c115 – Im Gespräch mit Nico Mohammadi (Geschäftsführer)

In der historischen AVUS-Tribüne, direkt am Berliner Messedamm, hat mit dem c115 ein neuer Club eröffnet, der sich allein durch seinen Ort deutlich von vielen Berliner Venues unterscheidet. Glas, Beton, Stahl, hohe Decken und der Blick auf die vorbeiziehenden Lichter der Autobahn geben dem Raum einen für Berlin eher unüblichen Charakter– irgendwo zwischen denkmalgeschützter Vergangenheit und zeitgenössischem Eventspace. Geschäftsführer und Gründer Nico Mohammadi versteht das c115 nicht als klassischen Techno-Club, sondern als vielseitigen Kulturort, an dem Clubnächte, Corporate-Events, Screenings, Installationen oder Dinner-Formate nebeneinander stattfinden können. Musikalisch setzt das Team auf groovige, perkussive und verspielte Sounds statt auf Big-Room-Routine. Wir haben mit Mohammadi über Architektur, Sound, Standortfragen und die Herausforderung gesprochen, in Berlin einen neuen Club wachsen zu lassen.

Nico, die AVUS-Tribüne und du – das war Liebe auf den ersten Blick. Wann warst du zum ersten Mal dort?
Vor etwa zwei Jahren. Ich hatte über einen gemeinsamen Freund einen der Eigentümer kennengelernt, kurz nach der Eröffnung meiner ersten Musik- und Cocktailbar, der heutigen YSY Bar. Er fragte mich nach Ideen für Veranstaltungen sowie Licht- und Soundkonzepte. Als ich dann zum ersten Mal vor Ort war, hat mich der Ort schwer beeindruckt.

Was war es, das dich sofort gepackt hat?
Ich kannte die AVUS-Tribüne schon seit meiner Kindheit vom Vorbeifahren auf der Autobahn. Plötzlich in diesem riesigen Glaskubus zu stehen, mit der gewaltigen Fensterfront, den hohen Decken, Glas, Beton und Stahl, war ein besonderer Moment. Da ging sofort mein Veranstalter- und Kurationsherz los. Mir war klar: Mit einem Lichtkonzept, das die Architektur betont, und einem starken kulturellen Programm braucht es hier gar nicht viel mehr. Die Architektur selbst erzählt schon eine starke Geschichte.

Wann wurde daraus die konkrete Idee, dort einen Club zu eröffnen?
Das Thema kam vor gut einem Jahr wieder auf die Karte. Die Eigentümer waren auf der Suche nach einem langfristigen Mieter, und wir sind erneut ins Gespräch gekommen. Von Anfang an war für mich klar, dass die AVUS-Tribüne mehr sein muss als nur ein Club. Durch die Nähe zur Messe und die hohen Fix- und Produktionskosten war ein vielseitiger Eventspace gesetzt. Gleichzeitig war für mich als Musiker und Clubgänger klar, dass dort auch ein kulturelles Clubprogramm stattfinden muss. Einer der ersten Gedanken war tatsächlich: Hier Club zu machen, das wäre schon ziemlich umwerfend.

Früher wurden von der Tribüne Autorennen beobachtet, heute wird dort getanzt. Wie übersetzt man diese Geschichte in eine zeitgemäße Club-Ästhetik?
Das Spannende ist, dass dort historischer Denkmalschutz und die Schwere der Vergangenheit mit einem Neubau fusionieren. Der cleane Glasaufbau verbindet sich mit den historischen Elementen. Auf der Seite zum Messedamm gibt es noch die alten Kassenfenster der Autorennen. Dadurch entsteht automatisch eine Verbindung zwischen verschiedenen Epochen.

Also eher Architektur als Dekoration?
Genau. Man spürt die Geschichte, ohne dass sie museal wirkt. Diese Mischung gibt dem Gebäude einen starken Charakter. Für mich entsteht die Club-Ästhetik deshalb nicht durch Dekoration oder Inszenierung, sondern vor allem durch die Architektur selbst und die Geschichten, die sie erzählt.

Look, Lage und Konzept setzen sich deutlich von vielen Berliner Clubs ab. Ist das c115 für dich Teil einer clubkulturellen Neuorientierung?
Das klingt für mich erst einmal nach einem starken Begriff. So würde ich das c115 nicht einordnen. Was ich aber glaube, ist, dass wir eine Leerstelle in der Berliner Clublandschaft besetzen können. Der Space ist ein Neubau, und allein das ist für einen Berliner Club ungewöhnlich. Viele Orte entstehen in ehemaligen Industriegebäuden oder Fabriken. Die AVUS Tribüne fällt da komplett raus.

An welchen Referenzen orientiert ihr euch dann?
Für mich hat der Ort eher internationale Referenzen. Die Architektur spricht eine andere Sprache: clean, durchdacht und gestalterisch klar, ohne kühl oder überinszeniert zu wirken. Durch Brutalismus, Glas, Beton und hohe Decken hat der Ort viel Charakter. Es ist kein VIP-Club und kein Ort, der sich von der Szene abgrenzen möchte. Wir wollen ein szeniges Kultur- und Clubprogramm machen –  in einem Rahmen, der in Berlin bisher selten ist.

Gleichzeitig soll die Venue nicht ausschließlich als Club funktionieren. Welche Formate sind geplant?
Das gehört zu einer Lebensrealität im Jahr 2026. Bei uns gehen Events, Club- und Kulturveranstaltungen Hand in Hand. Unser Betrieb in der AVUS-Tribüne ist komplett investorenfrei und kommt ohne Fördergelder aus. So ein Ort lässt sich mit seinen hohen Betriebs-, Produktions- und Personalkosten nicht allein über ein paar Partys finanzieren.

