Dr. Motte – 40 Jahre Berliner Technokultur

Foto: Petrov Ahner

Ein Mensch, ein Musiker, ein Mythos – Dr. Motte. Keine andere Person der deutschen Technokultur wird derart mit einem Event in Verbindung gebracht, wenn nicht sogar gleichgesetzt, wie der Berliner Dr. Motte. Seit Mitte der 1980er-Jahre ist er auf den Straßen Berlins unterwegs, zuerst als Tape-Dealer und seit den späten 1990er-Jahren als Sprachrohr einer globalen Bewegung, und es ist kein Ende in Sicht. Wieso auch?! In diesem Jahr feiert der 65-jährige Absolvent der Techno-Universität sein 40-Jahre-DJ-Jubiläum. Grund genug, sich auf den Weg nach Berlin zu machen und mit ihm und seiner Frau Ellen einen entspannten Vormittag im Hotel Berlin, Berlin zu verbringen.

Du alter Macher, guten Appetit. Motte, was isst du gerade?

Danke. Ich esse Kohlsuppe im Hotel Berlin, Berlin – und die ist sehr lecker.

Du achtest auf deine Ernährung. Du hast mir gerade gesagt, Kohl sei sehr gut für die Fettverbrennung und dass du keinen Alkohol mehr trinkst. Erklär mal, warum?

Ich bin halt jemand, der sich reflektiert, und mir soll es auch gut gehen. Ich mag halt eine gute Zeit haben – und wenn ich Alkohol trinke, dann habe ich vielleicht nur in der Situation, wo ich Alkohol trinke, eine gute Zeit. Wenn ich mir dann allerdings den nächsten Tag, also den Tag danach angucke, dann ist der eigentlich mehr oder weniger verloren, weil ich dann damit beschäftigt bin, dass mein Organismus den Körper wieder vom Alkohol befreit, und das strengt mich schon immer an. Ich empfinde das immer als Zeitverlust und auch als Spaßverlust und auch als Glücksgefühleverlust. Generell macht es Ellen und mir sowieso nicht viel Freude, Alkohol zu trinken. Natürlich sind wir gerne auch mit Menschen zusammen, aber es geht auch immer gerne ohne Alkohol. Und dann ist es ja auch so: Wir wissen alle, wie schädlich Alkohol ist. Das verursacht zum Beispiel bei Frauen Brustkrebs und wahrscheinlich bei Männern Prostatakrebs und so weiter und dem möchte ich gerne vorbeugen. Es geht auch ohne Alkohol.

Ein Glas Wein soll aber gesund sein, sagen viele Ärzte.

Nee, das stimmt nicht. Es gibt neue Erkenntnisse der Wissenschaft, dass selbst auch ein Glas Wein bereits auf jeden Fall dazu beiträgt, dass man dem Krebsrisiko näherkommt und dass auch alles darunter leidet, was im Körper an Organen ist. Ich habe mich jetzt dazu entschieden. 

Sagt ihr euren Gästen beispielsweise bei einer Einladung, dass sie euch keinen Alkohol, sondern lieber Blumenkohl mitbringen sollen?

Nein. Nein, sie können tun und lassen, was sie möchten.

Viele Künstler*innen sagen, dass sie auf dies oder das verzichten. Meistens ist es jedoch nur eine Phase. Ich finde es grundsätzlich gut. Nichtsdestotrotz ist die elektronische Musikszene auch eine Szene des Hedonismus, des Auslebens, des Genießens. Man genießt die Musik, man genießt aber auch andere Dinge gerne mit. Deswegen sind ja auch die ganzen Hospitality-Rider der DJs so, wie sie sind.

