CHRISTOPHER VON DEYLEN
Piano + Elektronik

Wer Christopher von Deylen schon einmal persönlich getroffen hat, der weiß: Star-Allüren, Abgehobenheit und selbstverliebte Arroganz sind Begriffe, die zu 0,0 Prozent zum Elektronik-Künstler passen. Sympathischer Freigeist, offenkundige Frohnatur und kommunikationsfreudiger Musiker treffen es hingegen auf den Punkt. Und dieser Musiker hat nun nach 21 Jahren das erste Album nicht unter seinem Projekt-Alias „Schiller“ veröffentlicht, sondern unter seinem Klarnamen Christopher von Deylen. „Colors“ ist das Werk, das man soundstilistisch vielleicht in die Schiller-Kommode legen könnte, jedoch nicht in die gleiche Schublade. Das Piano dominiert, gepaart mit Synthie-Arrangements, dazu eine Prise Minimalismus in puncto Electronica. Ein Instrumental-Album mit zehn Studio-Aufnahmen und zwölf Live-Versionen. Apropos „live“: Ein persönliches Treffen war diesmal nicht möglich – denn während ich im Rheinland verweile, ist Christopher … lest selbst.

 

Hallo Christopher, von welchem Ort rufst du mich denn gerade an?

Ich bin im hohen Norden Deutschlands, mitten im Nirgendwo, auf dem Land, in der Natur. Das war bereits länger geplant, um mein neues Album fertigzustellen.

Ist „Colors“ dort auch entstanden?

Der Kern ist über die letzten Jahre entstanden und gipfelte dann in der „Piano + Elektronik“-Tour, die ich im Februar und März 2020 gespielt habe. Die Finalisierung erfolgte hier, richtig. Generell ist „Colors“ an zwei Orten entstanden. Der Kreativ-Nukleus war hier in einem industriell geprägten Raum mit Flügel. Gemischt und gemastert habe ich das Album – wie auch schon den Vorgänger „Morgenstund“ – in einem Schweizer Tonstudio, da dort sehr viel Analogtechnik vorhanden ist.

„Neue Wege“ wäre sicher auch ein denkbarer Titel gewesen für dein neues Album, denn du beschreitest mit Fokus auf das Piano durchaus einen neuen Pfad.

Der Klaviersound begleitet mich schon viele Jahre, aber erst im Laufe der letzten Zeit wurde mir bewusst, wie vielfältig dieses Instrument ist. Ich habe das Klavierspielen in jungen Jahren erlernt, doch die klassische Musik wurde mir schnell zu eindimensional, sodass ich vielfach den Synthesizer als „Ersatz“ gewählt habe. Die Grundkenntnisse in Harmoniestruktur, die Akkordfolgen und natürlich das Pianospielen an sich waren hier natürlich enorm hilfreich. Dennoch fühlte ich mich dem Klavier nie so richtig gewachsen. Ich hatte stets einen gewissen Respekt vor diesem Instrument. Doch über die Jahre hinweg wagte ich mich immer mehr an den Flügel und mir wurde dann auch schnell klar, dass diese Art von Sound nicht „Schiller“ sein wird. Ergo veröffentliche ich „Colors“ unter meinem richtigen Namen. Der Titel des Albums drückt übrigens die enorme Vielfältigkeit der Klangschattierungen aus. Für mich haben Klänge auch immer eine Farbe. Warme Sounds sind hell, düstere Sounds dunkel …

… was sich durch „She Never Told Him Her Name“ prima veranschaulichen lässt. Dieser Titel ist eher dark, sprich: dunkle Farben, während „Infinity“ viel heller sein dürfte.

Genau. Deshalb lasse ich auf „Colors“ auch einmal das Piano dominieren, ein anderes Mal verschmilzt es im Einklang mit der Elektronik. Und mal liegt die Elektronik klar im Fokus, nachdem sich das Piano zurückgezogen hat, um anschließend umso gehaltvoller zurückzukehren. So kann man perfekt Stimmungen generieren.

Wie wohl die Stimmung bei den Schiller-Fans sein wird, wenn sie das Album hören?

Schiller ist ein Musikprojekt mit einem sehr breiten Klangkorridor. Und dieses Album ist klar reduziert auf Piano und Elektronik. Ich glaube, es wäre falsch gewesen, „Colors“ unter dem Alias „Schiller“ zu veröffentlichen. Wobei ich mir nicht überlegt habe, warum es nicht „Schiller“ ist, sondern warum es „Christopher von Deylen“ ist.

Waren dein Ambient-Projekt „Dreamforest“ und CD 2 von „Morgenstund“ die Vorboten, dass du es künftig musikalisch ruhiger angehen lässt?

