Boris Brejcha – Balance-Akt

Boris Brejcha – Balance-Akt

In den letzten Jahren ging es für den deutschen DJ und Produzenten rasant voran. Neben seiner eigenen Bustour mit dem gesamten Label durch Nordamerika, mit Shows beim Coachella Festival, beim Tomorrowland, dem EDC Las Vegas und vielen anderen Festivals gelang es Boris Brejcha, im vergangenen Jahr weltweit sein eigenes Konzertformat zu etablieren. Im Jahr 2024 können die Fans erneut ein ganz besonderes Konzerterlebnis mit vielen Highlights auf der „Another Dimension“-Tour erwarten. Dabei wird Brejcha zahlreichen neuen Output präsentieren, denn am 19. April erscheint mit „Level One“ sein neunter Langspieler. Seit 2022 veröffentlicht Boris Brejcha seine Musik wieder auf dem eigenen Label Fckng Serious. Bereits 2023 gab Brejcha uns einen Einblick in das kommende Album. Seine Singles „Level One“, „Space X (Edit)“, „Vienna (Edit)“ und „Dimension“ haben bereits einen Vorgeschmack auf dieses vielfältige Album gegeben. Nun erscheint das Werk mit 17 Tracks plus drei Songs in längeren Versionen der zuvor erschienenen Edits. Das musikalische Monument, das sich einer der gehyptesten Akteure unserer Szene erschafft, wird somit immer beeindruckender. In diesem Monat mixt Boris Brejcha nicht nur den offiziellen FAZEmag-Download-Mix, sondern stand uns auch Rede und Antwort. 

Boris, wie geht es dir und wie waren die ersten Wochen des Jahres 2024 für dich?

Hallo, danke für die Nachfrage. Mir geht es sehr gut, und ich genieße gerade meinen Urlaub. Es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich vier Monate am Stück keine Shows spiele und sehr viel Zeit für meine Musikproduktion, Familie und Freunde habe. Daher waren die ersten Wochen für mich sehr entspannt. Es sind einige neue Lieder dabei herumgekommen. Das freut mich sehr, und ich kann es kaum erwarten, diese auf meiner nächsten Tour zu spielen. Ich finde, es tut der Kreativität sehr gut, längere Pausen vom Tourleben einzuplanen.

Du sagst, „My new album demonstrates my ability to find a delicate balance between my classic sound and my evolving musical direction“. Kannst du die Fusion zwischen „Vertrautem“ und „Neuem“ näher beschreiben? 

Das ist richtig. So wie es der Titel „Level One“ schon etwas verrät, wollte ich mit diesem Album ein Zusammenspiel schaffen, das all meine Jahre in der Musikproduktion widerspiegelt. Daher sind Songs dabei, die an den Boris von ganz früher erinnern, aber auch welche, die in eine etwas andere Richtung gehen und Neues wagen. Denn genau so kann ich mich als Musiker aktuell am besten beschreiben und ausdrücken.

„Level One“ ist dein mittlerweile neuntes Album, der Vorgänger ist ganze acht Jahre her. Wie und wann entstand die Idee und Motivation zu diesem Projekt? 

Das ist recht simpel und entsteht meistens aus dem Bauch heraus, also ohne große Geschichte dahinter. Um ehrlich zu sein, ist es so, dass ich einfach Lied für Lied produziere. Und da ich sehr konsequent sehr viel Material über die Jahre produziere, gibt es einen riesigen Pool an Liedern, der veröffentlicht werden muss. Zudem entstand der Albumtitel aus meinem letzten Intro heraus. Der Name passte von Anfang an hervorragend für das Album. Bei dem Namen musste ich spontan an diverse Computerspiele denken und das Gefühl, wenn man beim ersten Level startet. Alles ist neu und aufregend – und auch voller Überraschungen. Dieses Gefühl spiegelt sich auch auf dem Album wieder.

Es gibt einig Kollaborationen, darunter mit der großartigen Leony. Erzähle uns über die Zusammenarbeit, auch mit Malena Narvay und natürlich auch mit Ginger.