Dem muss ich widersprechen. Wenn ich wirklich alles allumfänglich betrachte, dann gehört für mich Alkohol eben nicht dazu. Wenn man als DJ etwa Alkohol trinkt und nach drei Flaschen Bier merkt, dass die Konzentration und damit auch die Qualität nachlassen, dann lasse ich es lieber. Mein Auflegen soll ja die Menschen glücklich machen und auch meinen eigenen Anspruch erfüllen. Und durch Alkohol lässt die Konzentration nun mal nach. Daher: Wenn ich Musik auflege im öffentlichen Kontext, im Club – dann gerne nüchtern und dann auch mit voller Konzentration. Und da komme ich auch her. Ich mache das jetzt schon 40 Jahre. Und da habe ich halt meine Erfahrung gemacht, dass man dann im Kopf ja auch schon fünf Stücke voraus ist. Ich will die Leute nicht aus dem Takt bringen, sondern es muss ja im Flow bleiben. Dahingehend hat man natürlich dann Verantwortung. Mit Alkohol kann ich das nicht.

Das finde ich gut. Du hast mir gerade das richtige Stichwort geliefert, deswegen sitzen wir auch hier im Hotel Berlin, Berlin. 40 Jahre Dr. Motte, das ist eine besondere Leistung. Weißt du noch, wann dein erster DJ-Gig war?

Zuerst habe ich in einer Band gespielt. Das war so im Winter 1981. Im Kant Kino in der Kantstraße gab es Konzerte von allen möglichen Bands, zu denen man sich getroffen hat. Man hat sich immer wieder getroffen und so weiter und dann ist man ins Gespräch gekommen. Ich habe irgendwann gefragt, wie es ist, ob sie genügend Percussion-Instrumente und so weiter hätten. Dann habe ich mal im Übungsraum vorbeigeschaut und dann war ich mehr oder weniger auch schon Mitglied der Band Tote Piloten. Wir waren keine Punk-Band, wir spielten eher so einen freien Sound wie von den Genialen Dilettanten. Musik sammle ich schon viel länger, seit 1972. 

Wann hast du dich dann für das DJ-Dasein und gegen die Band entschieden?

Das war viele Jahre später, nachdem ich meine Betonbauerkarriere an den Nagel gehängt hatte. Wir in West-Berlin sind mit Radio aufgewachsen. Pacos Supermix war eine Radiosendung, die mich inspiriert hat. Paco hatte alle möglichen Stücke geschreddert und dann neu zusammengesetzt. Spannend. Das hatte mich inspiriert, so etwas auch zu machen. Und dann habe ich angefangen, Kassetten aufzunehmen und diese zu verkaufen. Ich hatte zwei Kassettenrekorder und habe dann Tapes gemacht, indem ich vom ersten Kassettendeck zum zweiten Kassettendeck die Stücke aneinander editiert hatte. Über meine Mixe habe ich auch penibel Buch geführt und auch die Beats ausgezählt. Zu der damaligen Zeit, als Berlin noch preiswert war, also 1981/1982, habe ich sehr viele Kassetten verkauft und davon gelebt.

So ein bisschen wie Royal Bunker, nur halt nicht mit Hip-Hop.

Ich habe das mit allem Möglichen gemacht. Ich habe halt bei allen möglichen Leuten Musik aufgenommen, aus dem Radio auch, und so weiter und dann habe ich das neu editiert. Ich bin immer in Cafés und Bars und Restaurants gegangen und habe gesagt: „Ich habe hier eine Kassette. Wenn ihr wollt, könnt ihr die kaufen, aber ihr könnt sie erstmal anhören.“ Am nächsten Tag bin ich dann wieder hin. Und dann habe ich auf die Frage, was die Leute mir bezahlen sollen, geantwortet: „Was ihr wollt.“ Einige wollten dann 50 DM bezahlen für ein Tape.

Tapedealer.

Schnell kannte man mich, und natürlich hatte ich auch immer Kassetten zum Verkaufen dabei. Zu der Zeit war ich oft mit meinem Kumpel Jonzon unterwegs, und wir haben uns immer mit unseren Mixen gebattelt.

