
Mitten im Strukturwandel der Clubkultur erlebt Karlsruhe einen überraschenden Neuanfang: In den ehemaligen Räumen des legendären Culteum ist Anfang März mit dem C2 OST ein Club entstanden, der mehr sein will als eine nächtliche Ausgehstätte. Staubige Kellerräume, improvisierte Premieren und rund 90 Tonnen Bauschutt markieren den Beginn eines Projekts, das nicht aus einem Businessplan entstand, sondern aus einem Impuls – und aus dem Wunsch, einem oft vernachlässigten Stadtteil kulturelle Relevanz zurückzugeben. Ins Leben gerufen wurde das C2 OST von Adrian Ziser, einem Quereinsteiger mit Background in der Industrie und IT, der ohne Investor, aber mit viel persönlichem Risiko einen Raum geschaffen hat, der sich bewusst gegen die Mechanismen des etablierten Clubbetriebs stellt: mit alphabetisch gelisteten Line-ups, kuratierten Formatreihen und einem hohen Anspruch an Gestaltung, Sound und Haltung. Im Interview spricht Adrian Ziser über die Herausforderungen der Bauphase, die Kraft kollektiver Improvisation – und darüber, warum das C2 OST gerade deshalb funktioniert, weil es nicht fertig ist.
Adrian, was war der Ursprungsgedanke hinter dem Projekt C2 OST – und welchen persönlichen oder beruflichen Background bringst du mit, der in diese Gründung eingeflossen ist?
Der Ursprung? Das war kein Businessplan, sondern eher ein „Warum eigentlich nicht?“. Ich komme nicht aus der Clubszene, sondern aus der Industrie. Ich habe in einem Konzern gearbeitet, dann meine eigene kleine IT-Firma gegründet – und irgendwann gemerkt, dass ich mehr will, als mit Cola auf Konferenzen rumzustehen. Dass da noch etwas fehlt. Etwas mit Substanz. Als ich Ende letzten Jahres vom drohenden Aus des Culteum gehört habe, war da sofort dieser Reflex: Wenn wir das jetzt einfach hinnehmen, verschwindet nicht nur ein Club – sondern eine Institution. Also habe ich’s gemacht. Nicht mit Investor, nicht mit Masterplan, sondern mit einem klaren Bauchgefühl und der Bereitschaft, etwas zu riskieren. Was mich dabei besonders gereizt hat, war der Standort. Der Karlsruher Osten ist roh, lebendig, aber kulturell ein wenig unterversorgt. Ich bin in Karlsruhe geboren – und die Idee, diesem Stadtteil etwas zurückzugeben, das bleibt, hat viel in mir ausgelöst. Nicht nur eine Partylocation, sondern einen Ort, der andockt. Der Menschen zusammenbringt, ohne sie gleichförmig zu machen. Und vielleicht auch: ein Ort, der mir selbst wieder etwas zurückgibt. Weil er fordert. Weil er Sinn stiftet. Und weil er zeigt, dass man Dinge verändern kann, wenn man aufhört, darauf zu warten, dass jemand anderes es macht.
Wie verlief die Phase zwischen der Idee und dem tatsächlichen Entschluss, diesen Ort zu übernehmen – welche waren die größten Zweifel, aber auch die stärksten Impulse, es durchzuziehen?