Bei Ginger war und ist es immer superentspannt. Ab und an machen wir mal Studio-Sessions, wo sie einfach diverse Worte oder auch Sätze einspricht, die uns gerade so spontan einfallen. Das ist völlig random und meistens auch auf kein aktuelles Lied bezogen. Diese Aufnahmen hebe ich dann so lange auf, bis etwas davon zu einem Titel passt. Das ist also alles sehr einfach gehalten. Gegensätze dazu gab es aber auch. Wie zum Beispiel bei dem Titel „To The Moon And Back“. Da haben wir die Stimme bewusst projektbezogen aufgenommen. Und dazu muss ich auch sagen, dass Leony einfach eine professionelle Sängerin ist. Ich liebe an ihr, dass sie sehr schnell arbeitet und eine sehr warme Stimme hat. Ich warte immer sehr ungerne auf ein Vocal, wenn ich dabei bin, ein Lied zu produzieren und es zeitnah beenden möchte. Ich bin bei so etwas einfach zu ungeduldig (lacht). Die Zusammenarbeit mit Malena war auch superschön und unkompliziert. Zum Glück hatte ich da als Platzhalter ein Free-Sample, so hatte Malena genug Zeit, ihre Stimme aufzunehmen. Auch bei dem Videodreh zu „Vienna“ hatten wir sehr viel Spaß.

Leony und Ginger sind auch im Video zu „Miracle“ zu sehen. In dem Video spielt VR quasi eine besondere Rolle. Wie, glaubst du, könnte Virtual Reality Musik in den kommenden Jahren beeinflussen? Und wie präsent ist das Thema bei dir bereits jetzt? Du bezeichnest dich in Sachen Studio ja auch mal als „oldschool“. 

Ich denke, die Zeit wird zeigen, wohin es geht. Das Thema mit der VR-Brille in dem Video fand ich sehr spannend. Ich liebe Science-Fiction-Filme und habe auch selbst die Oculus-Brille von Meta, bin also voll drin im Thema. Wir hatten in der Vergangenheit auch eine Zusammenarbeit mit der Telekom, wo ich ein DJ-Set vorab aufgenommen habe, und wir es dann auf der Plattform Roblox haben laufen lassen. Dazu haben wir mich mit meiner Joker-Maske digital erstellt und animiert. Das war schon sehr spannend. Wobei ich da definitiv noch die klassische Variante, mit der persönlichen Nähe zu den Fans, bevorzuge und wichtig finde. Zudem habe ich vor ein paar Wochen das erste Mal einen KI-Synthesizer getestet, was auch superspannend war. Man muss nur als Text beschreiben, was für einen Sound man haben möchte, und die KI generiert direkt zehn verschiedene Varianten. Das ist auf jeden Fall next Level. Aktuell fand ich es aber noch nicht ausgereift genug. Man kann an diesen Sounds rein gar nichts verändern, und die Ladezeit war etwas träge. Aber ich bin mir sicher, dass da in der Zukunft noch so einiges kommen wird.

Nicht nur VR spielte im Video eine übergeordnete Rolle, sondern auch ein Fisch, der nach einer Zeit im Aquarium im See freigelassen wird …

Mit dem Fisch wollten wir die drei Hauptcharaktere in dem Video besser beschreiben bzw. deren Sichtweise darstellen, in Verbindung mit der VR-Brille. Wenn die Hauptcharaktere die VR-Brille aufsetzen, tauchen sie in eine Welt ein, die schier unendlich erscheint. So wie wenn der Fisch in den See eintaucht. In dieser digitalen Welt sind die Möglichkeiten unbegrenzt, daher darf man die Zukunft und ihre Erfindungen nicht unterschätzen.

Es bleibt in der Tat spannend. Lass uns über deinen Sound sprechen, der genauso spannend ist. Wie hat sich dieser im Laufe der Jahre und über die Alben hinweg entwickelt und verändert? Du sagst, dieses Album präsentiere auf gewisse Weise deinen gesamten Weg, aber dennoch einen „fresh start“, der einen Meilenstein in deiner Karriere bedeute.

Genau. Das heißt für mich im Grunde, auch mal über den Tellerrand hinauszuschauen, ab und an neue oder auch gewagte Wege zu gehen. Die Musik ist ein Prozess und tief in meinem Herzen verankert. Ich produziere meine Musik immer so, wie ich mich gerade fühle. Und mit der Erfahrung und Reife, die man über all die Jahre sammelt, verändert sich auch ein wenig die Musik. Ich finde das interessant und auch wichtig, einen solchen Weg zu gehen bzw. sich von den Gefühlen treiben und leiten zu lassen. Denn nur so kann ich mein wahres Ich in der Musik zum Ausdruck bringen und bleibe trotzdem stets ich selbst. Für mich ist das ein spannender Prozess, der kein Ende nimmt.

In einem Interview, das du vor wenigen Monaten gegeben hast, sagst du, du seist bei diesem Album produktionstechnisch an den Punkt angelangt, der dich zu 100 Prozent zufriedenstellt. Was bedeutet das konkret und wie hat sich deine Arbeit im Studio verändert? 

