analog„In der Panorama-Bar waren alle außer mir noch von gestern.“ Thomas Meinecke erinnert sich voller Euphorie an Clubnächte, Disco-Erstkontakte und „heilige Dancefloors“.

Vor einem Monat feiert die Compact Cassette 50-jähriges Jubiläum. Anfang September startete der International Cassette Store Day. Opel bewirbt seinen „Adam“ in Magazinanzeigen mit Ghettoblastern und Kassettenstapeln. Reloop präsentiert sein „Tape“, ein USB-Aufnahmegerät im Kassettendesign. Kurz gesagt, auch wenn Vinyl die CD längst überholt hat: Das Analoge ist als Retrophänomen flächendeckend zurück, weshalb Thomas Meinecke mit seinem schmalen Band zur rechten Zeit an den Start rückt. Versammelt sind seine Groove-Magazin-Kolumnen von 2007-2013, mit bunten Schallplattenzeichnungen bebildert, die seine Frau Michaela Melián für die Veröffentlichung im Verbrecher Verlag beigesteuert hat. Meinecke, der bis heute „strictly Vinyl“ auflegt, schreibt hier über Um- und Aussortierungen seiner Plattenkiste (es passen neunzig 12″ rein, er fährt mit der Bahn), über ein skurriles, von ihm organisiertes Band-Casting für Leute, die in Berlin leben, aber keinen deutschen Pass besitzen, über die Zusammenhänge zwischen Carl Craig und Thelonious Monk, über den „Sound of Munich“, Giorgio Moroder. Dazu das Abfeiern analoger Phänomene und Probleme: „Bis heute habe ich nur einen Plattenspieler zu Hause: I grew up in public, wenn der Dancefloor unter meinen ersten Mixversuchen leiden musste, denn die Bass Drum wollte ja die ganze Nacht durchgehen.“ Ein Teil seiner musikalischen Sozialisation, von Northern Soul bis Punk (bzw.: andersherum), als „male fag hat“, Diplo-Fan seit den ersten Hollertronix-Platten, als ewig nach Einordnung Suchender und Eingeordnetes Umstoßender: „Wenn es White Negroes gibt, sollte es auch Straight Gay People geben: Rap ist performativ hetero (Street) kodiert, House homo (Club), das gehört längst zum Kanon der Geschichtsschreibung (die by doing überschrieben werden kann). Wobei der Hip-Hop Pimp im Pelz und mit Geschmeide eine schon wieder ganz schön ambige Figur darstellt. 8Da gibt es kulturwissenschaftlich einiges zu diggen in Sachen sexueller Transgressivität).“ So viel zu den Desideraten. Im Gegenzug gibt es bietet Thomas Meinecke mal wieder Einblicke in die Verknüpfungszusammenhänge der vergangenen 35 Jahre: „Die von mir geschätzten kulturellen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts verdanke ich in erster Linie ästhetischen Konzepten sexuell Andersdenkender (allen voran schwuler Männer). Subtile Resignifizierungen, wie sie Camp hervorgebracht hatte (Vaudeville, Broadway, Hollywood, Theatre of the Ridiculous, Disco, House), wurden zu meinem poetologischen Leitsystem.“ Trotz dieser Satzkaskaden ist „Analog“ ein besonderes Buch, sobald man es in den übrigen Meinecke-Diskurs einordenen mag, oszillierend zwischen Gender-Pop („Tomboy“), Hubert-Fichte-Simulakren („Mit der Kirche ums Dorf“), den literarischen Bruder von James Tobacks „Black & White“ („Musik“). So leichtgängig, clubsmart und witty wie in seinen Groove-Kolumnen war der große Popintellektuelle Thomas Meinecke selten. „Neulich in der Stadt: Die einst große R&B-Künstlerin Kelis (sprichwörtlich Caught Out There in den innovativen Produktionsfängen der jungen Neptunes) in scheußlichsten Arrangements des neuen europiden Techno-Mainstream, dessen aktuellen Impact auf amerikanische R&B-Stilisten ich mir kaum erklären kann. Euro-Trash war doch ein Begriff, der Camp-Qualitäten besaß.“ – Diskurspogo für High-Fidelity-Recken bzw. die denkbar schönste Begründung, weshalb Teenager heute Popmusikwissen gegen Video Games eingetauscht haben – es ist ein hermetisches Ding geworden, für das nicht zufällig eigene Studiengänge installiert wurden.

Thomas Meinecke – Analog
mit Zeichnungen von Michaela Melián
Verbrecher Verlag, 112 Seiten, 14 Euro
www.verbrecherei.de
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