Der Entschluss fiel im Dezember vergangenes Jahr. Damit begann ein Sprint, der sich gleichzeitig wie ein Marathon anfühlte. Die Idee war kaum formuliert, da stand ich auch schon in staubigen Kellerräumen mit Taschenlampe und Fragezeichen im Gesicht. Der Laden war damals eher Ruine als Raum – kaputte Technik, vergilbte Träume, Spuren unzähliger Wochenenden. Baubeginn war dieses Jahr im Januar. In etwa zweieinhalb Monaten haben wir rund 80 bis 90 Tonnen Material aus dem Gebäude geholt – und 60 Tonnen Neues wieder reingeschafft. Teilweise waren bis zu 50 Leute gleichzeitig auf der Baustelle. Eine fast absurde Dichte an Energie, Improvisation und Durchhaltewillen. Dafür, was passiert ist, ging alles erstaunlich schnell – und war trotzdem ein ziemlicher Ritt zwischen Größenwahn, Naivität und einem klaren Gefühl von „Jetzt oder nie“. Man hätte auch einfach weitergehen können. Die größten Zweifel? Ob das alles überhaupt zu stemmen ist – finanziell, logistisch, nervlich. Ich habe das Projekt eigenverantwortlich angestoßen, ohne Investor oder strategisches Netz. Und doch war da dieser Impuls: Wenn wir es schaffen, diesem Ort eine neue Identität zu geben, dann wird er mehr als ein Club. Dann wird er ein kulturelles Rückgrat für den Osten der Stadt. Der schönste Gedanke dabei: dass Räume, die tief in der Stadt verankert sind, nicht abgerissen, sondern verwandelt werden können.
Während viele Clubs schließen und die Clublandschaft in einer generell schwierigen Phase steckt, hast du investiert: in Substanz, Struktur, Technik. Was war dir in der Bauphase besonders wichtig – und welche Prinzipien stecken architektonisch und akustisch heute in den Wänden?
Wir haben nicht einfach renoviert – wir haben alles auf links gedreht: Lüftung, Elektrik, Licht, Sound – alles raus, alles neu. Rund 90 Tonnen Material raus, 60 Tonnen rein. Es war eine Operation am offenen Herzen. In zweieinhalb Monaten wurde aus einer Ruine ein Raum mit Haltung – weil der Bau nicht auf Show, sondern auf Substanz ausgelegt war. Uns war früh klar: Wenn man einen Club ernst meint, muss er nicht nur gut klingen – er muss auch nachbarschaftsverträglich sein. Deshalb haben wir auf der gesamten Fläche mehrere hundert Quadratmeter Schallschutzdecke eingebaut. Alle musikbespielten Zonen – etwa 400 Quadratmeter – haben zusätzlich eine Akustikdecke erhalten. Dazu kamen Hochschallschutztüren an allen neuralgischen Übergängen. Diese Maßnahmen sieht am Ende kaum jemand – aber sie entscheiden, ob ein Ort funktioniert. Innen wie außen. Klanglich wie rechtlich. Technisch war uns wichtig, professionell zu denken. Jeder Raum ist vernetzt, jeder Lautsprecher gezielt steuerbar. Die Lichtsysteme sind zentral programmiert. Der ganze Club lässt sich auf Knopfdruck in eine Stimmung versetzen – nicht als Gimmick, sondern als durchdachtes System. C2 OST ist kein Schnellschuss, sondern ein Raum mit Struktur: einer, der mehr kann, als laut sein – einer, der atmet und trotzdem dichthält.
Gab es einen Moment in dieser intensiven Umbauzeit, der sinnbildlich für das ganze Projekt steht – sei es ein Rückschlag oder ein besonderer Durchbruch?
Der Tag der Eröffnung. Halb Club, halb Baustelle, alles improvisiert – und trotzdem: Wir haben aufgemacht. Es war keine fertige Premiere, sondern ein Teaser, ein Testlauf mit Ansage. Aber ob es überhaupt ein Clubabend werden würde, war ungewiss. Die Lüftungsanlage – Herzstück des Ganzen – lief nicht. Die Sicherung, die alles in Gang setzen sollte, fehlte und wurde erst 30 Minuten nach der offiziellen Eröffnung eingebaut. Die ersten Gäste waren schon drin, da schraubten wir noch. Dann: Strom drauf. Und wie durch ein kleines Wunder funktionierte es. Frische Luft zog ein – und mit ihr dieses schwer greifbare Gefühl: Jetzt beginnt etwas.
Das war Anfang März. Wie habt ihr die ersten Wochen und Monate erlebt – zwischen Improvisation, Euphorie und Realität?
