Dominik Eulberg – Zwischen Bass, Büchern und Biophilie

Foto: Natalia Eulberg

Das nächste Kapitel in Sachen heimische Gefilde. Hat Dominik Eulberg zuletzt zwei Bücher – „Tönende Tiere“ und „Von Angesicht zu Angesicht – Auf Augenhöhe mit heimischen Insekten“ — sowie zwei Soundtracks für Naturdokumentationen veröffentlicht, so gibt es nun nach drei Jahren Pause wieder ein Studioalbum namens „Lepidoptera“, sein siebtes Album. „Lepidoptera“ ist die wissenschaftliche Bezeichnung für die Ordnung der Schmetterlinge und bedeutet so viel wie „Schuppenflügler“. Wie gewohnt liefert uns der Westerwälder nicht nur frische Tracks, sondern ein weiteres großes Thema der Natur, ihrer Schönheit und der Notwendigkeit, sie zu erhalten.

Dominik, dein letztes Album hast du vor drei Jahren veröffentlicht. Wann hast du denn mit dem neuen Album angefangen?

Ich habe Anfang Januar letzten Jahres mit der Musik zum Album angefangen, habe die ganzen Skizzen der Tracks gemacht, die Melodien größtenteils komponiert, diese dann aber zunächst ruhen lassen. Mit etwas Abstand habe ich dann die Tracks wieder betrachtet, denn wenn man eine gewisse Distanz dazu hat, dann merkt man erst, wie das wirkt, ob es einem noch gefällt oder ob man Sachen eher im Affekt gemacht hat, die man einfach nur in dem Moment toll fand. Zwischen Januar und April dieses Jahres habe ich es schließlich finalisiert und alle Feinschliffe gemacht. Das Sounddesign, Arrangement und Feinheiten in der Mischung, wie EQing, Sidechaining, Tiefenstaffelung etc. dauern immer mit Abstand am längsten, im Vergleich zur reinen Melodieführung.

Wie funktioniert denn bei dir die musikalische Ebene?

Ich mache jetzt schon seit 32 Jahren elektronische Musik, das ist wirklich verrückt (schmunzelt). Ich habe von Anfang an mit Steinbergs Cubase gearbeitet und mache das heute immer noch. Aber mit der Zeit empfand ich, dass es spannendere Dinge gibt, als nächtelang im miefigen Studio vor viereckigen Bildschirmen zu hocken, wie der Glöckner von Notre-Dame. Ich merke, dass es mir oft schwerfällt, mich zu motivieren, mich ins Studio zu begeben, da es ja auch eine Büchse der Pandora ist, die man aufmacht. Das ist ja ein kreativer Prozess. Wenn ich den einmal anstoße, kriege ich ihn nicht mehr gestoppt, weil Musik eine unglaubliche Kraft auf mich hat. Das arbeitet immer in mir und nimmt mich ziemlich mit. Ich kann dann schlecht schlafen, weil ich immer denke, „ach, diese Melodie hätte man doch so machen können, das hätte man so machen können oder da, oh je, da ist noch ein Knackser drin oder der Bass passt hier nicht“. Man hat unendlich viele Möglichkeiten, in denen man sich schnell verlieren kann. Und deswegen hilft mir so ein Konzept immer ganz wunderbar dabei, überhaupt reingehen zu können. Das ist wie ein Seil, an dem ich mich durchhangeln kann. Bei diesem Album habe ich meine zwölf liebsten heimischen Schmetterlingsarten ausgesucht.

Wie kam es zur Wahl der Schmetterlinge?