Das ist gar nicht so einfach zu beschreiben. Für mich fühlt es sich so an, dass ich aktuell an einem Level angekommen bin, auf dem ich genau weiß, was ich mache, wenn ich im Studio bin. Wenn ich eine Idee habe, dann kann ich sie auch zu 100 Prozent umsetzen. Das war nicht immer so. Vieles entstand in der Vergangenheit durch Zufall. Beides ist auf jeden Fall cool, dennoch fühlt es sich so an, als ob der Diamant seinen letzten Feinschliff bekommen habe. Und das spiegelt sich auch in den neueren Produktionen wider. Ich bleibe definitiv meinem Stil treu, nur dass es jetzt exakt so klingt, wie ich es mir im Vorfeld vorstelle. Meine Lieder sind reifer geworden, wahren aber dennoch meine Identität von früher.

Let’s get nerdy. Was sind deine aktuellen Favoriten in Sachen Soft- und Hardware?

Das ist sehr überschaubar. Zudem nutze ich keine Hardware-Synthesizer. Ich bin mit Software groß geworden, und finde diese Art zu arbeiten intuitiver. Als Klangerzeuger nutze ich aktuell den Omnisphere von Spectrasonics, One & Twin von Fabfilter und den Nexus von reFX. Das war‘s auch schon. In Sachen Effekt-Plug-ins gibt es einiges mehr. Das komplette Bundle von Fabfilter, das ich auch für das Mastering nutze. Von Audio Damage ist besonders das Delay „Other Desert Cities“ zu empfehlen, D16 Group bzw. Decimort 2, Eventide bzw. Blackhole, Von Sonic Charge das Echobode und Permut 8 und die OneKnob-Serie von WAVES.

Sowohl auf verschiedenen Covern als auch in Musikvideos – du scheinst eine Passion für Island zu haben. Was fasziniert dich an und neben der beeindruckenden Landschaft besonders?

Das ist tatsächlich durch Zufall entstanden. Ich war noch nie auf Island, und so konnten wir es mit dem Videodreh sehr gut kombinieren. Als wir den Dreh geplant hatten, standen mehrere Länder und Städte zur Auswahl. Und am Ende ist es Island geworden. Für mich ist es eine klare Reiseempfehlung für jeden, der noch nie dort war. Die Insel hat ihren ganz eigenen Charme, durch ihre Natur erscheint sie sehr mystisch. Sie umgibt einen mit einem inneren Frieden. Ich wohne privat ja sehr ländlich, daher hat Island mich direkt überzeugt. Es herrscht eine unfassbar schöne Ruhe dort und ich glaube, dort könnte man super kreativ werden.

Das Album erscheint auf deinem eigenen Label Fckng Serious. Nächstes Jahr feiert das Label Zehnjähriges. Wie siehst du die Entwicklung der Brand, die seit 2015 kontinuierlich Output liefert? 

Ich finde, dass wir dafür, dass wir ein sehr kleines Label sind, eine gute Entwicklung hinter uns haben. Alle Künstler*innen, die bei uns sind, haben richtig Lust, Gas zu geben. Für das große Jubiläum werden wir uns etwas richtig Cooles ausdenken. Das steht aber noch in den Sternen. Ich bin auch sehr glücklich darüber, mein kommendes Album wieder auf meinem eigenen Label herauszubringen. Ich denke, dass wir dem Label dadurch nochmals einen Schub geben. Alles in allem machen wir das als kleine Familie sehr gut und ich bin sehr stolz darauf. Und ich liebe einfach unseren Labelnamen.

Welche Visionen und Pläne hast du für das Label für die kommenden Wochen und Monate?

Der Fokus wird ganz klar darauf liegen, weitere aufstrebende Künstler*innen mit ins Boot zu holen. Wir sind auch schon mit dem ein oder anderen in Kontakt. Das wird der Weiterentwicklung des Labels sehr gut tun. Zudem wollen wir noch verstärkt unsere bestehenden Künstler weiter voranbringen.

In den vergangenen Jahren hast du die renommiertesten Festivals und Venues gespielt, dazu eine Nightliner-Tour durch Nordamerika sowie ein eigenes Konzertformat etabliert. Wie rekapitulierst du diese Zeit, in der deine Reputation mit solchen Konzepten immer weiter gewachsen ist?

