david guetta


Immer wieder ist dieser Mann Ziel für Hohn und Spott seitens Menschen, die ihm den Schritt aus dem House-Underground ins Rampenlicht des EDM-Kommerzes nie verziehen haben. Mit dem Hohn und Spott steigen aber auch die Ansprüche jener, die ihn für das mögen, was er heute tut und wer er ist. Und natürlich steigt bei einem so erfolgsverwöhnten Mann wie ihm auch der Anspruch an sich selbst. Im besten Falle zumindest, und im Falle seines sechsten Albums war es so. Das sagt er zumindest, und auch, wie froh er ist, dass er es nach drei Jahren endlich im Kasten hat. Nachdem in der Vergangenheit Kollaborationen mit zahlreichen Superstars aus dem R ’n’ B- und Urban-Umfeld auf seinen Alben vertreten waren, hat er dieses Mal darauf verzichtet. Nicht auf Gäste an sich, aber eben auf die üblichen Verdächtigen, die prominenten Rampensäue.

Und noch etwas ist anders: Statt wie bislang schnöde die scheinbar immer wieder selben Beats aneinander zu reihen, setzt der Franzose, der früher locker jeden Otto Waalkes Look-A-Like-Contest gewonnen hätte, auf akustische Instrumentierung – natürlich immer in Verbindung mit einer gewissen, simplen elektronischen Programmierung, die so etwas wie sein Markenzeichen geworden ist. Er griff für „Listen“ zu Gitarre und Piano und setzte sich das Ziel, echte Songs zu schreiben. Das hat er, mitunter, und wird er damit auch erneut nicht die Gnade all jener zurückgewinnen, die ihn noch Anfang der 90er als French House-Gott schätzten, so beweist er den Zweiflern dennoch, dass er mehr kann, als die immer gleichen drei Knöpfchen zu drücken. Gut, einige der diesmaligen Gäste sind auch keine Unbekannten, doch ist die Liga eine andere. Statt Taio Cruz, Akon, Kelly Rowland und will.i.am sind es dieses Mal Emeli Sandé, Miss Dynamite, The Script und sogar Singer/Songwriter John Legend. Mit Nicki Minaj und Sia sind aber auch zwei bekannte Guetta-Partnerinnen vertreten. Bei mehreren Stücken setzt Guetta auf den bislang unbekannten Sänger Sam Martin. Schon die Single „Dangerous“, bei der er zu hören ist, ist ein gelungenes Stück Popmusik. Natürlich sind „Lovers On The Sun“, das sich ja so einige Wochen in Deutschland auf der Eins hielt, oder das mit Showtek produzierte „Bad“ feat. Vassy und „Shot Me Down“ durchaus ganz klassisch im kommerziellen EDM-Bereich verankert, doch bietet das Album genug Abwechslung und einige Neuerungen, um David Guetta noch einmal neu zu entdecken. Wenn man das denn möchte. Grundsätzlich betone ich es ja immer wieder gern, was für ein netter Mensch dieser Franzose doch ist. Professionell, ja, und doch wirkt seine Freundlichkeit nie aufgesetzt. Vielleicht ist sie das, aber dann ist er auch noch ein guter Schauspieler. Wer seinen Auftritt bei „Circus Halligalli“ vor einiger Zeit gesehen hat, kommt gar nicht umhin, mir hinsichtlich des Sympathiefaktors zuzustimmen – es sei denn er heißt Cathy und hat sich in diesem Jahr erst von ihm scheiden lassen. Aber das soll nicht unser Thema sein. Trotz allen Erfolgs wirkt David Guetta auf Außenstehende manchmal wie ein kleiner Junge im Spielzeugladen. So oder so ähnlich hat er sich aber wohl auch bei der Produktion von „Listen“ manchmal gefühlt. Erstmals in all der Zeit hat er einen Blick in sein Inneres geworfen und persönliche Dinge in seinen Songs verarbeitet.

Hi David, ist „Listen“ genau das Album geworden, das du dir zu Beginn der Produktion vorgestellt hast?
David Guetta: Der Grund dafür, dass es am Ende so lange gedauert hat war, dass ich etwas machen wollte, was vorher noch niemand anderes so gemacht hat. Ich wollte mich selbst neu erfinden. „One Love“ hat mich seinerzeit für diese bis dahin einzigartige Kombination aus Urban und Dance berühmt gemacht. Das war neu, aber das Thema ist jetzt doch durch. Ich wollte was anderes machen, das galt für meine Musik ebenso wie für mein ganzes Leben. „Was für eine Art Leben möchtest du führen?“ – das war die Frage, die ich mir gestellt habe. Möchte ich immer auf Nummer sicher gehen und mich selbst wiederholen? Nein, das möchte ich nicht. Wenn du ganz oben bist, was bleibt da noch außer der Angst vor dem Abstieg? Bis dahin habe ich immer einen Beat genommen und darauf den Song geschrieben. Dieses Mal habe ich mit Piano, Stimme und Gitarre begonnen und drumherum den Song produziert. Ich habe die Art zu arbeiten ebenso geändert wie die Auswahl der Leute, mit denen ich kollaboriert habe.