Die wichtigsten Musik-Releases von Dr. Motte

1992: 3phase feat. Dr. Motte – Der Klang der Familie
1992: Euphorhythm – XS EP
1992: 3phase – Open Your Mind
1997: Dr. Motte & Westbam – Love Parade 1997 (Sunshine)
1998: Dr. Motte & Westbam – Love Parade 1998 (One World One Future)
1999: Dr. Motte & Westbam – Love Parade 1999 (Music is the Key)
2000: Dr. Motte & Westbam – Love Parade 2000 (One World One Loveparade)
2008: Dr. Motte & Marc van Linden – Wackelpeter
2010: DJ Dag vs. Dr. Motte – Sunfighter
2011: Dr. Motte & Robert Babicz – NONO
2013: Dr. Motte Meets Gabriel Le Mar – Fever
2023: Dr. Motte & Jam El Mar – Music Is The Answer
2024: Dr. Motte & Westbam & Tom Wax – Love Is Stronger

Wie das?

Naja, er hat alles immer aufgenommen und ich habe eher editiert. Dann kam irgendwann ein Bekannter zu mir, der auch schon als DJ in einem kleinen Laden an der Hasenheide/Ecke Fichtenstraße gearbeitet hatte. An den Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Er kam zu mir und meinte: „Motte, wenn du willst, kannst du den Mittwoch machen.“ Das war 1985.

Da hattest du schon den Namen?

Den hatte ich schon länger. In unserer Clique gab es zwei Matthiasse. Niemand hatte Lust, Matthias 1 oder Matthias 2 gerufen zu werden, also wurde ich zu Motte.

Ja, und wie war der erste DJ-Gig? An einem Mittwoch an der Hasenheide.

Naja, ich habe mich ja dann musikalisch ein bisschen umorientiert. Ich war sowieso Dauergast in diversen Berliner Plattenläden. Zu der Zeit, als ich noch in Spandau lebte, hatte gerade ein MusicLand aufgemacht – fünf Minuten von mir entfernt. Da bin ich regelmäßig hin und habe mir alles angehört und viel von meinem Taschengeld gekauft. Ich habe wirklich viel gekauft.

Wie ist es dann weitergegangen nach dem kleinen Club an der Hasenheide?

Der Club befand sich in einem Wohnhaus, deswegen gab es andauernd Lärmbeschwerden. Man hatte dort zwar eine Schallkabine eingebaut, aber dennoch gab es Beschwerden. Einen richtigen Club stellte ich mir anders vor. Na ja, und dann ging es da halt nicht mehr weiter und wir drei DJs waren auf der Suche nach einem Club: Jörg, Volker und ich. Einen Geldgeber hatten wir auch schnell und so suchten wir alle Annoncen durch, um ein leerstehendes Geschäft zu finden, das wir zu einem Club umbauen konnten.

Und so kam es zur berühmten Turbine Rosenheim – in Berlin.

Ja. Wir hatten eine Drogerie in Schöneberg gefunden. Ein Flachbau an der Ecke Rosenheimer Straße. Wir schauten uns nach einem Brauereikredit um und haben tatsächlich 150.000 DM bekommen und konnten damit dann den Umbau und all unsere Ideen verwirklichen. Wir hatten eine Lüftungsanlage, Schallisolierung und so weiter. Nach einer Bauabnahme seitens der Behörde haben wir im September 1986 die Turbine Rosenheim in der Eisenacher Straße/Ecke Rosenheimer Straße eröffnet.

Wie wurde der Club angenommen?

Es gab sofort ein großes Hallo, denn wir waren wirklich sehr anders. Wir hatten zum Beispiel Innenrauputz, den wir selbst von Hand aufgetragen hatten. Der Club hatte ein sehr modernes Design mit selbstgebauten Lautsprecherboxen, aber auch einen Kronleuchter in der Mitte. Eine Galerie, auf der man sitzen konnte, gab es auch und Stahldesigner-Möbel, die mit LKW-Planen überzogen waren. Also alles selfmade.

Wie war das musikalische Programm?

Unser Leitfaden lautete „Independent Music“. Allerdings habe ich 1988 House-Music für mich entdeckt. Im Radio spielte Monika Dietel diese neuartige Musik und ich war geflasht. Und in diesem Jahr habe ich dann auch die erste Acid-House-Party in Berlin veranstaltet. Mit Jonzon.

Inwiefern hat sich der Mauerfall auf deine Karriere ausgewirkt oder was hat sich dadurch verändert?

