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Grzegorz Demiañczuk und Wojciech Tarañczuk, kurz auch Greg und Voitek genannt, bilden seit zehn Jahren die Formation Catz ’N Dogz. Ein Duo, das in seinen Sets vor allem durch eine einzigartige musikalische Vielseitigkeit zwischen House und Techno besticht und nicht zuletzt deshalb stets ein gern gesehener Gast ist – unter anderem im Watergate. Für die bekannte Watergate-Mix-Compilation durften sie nun die bereits 22. Ausgabe beisteuern – und das passenderweise zehn Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt dort. Wir sprachen mit beiden über ihre Heimat Polen, persönliche sowie inspirierende Momente und natürlich über ihren Mix. 

Dieses Jahr zelebriert ihr beide euer zehnjähriges Jubiläum als Catz ’N Dogz. Lasst uns doch erst mal ein kleines Resümee ziehen: Was hat euch in den letzten zehn Jahren am meisten bewegt?

Voitek: Wenn du uns als Künstler meinst, dann muss ich sagen, dass es interessant ist, wie viele von diesen sogenannten „Trends“ wir überlebt haben. Wir sind jetzt so lange unterwegs und uns interessiert es überhaupt nicht, was gerade angesagt ist. Ich glaube, dass das auch aus künstlerischer Sicht keine Zukunft verspricht. Das für mich Interessanteste in den letzten zehn Jahren war aber mit Sicherheit, wie die Europäische Union die Musikindustrie in Polen verändert hat.

Wie hat sich denn die Industrie in eurer Heimat verändert?

Voitek: Da wir aus Stettin kommen, hatten wir das Glück, sehr viel Zugang zu guter elektronischer Musik zu haben. Früher haben sogar Dixon und Steve Bug in unserer Stadt gespielt. Mit dem Eintritt in die EU sind viele, die sich mit der westlichen Lebensweise identifizieren konnten, ins Ausland abgewandert. Aber es scheint sich jetzt ein Kreis zu schließen, denn viele kommen mit der Erfahrung, die sie gesammelt haben, wieder zurück. Und jetzt passieren gerade sehr viele coole Dinge, vor allem in unserer Heimat. Die Menschen zeigen mehr Initiative und seit ca. vier Jahren sind House und Techno auf einmal bekannte Begriffe.

Greg: Die Gegebenheiten ändern sich stets und die Leute wollen immer etwas Neues, das ist klar. Die neue Generation kann man jetzt zum Beispiel mit Minimal Tracks von Dan Bell aus den Neunzigern begeistern – für sie ist es etwas komplett Neues, auch wenn wir mit unserer Erfahrung wissen, dass der Track schon ewig existiert. Die Szene wird auch immer größer bei uns. Als wir starteten, gab es vielleicht acht polnische Produzenten, die auch wirklich nennenswert waren. Ich denke, es hatte auch etwas mit Geld zu tun. Die ökonomische Lage ist heute einfach besser in Polen. Die Leute haben weniger Angst, sich etwas zu trauen und zu riskieren. Unsere neue „Friends Of Pets“-Compilation auf unserem eigenen Label wird sich sogar ausschließlich auf polnische Produzenten konzentrieren, um genau diese zu fördern. Wir sind sehr bekannt in unserer Heimat und für uns ist es einfacher, die polnische Szene zu unterstützen, als für manch anderen.

Explizit polnische Produzenten zu fördern, war also die ursprüngliche Idee hinter eurem Label?

Greg: Ganz genau! Wir haben zwar immer ein bisschen nach Berlin geschielt und sind auch mal abgewichen von dem Konzept, aber das lag auch daran, dass die meisten polnischen Produzenten von damals die Musik aus verschiedenen Gründen aufgaben. Daher war es viel schwieriger als gedacht. Aber nun gibt es immer mehr Talente und auch die Qualität wird immer besser. Jetzt ist der richtige Moment, um sich wieder darauf zu fokussieren. Was die Szene in Polen angeht, können die Clubs vielleicht noch etwas dazulernen, aber was Festivals betrifft, sind wir mittlerweile auch sehr gut aufgestellt! Auch deutsche Organisatoren zieht es nun nach Polen, schau dir beispielsweise das Bachstelzen Festival an.

Es ist momentan sowieso ein großes Phänomen, dass vor allem in den osteuropäischen Staaten ein Festival nach dem anderen aus dem Boden sprießt. Polen, Kroatien oder Bulgarien entwickeln sich zu den neuen Festival-Hotspots.

Greg: Oder Georgien! Das ist teilweise wirklich verrückt. Ich denke, es liegt zum einen daran, dass es günstiger ist, andererseits stehen wir aber auch clubtechnisch noch in den Startlöchern, sodass die Festivals eine willkommene Abwechslung sind, die die Szene fördert.

