
Mit seinem dritten Album „If This Is It“, das am 5. Juni über Ninja Tune erscheint, zeigt sich DJ Seinfeld persönlicher und reflektierter denn je. Der schwedische Produzent verarbeitet darauf Ängste, Rastlosigkeit und das Loslassen der Vergangenheit – ohne dabei seine emotionale Club-DNA zu verlieren. Im Gespräch spricht er über Nostalgie als kreative Kraft, den Druck moderner Musikproduktion und darüber, warum dieses Album für ihn den Beginn eines neuen Kapitels markiert.
„Ich denke, jeder erreicht irgendwann einen Punkt im Leben, an dem er etwas erlebt hat, das ihn tief berührt“, erklärt DJ Seinfeld über die Grundidee hinter „If This Is It“. Lange habe er „zu sehr an Dingen aus der Vergangenheit festgehalten“ und Schwierigkeiten gehabt, diese wirklich zu verarbeiten. „Jetzt erreiche ich endlich diesen Punkt“, sagt er. Das Album und sein Titel seien für ihn deshalb auch ein Symbol des Loslassens und Weitergehens.
Dieses Gefühl zieht sich durch das gesamte Werk. Bereits in der Vergangenheit sprach der Produzent immer wieder über Rastlosigkeit und innere Unruhe – Themen, die ihn auch heute auf Tour begleiten. Mittlerweile habe er jedoch gelernt, anders damit umzugehen: „Es war wichtig für mich, mich an Langeweile und Rastlosigkeit zu gewöhnen, da sie nicht unbedingt schlecht sind.“ Statt permanent vor seinen Gedanken davonzulaufen, versuche er heute bewusst, diese zuzulassen. Wenn Angst auftrete, greife er oft zu ruhiger Musik, Geschichtspodcasts oder vertrauten Filmen und Serien. „Das ist wie ein Reflex bei Angst“, erzählt er.
Auch Nostalgie spielt erneut eine zentrale Rolle in seiner Musik. „Manchmal bin ich nostalgisch für eine Zeit, in der ich gar nicht gelebt habe“, sagt DJ Seinfeld lachend. Er beschreibt sich selbst als „sehr nostalgischen Menschen“, der bei Besuchen in Schweden regelmäßig Orte seiner Kindheit aufsucht. Gerade deshalb sei Nostalgie für ihn eine unerschöpfliche Inspirationsquelle: „Es ist eines der wenigen Gefühle, die sich organisch und authentisch anfühlen.“ Besonders deutlich werde das etwa auf dem gemeinsamen Track mit SG Lewis. Der Song beginne mit einem Lo-Fi-artigen Intro und Synthesizern, die ihn an seine frühen Produktionen erinnern würden. Gleichzeitig stecke darin eine deutliche Italo-Disco-Ästhetik. „Sowohl Sam als auch ich sind sehr nostalgische Menschen – das hört man in dem Song deutlich.“
Einen anderen kreativen Ansatz verfolgte dagegen die neue Single „Everything U“, die innerhalb weniger Stunden entstand. Solche Momente seien selten geworden, sagt er. „Früher war ich sorgloser beim Veröffentlichen, aber heute wird man unsicherer und vorsichtiger.“ Die heutige Musiklandschaft empfinde er teilweise als überwältigend. Es gehe darum, die Balance zu finden: „Ein Song muss gut genug sein, um bemerkt zu werden, darf aber auch nicht so überproduziert sein, dass er nach einer Woche wieder vergessen ist.“
Musikalisch bewegt sich „If This Is It“ erneut zwischen emotionaler Tiefe und Club-Funktionalität. Seine Priorität sei gewesen, „Musik zu schaffen, die man überall hören kann – im Club, zu Hause, im Auto oder beim Spaziergang“. Gleichzeitig merke er, dass sein natürlicher Instinkt eher auf Melodien und Harmonien fokussiert sei. Deshalb versuche er heute bewusster, zwischen Album- und Clubmusik zu unterscheiden. Auch technisch habe er sich weiterentwickelt. „Ich vertraue meinen Ohren mehr“, sagt er. Zudem habe ihn die Erfahrung zu einem besseren Produzenten gemacht: „Ich kann meine Ideen heute viel klarer ausdrücken.“
Der Albumtitel bleibt dabei bewusst offen interpretierbar. „Ich mag vage und mehrdeutige Titel, damit Menschen ihre eigene Geschichte darin finden können“, erklärt DJ Seinfeld. Für ihn persönlich markiere „If This Is It“ jedoch vor allem eines: „den Anfang von etwas Neuem“ – und das endgültige Hinter-sich-Lassen von Dingen, die ihn lange belastet haben.
Aus dem FAZEmag 172/06.2026
Text: Triple P
Foto: Mushtak Awad
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