Das heißt, die Vielfalt ist auch wirtschaftlich notwendig?
Ja, aber nicht nur. Unser Ziel ist es, langfristig ein gesundes und nachhaltiges Unternehmen aufzubauen. Deshalb ist die AVUS-Tribüne vielseitig angelegt: Messe- und Corporate-Events, Tanzveranstaltungen, Modenschauen, Screenings, Shootings, Installationen oder Dinner-Formate. Diese Vielfalt wollen wir nutzen.

Die riesige Glasfront ist eines der auffälligsten Merkmale des Gebäudes. Welchen Blick hat man als Gast auf die Autobahn – und welchen Blick haben Autofahrer auf den Club?
Für die Autofahrer:innen glücklicherweise gar nicht so viel. Zwischen uns und die Autobahn passt kein Blatt Papier, deshalb darf der Verkehr nicht abgelenkt werden. Von außen kann man so gut wie gar nicht in den schwarzen Glaskubus hineinschauen.

Und von innen?
Von innen ist es andersherum. Du hast das Gefühl, auf einer transparenten Bühne zu stehen, während das Berliner Leben an dir vorbeizieht. Gleichzeitig bist du geschützt, weil dich draußen niemand sieht. Für mich bricht das mit dem klassischen Lagerhallen-Vibe. Wenn die Sonne untergeht, werden vor allem die Lichter der vorbeifahrenden Autos sichtbar. Dadurch entstehen immer wieder neue Perspektiven und Stimmungen.

Viele Clubs kämpfen mit Lärmbeschwerden und Lautstärke-Regularien. Ist das bei euch durch den Verkehrslärm weniger problematisch – vielleicht sogar obsolet?
Natürlich sitzen wir nicht mitten in einem Wohngebiet. Das ist erst mal ein großer Vorteil. Trotzdem haben wir im Gebäude eine gewerbliche Nachbarschaft, und noch ist nicht klar, wie sich die Nutzungen rund um uns entwickeln. Deshalb denken wir Schallschutz, Akustikmaßnahmen und technische Ausstattung von Anfang an mit.

Also lieber langfristig planen, bevor es irgendwann eng wird?
Genau. Wir haben oft gesehen, dass etwas jahrelang funktioniert und sich die Rahmenbedingungen dann verändern. Deshalb setzen wir lieber auf ein langfristiges Konzept. Mit den Behörden haben wir bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Gerade das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf empfinde ich als konstruktiv und lösungsorientiert. Die AVUS-Tribüne ist ein Ort mit großer Bedeutung für Berlin, und mein Eindruck ist, dass alle Beteiligten an guten Lösungen interessiert sind.

Wie sieht es musikalisch aus? Welche Booking-Philosophie verfolgt ihr?
Das Booking mache ich gemeinsam mit Melinda, vielen auch als Mohajer bekannt. Zusammen schauen wir, welche Veranstalter:innen und Promoter gut zum Ort passen, und kuratieren unser eigenes Inhouse-Programm. Uns geht es weniger darum, ein klassisches Big-Room-Techno-Programm abzuspulen. Wir interessieren uns eher für groovige, verspielte und perkussive Sounds: House, Breaks, UK-Einflüsse, Leftfield – und Nächte, in denen man etwas Neues entdeckt.

Und technisch?
Wir haben in diesem Jahr ein großes Sound-Upgrade für unsere Clubveranstaltungen umgesetzt. Gemeinsam mit unserem Partner Audiophil haben wir ein Lambda-Labs-System installiert, ergänzt durch DH18er Digitalhorn-Subwoofer. Guter Sound ist für uns die Grundlage eines gelungenen Cluberlebnisses.

Berlin hat ein sehr anspruchsvolles, manchmal auch skeptisches Clubpublikum. Wie geht man als neuer Club mit dieser Erwartungshaltung um?
Ein großes Thema ist für uns die Wahrnehmung der Lage. Da gibt es schnell diese Annahme: „Das ist ja so weit weg, da kommt man ja gar nicht hin.“ Dabei erleben wir vor Ort häufig das Gegenteil. Viele Gäste sagen nach ihrem Besuch: „Okay, das war ja gar nicht so kompliziert.“ Von Neukölln braucht man mit der S-Bahn etwa 25 Minuten bis zu unserer Eingangstür, von der Friedrichstraße 27. Für Berliner Nachtleben sind das gute Anreisezeiten.

Und abseits der Lage?
Natürlich ist Berlin eine Stadt mit einem anspruchsvollen Clubpublikum, und das finde ich gut. Gleichzeitig sind die lautesten Stimmen oft nicht die Mehrheit. Viele Menschen kommen vorbei, sind positiv überrascht und haben eine tolle Nacht. Was ich mir manchmal wünsche, ist etwas mehr positive Neugier und Geduld. Ein neuer Ort fällt nicht vom Himmel. Dahinter stehen Menschen, die Herzblut, kreative Energie und Arbeit investieren. Eine Community entsteht nicht über Nacht. Dinge müssen wachsen, Menschen müssen den Ort kennenlernen und Vertrauen aufbauen.

„Wir wollen ein szeniges Kultur- und Clubprogramm machen – in einem Rahmen, der in Berlin bisher selten ist.“

Aus dem FAZEmag 173/07.2026
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