Es war ein Drahtseilakt zwischen Wahnsinn und Wunder. Jede Veranstaltung war ein Testlauf unter Echtbedingungen. Wir haben während des laufenden Betriebs gebaut, geplant, repariert, gelernt – und oft erst wenige Stunden vor Einlass überhaupt gewusst, dass der Abend überhaupt stattfinden kann. Improvisation war kein Konzept, sondern Notwendigkeit. Kabelkanäle wurden nachts verlegt, Dichtungen provisorisch ersetzt, das Foyer gefegt, während die ersten Gäste schon durch die Tür kamen. Gleichzeitig war da aber diese irre Energie. Menschen kamen – neugierig, offen und voller Lust auf etwas Neues. Die Euphorie hat uns durch viele Momente getragen, in denen die Realität eigentlich ein Stoppschild hätte aufstellen müssen. Wir hatten keine fertige Bar, keine perfekten Abläufe, manchmal nicht mal genug Gläser. Aber wir hatten einen Raum, der plötzlich wieder klang, vibrierte und atmete. Und vor allem: der angenommen wurde. Man sagt oft, dass man die ersten Monate nicht überlebt, wenn man nicht alles durchgeplant hat. Wir haben es genau andersherum gemacht: Wir sind losgelaufen, obwohl noch nichts fertig war. Und haben dabei festgestellt, dass man auf dem Weg manchmal mehr lernt als in jeder Excel-Vorbereitung.
Aktuell habt ihr Sommerpause. Gibt es ein Zwischenfazit? Was hat euch überrascht – im Guten wie im Herausfordernden?
Irgendwo zwischen: „Holy shit, wir dürfen noch offen haben“ und „Das hier hat wirklich Substanz.“ Was uns positiv überrascht hat: Wie schnell sich eine Community formt, wenn man die entsprechende Plattform dafür bereitstellt. Wie viele Menschen mitdenken, mithelfen, sich einbringen – ohne dass man sie darum bitten muss. Dass Leute nachts um vier noch Feedback geben, ist manchmal anstrengend, aber andererseits auch ein riesiges Kompliment. Was uns herausfordert: alles. Im Ernst. Die Balance zwischen Bau, Betrieb und Bürokratie ist brutal. Manchmal fühlt sich ein einzelner Freitagabend wie ein Monat an – emotional, logistisch, nervlich. Wir betreiben gerade fünf Gewerke gleichzeitig: Club, Baustelle, Kulturbetrieb, Sozialexperiment und Selbsthilfegruppe. Und doch: Die Entscheidung, das durchzuziehen, fühlt sich jeden Tag richtiger und sicherer an. Nicht, weil es leicht ist – sondern weil es wirkt. Das C2 OST hat in ein paar Monaten mehr bewegt, als viele Orte in Jahren schaffen. Nicht, weil wir alles besser machen. Sondern weil wir es anders machen – und das mit voller Überzeugung. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber der Club atmet – und das zählt.
Von Anfang an war klar: C2 OST soll kein reiner Club sein, sondern ein kultureller Raum mit Haltung, wie eben schon angesprochen. Was bedeutet das konkret – und wie vermittelt ihr diese Identität euren Gästen?
Die Idee war nie: Wir machen einfach Techno und eine gute Bar. Die Idee war: Wir schaffen einen Raum, der über das Wochenende hinaus Bedeutung hat. Einen Ort, der nicht nur konsumiert, sondern kommuniziert. Kultur heißt für uns: Reibung zulassen, Perspektiven öffnen, Räume gestalten, die mehr können als feiern. Konkret bedeutet das: Es gibt bei uns Ausstellungen, Workshops, Diskursformate. Wir arbeiten mit Künstler*innen, Aktivist*innen, Kollektiven. Wir nehmen uns ernst – aber nicht wichtiger als die Sache. Das C2 OST soll ein Ort sein, an dem sich Leute wiederfinden, auch solche, die in klassischen Kulturinstitutionen keinen Platz haben. Und ein Ort, an dem man sich nicht verstellen muss, um dazuzugehören. Unsere Haltung vermitteln wir nicht über große Manifeste oder Plakate. Sondern über Atmosphäre, Details, Entscheidungen. Über das Line-up, das Booking, die Preisgestaltung, die Kommunikation mit dem Publikum. Man merkt es daran, wie Leute angesprochen werden. Wie sich die Tür anfühlt. Wie die Räume gestaltet sind. Haltung muss nicht laut sein – aber konsequent.