Zum einen ist so ein Plattencover wie eine Art leere Litfasssäule oder Plakatwand – und die Medienkampagne um das Album ist natürlich auch eine wunderbare Bühne, um Menschen für die Schutzwürdigkeit unserer Überlebensversicherung Natur zu sensibilisieren. Schmetterlinge bieten sich hervorragend als lustvolle Vektor an, da fast alle sie erkennen und lieben, mit ihrer überbordenden Form- und Farbenvielfalt. Man sieht hier ganz deutlich, dass die Natur die größte Künstlerin von allen ist. Neben dieser reinen Prachtliebe kann man zu Schmetterlingen auch viele spannende Wunderfakten erzählen, etwa über deren Etymologie, ihre Biologie oder Evolutionsgeschichte. Denn Wissen erweitert den Erfahrungshorizont. Der männliche Apollofalter zum Beispiel legt dem Weibchen nach der Begattung einen Keuschheitsgürtel an. Andere Schmetterlinge können pfeifen, wie der Totenkopfschwärmer. Wieder andere haben bei Lichteinfall eine irisierende Farbe, sodass es wunderbar schillert. Das sind wirkliche Wunder, die in uns etwas anregen.

Dominik 1986 mit Segelfalter in Südfrankreich

Schmetterlinge sind ein Symbol für Verwandlung und Neuanfang und daher auch in der Literatur ein beliebtes Motiv.

Genau! Viele große Literaturschaffende waren auch begnadete Lepidopterologen. Hermann Hesse beispielsweise hat das Wesen der Schmetterlinge so schön beschreiben, wie ich es noch nie zuvor gelesen habe. Er hat geschrieben, dass sie mit wundervoll verzierten Kleidern versehen sind, nur um das Fest der Liebe zu zelebrieren, weil manche Schmetterlinge mitunter jahrelang Raupe oder Puppe sind. Und manche nur wenige Tage lebende Schmetterlinge haben noch nicht einmal Mundwerkzeug oder einen Darm. Sie leben nur, um zu lieben und sich fortzupflanzen. Das ist auch eine wunderbare Allegorie für den Sinn des Lebens. Das macht etwas mit den Leuten, das erzeugt eine Emotion, das regt zum Staunen an, und Staunen ist ja der emotionale Beginn einer jeglichen Erkenntnis. Und die Emotion, die Liebe zur Natur, die Liebe zum Leben, die Biophilie, wie Erich Fromm es so schön nannte, transportieren diese zauberhaften Tiere ganz wunderbar. Nicht ohne Grund malen Kinder so gerne Schmetterlinge.

Wenn ich mich so hier bei dir im Haus umschaue: Gibt es vielleicht noch weitere Gründe?

Natalia, meine Frau, hat vor gut vier Jahren ihre große Liebe zu Schmetterlingen entdeckt. Du siehst es ja hier überall, wir haben viele Raupen, wie hier die vom Totenkopfschwärmer, der auch auf dem Album ist. Und da Natalia sie züchtet und tief in der Materie steckt, ist das für mich natürlich auch eine wunderbare Chance, sie zu studieren. Und zum anderen ist es auch schön, wenn man diese Leidenschaft mit der Partnerin zu Hause teilen kann; dass alles eins wird, wenn Synergien entstehen. Und das ist natürlich etwas, das massiv dazu beigetragen hat, dass es zu diesem Album gekommen ist. Sie hat auch das ganze Artwork gestaltet und die Pressefotos gemacht.

Nach welchen Gesichtspunkten hast du die Auswahl der Schmetterlinge getroffen?

Ich habe meine zwölf liebsten heimischen Schmetterlingsarten ausgesucht. Es gibt etwa 3.700 Schmetterlingsarten in Deutschland, wovon 180 Tagfalter sind und 3.520 Nachtfalter.  Ich habe meine sechs Lieblingstagfalter und meine sechs Lieblingsnachtfalter ausgesucht, die ich dann musikalisch vertont habe. Zu all diesen Arten habe ich ganz tiefe Empfindungen und Emotionen seit meiner tiefsten Kindheit. Ich bin ja ohne Fernseher, ohne Medien groß geworden, war eigentlich permanent in der Natur draußen. Den Großen Schillerfalter habe ich als Kind an einer Baumwunde gesehen. Der besucht keine Blüten, sondern ernährt sich von Mineralien, etwa an Steinen, Tierexkrementen, Schweiß – und eben auch an Baumwunden. Wenn er die Flügel aufschlägt, dann changieren die Farben, dass es prächtig schillert. Das ist keine Pigmentfarbe, sondern eine Strukturfarbe. Das sind kleine Prismen, die das Licht brechen. Und das konnte ich als Kind gar nicht glauben, dass es etwas gibt, das so schillert. Wie ein Schmuckstück war das für mich, wie ein Diamant oder ein Juwel.

