
In der westlichen Welt steigen Suchterkrankungen weiter an – gleichzeitig wächst das Interesse an einem uralten Heilmittel aus Afrika: der Iboga-Pflanze.
Besonders der darin enthaltene Wirkstoff Ibogain rückt in den Fokus medizinischer und therapeutischer Forschung. Das zentralafrikanische Gabun, Ursprungsland dieser Pflanze, will den potenziellen medizinischen Schatz nun wirtschaftlich besser nutzen.
Iboga spielt seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle in der gabunischen Bwiti-Religion. Dort wird die Pflanze nicht nur spirituell verehrt, sondern auch rituell verwendet – oft in aufwendigen Zeremonien.
Einer, der sich davon persönlich überzeugt hat, ist der Brite Stephen Windsor-Clive. Bei einer zehntägigen Zeremonie wollte er herausfinden, ob Iboga seiner psychisch erkrankten Tochter helfen kann. „Eine geheimnisvolle Kraft liegt in dieser Pflanze“, sagt er heute.
Auch wissenschaftlich gilt Ibogain als vielversprechend im Kampf gegen schwere Suchterkrankungen wie Drogenabhängigkeit. Patienten berichten von Erfolgen bei der Behandlung von posttraumatischem Stress oder neurologischen Leiden.
Erste Behandlungszentren in Ländern wie den Niederlanden, Portugal und Mexiko setzen Ibogain bereits ein – trotz bestehender Bedenken. Denn der Wirkstoff ist nicht risikofrei: In hohen Dosen kann er toxisch wirken.
Ähnlich wie LSD, Meskalin oder Amphetamine beeinflusst Ibogain das zentrale Nervensystem stark. Studien warnen unter anderem vor möglichen Herzproblemen. Deshalb gilt der Stoff in Ländern wie den USA und weiten Teilen Europas als Betäubungsmittel – mit entsprechenden Einschränkungen.
Trotz dieser regulatorischen Hürden boomt das globale Interesse. Der gabunische Mikrobiologe Yoan Mboussou produziert in einem Labor nahe Libreville Kapseln mit 500 Milligramm Ibogain. Er vertreibt sie als Nahrungsergänzungsmittel und hofft nun auf eine Exportgenehmigung, um sein Produkt auch international – etwa gegen Erschöpfung und Sucht – anbieten zu dürfen.
Der wirtschaftliche Nutzen für Gabun ist bislang gering. „Das wirtschaftliche Potenzial von Iboga“ werde viel zu wenig ausgeschöpft, kritisiert Yann Guignon von der Waldschutzorganisation Blessings Of The Forest.
Es fehlten nationale Plantagen, verlässliche Verarbeitungsstrukturen und ein klarer politischer Rahmen. Außerdem sei das traditionelle Wissen rund um die Pflanze nicht durch geistige Eigentumsrechte geschützt.
Ein weiteres Problem: Internationale Unternehmen forschen bereits daran, Ibogain synthetisch herzustellen oder aus anderen Pflanzen zu gewinnen. Damit droht Gabun den Anschluss an den wachsenden Markt zu verlieren – trotz seiner historischen und geografischen Rolle als Ursprungsland des Wirkstoffs.
Aktuell besitzt in Gabun nur ein Unternehmen eine Exportlizenz für Iboga-Produkte. Doch das soll sich ändern: Laut Florence Minko vom Forstministerium plant die Regierung, mehr Lizenzen zu vergeben.
Gleichzeitig wird eine nationale Strategie zur nachhaltigen Nutzung der Pflanze entwickelt, bei der auch traditionelle Heiler, Wissenschaftler und NGOs einbezogen werden sollen. Ein Herkunftszertifikat „Made in Gabun“ könnte den Export zusätzlich stärken.
Denn das internationale Interesse ist vorhanden – nicht nur bei Pharmaunternehmen, sondern auch bei Suchterkrankten. Menschen wie Tafara Kennedy Chinyere, der aus Simbabwe zu einer Zeremonie nach Gabun reiste, berichten von tiefgreifenden Veränderungen.
„Ich habe das Gefühl, dass die Iboga-Pflanze mir geholfen hat, Dinge loszulassen, die ich in meinem Leben nicht mehr brauche“, sagt er. Die Hoffnung wächst also, dass aus einer heiligen Wurzel eine moderne Hilfe gegen Sucht entstehen könnte.
Gabun steht vor der Herausforderung, diese Chance verantwortungsvoll, wirtschaftlich klug und nachhaltig zu nutzen. Die Welt schaut dabei zunehmend gespannt nach Zentralafrika.
Quelle: Tagesspiegel
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