Nein. Wenn man in zehn Jahren zurückblickt, wird man natürlich gewisse Stationen und Entwicklungen erkennen. Aber es ist nicht meine Absicht, gewisse Phasen einzuläuten. Die Arena-Tour vor großem Publikum und mit einer Band ist ebenso wenig eine Phase wie die letzte Tour in clubbigerer Atmosphäre vor einer etwas kleineren Anzahl an Gästen. Oder wie die „Klangwelten“-Touren, die rein instrumental waren. Mir geht es nicht darum, sich von der einen Variante zu verabschieden, um sich einer anderen zuzuwenden. Alles sind Experimente, die mir Spaß machen und mit denen ich auch meine Vielfalt zur Musikalität ausdrücken möchte. „Dreamforest“ war kein Meilenstein, mit dem ich sagen wollte „Ab jetzt gibt es nur noch Natur-Ambient-Sounds“, sondern es ist eine Facette. So gibt es auch auf „Colors“ einige Stücke, die durchaus sehr dynamisch sind.

Einer meine Favoriten auf deinem neuen Album ist „Heaven Can Wait“. Plaudere doch gerne einmal aus dem Nähkästchen …

Die Essenz der Stücke ist zur Tour „Piano + Elektronik“ entstanden. Ich habe sie komponiert, um zu sehen, wie sie live funktionieren. Es war für mich das erste Mal, dass ich eine Tour gespielt habe und dass erst anschließend das Album entstand. Normalerweise ist es umgekehrt: Der Künstler geht ins Studio, nimmt Songs auf, veröffentlicht ein Album und geht auf Tournee. Aber mir war wichtig, neue Stücke diesmal erst vor Publikum zu spielen, um zu sehen, wie sie ankommen – wie beispielsweise „Heaven Can Wait“. Das Stück hatte übrigens einen recht schnellen Entstehungsprozess. Und immer, wenn etwas schnell entsteht, werde ich sehr argwöhnisch. Ich denke dann, es fehle der Prozess, „mit sich zu ringen“ und „es sich schwer zu machen“ – was mir das Gefühl gibt, der Song sei weniger wert. Der Titel war das Resultat eines nur einzigen Abends. Ein tolles Gefühl, dass er live so gut bei den Gästen ankam. So hörte auch das Hinterfragen in mir auf, ob es gut oder schlecht war, das Stück in so kurzer Zeit geschrieben zu haben.

Nach der Tour ist vor der Tour. Auch nächstes Jahr wirst du nicht in den großen Arenen spielen, sondern in clubbiger Atmosphäre. Hat dies den Hintergrund, dass der Sound von „Christopher von Deylen“ weniger massenkompatibel ist als der von „Schiller“?

Nein. Ich glaube schon, dass der Sound massenkompatibel ist. Aber wenn ich mit einem Flügel und kleinem elektronischen Fuhrpark auf der Bühne bin, möchte ich die Nähe zum Publikum spüren. So habe ich die letzte Tour – und das gilt auch für die kommende – ohne In-Ear gespielt. Ich habe den Raum und die Reaktion des Publikums sofort wahrnehmen können. Eine Sache, an die ich mich gewöhnen musste. Gewöhnen wollte! Denn während man in den Arenen kaum ein einzelnes Gesicht im Zuschauerraum erkennen kann, ist man dem Publikum in kleinen Clubs viel näher. Die Atmosphäre ist vertrauter, intimer, persönlicher – und das passt letztendlich viel besser zum „Colors“-Sound als eine große Arena.

Du wirst allein auf Tour gehen, ohne Gastmusiker, ohne Sänger, ohne Drums und Gitarre.

Richtig. Der Flügel, Electronica und ich. Somit war es auch Absicht, keine Gastkünstler für die Albumproduktion einzuladen. Der Flügel ist der Gastkünstler. Und Gesang wäre quasi das fünfte Rad am Wagen gewesen. Wenn ich zurückblicke, sind auch die ersten „Schiller“-Alben so entstanden. Erst durch die Live-Erfahrung habe ich dann erlebt, wie aufregend es ist, was mit Musik passieren kann und machbar ist, wenn sie in einem Band-ähnlichen Umfang gespielt wird. Ich gehe also zurück zu den Wurzeln und freue mich sehr auf die anstehende Tour.

Wie mir Christopher noch verraten hat, wird es natürlich auch künftig weitere „Schiller“-Alben geben. Doch zuvor geht der Klang-Virtuose noch auf „Piano + Elektronik“- Tour, unter anderem in Köln, Hamburg, Dortmund, München, Frankfurt und Stuttgart. Alle Termine unter www.schillermusic.com und www.christophervondeylen.com.

 

Aus dem FAZEmag 104/10.2020
Text: Torsten Widua
Foto: Gregor Hohenberg | Sony Music
www.schillermusic.com