Euer grafisches Erscheinungsbild verzichtet bewusst auf klassische Hierarchien, etwa durch die alphabetische Nennung aller DJs. Was steckt gestalterisch und inhaltlich hinter diesem Ansatz?
Unsere Gestaltung folgt demselben Prinzip wie der Raum selbst: kein Star über dem Kollektiv. Kein Ego über dem Moment. Die alphabetische Nennung aller DJs ist keine Koketterie, sondern eine bewusste Entscheidung. Wir wollen Line-ups, die kuratiert sind – nicht hierarchisiert. Wer wann spielt, soll nicht darüber entscheiden, wer wichtiger ist. Gestalterisch spiegelt sich das auch im gesamten visuellen Auftritt wider: klare Typografie, keine Logoschlachten, keine überinszenierten Headliner. Stattdessen ruhige, reduzierte Flächen, viel Raum, offene Strukturen. Wir kommunizieren nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung. Und ja – das heißt auch, sich gegen das etablierte Booking-Game zu stellen, das oft über Marktwert, Followerzahlen und Algorithmus entscheidet. Natürlich sehen wir, wie das Business läuft. Aber wir glauben: Wenn du einen Raum willst, der sich anders anfühlt, musst du ihn auch anders denken. Im besten Fall sorgt das für eine andere Form von Aufmerksamkeit – eine, die sich nicht an Namen orientiert, sondern an Energie.
Ihr habt ein durchdachtes Raumkonzept mit klarer Funktion für jeden Bereich – vom Foyer bis zum Playroom. Welche Idee liegt dieser Raumdramaturgie zugrunde?
Wir wollten keinen Raum „von der Stange“. Kein Schacht, der Sound schluckt und Menschen ausspuckt. Sondern einen Ort, der sich mit jeder Bewegung verändert, mit jeder Veranstaltung ein bisschen anders anfühlt. Das C2 OST ist keine festgefrorene Kulisse – es ist ein wandelbarer Körper. Ein Club, der sich weiterentwickelt, in dem noch immer gebaut, geschoben, ausprobiert wird. Ja, wir haben eine klare Dramaturgie: ein Foyer, das ankommen lässt. Floors, die direkt wirken. Rückzugsräume, die atmen. Aber es gibt eben auch all die versteckten Winkel, Höhlen, Durchgänge, Spielflächen. Räume, die nicht sofort alles preisgeben. Wir glauben: Gute Clubarchitektur arbeitet mit Irritation, mit Neugier, mit kleinen Fluchten. Und: Wir sind noch nicht fertig. An den letzten Räumen wird gerade noch geschraubt, gebohrt, geplant. Auch das ist Teil der Idee – dass der Ort lebt. Dass er sich verändert. Dass Identität nicht vorher festgelegt, sondern gemeinsam gefunden wird.

Klangqualität, Lichtsteuerung und Raumgefühl gelten bei euch nicht als Beiwerk, sondern als zentrales Gestaltungsmittel. Welche Rolle spielt Sounddesign bei euch – und wie wirkt sich das auf das Erlebnis aus?
