Typischerweise sind das 30 Grad jedes einzelnen Lautsprechers, also 60 Grad Gesamtwinkel. Es lassen sich aber auch engere oder weitere Winkel einstellen, je nach Gewohnheit.

Ein Regler, der den Klang sehr stark beeinflusst, ist die „Loudspeaker Emulation“. Hier kann man von 0 bis 100 Prozent einen sehr neutralen Raum — also einen kleinen Reverb — dazudrehen und hat so natürliche Reflexionen eines guten Studioraums dabei. Die Loudspeaker-Emulation war für mich entscheidend dafür, das räumliche Hören gut nachzubilden. 100 Prozent war mir dabei etwas zu räumlich, aber irgendwo in der Mitte liegt die Wahrheit. Der zweite Arbeitsbereich ist die Headphone-Calibration: Abseits von der Raumsimulation gibt beyerdynamic so gut wie jedem seiner Modelle auch noch eine eigene EQ-Kurve mit, die baubedingte Frequenzkurven etwas ausgleicht. Dadurch klingt die Wiedergabe deutlich transparenter, und das, was man hört, ist weniger von der Bauart der Kopfhörer beeinflusst. Modelle, die noch nicht in der Software enthalten sind — wie der DT 1990 PRO MK I — werden im nächsten Update hinzugefügt.

Die Besonderheit bei der Kalibrierung ist sicherlich, dass man den Abstand der eigenen Ohren im Plug-in einstellen kann, was bei mir nochmals einen Unterschied gemacht hat. Und weil beyerdynamic alle Produktionsdaten über jeden einzelnen seiner Kopfhörer auf Lager hat, kann man sogar die Seriennummer an der Innenseite der linken Ohrmuschel seines eigenen Kopfhörermodells eingeben. Denn das Headphone-Lab kalibriert nicht nur die Kopfhörer-Serie, sondern wirklich jedes einzelne Fabrikat. Mit der Seriennummer gleicht die Software kleinste Abweichungen im Material aus, die beim Produzieren entstanden sind. Das Headphone-Lab regelt hier also alles bis ins Detail. Wenn man sich die Oberfläche ansieht, merkt man sofort: Die Arbeit mit dem Headphone-Lab ist kein Hexenwerk. Es gibt nicht viele Schrauben, an denen man drehen kann. Deswegen nun die Frage: Funktioniert das Konzept denn auch?

Ich finde, das Soundbild, das mir das Headphone-Lab vermittelt, wirkt tatsächlich räumlich: Die Bässe funktionieren irgendwie anders, das Panoramagefühl ist deutlich natürlicher und auch die feinen Anpassungen an meinen DT 990 PRO und meine Kopfform haben tatsächlich einen Unterschied gemacht. Dass man in der Headphone-Calibration-Sektion mit einer präzisen EQ-Kurve die Eigenheiten seines Kopfhörers ausgleichen kann und damit z. B. die typischen betonteren Höhen mancher beyerdynamic-Modelle perfekt ausgleichen kann, ist definitiv auch ein weiterer Schritt zu einem Mixdown, der auf jeder Anlage gut klingen kann. Das Headphone-Lab erlaubt Producer*innen also erstens wirklich, ihren Mix in einem guten Raum zu hören — und ist zweitens ein stimmiges Add-on für die Kopfhörer der Brand.

In drei Wochen Testphase habe ich gemerkt, dass meine Kopfhörer-Mixe besser auf Lautsprechern klangen. Das ist schon einmal ein großer Schritt — und für das Bass-Gefühl im Bauch gibts ja immer noch Autos, Clubanlagen oder Subwoofer.

Text: Bastian Gies
Aus dem FAZEmag 169/03.2026
www.beyerdynamic.de

 

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