Lasst uns noch mal zurück zu euch kommen. Ihr feiert nun zehn Jahre Catz ’N Dogz, habt euch aber schon lange zuvor mit der elektronischen Musik beschäftigt. Wie fing das alles an?

Greg: Wir kommen aus derselben Stadt, Voitek organisierte Partys, ich hatte meine eigene Radioshow. 2002 eröffnete bei uns ein neuer Club und wir fingen an, gemeinsame Clubnächte zu initiieren, die wir „Electronic House Night“ nannten und zu denen wir DJs aus Berlin einluden. Bot sich auch an, so nah wie die Städte aneinander liegen. Um ehrlich zu sein, ist es witzig, darüber nachzudenken, dass das schon 15 Jahre zurück liegt.

Voitek: Es lag vor allem an der geografischen Lage von Stettin, dass wir mit dieser Musik in Berührung kamen. Damals gab es beim staatlichen Rundfunk jeden Samstag eine Sendung, die sich ausschließlich mit Techno beschäftigte und die ich immer hörte. Greg, du hast immer Anja Schneider zugehört, oder?

Greg: Ja, richtig. Wir empfingen in Stettin auch deutsche Radiosender. Wenn ich so zurückblicke, war das Radio tatsächlich das prägende Medium, das uns mit der elektronischen Musik in Kontakt brachte. In unserer Stadt gab es schon auch mehrere Partys und Clubs für elektronische Musik, so war es nicht. Aber wie Voitek schon sagte, mit dem Eintritt in die EU sind viele kreative Leute verloren gegangen, da es sie Richtung Westen gezogen hat mit dem Ziel, bessere Jobs zu bekommen und mehr Geld zu verdienen.

Allerdings habt ihr ja auch eure Heimat verlassen und seid nach Berlin gezogen, anstatt in Polen zu bleiben.

Voitek: Das stimmt. Ich hatte viele Gründe damals. Klar, ich wollte einfach näher an der Szene sein – und die sitzt nun mal in Berlin. Ich bin viel ausgegangen damals, das ging dort einfach besser. Andererseits ist es aber auch kein Geheimnis, dass ich homosexuell bin. Als Mann in Stettin einen Freund zu finden, war quasi unmöglich. Polen ist da leider immer noch sehr homophob. Ich wusste, dass Berlin in der Hinsicht einfach viel offener war und immer noch ist. Die LGBT-Bewegung ist dort sehr groß. Nun bin ich kürzlich nach Madrid gezogen und hier ist die Toleranzquote die höchste in Europa. Das waren meine beiden Hauptgründe, warum es mich aus meiner Heimat wegzog.

Greg: Für mich waren vor allem die Partys ausschlaggebend. Wie Voitek schon richtig sagte, gingen wir oft feiern. Uns zog es öfter mal in den Club der Visionäre oder ins Berghain, wir haben auch einen Monat zusammen gelebt. Für mich war es aber ein Hin und Her: Nach dem einen Monat ging ich wieder nach Stettin, vor vier Jahren zog es mich erneut nach Berlin und jetzt bin ich erst kürzlich zurück nach Stettin gezogen. Aber das war eine tolle Zeit in Berlin – wir haben viele Abenteuer erlebt und eine Menge neuer Freunde gewonnen. Wir haben dort ja immer noch unser Studio, unser Management – und auch unser Label ist weiterhin in Berlin angesiedelt.

Was ich interessant finde: Ihr feiert nicht nur euer Zehnjähriges, sondern standet vor zehn Jahren auch das erste Mal auf dem Mainfloor im Watergate, also gleich zu Beginn eurer Karriere. Erinnert ihr euch noch?

Greg: Ich glaube, das war mit Dan Berkson, James Watt und Trentemøller. Großartiges Booking und wir irgendwo dazwischen – eine fantastische Erfahrung.

Voitek: Das erste Mal, als wir in diesen Club gingen, konnten wir uns kaum den Eintritt leisten (lacht). Dann dort spielen zu dürfen und demnach dafür bezahlt zu werden, dort hinzugehen, war für uns unglaublich. Ich glaube, Greg war da superentspannt – und ich richtig nervös. Ich bin fast verrückt geworden und musste erst mal vier Shots trinken, um mich zu beruhigen. Auch als wir das erste Mal in der Panorama Bar spielten, war das so. Da wurde ich sogar krank vor dem Gig, einfach nur vor Aufregung. Weißt du, heute sind diese Clubs weltweit bekannt, für uns war es damals so, als besuche man einen heiligen Ort – und dann da auch noch spielen zu dürfen? Alles, wofür du hart gearbeitet hast, wo du deine ganze Energie reingesteckt hast, hat sich plötzlich ausgezahlt. Ich reagiere, was das angeht, aber wohl auch einfach sensibel.

