Bringmann & Kopetzki – Das Haar in der Suppe

Es gibt wenig unverrückbare Konstanten in der elektronischen Musik. Eine Szene – gibt es die “eine” überhaupt? –, die ständigen Wandel und Veränderung erlebt, auch wenn natürlich mittlerweile viel recycelt wird, neue Trends eigentlich alte sind und das Rad natürlich auch nicht mehr neu erfunden wird. Dennoch prägt auch jede Generation auf ihre eigene Art diese Szene. Es ist also viel Repetition und Loop inzwischen, aber das sind natürlich auch wichtige Zutaten für einen guten Techno-Track. Zurück zu den Konstanten, dazu gehören neben diversen DJs und ein paar Clubinstitutionen hierzulande auch Jens Bringmann und Valentin Kopetzki, besser bekannt als Bringmann & Kopetzki. Das Grafikerduo wurde bekannt durch seine Flyer des Kasseler Kultclubs Stammheim, die “Hotze”-Serie in der Groove oder die “Wild Life”-Serie, die in der Raveline startete und seit Gründung der FAZE ebendort stattfindet. Aus der Szene, für die Szene, die Zeichnungen und Texte sind oft bissig oder überspitzt, sehr oft viel näher an der Realität, als man es sich wünscht, immer voller Details, die es zu entdecken gibt und kaum einer wird sich dort nicht irgendwann mal wieder gefunden haben. Nun feiern die beiden ein besonderes Jubiläum und deshalb haben wir sie mal vom Zeichentisch an den Interviewtisch geholt.

Herzlichen Glückwunsch zu 30 Jahre Bringmann & Kopetzki! Ihr habt ja schon vorher zusammengearbeitet, aber was genau feiert ihr mit dem 30.?

Valli: Genau, getroffen haben wir uns schon 1988 oder 89 und unsere ersten gemeinsamen Jobs waren dann auch Comics in einem Stadtmagazin. 1996 haben wir dann unsere Agentur als Bringmann & Kopetzki gegründet, das ist also jetzt das 30-jährige Firmenjubiläum.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Jens: In einem Club – natürlich. Wir hatten damals schon überlappende Freundeskreise und irgendwie haben wir da einen Abend rausgefunden, dass wir beide ganz gut zeichnen können. Dann waren wir die ganze Nacht in der Bar statt auf dem Dancefloor und haben Comics auf Servietten gekritzelt.

Wie sieht euer komplettes Portfolio aus und was war das Abgefahrenste, was ihr bisher gemacht habt?

Valli: Unser Portfolio ist ja tatsächlich ziemlich divers. Wir machen ja mittlerweile ganz verschiedene Arten von Bildern, zusätzlich aber auch Grafikdesign, Logos, Branding, solche Sachen. Wir sind so eine Art Schweizer Illustrations-Taschenmesser. Für größere Kunden, wie Adobe, Trusted Shops, O2 oder Warner Brothers arbeiten, fällt vielleicht noch in die Abteilung der besonderen Jobs, aber abgefahrener als in den eigenen Comics wird’s da in der Regel auch nicht. Aber das animierte Video „Inspektor Jabidde“ für die Fünf Sterne Deluxe könnte den ersten Platz in der Rubrik abräumen.

Jens: Ansonsten wäre das Abgefahrenste die Hotze-Zeichentrickserie für MTV und der dazu geplante Kinofilm gewesen. Da haben wir Anfang der Nullerjahre lange dran gearbeitet. (Ein paar frühe Tests dazu geistern ja immer noch durchs Netz.) Das sah alles auch wirklich gut aus, aber am Ende haben wir es damals leider doch nicht über die Ziellinie geschafft. Da blutet uns immer noch das Herz…

Gibt es irgendwas/irgendein Thema für euch, was komplett tabu ist?

Jens: Nein. Tabus gibt’s eigentlich nicht wirklich – höchstens die falsche Perspektive auf ein Thema oder ein mieses Timing. Wir waren in unseren frühen Jahren vermutlich teilweise noch etwas unbekümmerter. Heute schrauben wir zum Teil doch noch ein bisschen länger, damit ein Gag die Richtigen trifft und man nicht nach unten tritt oder Applaus aus der falschen Ecke bekommt.

Was war der beste/teuerste Eklat, den ihr mit einer Zeichnung/einem Comic produziert habt?

Valli: Habt ihr nicht mal einen Anzeigenkunden wegen eines unserer Cartoons verloren? Diese grün-orange Kräuterlikörmarke? (Anmerk. d. Red.: Kaum Erinnerung, Geist von Kräuterlikör benebelt)

Mit der 30 feiert man die Perlenhochzeit. Es ist wahrscheinlich gar nicht so abwegig, eure lange Beziehung mit einer Ehe zu vergleichen, mit Höhen und Tiefen. Wie ertragt ihr euch nach so vielen Jahren noch? Was ist das Geheimnis?