Ganz ehrlich, gar nix. Nichts, denn ich war immer mit mir selbst beschäftigt. Außerdem konnte man sich in Berlin gar nicht vorstellen, dass es jemals wieder anders wird als mit der Mauer, dem Kalten Krieg usw. 

Wieso das?

Ich habe das als Riesenaufwand gesehen, es einfach nur hinzubekommen, dass sich der Westen und der Osten an einen Tisch setzen und eine Lösung für Berlin finden. Nun hatte sich durch Perestroika und Gorbatschow natürlich viel verändert in Russland. Und dann gab es plötzlich diese ganzen Demonstrationen in der DDR damals. Ich war schon überrascht, dass man die Demonstrierenden nicht mit Waffen bekämpft hatte. Das wäre mit der russischen Armee ja kein Problem gewesen, die Demonstrierenden irgendwie daran zu hindern, auf die Straße zu gehen. Damit hätte man einfach nicht rechnen können. Dann war Gorbatschow zu Besuch in Berlin, im Palast der Republik. Draußen vor der Tür haben unzählige Menschen „Gorbi Gorbi“ skandiert. 

Foto: Petrov Ahner

Wie hast du vom Mauerfall erfahren?

Ich saß im Lkw und war auf der Rückfahrt von Kiel nach Berlin und dann kamen mir auf der Gegenseite plötzlich Trabbis entgegen. Das war eine große Überraschung.

Viele Weggefährten und Zeitgenossen behaupten, dass Berlin nach dem Mauerfall eine Art rechtsfreier Raum gewesen sei. Mit vielen freien Partys in leerstehenden Häusern und so. Das hat dich aber nicht interessiert, weil du die Turbine hattest?

Ich war immer gebunden mit der Turbine. Später gab es dann aber das erste UFO, an dem Dimitri Hegemann und Ralf Regitz beteiligt waren. Im Radio wurde bekanntgegeben, welche DJs am Wochenende im UFO auflegen und auch viele Gäste aus Ost-Berlin haben sich dann ins UFO geschlichen. Wolle Neugebauer hatte mir damals erzählt, dass da plötzlich auch eine neue Familie entstand, nämlich aus Ost- und West-Berlin.

Das ist ein sehr schönes Stichwort. Wenn man zehn Menschen nach dem musikalischen Werk von Dr. Motte fragt, werden neun von zehn sagen: „Der Klang der Familie“. Was verbindest du mit diesem Track?

„Der Klang der Familie“ – das ist meine musikalische Vision. Damals hatte jede Stadt, jeder Club, jede Community ihren eigenen Klang als Familie, und eine Version davon ist halt das, was ich mit 3Phase gemacht habe. Und das ist schon witzig, dass das dann 1992 um die Welt ging.

Ich persönlich fand „Patrik“ immer besser, aber „Familie“ war natürlich eine Hymne.

Ja, also „Patrik“ ist natürlich schön schräg. Den Track habe ich innerhalb von zwei Stunden im Studio von 3Phase geschraubt. Ich hatte einfach mal ein bisschen improvisiert und das war dann „Patrik“.
Es gab in 1992 zwei relevante Club-Welt-Jahrescharts: von DJ Moneypenny und Jeff Mills. Und der „Klang der Familie“ war auf Platz #2 im Jahr 1992 – weltweit. Verrückt.

Was war auf #1?

Der Jam & Spoon-Remix von „Age Of Love“.

Auch nicht schlecht.

Du, das ist ein Klassiker. Sollte man auf jeden Fall auch im Schrank haben, wenn man ein bisschen von der Historie elektronischer Musik zu Hause haben will.

Apropos „Age Of Love“: Seit einiger Zeit gibt es diese Tendenz, dass sehr viele „junge Künstler*innen“, z.B. Zonneveld oder auch Charlotte de Witte alte Klassiker remixen. Wie findest du diese Entwicklung? Ist das für dich etwas, von dem du sagst, das ist total ok, oder schmälert das die Kraft des Originals?