Und nun durftet ihr – zehn Jahre später – einen Watergate-Mix zur Serie beisteuern. Wie ging der Prozess vonstatten und wie kam die Tracklist zustande?

Greg: Im Prinzip haben wir einfach viele unserer persönlichen Lieblingsplatten in einen Mix gepackt. Wir lieben es einfach, Emotionen zu kreieren, und wenn wir auflegen, legen wir immer Tracks zur Seite, die wir definitiv einmal in einen Mix packen wollen, weil sie uns einfach gefallen. Für Watergate war das aber schon etwas komplizierter. Es ist ein großer Club mit zwei Floors. Wenn wir oben spielen, legen wir etwas hypnotischer und härter auf. Auf dem Waterfloor experimentieren wir mehr, da wird es dann eher housig. Es war hart, diese beiden Stile zu kombinieren, aber genau das wollten wir. Daher waren wir mit der Trackauswahl länger beschäftigt als gewöhnlich. Wir wollten mit dem Mix eine Story kreieren und ich hoffe, das ist uns hier gelungen.

Sind Mixtapes eigentlich noch zeitgemäß, wo doch jeder seine Sets bei Onlineportalen hochlädt?

Voitek: Ich denke, es ist heutzutage essenziell, einen Mix mit Tracks zu kreieren, die sonst niemand im Kopf hat oder niemand auf ein Mixtape packen würde. Das ist meiner Meinung nach das Geheimnis, wenn man heutzutage herausstechen will. Für uns sind analoge Tonträger immer noch wichtig und deshalb veröffentlichen wir auch jedes Release unseres eigenen Labels auf Vinyl. Auch der Wert eines Mixes erhöht sich dadurch, dass man ihn anfassen kann. Und es ist auch einfach nicht irgendwie ein Mix, den man eben so macht, wie Greg schon richtig sagte. Wir haben uns lange Gedanken darüber gemacht, wie man unsere zehn Jahre in knapp einer Stunde repräsentieren kann.

Greg: Und zu vielen Tracks haben wir auch eine sehr persönliche Beziehung. Zu einigen tanzten wir selbst schon, andere Tracks haben wir am Anfang unserer DJ-Karriere aufgelegt.

Ihr habt, wie ich finde, einen sehr interessanten Produktionsstil. Viele Samples, viele Elemente aus sehr unterschiedlichen Genres wie R’n’B oder Hip-Hop – eure Produktionen sind sehr vielseitig. Wie hat sich dieser Stil entwickelt?

Voitek: Ich glaube, der Ursprung dessen liegt darin, dass wir am Anfang einfach kein Geld hatten, um uns so große Pools an professionellen Samples zu leisten. Wir hatten eine beschissene Software, beschissene Samples und haben diese irgendwie zusammengemixt. Wir haben Sachen aus dem Radio aufgenommen und diese verwendet. Diese Limitation hat uns geprägt und das war, glaube ich, auch der perfekte Weg. All diese Synthesizer und Samplebanks – wir waren nie die Typen, die sich eine ganze Reihe Equipment kauften, ohne zu wissen, was damit angestellt werden sollte.

Greg: Und das ist wohl auch der Grund, warum wir so kreativ sind. Unser musikalischer Hintergrund ist weit gefächert und wir sind immer an neuen Richtungen interessiert. Diese dann zusammenzuführen, ist auch für uns manchmal ein richtiges Abenteuer.

Boiler Room, BBC Radio 1 Essential Mix, ADE, Sonar, jetzt Watergate: Ihr habt viele große Stationen hinter euch. Was ist euer nächstes Projekt?

Greg: Ich denke, der größte Spaß ist es, sich keine Ziele zu setzen, sondern immer Neues zu entdecken.

Voitek: … und immer mehr Menschen für die eigene Musik und allgemein für die elektronische Musik zu begeistern. Wir und du, wir wissen, was beispielsweise Sonar ist, aber es gibt immer noch viele Menschen da draußen, die davon nichts wissen. Wir wollen Musik machen, die nicht vergänglich ist, sondern an die sich viele nach Jahren noch erinnern werden. Es gibt so viele Möglichkeiten und so vieles zu entdecken. Wir haben eine Menge allein erreicht, nun haben wir seit Kurzem ein richtiges Management hinter uns, das genauso denkt wie wir. Wir sind sehr gespannt darauf, was wir noch erreichen können, wenn wir gemeinsam als Team arbeiten, und welche Ideen wir entwickeln können. Das wird auch für uns eine spannende Zukunft!

Aus dem FAZEmag 062/04.2017
Review: Catz ‚N Dogz – Watergate 22 (Watergate Records)
Text: Janosch Gebauer
Fotos: Yonathan Baraki
www.facebook.com/catzndogz.official