Daniel Avery – Stroboskope und Emotionen

Foto: Kalpesh Lathigra

Mit „Tremor (Midnight Versions)“ öffnet der DJ und Produzent Daniel Avery ein weiteres, dunkleres Kapitel seines zuletzt vielschichtigen Albums „Tremor“. Statt das Material hinter sich zu lassen, hat der Brite den gesamten Longplayer selbst neu interpretiert – reduzierter, direkter und klar auf den Club ausgerichtet. Entstanden ist kein klassisches Remix-Album, sondern eine nächtliche Parallelwelt, die Techno und emotionale Tiefe zusammenführt.

Dies passierte mehr organisch als geplant. „Es ist irgendwie lustig, denn ich beschreibe mich oft grundsätzlich als Rock-Typ, vergesse dabei aber, dass ich seit 15 Jahren professioneller Techno-DJ bin“, sagt Avery. Beide Seiten seien für ihn gleichwertig – und voneinander abhängig. „Die Wahrheit ist, dass das eine ohne das andere nicht existieren könnte.“ Ausgangspunkt war ein Rework von „Greasy“, doch schnell entwickelte sich daraus das Bedürfnis, das gesamte Album neu zu bearbeiten. „Alles ist ganz natürlich passiert, und ich bin wirklich stolz darauf, wie es klingt.“

Die „Midnight Versions“ versteht Avery dabei nicht als bloßes DJ-Werkzeug, sondern als eigenständige Erzählung. „Für mich ist es beides. Ich wollte, dass das Album für sich selbst steht und gleichzeitig weiterhin in der Welt von ,Tremor’ existiert.“ Inspiration lieferten Rework-Klassiker wie „Further Down The Spiral“ von Nine Inch Nails oder Massive Attack vs. Mad Professor, die vertrautes Material radikal neu rahmten, ohne seinen Kern zu verlieren. Im Gegensatz zur kollaborativen Produktion von „Tremor“ war die Arbeit an den „Midnight Versions“ deutlich zurückgezogener. Die Stimmen der ursprünglichen Mitwirkenden blieben dabei jedoch präsent. „Ich wollte so viele Vocals wie möglich weiterverwenden. Aber ja, es war eine sehr viel solitärere Erfahrung.“ Besonders der veränderte Kontext habe den Reiz ausgemacht: „Ich liebe es, wenn Musik durch neue Zusammenhänge andere Gefühle annimmt.“

Dass die neuen Versionen stärker Richtung Techno tendieren, empfindet Avery nicht als Rückbesinnung, sondern als Selbstverständlichkeit. „Techno war immer ein riesiger Teil meines Lebens. Selbst bei einem Band-orientierten Album wie ,Tremor’ war klar, dass es trotzdem einen Techno-Herzschlag haben würde. Das kann ich nicht ignorieren.“ Passend dazu erscheint das Album parallel zu seiner Residency im Londoner Phonox. Für Avery ist klar, wo diese Musik ihre volle Wirkung entfaltet. „Ich werde mein Leben lang ein Cheerleader für Clubs bleiben. Techno bekommt eine völlig neue Dimension, wenn man ihn gemeinsam erlebt.“ Unabhängige Venues seien dabei zentral: „Sie sind das Zentrum unseres musikalischen Universums.“

Auch die Diskussion darüber, was einen „guten DJ“ heute ausmacht, sieht Avery entspannt. „Die Messlatte kann noch so oft verschoben werden – am Ende geht es immer darum, dass ein Musikfan Dinge teilt, die er liebt, auf eine Weise, die ihn selbst begeistert. Alles andere ist nur Dekoration.“ Mit Blick auf 2026 zeigt sich Daniel Avery offen und energiegeladen: „Mehr Live-Shows mit der Band, mehr DJ-Sets und viel mehr Zeit im Studio. ,Tremor’ fühlte sich wie eine Wiedergeburt an – und ich genieße es, diesen Weg weiterzugehen.“ Wenn man beide Alben nebeneinanderlegt, so, hofft er, soll vor allem eines im Vordergrund stehen: „Dass man die größere Welt dessen genießen kann, was ich mache. Es kommt alles aus derselben inneren Quelle – und ich liebe es, all das teilen zu können.“ Veröffentlicht wird das Werk am 6. März auf Domino Records.

Aus dem FAZEmag 169/03.2026
Text: Triple P
Foto: Kalpesh Lathigra
www.instagram.com/danielmarkavery