
In unserer Januar-Ausgabe haben wir uns das neue Cubase 15 angeschaut und gemerkt, dass die DAW bei diesem Update vor allem viel für elektronische Produzent*innen dabei ist. Ich wollte nochmal tiefer in Steinbergs Software-Universum reingehen. Deswegen wollte ich mit jemandem sprechen, der einerseits ein Connaisseur für elektronische Musik ist, andererseits im Studio seit vielen Jahren auf Cubase setzt. Dominik Eulberg ist Produzent, DJ und gleichermaßen Erforscher der kunstvollen Pracht von Flora und Fauna. Diese beiden Pole – Musik und Natur – inspirieren sich bei ihm wechselseitig, was zu flirrenden Alben, spannenden Lesereisen, pulsierenden Raves oder auch Vogelquartetten führt. Dominik erwarb Cubase 1993, indem er es gegen Sneaker eintauschte. Seitdem hatte er sich sukzessive reingefuchst und kann auf sieben Alben und unzählige EPs, Remixe und Filmmusiken zurückschauen. Grund genug ihn über seine Arbeit mit Cubase am letzten Album, seiner Sample-Library und seinem eigenen Workflow zu fragen.
Hi Dominik, dieses Jahr kam die fünfzehnte Version von Cubase raus mit Modulatoren, dem Melodic Step Sequenzer oder Stem-Seperation. Hast du schon reingeschaut?
Na klar habe ich schon reingeschaut. Vor allem das mit den Modulatoren gefällt mir. Die bringen etwas Organisches, Bewegtes darein. Ich moduliere z.B. gerne Effekte im Laufe des Tracks und hab so eine hervorragende Möglichkeit das zu tun. Beim Melodic Step Sequencer finde ich es sehr interessant, dass man nicht nur eine Note, sondern auch einen “Parameter Lock” pro Step einstellen kann. Damit ist hier ein Workflow wie etwa in der neuen Roland TR-1000 möglich und es entstehen, im Gegensatz zu sanften Automationen, sehr prägnante, scharfkantige Rhythmen.

Ein Vorteil den Cubase schon immer hatte ist für mich, dass man es ziemlich gut auf den eigenen Workflow personalisieren konnte, indem man im Logical Editor eigene Makros baut. Kannst du uns ein paar Geheimnisse verraten, wie du Cubase für dich eingerichtet hast?
Den Logical Editor finde ich eine wahre Wundertüte. Dort kann man viele spannende Prozesse entdecken, aber auch eigene Funktionen programmieren – etwa das Randomisieren bestimmter Parameter. Außerdem habe ich mir ein eigenes Macro gebastelt für folgenden Zweck: Beim Summieren zahlreicher Spuren kann es rasch zu einem Clipping kommen, ohne dass es im Loudness-Meter erkenntlich wäre. Digitales Clipping ist aber ein unschönes Artefakt, das sich später nicht mehr gut entfernen lässt. Da ich auch mit vielen Gruppen und Effekten arbeite, ist das Herunterpegeln aller Mixer-Kanäle gleichzeitig nicht sinnig, da manche Elemente, die sich aus komplexen Routings und Gruppen zusammensetzen, so eklatant aus ihrem Verhältnis zueinander kommen. Für das Makro wählt man im Logical Editor den Befehl “Auswahl”. Betroffen sollen davon nur alle Spuren sein, die Audio- oder MIDI-Daten enthalten. Das schließt Gruppen und Effektkanäle aus. Das wird dann als Preset gespeichert. In den Tastaturbefehlen von Cubase erzeugt man ein neues Makro, welches zuerst das im Logical-Editor erstellte Preset ausführt und als zweiten Befehl dann die Quick-Link-Funktion in der MixConsole auslöst. Für dieses Makro definiere ich nun einen Tastaturbefehl. Wenn ich jetzt in der MixConsole meine entsprechenden Kanäle herunterregeln möchte, drücke ich einfach diesen Tastaturbefehl. Dann werden alle definierten Kanäle angewählt, temporär verlinkt und ich kann ganz schnell meinen Eingangspegel für alle relevanten Spuren im gleichen Verhältnis anpassen. Meist reduziere ich den Eingangs-Gain um 10 oder 15 Dezibel. Dies reduziert die Wahrscheinlichkeit von Clippings irgendwo in der Kette immens.
Danke für den Einblick. Aber: Dein Sound entwickelt sich ja auch viel in deinen Hardware-Schätzen wie dem GRP A4 oder Macbeth Elements. Wie viel Prozent einer Produktion entsteht dann überhaupt noch in Cubase?
Das Mixing und Summieren findet bei mir nach wie vor komplett in-the-box statt. Ehrlich gesagt sehe ich im Vergleich zu einer analogen Summierung eher Nachteile als Vorteile. Zum einen müsste das Signal zweimal gewandelt werden, wobei Informationen verloren gehen, zum anderen würde mir das deutlich weniger Flexibilität geben. EQs, Kompressoren und andere Dynamikprozessoren verwende ich ausschließlich innerhalb der DAW. Dabei greife ich häufig zu Plugins von FabFilter, UAD oder Weiss.