Ich spiele ja gerne auch Remixe. Wenn die für mich Sinn machen. Und ich finde es auch in Ordnung, Remixe zu machen. Ich muss allerdings nicht alle Remixe gut finden. Auch den von Charlotte de Witte nicht.

Thomas Schumacher macht das ja auch gerne. Er hat da ein Händchen für, besonders bei Bonzai-Remixen.

Thomas hat auch einen super Remix von „Der Klang der Familie“ gemacht.

Womit sich der Kreis schließt und wir wieder 1992 weitermachen.

Nach dem „Klang der Familie“ habe ich ein Album zusammengestellt: „Chill Out Planet Earth“ – das gibt es übrigens auf Bandcamp.

Auf Space Teddy.

Genau, das Label habe ich zusammen mit Uwe Reineke gegründet. Das erste Release war das einseitig bespielte „Open Your Mind“, was übrigens Sven Väth sehr gerne gespielt hat.

Zu dieser Zeit lief ja schon etwas, was dein Leben und das Leben vieler anderer Menschen nachhaltig geprägt hat. Gibt es etwas in Bezug auf die Loveparade, was du gerne rückgängig machen würdest? Oder sagst du: So wie es war, war es für die Zeit perfekt.

Es gibt ja immer diesen Kommerzvorwurf. Das ist natürlich so eine Situation, die wir quasi selbst verschuldet haben, weil wir uns am Ende dafür entschieden haben, auf unser Recht zu klagen.

Erzähl mal.

Im Jahr 2001 gab es die Problematik, dass wir kein Datum hatten, an dem wir die Parade veranstalten konnten, da es an „unserem“ Termin eine Gegendemonstration gab. Deshalb mussten wir einen Ausweichtermin finden. Zu dieser Zeit gab es leider keinen konstruktiven Austausch mit der Berliner Politik und dem Senat. Wir hatten zwar viele Pressekonferenzen geführt und wöchentlich wiederholt, dass wir gerne unsere Loveparade machen würden und dass Berlin uns nicht unsere Parade machen lässt und so. Aber das erzielte keinerlei Wirkung. Und dann gab es Überlegungen, dass wir unser Recht einklagen sollten. Tja, und diese Klage haben wir beim Verwaltungsgericht in Berlin verloren. Die Klage wurde mit der Argumentation abgeschmettert, dass wir keine Inhalte hätten. Wir legten Widerspruch ein, und dann ging es weiter nach Leipzig zum Oberverwaltungsgericht. Also haben wir weiter geklagt, das ging dann bis zum BGH nach Karlsruhe. Dort gab es einen Schnellentscheid darüber, weil die Zeit dann auch knapp war bezüglich der Veranstaltung. Aber der BGH bestätigte die Urteile aus Leipzig und aus Berlin. Es stand aber auch im Urteil, dass es sehr wohl möglich sein muss, nonverbal zu demonstrieren, also ohne die Beteiligung von Wortbeiträgen und ohne Plakate zu tragen, Banner zu halten oder zu diskutieren. Na ja, und deshalb haben wir damals durch diesen Klageweg, den wir angestrengt haben, den Status als Demonstration verloren. 

Was zu finanziellen Problemen führte.

Genau. 2001 haben wir versucht, es mit Eigenmitteln hinzukriegen. Und die Jahre darauf war es dann sehr schwierig, überhaupt Sponsoren zu finden. 2005 sind wir fast insolvent gegangen.

Der Knackpunkt war also deiner Meinung nach die Aberkennung des Status‘ als Demonstration? Aber was hättet ihr da anderes tun können?

Ganz einfach: Wir hätten einfach nicht klagen sollen, sondern einfach weiter an die Öffentlichkeit gehen und weiterhin historisch fordern sollen, dass Berlin uns unsere Demonstrationen machen lässt. Und man weiß ja, da kommen 1.000.000 Menschen und dafür gibt es nur einen Ort in Berlin.

An diesem Ort findet jetzt jährlich die Rave-The-Planet-Parade statt. Viele unserer jüngeren Leserinnen und Leser sind dir extrem dankbar, dass sie eine Berliner Techno-Parade dank Rave The Planet erleben dürfen. Wie seht ihr die Perspektive von Rave The Planet oder schaut ihr von Jahr zu Jahr?

