
„Baraye“. Das Stück des 25-jährigen iranischen Musikers Shervin Hajipour ist die Hymne des iranischen Protests gegen das Regime. In der islamischen Republik am Persischen Golf gibt es seit 2022 landesweite Unruhen, die sich gegen die autoritäre Regierung richten. Immer wieder kommt es zu Verhaftungen und Hinrichtungen von Kritikern des Staatsapparats. Hajipour hat nun den Song „Baraye“ geschrieben, über den die deutsch-iranische Journalistin Natalie Amiri sagt: „All das, was die Islamische Republik dem Volk in den 43 Jahren ihres Bestehens angetan hat, kommt in diesem Lied vor.“ Trotz Zensur und Internetsperren geht das Lied nach kurzer Zeit um die Welt, wird millionenfach geteilt und erhält sogar einen Grammy. Es folgen etliche Remixe und Neuinterpretationen des Tracks. Einen davon hat nun der Berliner DJ und Producer DOBé angefertigt, der unter anderem auf Katermukke und Jannowitz Records releast hat. Sämtliche Erlöse will er an die Stiftung „Woman, Life, Freedom“ spenden. Mit uns spricht er über seinen Remix zu „Baraye“.
Hallo Yannic. Was hat dich zu diesem Projekt bewegt? Hast du Freunde oder Bekannte, die von den Unterdrückungen im Iran betroffen sind?
Ein Lied kann vereinen, inspirieren und letztendlich die Welt verändern. Der Song „Baraye“ von Shervin Hajipour ist ein kraftvoller und poetischer Aufruf für Freiheit und Frauenrechte im Iran. Shervin hat die tiefe nationale Traurigkeit und den Schmerz zusammengefasst, den Iraner*innen seit Jahrzehnten fühlen, und der in der Tragödie von Mahsa Amini gipfelte. Als Musiker sehe ich es als Pflicht, für die einzustehen, die
keine Stimme haben, denn auch dem Künstler wurde die Stimme genommen, als er direkt nach der Veröffentlichung des Tracks inhaftiert wurde. „Baraye“ gibt den Menschen, die im Iran gegen die repressive Politik auf die Straße gingen, eine Stimme. Die Ballade greift die verschiedenen Gründe auf, warum Iraner*innen und Iraner politischen und gesellschaftlichen Wandel fordern. Der Track ist zum Leitmotiv der Proteste geworden. Er wird im Iran auf Hausdächern, in Autos und in Cafés gespielt. Schüler*innen schreiben die Worte auf die Tafeln im Klassenraum. Studierende singen das Lied auf dem Campus, Frauen singen es im
Angesicht der Einsatzkräfte des Regimes. Vor einem Monat ist der Track hochverdient mit einem Grammy ausgezeichnet worden. Er gewann bei der Verleihung des bedeutenden Musikpreises in der Kategorie „Bester Song für sozialen Wandel“. Ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte mal ein Track so stark polarisiert hat wie „Baraye“. Musik war schon immer ein Sprachrohr und ist momentan im Iran so wichtig wie noch nie zuvor. Die Musik ist für die Demonstrierenden im Iran dazu da, den Widerstand aufrechtzuerhalten und zu zeigen, dass die Emotion nicht nur die einer kleinen Schicht sei. Musik ist außerdem ein Fenster zur restlichen Gesellschaft, um Menschen weltweit mitzunehmen und nicht in Vergessenheit zu geraten. Als ich gefragt wurde, ob ich einen Remix dieser Protesthymne zu dieser atemberaubenden Kampagne von Exit Festival, Customised Culture und 7Rituals beisteuern will, habe ich keine Sekunde lang gezögert und sofort zugesagt, um meinen Teil dazu beizutragen, für Freiheits- und Frauenrechte einzustehen. Der komplette Erlös dieser Kampagne geht an die „Woman, Life, Freedom“-Foundation, die gegründet wurde, um die Proteste und Kämpfe für Frauen im Iran zu unterstützen.
Was dürfen wir von deiner Version erwarten? Welchen Touch möchtest du „Baraye“ verleihen?
Ich habe explizit darauf geachtet, den ursprünglichen Songtext von Shervin Hajipour nicht umzuschreiben, sondern im Original Wort für Wort zu übernehmen ohne ihn zu kürzen.
Shervin hat die Lyrics aus Online-Kommentaren von Demonstrant*innen zusammengesetzt, in denen sie begründen, warum sie auf die Straße gehen.
Die Tweets thematisieren die roten Linien des Regimes: Für das Tanzen auf Straßen. Wegen der Angst sich zu küssen. Wegen der Sehnsucht nach einem normalen Leben. Für Studierende, für die Zukunft. Für inhaftierte Intellektuelle. Für ein Mädchen, das sich wünschte, ein Junge zu sein. Ich fand es essentiell diese inhaltliche Message auch in meinem Remix wiederzufinden.
In meinen Augen kann durch eine elektronische Interpretation einer Ballade nochmal eine besondere Tiefe gegeben werden. Die musikalische Komposition meines Remixes soll sowohl die Emotionen von Traurigkeit und Schmerz tragen, aber auch Hoffnung zur Veränderung vermitteln. Ich denke es ist mir ganz gut gelungen eine Symbiose von Leid und Hoffnung in Form eines progressiven und melodischen Techno-Tracks zu kreieren.
Was gibt es sonst für Neuigkeiten bei dir?
Ich habe mir zu Jahresbeginn eine Tourpause verordnet, um intensiv Zeit im Studio zu verbringen. Es wird also dieses Jahr eine Menge Releases geben. Die kurze Pause hat sehr gut getan, um nach einem sehr anstrengendem letzten Jahr mit über 80 Shows die Akkus wieder aufzuladen. Nun geht es aber auch schon wieder los mit touren. Als erstes stehen drei Shows in Mexiko an, darauf freue ich mich schon sehr.
Hier könnt ihr „Woman, Life, Freedom“ unterstützen.