Kleines Nachpfauenauge in allen vier Stadien: Ei, Raupe, verpuppen und Imago

Und dann gab es ein weiteres Initialerlebnis in meiner Kindheit. Ich war vielleicht vier oder fünf Jahre alt und habe einen toten Schmetterling unter einer Straßenlaterne vor meinem Elternhaus gefunden, ein männliches Kleines Nachtpfauenauge. Der heißt deswegen so, weil er Augenflecken auf seinen Flügeln zur Feindabschreckung hat. Und wenn man genauer hinschaut, dann findet man ganz feine, sublime, hochelaborierte Muster mit Violett- und Pinktönen. Sie leben nur von den Reserven, die sie sich als Raupe angefressen haben. Sie nehmen als Imagines keine Nahrung zu sich und haben keine Zeit zu verlieren. Sie finden sich über Pheromone, weshalb die Männchen kammartige, hochsensible Antennen haben, mit  denen sie über mehrere Kilometer die Sexuallockstoffe des Weibchens finden können. Dann paaren sie sich — und dann war es das auch schon wieder mit der Lebenszeit. Das heißt, sie leben nur wenige Tage als Falter. Ich dachte damals, da hätte eine „feine Dame“ ihre Brosche verloren. Ich bin nach Hause gelaufen zu meiner Mutter und habe gesagt: „Mama, Mama, wo ist das nächste Fundbüro? Ich habe ein Schmuckstück gefunden, das muss ich abgeben.“ Bis ich mal verstanden hatte, dass das ein Schmetterling ist. Das hat in mir eine tiefe Begeisterung, Wertschätzung und Liebe zu Schmetterlingen hervorgerufen.

Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos); Foto: Natalia Eulberg

Durch deine Arbeit als Biologe und Botschafter der Natur bist du auch in einem ganz anderen Berufszweig tätig: Wie schaust du auf die elektronische Szene zurzeit, wie hat sich dein Blick verändert?

Viele Dinge haben sich dahingehend verändert, dass ich das Gefühl habe, dass es für viele mehr auf Zahlen, Publicity und prahlende Social-Media-Präsenz ankommt; mitunter mehr als auf die Kunst und die Musik. Doch oft habe ich das Gefühl, dass dies niemanden glücklich macht, es ist vielmehr eine Sackgasse ins Unglück. Sich mit anderen zu vergleichen, funktioniert nicht. Jeder Mensch ist einzigartig, jeder Mensch ist ein Wunder. Ich möchte da nicht mitmachen; nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Ich möchte freigeistig durch das Leben gehen und nicht irgendwelche Templates befriedigen. Zudem gibt es doch auch andere Formen von Reichtum: den Reichtum, Zeit zu haben, das zu machen, was man wirklich machen will, Gesundheit, Liebe — das sind doch Reichtümer. Die haben jedoch nichts mit irgendwelchen Zahlen auf Instagram zu tun. Das sind keine Währungen des Lebens für mich.

Was steht denn 2026 bei dir alles an?

Es wird noch ein Schmetterlings-Memo-Game geben, bei dem man die Raupen und die dazugehörigen Falter als Pärchen finden muss. Im Februar wird mein neues Buch „Prachtliebe & Wunderfakten“ im Eichborn-Verlag erscheinen, sowie ein paar Techno-Releases und Remixe zu „Lepidoptera“. Außerdem gehe ich im März auf große Biodiversitätsshow-Tournee durch Theater und Festspielhäuser. Dieses multimediale, transdisziplinäre Format macht mir richtig Spaß, da ich alles in einem bin: Wissensvermittler und Musiker in Personalunion.

Aus dem FAZEmag 165/11.2025
Text: Tassilo Dicke
Fotos: Natalia Eulberg
Foto Dominik als Kind: privat

www.dominik-eulberg.de
www.instagram.com/nataliaeulberg