Seit der Gründung haben wir uns ja zwei Sachen in die Satzung geschrieben: Die Parade zurück nach Berlin zu holen und wir wollten die Anerkennung von Techno als immaterielles Kulturerbe. Eigentlich haben wir das jetzt erfüllt. Seit letztem Jahr im März ist die Berliner Technokultur als immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO gelistet. Aber das gilt es jetzt zu erhalten und erlebbar zu machen. 

Wie macht ihr das?

Wir eröffnen die Forschungsstelle Technokultur in Berlin und da werden dann Projekte entwickelt, die man umsetzen kann. Das machen wir zusammen mit einer Berliner Universität. Und die Parade selbst ist auch Teil des immateriellen Kulturerbes, denn wir haben natürlich im Antrag an die UNESCO auch verankert, dass Technoumzüge Teil der Berliner Technokultur sind.

40 Jahre DJ-Karriere sind auch Technokultur.

Wenn man es genau nimmt, bin ich sogar schon länger dabei, also locker über 45 Jahre.

Junge Leute fragen oftmals: „Wie lange willst du das eigentlich noch machen?“

Das Allerwichtigste ist heute nicht, was morgen kommt, und auch nicht, was gestern gewesen ist, sondern wir heute hier, um die Zeit zu genießen, einen Augenblick zu genießen in dieser Musik, und da spielt das Alter gar keine Rolle. Ich bin sehr dankbar dafür, das alles hier erleben zu dürfen. Und das versuche ich auch durch meine Musik weiterzugeben. Ich lade alle ein, auch eine gute Zeit zu haben, und das können wir doch alle schön zelebrieren, ob jung, ob alt, wir alle wollen tanzen, zu guter Technomusik.

Music is the key. Bist du gläubig? Woran glaubst du?

Ich bin jemand, der intensiv über alles nachgedacht hat. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, die nicht gläubig gewesen ist. Meine Großeltern waren nicht in der Kirche und meine Eltern auch nicht. Wir haben das zu Hause auch nie thematisiert. Wir haben alles und jeden respektiert. Wir sind nicht sonntags in die Kirche gegangen. Aber ich habe natürlich trotzdem in der Schule am Religionsunterricht teilgenommen. Ich wollte ja nicht während des Unterrichts in einer Nebenklasse sitzen.

Hast du bereits früh Glauben in Frage gestellt?

Ich habe meiner Religionslehrerin mal gesagt, dass ich nicht weiß, wo dieser Geist sein soll, der über mir schwebt. Und dieses In-Frage-stellen zieht sich durch mein Leben. Inzwischen sehe ich es so: Es gibt so viele Ansichten von Gott in den vielen Weltreligionen. Aber am Ende haben sie alle Die Zehn Gebote und beten auch alle den gleichen Gott an. Für mich ist das, wenn ich den Buddhisten folge, am logischsten, denn sie sagen, dass es am Ende keine letzte Identität gibt. Am Ende ist alles Leere, weil es nur die Projektion von etwas ist. Wenn ich jetzt sage, dass da vorne ein Glas steht, dann kann das natürlich auch eine Illusion sein. Deshalb könnte man auch sagen, etwas hat ein Potenzial, alles zu sein. Vielleicht ist dann dieser Begriff Gott eine Metapher für das Wirkliche, Universelle.

Welche Werte sind dir wichtig und wie vertrittst du sie im täglichen Leben?

Ich stehe zu 100 Prozent für Gerechtigkeit. Sehr wichtig ist mir auch Menschlichkeit. Das Allerwichtigste, was eigentlich alles durchdringen sollte, ist die Liebe. Und wenn wir jetzt sagen, wir reden über Gott, oder darüber, ob ich glaube oder nicht, dann ist das Liebe. Eine starke Essenz von allem. Wenn ich sehr viel zu tun habe, viele Termine, Sachen abarbeiten muss und so weiter, dann darf ich mich selbst trotz der Arbeit nicht vergessen. Die Liebe ist ja nicht nur die Liebe zu anderen, sondern auch zu sich selbst. Es gibt nur dann echten Altruismus, wenn man sich selber dabei nicht vergisst. Ich kann immer nur so gut und für andere da sein, wenn es mir selbst gut geht und ich gesund bin. Und das ist einer der Werte. Ja, also Gerechtigkeit miteinander, Respekt, Liebe. Eigentlich könnte man sagen, dass alle Tugenden, die man bei Wikipedia nachlesen kann, wichtig sind.