Für uns war von Anfang an klar: Wenn man es ernst meint mit Clubkultur, dann beginnt man beim Sound. Nicht irgendwann – sondern ganz am Anfang. Deshalb haben wir das Thema nicht nebenher gelöst, sondern gleich Leute reingeholt, die wissen, was sie tun. Laurin Schaffhausen begleitet das Projekt seit Tag eins, mit Erfahrung aus Läden wie dem Blitz in München oder dem Amnesia auf Ibiza. Es ging uns nie nur darum, dass es „gut klingt“. Sondern darum, dass der Raum selbst Teil der Musik wird. Dass man den Sound nicht nur hört, sondern körperlich spürt – ohne dass er wehtut oder alles plattwalzt. Die Anlage ist auf den Raum abgestimmt und nicht einfach reingestellt. Der Bass soll tragen, nicht dröhnen. Die Höhen sollten klar sein, nicht nerven. Gleiches gilt für das Licht: kein Gimmick, sondern Teil der Dramaturgie. Jeder Raum kann einzeln gesteuert werden – oder alles auf einmal, mit einem Klick. Der ganze Club kann auf Knopfdruck in eine neue Stimmung kippen. Diese technischen Möglichkeiten sind kein Selbstzweck. Sie helfen uns, Atmosphäre gezielt zu formen – ohne Effekthascherei, aber mit Wirkung. Damit der Raum nicht einfach funktioniert, sondern erzählt.
Die Liste eurer internen Veranstaltungsreihen – von „Varianz“ bis „Buntes Rauschen“ – wirkt fast wie ein kuratiertes Formatlabor. Was macht eine gute Reihe für euch aus?
Unsere Reihen sind keine reinen Eventformate – sie sind Statements. Jede für sich.
Wir entwickeln sie nicht aus Marketingüberlegungen, sondern aus dem Wunsch, bestimmte Konstellationen, Communities oder musikalische Spannungen sichtbar zu machen, manchmal auch zusammenzubringen. „Varianz“ bringt bewusst zwei unterschiedliche Genres in einen Abend – Divergenz statt Kontinuität. „Kontrast“ wiederum bespielt Techno auf dem Mainfloor und House auf dem zweiten Floor – eine klare Zonierung mit offenen Übergängen. „Prisma“ dreht das Spiel um: House im Zentrum, Techno im Rückraum. „Modus“ ist jung, bunt und dem Zeitgeist folgend – eine Reihe, die sich musikalisch wie visuell an einer neuen Generation orientiert, ohne dabei platt zu werden. „Buntes Rauschen“ ist unsere queere Reihe – laut, fluide, direkt. Ein Raum für Sichtbarkeit und Selbstermächtigung, ohne Pinkwashing. „Unzensiert“ ist die Kinky-Reihe – ein Spiel mit Grenzen, Körpern, Einvernehmlichkeit. Keine Pose, sondern Praxis. Und „Feierabend“ startet draußen im Licht, als Afterwork, und gleitet dann langsam in die Nacht hinein – ein Format zwischen Leichtigkeit und Tiefe. Was uns wichtig ist: Jede Reihe soll mehr sein als nur ein Booking-Rahmen. Sie ist ein Versprechen – an Haltung, Vielfalt, Reibung. Und, ja: ein Labor. Weil wir immer wieder ausprobieren, wie weit man gehen kann, wenn man sich nicht an Normen orientiert, sondern an Möglichkeiten.
Wie wichtig ist euch dabei die Zusammenarbeit mit der lokalen Szene – etwa mit Karlsruher Kollektiven wie Discoschorle32 – und wie gelingt das Gleichgewicht zwischen Community und künstlerischer Eigenhandschrift?
Ohne lokale Szene kein Club – so einfach ist das. Das C2 OST versteht sich nicht als Soloprojekt, sondern als Plattform. Deshalb arbeiten wir von Anfang an eng mit Karlsruher Kollektiven zusammen. Aktuell sieht das so aus: Etwa 50 Prozent der Clubabende werden von externen Kollektiven gestaltet, die andere Hälfte kuratieren wir selbst. So entsteht ein echter Austausch – kein Raum, der vermietet wird, sondern einer, der geteilt wird.
