Im Jahr 2020 gibt es beim 1971 in Cleveland, Ohio geborenen VonStroke so einiges zu feiern. So wird sein Label Dirtybird Records 15 Jahre alt und noch dazu veröffentlichte der US-Amerikaner am 21. Februar sein viertes Studio-Album mit dem Titel „Freaks & Beaks“. Das Werk umfasst Subgenres wie Tech-House, Minimal, Deep House und Left-Field. Sein Label, das als Free-Event gestartet war, hat sich schnell etabliert und verzeichnet eine überaus erfolgreiche Historie mit zahlreichen gefeierten und musikalisch breit gefächerten Veröffentlichungen – vom Mixmag wurde es vor drei Jahren für die Zeit von 2007 bis 2017 zum „Label des Jahrzehnts“ gekürt. Dirtybird kuratiert nach wie vor immer wieder Festivals, Showcases und verschiedene Campouts rund um den Globus – so z. B. beim Burning Man in der Wüste Nevadas – und genießt mittlerweile auch als Fashion-Label hohes Ansehen, das von VonStrokes Frau geführt wird. Emily, die Schwester von VonStroke, mischt ebenfalls mit: Sie hat eine Dokumentation über die Entstehung von „Freaks & Beaks“ gedreht und produziert, die in insgesamt sechs Teilen online veröffentlicht wird. In diesem Jahr ebenfalls erscheinen wird ein Bildband, zu dem neben Signierstunden in London sowie New York auch eine Kunstausstellung in Los Angeles geplant ist.


Claude, Glückwunsch zu 15 Jahren Dirtybird.

Vielen Dank. Ich denke, früher war es keine so große Sache, aber heutzutage ist es meiner Meinung nach schwieriger, ein Label, vor allem in dieser Größenordnung, zu führen. Ich weiß das, weil 70 Prozent meiner Künstler ihre eigenen Labels haben. Ein größeres Label am Laufen zu halten, kann eine Herausforderung sein, weil man heute, wo es keine Vinyls oder CDs mehr gibt, Sachen sehr einfach veröffentlichen kann. Deshalb versuchen wir, Dirtybird immer interessanter zu gestalten, wie mit Fashion, eigenen Festivals und Events. Das erzeugt das Gefühl einer großen, positiven Familie, und das kann man bei einem kleinen Label so nur schwer hervorrufen.

Fangen wir ganz vorne an. Das Label begann zunächst als Veranstaltung, die keinen Eintritt kostete.

Wir haben das damals aus reiner Freude an der Sache gemacht, auch wenn es eine Menge Arbeit war. Irgendwann haben wir angefangen, für die Indoor-Party fünf Dollar zu nehmen, um so die Open-Air-Party finanzieren zu können. Ich glaube, weil wir so zugänglich und günstig waren, wurden wir in San Francisco zum Liebling der Leute. Und natürlich wegen der guten Musik … (lacht)

Eineinhalb Jahrzehnte voller erfolgreicher, verrückter, manchmal überraschender Veröffentlichungen und Events liegen nun hinter dir. Wie blickst du auf diese Zeit zurück?

Es war eine epische Reise, es gab viele unglaubliche Momente voller Spaß, viel Politik, viele Fehler und zahlreiche Siege. Man kann die großen Höhen nicht ohne die großen Tiefen genießen, und eine erfolgreiche Plattenfirma zu führen, bringt definitiv aus beiden Gefühlswelten was mit sich. Ich glaube, es geht darum, immer 100 Prozent zu geben, auch wenn das Ergebnis dadurch vielleicht zu 100 Prozent scheiße wird. Aber nur so erreicht man unter Umständen auch den 100-prozentigen Erfolg. Nur so, mit vollem Einsatz, funktioniert das für mich.

Sicherlich ist jedes Release etwas Besonderes, aber welche hältst du rückblickend für die wichtigsten des Labels?

Es gibt wirklich einige sehr große Releases in unserer Diskografie. Wir hatten einige Monsterhits von Fisher, „Okay“ von Shiba San und „Jack“ von Breach, aber um ehrlich zu sein, war die EP, die zum absoluten Durchbruch führte, die „Whistler/Who’s Afraid of Detroit?“-EP von 2005. Diese Tracks sind zeitlos und repräsentieren die Brand voll und ganz.

Mixmag hat Dirtybird zum wichtigsten Label des Jahrzehnts gewählt. Wie hat sich das Label seit 2005 deiner Meinung nach entwickelt?

Am Anfang gab es bei diesem Projekt nur mich. In meinem Schlafzimmer. Dann waren es irgendwann ich und eine Praktikantin, und schließlich bekamen wir tatsächlich Mitarbeiter. Die größte Veränderung brachte das Dirtybird-Campout vor sechs Jahren mit sich, unser allererstes Festival. Das war der entscheidende Schritt, wir wurden zu einem richtigen Namen und haben uns vom reinen Plattenlabel zu einer Brand entwickelt. Heute veranstalten wir viele Festivals und stellen für Millionen von Dollar Kleidung her. Das ist eine sehr große Sache und eine wahnsinnige Entwicklung, wenn man sich die Underground-Zeiten von damals anschaut.

Wie hast du dich als Künstler in dieser Zeit entwickelt?