Wie gehst du als empathischer Mensch persönlich damit um, wenn dir in irgendwelchen Kommentaren oder in irgendwelchen Meldungen weder Gerechtigkeit noch Liebe widerfahren? Liest du es gar nicht, willst es gar nicht wissen, tust du es ab oder beschäftigst du dich damit? Reflektierst du das und versuchst, den anderen auch zu verstehen?

Die Sache ist, dass ich einen echten Dialog schätze. Also von Auge zu Auge zusammensitzen, miteinander reden. Das geht nicht immer, aber dann halt telefonieren. Aber geschrieben ist das immer so einfältig. Wenn ich höre, wie Leute rummeckern oder sich abfällig ausdrücken, muss ich sagen, das kann ich nicht ernst nehmen, denn ich kenne die Person nicht, die Person kennt mich nicht. So wie ich mich als Künstler verstehe, kann ich ja nur ein Angebot machen. Interessant ist dann, wie die Menschen auf mein Angebot reagieren. Wie reagieren Menschen auf die Musik, die ich spiele? Tanzen sie oder stehen sie rum? Das finde ich spannend. Das geschriebene kritische Wort eher nicht so.

Also liest du Kritik nicht?

Ich muss schon natürlich auch hin und wieder mal wieder reinschauen, was da steht. Hasskommentare kann ich nicht stehen lassen. Also muss ich irgendwie auch darauf reagieren.

Wahrscheinlich hast du in den vergangenen 40 Jahren tausende beeindruckende Momente erlebt, aber gibt es so einen Moment, den du niemals vergessen wirst und an den du dich immer wieder gerne zurückerinnerst?

Ich muss sagen, dass das Auflegen bei allen Loveparades in Berlin so ein Moment gewesen ist. Auf jeden Fall hat mich das wirklich nachhaltig beeindruckt und auch bei mir Spuren hinterlassen. Denn es ist wirklich magisch, vor einer oder anderthalb Millionen Menschen aufzulegen. Aber auch das Auflegen im Planet war immer ein Erlebnis. Und dann die Afterhour im 90 Grad. Damals war das ein kleiner Club in Berlin. Da haben wir dann regelmäßig sonntags nach dem Planet aufgelegt. Und auch alle Leute, die aus dem Tresor kamen, waren bei uns. 

Als ich nach Werten gefragt habe, hast du die Liebe ganz nach oben gestellt. Du hast einen starken Partner an deiner Seite, deine Ehefrau. Wie habt ihr euch denn kennengelernt?

Wir haben die letzte Loveparade in Berlin gemacht – 2003. Ich hatte dann am Sonntag danach noch vor, ein bisschen bei uns zu grillen. Wir waren irgendwie in Berlin unterwegs und haben im Café gesessen. Da waren Tilmann Uhrmacher dabei und Werner Griese. Ich hatte dann vorgeschlagen, dass wir auch zu mir gehen könnten, und da war Ellen dabei. Und dann sind wir halt zu uns, in die Fechterstraße ins Dachgeschoss. Dort haben wir dann noch ein bisschen rumgesessen und haben noch ein bisschen gegrillt und so. Ich war damals liiert, aber sie ist mir auf jeden Fall aufgefallen. Ja, und dann ist Zeit ins Land gegangen; irgendwann im Jahr 2007 – da war ja noch Myspace aktiv – hat sie mir geschrieben, ob ich noch irgendwelche Fotos hätte. Da habe ich ihr geantwortet, dass, als ich sie das erste Mal gesehen hatte, bei mir die Sonne aufgegangen ist, und dass ich sie unbedingt wiedersehen möchte.