Wie nimmst du die Community bei Steinberg wahr?
An der beschriebenen Community partizipiere ich nicht aktiv. Und Tutorials habe ich mir ehrlich gesagt noch nie wirklich angeschaut, sondern versuche stattdessen immer, Dinge selbst zu erforschen. Ich stehe aber im Austausch mit den sehr freundlichen Menschen bei Steinberg, die meine Ideen und Änderungswünsche auch gerne aufnehmen und mitunter sogar umsetzen. So wurde mein Wunsch nach mehr Insert-Slots für meine Effektketten erhört – da haben acht Slots nicht gereicht und mittlerweile sind wir bei 16. Außerdem habe ich angeregt, dass der Channel-EQ zusätzlich zur Frequenz auch die Tonhöhe anzeigt.
Passend dazu – welche Feature wünschst du dir eigentlich noch?
Für mich persönlich sind es immer noch zu wenige Insert- und Send-Slots pro Kanal. Da bei mir alles mit allem gesidechaint ist und wird, komme ich da ganz schnell an die Grenzen. Zudem würde ich mir wünschen, dass man auch Instrumentenspuren – wie Audiospuren – auf Mono schalten kann. Außerdem dass man MIDI-Spuren in Instrumentenspuren umwandeln kann und umgekehrt und dass man die Phase einer Spur nicht nur um 180 Grad drehen, sondern auch stufenlos dazwischen verschieben oder sogar automatisch korrelieren kann.

Welche neuen Sounddesign – oder Kompositionstechniken hast du auf deinem neuen Album “Lepidoptera” gefunden und ausprobiert? Gab es Techniken in der Vergangenheit, die du so nicht mehr anwenden würdest?
Bei „Lepidoptera“ habe ich meine zwölf Lieblings-Schmetterlingsarten aus heimischen Gefilden vertont – sechs Tagfalter und sechs Nachtfalter. Da Schmetterlinge flattern, war es mir wichtig, dieses Bewegungsmoment auch klanglich zu skizzieren. Deshalb habe ich viel mit Modulatoren in Cubase, Gate-Effekten, Tremolo-Modulationen und Flatterechos gearbeitet und teilweise ziemlich komplexe Effektketten gebaut, die ich im Verlauf des Albums immer wieder eingesetzt habe, um diesen flatterhaften Flug möglichst prägnant abzubilden. In meinen früheren Produktionen habe ich häufig echte Tierstimmen verwendet und sie direkt in die Stücke hineingeschnitten. Das habe ich allerdings so lange gemacht, dass es mich inzwischen eher langweilt und auch ein wenig einschränkt. Irgendwann muss man weiterziehen – ganz im Sinne von Hermann Hesse und seinem Gedicht „Stufen“: „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“
Im Interview mit uns hast du erzählst, dass du in Cubase dir viele Instrument- und Effektchains speicherst, die im Laufe der Jahre einen Trademark-Sound ergeben haben. Da würde ich gerne nochmal nachfragen: Wie entsteht denn dein Sound, technisch gesehen?
Der typische Eulberg-Sound besteht für mich immer aus drei Dimensionen. Ich arbeite mit analogen Synthesizern, digitalen Klangerzeugern, aber auch mit Field Recordings, weil sie dem Klangbild eine ganz eigene Tiefe verleihen. Beim Produzieren versuche ich, das entstehende Klangbild möglichst klar zu zeichnen: Die Spuren werden sauber aufgeräumt und fast alles ist bei mir über Multiband-Kompressoren im Sidechain miteinander verbunden. Dadurch entsteht dieses verwobene Geflecht, bei dem ich sehr genau priorisiere, welcher Sound welchen anderen wie und wo zurückdrückt.
Mit “Habitat” hast du deine eigenes Sample-Instrument zusammen mit Orchestral Tools erstellt – wie hat dir Cubase bei dieser Aufgabe geholfen?
Da ich Cubase inzwischen wie meine Westentasche kenne, hat mir das die Arbeit enorm erleichtert. So konnte ich die richtigen Routings, Effektketten und Layerings der aufgenommenen Analog-Synthesizer sowie der analogen Effekte – etwa von Eventide H8000 oder Bricasti M7 – gleichzeitig und mehrfach aufnehmen.
Aus dem FAZEmag 170/04.2026
www.steinberg.net/de/cubase/
www.dominik-eulberg.de/