Heißt das, dass du jeglichen Erfolgsdruck abgelegt hast? Du hast keinen Gedanken daran verschwendet, wie erfolgreich dein letztes Album war?
Davon wurden mehr als vier Millionen Exemplare weltweit verkauft. Das ist schon ziemlich groß. Es gibt nicht viele Künstler, denen das in diesem Jahr gelungen ist. Aber das ist es nicht mal, was einen unter Druck setzt. Klar möchte man sich immer verbessern, mit jedem Album, das man macht. Aber der Druck kommt eher aus einem selbst und daraus, etwas Neues machen zu wollen. Für viele ist diese Kombination aus Urban und Dance eben der „Guetta Sound“, denn ich habe zwei solcher Alben produziert. Das hat mich berühmt gemacht. Wenn du dann entscheidest, dass du das nicht mehr machen möchtest, spürst du schon einen gewissen Druck. Ich hatte einfach das Gefühl, dass unser Sound zu sehr in eine bestimmte Ecke gedrängt wurde. Bedeutet EDM auch viel Spaß beim Auflegen, ist es mir doch ein bisschen zu einseitig. Es sind immer dieselben Sounds. Das funktioniert als DJ-Set, aber als Album doch eher nicht.

Welche Erkenntnisse hast du für dich aus der neuen Herangehensweise an das Projekt Album gezogen? Hast du noch etwas dazugelernt, das dir vorher so nicht bewusst war?
Ich habe viel mehr Zeit ins Songwriting investiert. Es ist mein wohl persönlichstes Album geworden. Bisher habe ich eine Menge Songs über Happiness, Love und Sexiness geschrieben, es war eine einzige Party. Das war mein Leben. Nun ist mein Privatleben ein bisschen komplizierter geworden und das spiegelt auch mein Album wider. Das ist neu für mich, bisher wollte ich die Menschen immer nur zum Tanzen bringen. Fällt es dir schwer, ein solch wichtiges Projekt wie dein Album als „fertig“ zu bezeichnen und die Arbeiten final abzuschließen? Bei meinem Label arbeitet mit Pierre-George aus Paris ein Mann, der mich seit meinem ersten Release kennt. Und er weiß wie schwer es für mich ist, ein Ende zu finden. Ich bin nie zufrieden. Er hat mir eine Deadline gesetzt, und das war gut so. Sonst würde ich vermutlich immer noch daran rumschrauben.

Du spielst längst keine Clubgigs mehr sondern eher konzertähnliche Events. Ist es für dich vorstellbar, die neuen Songs eben auch mit Band auf die Bühne zu bringen?DavidGuetta
Das wäre sicherlich fantastisch, aber das ist nicht das, was ich machen möchte. Ich weiß wie man auflegt, und ich denke es gibt unzählige Menschen, die das Band-Ding besser beherrschen als ich. Ich möchte mich auf keinen Fall mit irgendwelchen hervorragenden Rockbands messen lassen müssen. Ich habe mein ganzes Leben – bzw. seit etwa 1988 – dafür gearbeitet, dass DJs als Künstler ernster genommen werden. Da kann ich doch nicht an dem Punkt, wo das endlich funktioniert, damit aufhören. (lacht)

In diesem Jahr konnten Daft Punk die Massen erneut begeistern. Ein Act, zu dem du eine ganz besondere Beziehung unterhälst…?
Nun, ohne Thomas Bangaltar wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ich habe früher das Queen in Paris betrieben, mit einem damals völlig neuartigen Konzept. Die Idee war, Gast-DJs einzuladen. Das klingt heute lustig, denn es ist ganz normal. Aber zu der Zeit war es eine echte Revolution. Ich habe Leute wie Danny Tenaglia, Louie Vega und David Morales in den Laden geholt. Und Thomas und Guy-Manuel waren auch immer da. 2001 habe ich dann eine Platte produziert und Thomas gebeten, sie ihm vorspielen zu dürfen. Er fand sie super und hat direkt den Chef von Virgin France angerufen. Dort war er selbst unter Vertrag. Das war echt verrückt. Ich habe direkt einen Termin bekommen. Dank Thomas’ Anruf konnte ich noch am selben Tag meinen Vertrag dort unterzeichnen.