Myspace sei Dank.

Ellen: Er hat da so einen Schmalz abgesondert, dass ich ihn überhaupt nicht ernst nehmen konnte. Ich dachte, entweder ist er komplett drauf oder er veräppelt mich.

Motte: Ich war da inzwischen nicht mehr liiert und dachte mir, mal schauen, vielleicht wird sie ja etwas von sich hören lassen. 2007 sind wir dann zusammengekommen. Später haben wir verabredet, dass wir, wenn wir zehn Jahre lang zusammen sind, auch heiraten können. Und wir haben dann elf Jahre später geheiratet, 2018.

Kommen wir mal wieder zum Geschäftlichen: 2025 findet wieder die Rave The Planet Parade statt. Was steht denn sonst noch an für 40 Jahre Dr. Motte?

40 Jahre Motte wird natürlich zelebriert und ich habe dem noch einen Untertitel gegeben, nämlich „Give Peace A Dance“. Ich möchte gerne zum Ausdruck bringen, dass Frieden auch durchs Tanzen entsteht. Tanzen und Frieden sind quasi etwas, das wir unbedingt weiter fördern müssen. Aus dem Tanzen heraus kann ja auch Frieden entstehen, und das ist einfach, finde ich, ein sehr schönes Motto. Für mich persönlich ist das wichtig, weil nur in einer friedlichen Welt getanzt wird. Wenn wir mehr tanzen, dann haben wir auch mehr Frieden. Und dann haben wir auch mehr Zeit füreinander, verstehen uns besser, entdecken Unterschiede, die dann auch akzeptiert und respektiert werden.

Loveparade

Die Loveparade fand von 1989 bis 2006 in Berlin und ab 2007 bis 2010 an wechselnden Orten im Ruhrgebiet statt. Die Veranstaltung entwickelte sich im Laufe der Jahre von einem kleinen Straßenumzug der West-Berliner Technomusikszene zu einer international bekannten Veranstaltung der Technokultur und später zum Massenspektakel und Marketingevent mit bis zu 1,5 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Die erste Loveparade wurde in Berlin am 1. Juli 1989 von Dr. Motte und der Multimediakünstlerin Danielle de Picciotto initiiert. Die Parade wurde als angemeldete politische Demonstration durchgeführt, für „Friede, Freude, Eierkuchen“ (für Frieden: Abrüstungen auf allen Ebenen, besonders zwischenmenschlich; für Freude: durch Tanz und Musik als Mittel der Verständigung; Eierkuchen: für eine gerechte Nahrungsmittelverteilung auf der Welt). Bei der Organisation halfen Stammgäste des UFO.1996 wurde die Loveparade GmbH gegründet. Gesellschafter bis zur Übernahme durch Rainer Schaller von Mc Fit im Jahr 2006 waren Dr. Motte, William Röttger, Sandra Molzahn, Ralf Regitz und Andreas Scheuermann.

Von ursprünglich 150 Beteiligten wuchs die Loveparade auf etwa 1,5 Millionen Besucherinnen und Besucher im Jahr 1999 an. Im Jahr 2001 wurde der Veranstaltung durch das Bundesverfassungsgericht der Demonstrationsstatus aberkannt und sie als kommerzielle Veranstaltung eingestuft. Nach einer Pause in den Jahren 2004 und 2005 fand sie 2006 mit einem neuen Veranstalter, der Lopavent GmbH des Unternehmers Rainer Schaller, und einem modifizierten Konzept wieder in Berlin statt. Der Gründer Dr. Motte distanzierte sich klar von diesem Konzept, da der Veranstalter nur monetäre Ziele verfolge und materielle Interessen vertrete. Bei der 19. Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg kam es zu einem Unglück, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen und mehr als 500 Besucher*innen verletzt wurden. Der Organisator der Loveparade 2010, Rainer Schaller, teilte am Tag nach dem Unglück mit, dass künftig keine Loveparade mehr stattfinden werde.

Aus dem FAZEmag 157/03.2025
Interview: Sven Schäfer
Foto: Petrov Ahner
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