
Nachdem Dan Snaith zuletzt wieder als Daphni aktiv war, kehrt er nun als Caribou zurück und präsentiert sein neues Album „Honey“. Anders als bei den Vorgänger-Alben unter diesem Alias – „Our Love“ und Suddenly“ – versprechen die zehn Tracks diesmal ein weniger egozentriertes Werk, das Dancefloor-orientierter und zugänglicher daherkommt. In gewisser Weise ist es eine Verschmelzung mit seinem Zweitprojekt Daphni, das er einst aus seinen Live-DJ-Sets heraus entwickelte. „Eine Sache, die sich für mich von Anfang an nicht geändert hat, ist diese manische Neugier herauszufinden, was ich aus Klang machen kann. Also nicht so sehr hypothetisch, was irgendjemand aus Klang machen kann – ein ,Profi‘ mit einer Vielzahl von Mitarbeitern und Ressourcen, die ihm zur Verfügung stehen – sondern ich, in meinem kleinen Kellerstudio“, erklärte der Kanadier im Vorfeld. Dabei herausgekommen ist „Honey“ – ein Album, das – wieder einmal – Snaith selbst und seine Fans überrascht und das Zeugnis eines genialen Künstlers ist, der vom Musikmachen zu begeistert ist, um sich jemals auf einen einzigen Sound einzulassen.
„Erwartet das Unerwartete“ – ein Sprichwort, das die Erwartungshaltung gegenüber Snaiths Produktionen kaum treffender beschreiben könnte. Auch diesmal hat der 46-Jährige wieder getüftelt, gewerkelt und experimentiert – stets auf der Jagd nach dem Nervenkitzel im heimischen Studio. „Ich bin noch immer auf der Suche nach etwas, das mich wirklich packt und bei dem ich dann vor Aufregung auf und ab hüpfe oder mir die Haare an den Armen zu Berge stehen. Wie viel Glück kann ein Mensch haben, dass dieses Gefühl nie verschwunden ist?“, fragt er sich und liefert die Antwort in Form des neuen Albums gleich mit.
„Honey“ strotzt nur so vor kleinen Nuancen und technischen Innovationen, für die Caribou auch gerne mal auf künstliche Intelligenz zurückgriff. Bezüglich der verschiedenen Gesangsparts, die immer wieder auf dem Album zu hören sind, sagt er: „Das ist eine Kombination aus Samples und der Verwendung eines KI-Stimmenveränderungseffekts. Als ich anfing, Musik zu veröffentlichen, habe ich überhaupt nicht gesungen – damals war es die unwahrscheinlichste Sache, die ich je in meinem Leben machen würde und für die ich mich am meisten schämte.“ Durch die technischen Möglichkeiten habe er gelernt, sich seiner Stimme zu nähern und sie so einzusetzen, wie es ihm gefällt. „Letztendlich war es ein wunderbarer Prozess“, gibt er erleichtert zu Protokoll.
Die Leichtigkeit und Energie, die das Album transportiert, sind auch Snaiths Mut zu verdanken, seine beiden Alter Egos näher zusammenzuführen. Er vereint die Stärken der beiden zu einer Kraft, die packt und bewegt wie Daphni, bevor sie wie Caribou auffängt und aufrichtet. Euphorie und Melancholie verschmelzen teils im selben Song, erhebende Beats und traurige Texte halten sich die Waage. Für Snaith ist es genau dieser vermeintliche Widerspruch, in dem die Schönheit liegt: „Es gibt für mich diese Art von Resonanz mit Melancholie oder Nostalgie. Es ist nur menschlich, widersprüchliche Emotionen gleichzeitig zu erleben und ich denke, dass es deshalb bei mir Anklang findet. Ich glaube, es gibt einige Songs, die das nicht haben, die einfach nur glücklich und fröhlich sind. Es gibt nicht so viele, die rein melancholisch sind, aber die Kombination dieser beiden Pole, dieser beiden Extreme, das ist etwas in uns, das immer stark sein wird.“
Hier könnt ihr in das Album „Honey“ von Caribou reinhören

„Honey“ von Caribou erscheint am 4. Oktober 2024 via City Slang.
Aus dem FAZEmag 152/10.2024
Text: M.T.
Credit: Fabrice Bourgelle Pyres
Web: www.caribou.fm