Damals warst du Teil der bis heute prägenden French House-Szene. Ein Vorbild für viele. Inzwischen würde man dich eher als Popstar unter Popstars bezeichnen. Wie kam es zu dem Wandel?
Ich arbeitete an einem neuen Album und spielte in einem Club, als Kelly Rowland hereinkam. Sie fragte mich nach der Platte, die gerade lief. Ich sagte ihr, es sei eine Produktion von mir. Sie mochte es und fragte, ob sie darauf mal singen könne. So kam es zu „When Love Takes Over“. Noch in derselben Woche bekam ich eine Nachricht von will.i.am, dem „Love Is Gone“ gefiel. Er meinte, er wolle etwas in der Art von mir haben. Daraus wurde „I Gotta Feeling“. Als ich mit Kelly gemeinsam in London unsere Single performte, kam schlussendlich auch noch Akon um die Ecke, der direkt nach uns spielte. Auch er war an einer Zusammenarbeit interessiert, wenig später war „Sexy Bitch“ geboren. Drei Platten, alle in einem einzigen Monat entstanden. Das war ein Selbstläufer. Und der Wendepunkt. Plötzlich wurde ich im amerikanischen Radio gespielt. Solche Musik gab es dort vorher nicht, und es hat vielen anderen Künstlern dieser Art die Türen geöffnet. Das passierte dann auch noch mal mit „Titanium“, ein weiterer Wendepunkt in meiner Karriere. Ich denke, mit der neuen Single „Dangerous“ könnte es ähnlich laufen.

Du kommst eigentlich aus einem viel undergroundigeren Umfeld. Fehlt dir das nicht manchmal. Musikalisch, aber auch atmosphärisch?
Ja, manchmal schon. Das Ding ist, dass ich jetzt große Konzerte und Festivals spiele. Selten spiele ich vor weniger als 10.000 Leuten. Dort kannst du dann nicht plötzlich Deep House spielen, egal wie populär der gerade ist. So was würde auf so riesigen Events niemals funktionieren.

Was hörst du privat derzeit am liebsten?
Zum Beispiel Hozier mit „Take Me Zo Church“. Ich liebe diese Songs. Und alles was Sia macht. Und ich höre daheim sehr viel Marvin Gaye und Stevie Wonder.

Das wird nicht so häufig vorkommen, schätze ich. Man muss nur einen Blick in deinen Kalender werfen und weiß, dass du nur selten Zuhause bist. Wie nutzt du die viele Zeit, die du in Flugzeugen verbringst?
Das ist die beste Zeit für mich, um an meiner Musik zu arbeiten. Kein Telefon, kein Internet, nichts, das mich ablenkt. Da bin ich total fokussiert. Das ist toll. Ich kann also Musik machen, und ich kann schlafen. Gerade der September zum Beispiel war hart. Ibiza am Donnerstag und am Freitag, Las Vegas am Samstag … und dann musste ich noch das Album zu Ende produzieren, und das Video zu „Dangerous“ drehen. Das war schon bitter.

Klingt, als wäre eine Menge Planung nötig, um ein solches Leben führen zu können, zumal du auch noch Kinder hast…
Ich habe ein spezielles Kalendersystem, denn verschiedene Leute haben an mich verschiedene Ansprüche. Mein Label will, dass ich Interviews gebe. Mein Agent möchte, dass ich Konzerte spiele. Meine Familie möchte mich zuhause sehen. Alle wichtigen Personen in meinem Umfeld haben einen Zugang zu diesem Kalender und sie können dort Dinge eintragen, aber sie können nichts löschen, das jemand vor ihnen dort notiert hat. Manchmal ist es wie ein Wettkampf. Wer bekommt als erstes diesen oder jenen Tag?! (lacht)

Selbst deine Kids haben Zugang zu deinem Online-Kalender?
Nein, sie sind noch zu klein. Aber würde ich auf meinen Sohn hören, würde ich gar nicht mehr arbeiten. Nie wieder. Ich würde nur noch mit ihm im Park Fußball oder daheim Playstation spielen.

Und trotzdem unterliegen deine Kinder deiner akribischen Zeitplanung?
Ich mache das leider noch nicht lange so, aber mir ist es wichtig, mich in der Zeit mit meinen Kindern nur auf sie zu konzentrieren. Dann gibt es nichts anderes. Es ist mir nicht erlaubt, dann nebenbei irgendwem irgendwas zu schreiben.

Was würdest du machen, wenn du tatsächlich mal Zeit nur für dich hättest? Einen ganzen Tag – ohne Musik, ohne Termine, ohne Kinder?
Mach mal ruhig eine Woche draus. Ich würde mich in die Berge zurückziehen, den ganzen Tag Skifahren. Oder in eine kleine Hütte am Strand ziehen und von morgens bis abends tauchen.

Eine Unmöglichkeit, oder ließe sich das trotz deines vollen Terminplans organisieren? Eine komplett freie Woche?
Das ist völlig utopisch. Ich denke, es wiegt mich in Sicherheit, wenn ich sage, das wäre möglich. Aber ich mache es einfach nicht. Es sei denn, ich bin bei meinen Kindern. Dann nehme ich mir dafür komplett frei, auch schon mal eine Woche. Und nur sie bestimmen, wann ich in der Woche was erledigen darf. Sobald ich zum Telefon greife, heißt es sofort: „Nee, nee, nee, du darfst das Telefon nicht benutzen.“ /Nicole Ankelmann

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