Es macht mich glücklich zu sehen, wie alles über die Jahre gewachsen ist. Ich hätte niemals gedacht, dass wir mal eine Bustour quer durch Amerika machen würden. Eigentlich nach wie vor unvorstellbar. Auch, dass wir es geschafft haben, eigene Konzerte auf die Beine zu stellen. Es passiert immer so viel das ganze Jahr über, dass man schon wieder vieles davon nicht mehr auf dem Schirm hat. Ich finde es immer wieder bemerkenswert, was man mit dem Gefühl der Musik bei Menschen auslösen kann. Das ist etwas sehr Schönes. In meiner Karriere ist alles relativ langsam gewachsen. Erst als ich gesehen habe, dass immer mehr Fans sich ein Tattoo meiner Maske haben stechen lassen, dachte ich: „Okay, krass. Da passiert etwas.“ An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal von tiefstem Herzen bei allen Fans bedanken.

Im selben Interview, das wir eben angesprochen haben, sagst du, ein Remix für Depeche Mode oder Hans Zimmer wäre unschlagbar. Glückwunsch, denn im Herbst 2023 hast du einen Remix zu „My Favourite Stranger“ veröffentlicht. Wie bist du bei der Interpretation vorgegangen?

Ja, ich bin immer noch total überwältigt, dass es zu dieser Zusammenarbeit kam. Als ich die Files zugesandt bekommen habe, habe ich zuerst die Melodie und Begleitspuren nachgespielt. Damit ich sie als MIDI-Noten habe und meinen eigenen Sound kreieren kann. Ich habe am Ende nur die Stimmaufnahme vom Original genommen und alles andere selbst produziert. So konnte ich meinen eigenen Stil und Charakter erzeugen. Ich höre mir bei so etwas auch nie das Original vorher an, das würde mich zu stark beeinflussen, einen Remix zu machen. So arbeite ich unvoreingenommen und am liebsten.

2024 wird dein Fokus auf dem „Another Dimension“-Tour-Konzept liegen.

Für diese Tour haben wir uns mit einem sehr renommierten Bühnendesigner zusammengetan. Wir haben sehr intensiv darüber nachgedacht, was man machen kann und was ich möchte, um ein schönes Konzept als Endergebnis zu erhalten. Wir werden etwas weggehen von diesen überdimensionierten LED-Leinwänden und werden den Fokus mehr auf mich als Person und Musiker legen. Ich finde das wichtig, gerade auch in Bezug auf die Fans und das Thema der Nahbarkeit. Wir werden auch sehr viel mit Lichtern spielen, um diverse Stimmungen zu erzeugen. Man kann sich das Bühnendesign ein wenig wie ein Bilderrahmen vorstellen. Kompakt, schön und fokussiert. Ich freue mich darauf, denn es sieht ziemlich abgefahren aus. Abgerundet wird das Ganze wieder durch die leuchtenden LED-Bänder vom letzten Jahr. Das war überragend. Und wir haben noch ein weiteres Highlight, das aber noch geheim ist.

Welche weiteren Pläne und Ideen hast du für dieses Jahr, auch abseits der Musik?

Ich habe eine Single geplant, die vom Sound etwas aus der Reihe tanzen wird. Darauf freue ich mich schon sehr. Das Video dazu haben wir bereits im März gedreht. Zudem werde ich dieses Jahr einen neuen Livestream-DJ-Mix aufnehmen, zusammen mit Tomorrowland auf deren Festival im Sommer. Es wird natürlich auch wieder einen Weihnachtsmix geben Ende dieses Jahres. Vor zwei Jahren hatte ich mal angefangen, eine Masterclass zu schreiben. Ich hoffe, dass ich sie auch irgendwann einmal zu Ende bekomme. Aus privater Sicht bin ich sehr glücklich. Da gibt es keine großen Pläne, die wichtigsten Sachen mache ich aktuell alle in meinem Urlaub. Ab Mai ist der Fokus dann erst einmal wieder auf den Shows und meiner Tour.

In welchen Städten dürfen sich die Fans in diesem Jahr auf Joker-Enten freuen?

Definitiv in allen Städten, in denen es Shows gibt. Es ist zu einem Ritual geworden, die Enten während des Auftritts persönlich an meine Fans weiterzugeben. Es ist sehr schön zu beobachten, was einige Leute sich einfallen lassen, mit diversen Plakaten etc., um eine Ente zu ergattern. Wir sehen uns!

Tracklist – Boris Brejcha FAZEmag-Download-Mix

  1. Lichtspielhaus – Boris Brejcha
  2. Bounce It – Boris Brejcha
  3. Darkness – Boris Brejcha feat. Ginger
  4. Timelaps – Boris Brejcha
  5. Mont Blanc – Boris Brejcha
  6. Equilibrium – Theydream (Boris Brejcha Remix)
  7. Basilisk – Boris Brejcha
  8. Dimension – Boris Brejcha

Aus dem FAZEmag 146/04.2024
Text: Triple P
www.instagram.com/borisbrejcha