Wichtig ist uns dabei, dass jede Veranstaltung inhaltlich eingebettet ist. Wir geben nicht einfach die Schlüssel raus, sondern begleiten, unterstützen, spiegeln. Und gleichzeitig lassen wir zu, dass andere Handschriften sichtbar bleiben. Mit Formaten wie Open Decks schaffen wir darüber hinaus gezielt Räume für den Nachwuchs: Menschen, die sich ausprobieren wollen. Die vielleicht zum ersten Mal auf einer professionellen Anlage spielen. Die ihre ersten Schritte in einem ernst genommenen Rahmen machen können – innerhalb unserer eigenen kuratierten Abende. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen Öffnung und Orientierung, zwischen Community und kuratorischer Linie. Wir glauben nicht an vollständige Kontrolle – aber sehr wohl an Verantwortung. Und die besteht darin, Räume zu ermöglichen, in denen sich Vielfalt nicht nur abbildet, sondern entfalten kann.
Im Clubbetrieb fallen Begriffe wie „Awareness“, „Privatsphäre“ oder „Zugänglichkeit“ oft schnell, aber selten konsequent. Wie lebt ihr diese Werte konkret im Alltag – von den Handystickern bis zu Eintritt und Getränkepreisen?
Wir versuchen, diese Begriffe nicht als Buzzwords zu behandeln, sondern als Haltung im Alltag zu verankern. Und das beginnt bei kleinen Dingen: Unsere Preise sind fair kalkuliert – sowohl an der Tür als auch an der Bar. Wir wollen, dass der Zugang zum Nachtleben nicht vom Kontostand abhängt. Awareness ist bei uns kein Schild an der Wand, sondern Teil der Teamstruktur. Unsere Tür arbeitet respektvoll, ohne Machtdemonstration. Unser Team ist sichtbar, ansprechbar – aber nicht aufdringlich. Und: Wir glauben an Prävention statt Sanktion. Wir setzen auf klare Kommunikation, nicht auf Kontrolle. Privatsphäre bedeutet bei uns auch: Räume, in denen man sich unbeobachtet fühlen darf. Deshalb verzichten wir auf Spiegel, Bildschirme, ständige Kameras oder „Marketingmomente“, die das Geschehen nach außen tragen sollen. Der Club gehört den Menschen, die gerade da sind – nicht dem Feed am nächsten Tag. Und ja: Wir wissen, dass wir noch nicht alles perfekt machen. Ein dediziertes Awareness-Team befindet sich auch noch im Aufbau. Aber wir versuchen, ein Umfeld zu schaffen, das Lernprozesse zulässt, in dem Feedback willkommen ist – nicht als Kritik, sondern als Teil der gemeinsamen Verantwortung.
Wenn wir in einem Jahr noch einmal miteinander sprechen würden: Woran würdet ihr merken, dass C2 OST auf einem guten Weg ist?
Wenn der Club nicht nur voll ist – sondern vielstimmig. Wenn sich auf dem Dancefloor Menschen begegnen, die sich sonst vielleicht nie getroffen hätten. Wenn ein Abend nicht nur durchgeplant, sondern durchlebt wirkt. Wenn wir auf Kritik nicht defensiv reagieren, sondern daraus lernen. Wir würden merken, dass wir auf dem richtigen Weg sind, wenn sich der Ort weiterentwickelt – nicht nur baulich, sondern kulturell. Wenn neue Formate entstehen, die wir uns heute noch nicht ausdenken können. Wenn Menschen kommen, nicht weil’s angesagt ist, sondern weil sie sich zugehörig fühlen. Wenn ein*e Künstler*in nach dem Set noch bleibt und den Rest der Nacht mitfeiert. Wenn ein*e Besucher*in am Morgen sagt: „Ich weiß nicht, was genau das war – aber es hat etwas verändert.“ Und ja: Wenn der Club wirtschaftlich tragfähig ist, ohne sich zu verbiegen. Wenn wir weiterhin Kultur schaffen können, ohne uns zu verkaufen. Wenn wir die Energie bewahren, mit der alles angefangen hat – und gleichzeitig Strukturen schaffen, die das langfristig tragen. Dann würden wir sagen: Es funktioniert. Noch nicht perfekt – aber echt.
Aus dem FAZEmag 162/08.2025
Text: Rafael Da Cruz
www.instagram.com/c2ost.club