Jens: Als wir noch tagtäglich im gleichen Büro saßen und auf den Monitor des anderen schauen konnten, hatten wir zwischendurch tatsächlich irgendwann auch mal Meinungsverschiedenheiten über gefühlt einzelne Pixel. Seit ich nach Berlin gezogen bin und wir digital zusammenarbeiten, ist das deutlich entzerrter. Da bekommt man halt sein Feedback, wenn man danach fragt und nicht, wenn man gerade noch im Prozess ist. Das hat uns definitiv gut getan. Noch viel wichtiger ist aber, dass wir uns in 30 Jahren noch nie über Geld gestritten haben. Hier ist immer klar, dass egal wer gerade was gemacht hat, alles 50/50 geteilt wird und dass man sich da jederzeit auf den anderen verlassen kann.

Eine besonders schlimme und gute Eigenschaft des anderen?

Valli: Gilt für uns beide, jeweils für gut und schlecht: Detailversessenheit bei Zeichnungen und Wortklauberei bei Texten. Macht die Sachen manchmal sehr gut, ist aber manchmal auch furchtbar anstrengend.

Jens: Ja. Siehe den Streit über einzelne Pixel in der Frage vorher. 🙂

„Haltet Politik aus Techno raus“, ein Satz, den man immer und immer wieder liest, gelegentlich auch bei euren Cartoons. Ihr habt dazu aber eine sehr klare Haltung.

Valli: Ja, Leute die diesen Satz schreiben, sollen bitte einfach das Toleranz-Paradoxon recherchieren und lesen. Es ist ja auch nicht so, als würden wir ständig Wahltipps oder Empfehlungen für bestimmte Parteien oder Personen abgeben. Oder irgendwem unsere Meinung zu allen möglichen Themen aufdrängen. Aber die Zeiten jetzt fühlen sich nach einem wichtigen Wendepunkt an und wir wollen bitte weiter in einem demokratischen und freien Land leben. Wir verstehen auch ehrlich gesagt gar nicht, wie man diese rechte Gesinnung mit den Grundwerten unserer Szene vereinbaren kann und würden uns da auch wirklich wünschen, dass mehr Artists aus unserer Szene klar Stellung beziehen und ihre Reichweite nutzen. Aber man hat leider den Eindruck, den meisten ist es wichtiger, nicht anzuecken.

Jens: Uns ist an der Stelle auch wirklich komplett egal, ob wir mal wieder ein paar Follower verlieren. Haltung zu zeigen ist für uns auch einfach Notwehr.

Man merkt immer wieder, dass die Themen fürs „Wild Life“ mit euch älter werden. Gab es für euch mal einen Moment, wo euch das bewusst geworden ist?

Jens: Ja, den EINEN Moment gibt’s da nicht. Aber wir merken schon auch, dass wir uns öfter mal auch an dem wachsenden Age Gap abarbeiten. Wir geben uns aber wirklich auch bewusst Mühe, da jetzt nicht nur Gags für Rave-Senioren zu machen und sind schon auch echt happy, dass wir trotz des vergleichsweise fortgeschrittenen Alters, immer noch was Relevantes zum Zustand der Szene zu sagen haben.

Ihr seid seit über 30 Jahren Teil dieser elektronischen Szene, was sind denn die gravierendsten Veränderungen aus eurer Sicht?

Valli: Den Reiz des Neuen, diese ganzen Sounds, die man damals noch nie gehört hatte und die Andersartigkeit des Feierns, das sind halt Sachen, die gab es nur einmal zu dieser bestimmten Zeit und wir sind sehr dankbar, das erlebt zu haben. Heute ist Techno natürlich komplett im Mainstream angekommen, da ist einfach nichts mehr neu dran und durch Social Media hat sich auch noch mal richtig viel verändert. Aber das soll jetzt gar nicht wertend klingen. Es ist ja völlig normal, dass solche Veränderungen eintreten und die nächsten Generationen machen jetzt halt zu ihrer Zeit ihr Ding da draus. Solange das alles für die Leute weiter mit Spaß, Freiheit, sich ausleben können und Kreativität zu tun hat, ist doch der Geist von Techno immer noch da. Und für uns bedeutet das natürlich auch immer neue, teilweise sehr dankbare Themen.

Teil der Szene, aber weder DJ, Veranstalter oder Booker. Hat man da noch einen anderen Blick?

Valli: Definitiv. Wir müssen ja immer nach dem Haar in der Suppe gucken, sonst wird da kein Witz draus.

Jens: Außerdem waren wir ja auch mit Aufschwung Ost und Stammheim, aber auch danach noch lange Jahre selber mittendrin und voll dabei. An First-Hand-Erfahrung von hinter den Kulissen mangelt es da auch bis heute nicht.

Auf die nächsten 30 Jahre? Da fällt mir euer Comic mit der Seniorenresidenz und den Techno-Veteran*innen ein …

Valli: Passend dazu wird jetzt im Gebäude des Stammheims hier in Kassel ein Seniorenheim gebaut. Also, man sieht sich …

Aus dem FAZEmag 176/10.26
Text: Tassilo Dicke
Grafiken: B&K
www.bringmannundkopetzki.de/