Ich würde sagen, die größte Veränderung für mich als Künstler kam mit der Entwicklung der Technik. Denn durch diese bin ich in der Lage, Songs besser klingen zu lassen. Das bedeutet nicht, dass es bessere Songs sind, aber ich habe seit 2005, als ich über alles nur Vermutungen anstellte, so viel über die Produktion von Platten und den Prozess der Plattenherstellung gelernt. Ich glaube, ich mache immer noch teils sehr tiefgründige und teils sehr lustige Musik. Und das ist der Teil, der sich nicht wirklich verändert hat. Aber das ist auch gut so.

Würdest du sagen, dass es heutzutage schwieriger geworden ist, ein Label zu führen?

Ich bin der Typ Mensch, der jeden Tag rund 100 Ideen hat, sodass die Herausforderung eher darin besteht, die guten auszuwählen und sie richtig umzusetzen. Meine Frau ist die Beste, wenn es darum geht, schlechte Ideen zu vernichten und mir dabei zu helfen, die guten Ideen zum Kern zu bringen. Sie leitet jetzt den Laden und sie ist unglaublich gut in ihrem Job. Die Musik fungiert quasi nur noch als Visitenkarte für das eigentliche Unternehmen, das aus Events und Fashion besteht. Klar erzielen wir auch Umsätze mit unseren Releases, aber das reicht bei Weitem nicht aus, um ein Büro mit Angestellten zu führen. In gewisser Weise ist das aber unfassbar befreiend, weil ich mich nicht auf die Musik verlassen muss und so auch abgedrehte und skurrile Sachen herausbringen kann.

Nicht jedes Label ist in der Lage, ein so großes Unternehmen hervorzubringen. Wie siehst du die Zukunft von Labels im Allgemeinen?

Das ist Fluch und Segen zugleich. Heute kann jeder Künstler sein eigenes Label haben, und genau das passiert ja aktuell. Letztlich dient ein Label ja nur als Fahrzeug für einen Künstler und macht es ihm möglich, sich frei auszudrücken. Es gibt aber auch große Brands wie Ninja Tune, Warp, Ghostly oder eben Dirtybird, die den Leuten dort draußen etwas bedeuten. Solche Namen werden in der Szene immer ihren Platz haben. Die Fans wollen und brauchen ein Zuhause, zu dem sie gehen können, um sich wohlzufühlen. Und ich glaube, diesen Job erledigen wir ganz gut.

Lass uns über dein neues Album sprechen. „Freaks & Beaks“ ist dein viertes.

Ich habe das Album auf diesem unglaublichen Vibe aus der Zeit des Schallplatten-Shoppings aufgebaut, den ich in meinen Anfangszeiten so stark gespürt habe. Es gab damals keine wirklichen Einschränkungen bezüglich dessen, was die Leute spielten, und es gab eine Menge sehr seltsamer Platten, insbesondere aus Deutschland. Ich war ein großer Fan von Playhouse, den Wighnomy Brothers und Roman Flügel und all diesen lustigen, seltsamen Klängen – aber gleichzeitig mochte ich Derrick Carter und A Tribe Called Quest, DJ Assault und Ed Rush & Optical. Eine verrückte, aber super Mischung von Vibes. Daran ist das Album angelehnt.

Hat sich deine Art, Musik zu produzieren, deiner Meinung nach verändert?

Ja, jetzt mache ich Hunderte Loops. Ich mache jeden Tag unzählige Loops, anschließend wähle ich die besten aus. Das geht wesentlich schneller. Früher saß ich an einem Track und bin so lange nicht von ihm abgewichen, bis er fertig war. Rückblickend betrachtet totaler Irrsinn. Es dauerte ungefähr zehnmal länger, bis etwas fertig war, und oft wurde alles zu Tode produziert. Jetzt setze ich wesentlich mehr Ideen um und wähle die besten aus, die dann ausproduziert werden.

Deine Schwester hat einen Dokumentarfilm über das Album gemacht.

Das ist eher eine Mini-Doku-Serie, die auf YouTube zu sehen ist. Sie ist mir auf der Tournee gefolgt, während wir das Dirtybird-Buch und Teile des Albums gemacht haben. Da sie meine Schwester ist, zeige ich ihr all die blödesten Dinge – vor ihr muss ich mich nicht zurückhalten. Es gibt einiges an Making-of-Material und Tour-Tagebuch-Zeug zu sehen. Im Allgemeinen bekommt man einen Eindruck von mir und meiner Arbeit. Einige Teile sind lustig, andere ernst.

Mit dem Album und dem Jubiläum geht es für dich auf große Welttournee. Was steht auf deiner Agenda?

Da stehen großartige Sachen: Südamerika, Asien, Nordamerika, Europa. Ich wünschte, ich könnte mehr machen, aber ich kann nicht mehr als 100 Shows im Jahr spielen. Das ist zu viel, wenn ich auch noch das Business und die Festivals an der Seite meiner Frau leite.

Was steht für den Rest des Jahres auf dem Programm?

Ich habe bereits zwei weitere Sachen für die Zeit nach dem Album gemacht. Die erste erscheint Ende März mit Catz ’n Dogz. Außerdem habe ich noch einen Remix für Marc Houle bei Items & Things gemacht und es ist noch unglaublich viel in Planung.

Aus dem FAZEmag 097/03.2020
Text: Triple P
www.facebook.com/claude.vonstroke