„Die Leidtragenden sind die Kulturschaffenden“ – Clubbetreiber Maik Jech über das drohende Fiasko auf dem Berliner RAW-Gelände

Das Berliner RAW-Gelände ist nicht nur die letzte große Industriebrache in Friedrichshain, sondern auch das Zuhause zahlreicher Clubs und Kulturstätten wie dem Crack Bellmer, Cassiopeia, Lokschuppen und dem Weißen Hasen. Weil zwischen der Kurth-Gruppe, Eigentümer des Areals, und der Bezirksverwaltung aber seit Jahren ein Konflikt um ein geplantes Bauvorhaben schwelt, droht der Vermieter nun damit, die Kulturprojekte nicht länger zu subventionieren. Für viele würde das ein finanzielles Fiasko und womöglich das Aus bedeuten. Im Gespräch erzählt uns Maik Jech vom Weißen Hasen mehr zur aktuellen Situation.

Maik, der Disput um das RAW-Gelände ist nicht wirklich neu, spitzte sich zuletzt aber außerordentlich zu. Was ist passiert?
Kurz gesagt: Der Eigentümer will bauen, die Politik den Kulturstandort rund ums RAW erhalten. Lösungen lagen jahrelang auf dem Tisch, wurden aber nie umgesetzt. Nach acht bis zehn Jahren Stillstand ist es nachvollziehbar, dass der Eigentümer jetzt Druck macht. Die Leidtragenden sind die Kulturschaffenden: Clubs, Proberäume, Ateliers und Werkstätten haben keine Verträge und keine Planungssicherheit. Für viele geht es um die Existenz.

Die Kurth-Gruppe droht nun damit, die Mieten der Clubs nicht länger zu subventionieren. Wie würdet ihr darauf reagieren?
Das RAW hat lange davon gelebt, dass sich alles gegenseitig getragen hat: Clubs und Veranstaltungen haben mit ihrer Wirtschaftskraft kleinere Projekte wie Ateliers, Proberäume und Werkstätten mitfinanziert. Wenn dieses Gleichgewicht kippt, trifft es zuerst die Schwächsten. Für viele bedeutet das Verdrängung. Auch Clubs sind Kultur – gerade in Berlin, wo Techno als immaterielles Kulturerbe anerkannt ist. Wenn die Basis wegbricht, verliert der ganze Standort.

Welchen Einfluss hat die Situation konkret auf euren Clubbetrieb?
Wir arbeiten unter maximaler Unsicherheit. Wir wissen nicht, wie lange wir noch öffnen können. Entscheidungen, die sonst Monate im Voraus fallen, hängen plötzlich davon ab, ob es nächste Woche weitergeht. Das ist existenzieller Druck – für uns und unsere Mitarbeiter. Trotzdem versuchen wir jeden Abend, den Laden am Laufen zu halten.

Senat und Eigentümer überhäufen sich gegenseitig mit Vorwürfen. Wer ist denn nun der Sündenbock?
Es gibt keinen einzelnen Sündenbock. Das Problem ist über Jahre entstanden, weil Entscheidungen ausgeblieben sind. Jetzt entlädt sich alles gleichzeitig – und wir stehen mittendrin. Andere verhandeln, wir tragen die Konsequenzen. Es geht nicht um Theorie, sondern um Existenzen. Schuldzuweisungen helfen nicht. Es braucht Lösungen.

Lauritz Kurth betont gegenüber den Medien, dass er sich stets transparent gegenüber den RAW-Betrieben verhalten habe. Stimmt das? Wie ist euer Verhältnis zu den Eigentümern?
Transparenz ist immer eine Frage der Perspektive. Es gab Austausch, aber die aktuelle Situation fühlt sich für uns abrupt an. Entscheidungen kommen teilweise kurzfristig und mit massiven Folgen. Ich habe das Verhältnis lange als verlässlich erlebt – genau deshalb trifft mich der jetzige Umgang auch persönlich. Umso wichtiger wäre es, wieder in einen echten Dialog zu kommen.

Was als nächstes passiert, ist schwer zu prognostizieren. Was erhofft ihr euch und wie sehen die Support-Maßnahmen seitens der Szene aus?
Gerade entscheidet sich, ob dieser Ort eine Zukunft hat. Wenn jetzt die richtigen planungsrechtlichen Grundlagen geschaffen werden, kann hier etwas entstehen, das stärker ist als bisher. Das RAW ist über Jahre gewachsen – diese Mischung aus Clubkultur, Kunst und Freiraum gibt es kaum noch. Viele Konflikte, die früher unlösbar wirkten, sind heute technisch lösbar – wenn man es will. Jetzt braucht es kein Gegeneinander, sondern den Willen, gemeinsam etwas daraus zu machen. Die Szene steht bereit. Jetzt müssen Politik und Eigentümer liefern.

Aus dem FAZEmag 170/04.2026
www.derweissehase.club