
Hintergrund ist das fortschreitende Clubsterben in der Hauptstadt. Viele einst prägende Orte sind bereits verschwunden, andere stehen vor dem Aus. Mit jeder Schließung gehe auch ein Teil des Weltkulturerbes Techno verloren.
Initiiert wurde das Projekt von Steffen Lepa vom Fachbereich Audiokommunikation der TU Berlin und Anita Jóri von der Universität der Künste. Gemeinsam mit Studierenden arbeiten sie an einem virtuellen Archiv, das Berliner Clubs optisch und akustisch rekonstruieren soll.
Aktuell wird der Club Jonny Knüppel im Prenzlauer Berg digital erfasst. Jeder Winkel des Geländes wird vermessen und fotografiert. Die Aufnahmen werden anschließend zu einem dreidimensionalen Modell zusammengefügt.
Auch die Akustik des Clubs wird dokumentiert, um das Klangerlebnis später möglichst authentisch nachbilden zu können. Student Simon Henne bezeichnet die Mitarbeit an dem Projekt gegenüber RBB als Ehre.
Die technische Umsetzung sei mit heutigen Mitteln zudem einfacher als erwartet: „Also mit der heutigen Technik ist es eigentlich relativ ‚leicht‘ in Anführungszeichen.“ Das Projekt reagiert auf eine Entwicklung, die viele Berliner Clubs betrifft.
Steigende Kosten, hohe Mieten und Verdrängung setzen zahlreiche Spielstätten unter Druck. Auch Jonny Knüppel muss Ende des Jahres schließen, weil der Eigentümer das Gelände künftig bebauen will.
Die Idee für das Archiv entstand aus der Frage, warum Kulturerbe häufig nur mit weit zurückliegenden Epochen verbunden wird. „Wir sind beide groß geworden auch in den 1990er und 00er Jahren mit der Techno-Szene“, erklärt Steffen Lepa.
Statt ausschließlich historische Konzertsäle zu erforschen, habe man sich bewusst einem wichtigen Teil Berliner Gegenwartskultur zugewandt. Neben der räumlichen Erfassung spielt der Klang eine zentrale Rolle.
Für die Forscher ist der Clubraum selbst Teil des Instruments. „Der Raum ist in dem Sinne für uns auch ein Instrument, was bespielt wird durch die Musikanlage“, sagt Lepa. Erst bei hohen Lautstärken entstehe ein körperliches Erlebnis, das sich deutlich von Musikwiedergabe im Wohnzimmer unterscheide.
Zum Archiv gehören außerdem Zeitzeugeninterviews. Im Fall von Jonny Knüppel wird Betreiber Jakob Tutur von Studierenden befragt. Nachdem das Ende seines Clubs feststand, meldete er sich selbst bei den Forschern.
„Ich mein für uns ist es natürlich ein Erinnerungsstück auch und deswegen finde ich das gut“, sagt er. Später sollen Besucher die rekonstruierten Clubs mit einer VR-Brille erkunden können. Dabei lassen sich unterschiedliche Dancefloors besuchen und historische Tracks in ihrer ursprünglichen räumlichen Umgebung erleben.
Ziel ist es, die Verbindung von Musik, Architektur und Atmosphäre nachvollziehbar zu machen. Ein erster virtueller Club existiert bereits. Im vergangenen Semester entstand ein 3D-Modell der Wilden Renate.
Darüber hinaus arbeiten die Beteiligten bereits an Rekonstruktionen längst geschlossener Berliner Institutionen wie dem E-Werk oder dem Bunker. Das Archiv soll in erster Linie Forschungszwecken dienen.
Geplant sind aber auch Ausstellungen und öffentliche Nutzungsmöglichkeiten. So könnten Clubs, die physisch längst verschwunden sind oder bald schließen, zumindest digital erhalten bleiben und ihre Geschichte für kommende Generationen weitererzählen.
Quelle: RBB
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