
Zwischen Post-Punk-Depression und Pop-Avantgarde, zwischen Subversion und Stilbewusstsein: Das war die Haltung von ELASTE, einem der einflussreichsten und innovativsten Zeitgeistmagazine der New-Wave-Ära – glamourös, rebellisch und politisch. Der Bildband „Elaste. 1980–1986“ setzt dem Magazin nun ein Denkmal. Thomas Elsner, Michael Reinboth und Christian Wegner starteten 1980 ihr Unterfangen in Hannover. Der Kalte Krieg war in vollem Gange, die erste Punkwelle ebbte etwas ab und die drei Protagonisten wollten der Öde und Orientierungslosigkeit etwas entgegensetzen – das war die Geburtsstunde von ELASTE. Mit Thomas Elsner und Michael Reinboth haben wir uns über ELASTE unterhalten.
“I like your magazine, really.” (Andy Warhol)
https://elaste.lnk.to/Elaste.1980-1986.book
Wie kann man sich das Hannover Anfang der 80er-Jahre vorstellen?
Michael: Hannover war schon cool mit seinem Nachtleben. Ich habe 1980 im Basement angefangen aufzulegen. Ein Laden optisch krass entgegensetzt zu Discos mit buntem Flackerlicht, Spiegelkugeln und dem Plüsch der 70er-Jahre.
Das Basement war in einer neuen Beton-Tiefgarage mit Pirelli-Boden, Edelstahl-Bar und Neon-Lichtstreifen oben unter der Decke. So einen „kalten“ New-Wave-Laden gabs weder in Berlin, Hamburg, München oder Düsseldorf. Die anderen Kulturbereiche wie Mode, Kunst, Literatur, Fotografie waren zwar in Hannover zugegen, aber eher mager und nicht so national/international bedeutend, was uns dann letztendlich 1982 dazu bewogen hat. nach München umzuziehen.
Thomas.: Ich kam 1977 nach Hannover. Eine der ersten Platten, die ich dort bei Musicland kaufte war „Heroes“ von David Bowie. Die traf mein Zeitgefühl ziemlich genau. Andere wichtige Platten in dem Jahr waren für mich „Pink Flag“ von Wire, „The Clash“ von The Clash, „Trans Europa Express“ von Kraftwerk. Solche `Störungen` konnte ich am ehesten in den Clubs Die Rote Kuh und Andy’s Fox feiern. Nach dem ersten Jahr an der Hochschule für Gestaltung – währenddessen ich mich nicht so besonders heimisch in Hannover fühlte –, bekam ich überraschend den Job als Türsteher und DJ in einem der angesagtesten Clubs, in den ich vorher noch nicht mal hereingekommen bin – dem Casa. Ab diesem Moment war ich plötzlich mit der Stadt und ihrer Szene verbunden. Es offenbarte sich eine sehr offene, tolerante Weltsicht, in der verschiedene Szenen weitestgehend respektvoll nebeneinander existierten. Ob es nun die Nordstadt-Punks, die reichen Kids aus Kirchrode, die Alternativen und Arbeiter aus Linden, oder die Studenten aus Vahrenwald waren. Im Casa Blanca, wo ich arbeitete, trafen sich Künstler, Politiker, Musiker (Scorpions etc.), Boutiquenbesitzer, Galeristen, Peepshowbetreiber, Makler und die Waver/Popper.
Es war eine Zeit des Aufbruchs: das No Fun Label, das engagierte Stadtmagazin Der Schädelspalter, die neu etablierte Neue Presse, tolle Venues für Konzerte (Rotation, Glockseezentrum, Kuppelsaal. Leine-Domizil), ständige Neueröffnungen von Clubs und Cafés, ebenso wie von Boutiquen und Plattenläden. Es entstanden neue Bands wie 39 Clocks bis Hans-A Plast. Glam, Punk, New Wave, Business, Fun, Alt Mucker und Noch-Hippiee auf engstem Raum. Im Casa lernte ich schließlich auch Christian und Michael kennen, mit denen ich mich dann bei einigen Gin Tonics auf die gemeinsame Zusammenarbeit an ELASTE einschwor.
Wie gelang euch der Spagat zwischen glamourös, rebellisch und politisch?
Thomas: Ich kann mich an keinen extremen Spagat erinnern: Wir waren elastisch.
Michael: Das war kein Spagat, sondern eine natürliche, unangestrengte Sache. Und zwar bundesweit: Es wuchs ein gesunder Crossover aus Post-Punk, New Wave, Styling, Neo-Hippie und einer neuen „grüneren“ politischen Haltung zusammen. Die Grünen waren neu im Parlament. Nach den Kämpfen gegen die Kernkraftwerke, den NATO-Doppelbeschuss und nach der No-Future-Attitüde des Punk hatte man das Gefühl, man müsse die Sache anders angehen. In den Clubs, vom Ratinger Hof und Checkers in Düsseldorf über Schöne Aussichten und Cha Cha in Hamburg, den Jungle in Berlin oder das Größenwahn, die Klappe, P1 und das Why Not in München gab es die ganze Bandbreite an Styles, Outfits und Pop-Attitüden. Das drückte sich auch in der Musik aus: Hip-Hop, Electro, New Wave, Experimental, House (damals hieß das Garage), Electronic Body Music, Post-Punk, Synthie-Pop, Disco und Kraut lief an einem Abend.
Ihr seid bei der Gründung von ELASTE gerade einmal um die zwanzig Jahre alt gewesen. Wie kam man an Persönlichkeiten wie Andy Warhol, Mick Jagger oder Pedro Almodóvar heran? Und wie waren diese Begegnungen?
Thomas: Kein Problem. Man musste nur irgendwo anfangen. Unsere Devise: einfach machen. Der Künstler Timm Ulrichs war der Erste, alle anderen folgten. Wir hatten es offensichtlich schnell geschafft, ein gutes Image zu haben. Man mochte uns, und das, was wir taten, öffnete viele Türen. Einige Persönlichkeiten wollten unbedingt in unserem „fuckin‘ magazine“ erscheinen, u.a. Herman Brood, Peter Wolfe von der J. Geils Band, Our Daughters Wedding … Die Stars waren da noch nahbarer und wurden nicht so abgeschirmt wie heute. Alle Begegnungen waren aufregend, interessant und äußerst angenehm, ich kann mich an keine unangenehme erinnern. Ich habe früh gelernt, dass coole Leute wirklich cool sind. Ärger bereiten einem immer nur die Möchtegerns und Wannabes.
Michael: Viele unserer Interviews liefen nicht im klassischen Modus ab: Du hast 30 Minuten in einem Hotel von der Plattenfirma avisiert bekommen. Wir haben uns anders, hintenrum, backstage, oder an der Bar um Kontakt bemüht; haben unser Magazin gezeigt und die Sache lief irgendwie. Im Buch haben wir im Nachhinein nochmal die ein oder andere Geschichte, wie wir an die Leute rankamen, aufgeschrieben.
Hätte ELASTE auch irgendwie in einer anderen Zeit Erfolg gehabt oder passte es genau in diese Ära?
Thomas: Ich glaube, unsere ELASTE passte genau in diese Jahre, der „Zeitgeist“ strömte ja förmlich in uns hinein und dann aus dem Heft wieder heraus. Zu jeder anderen Zeit wäre ELASTE auch möglich, aber etwas komplett anderes gewesen.
Michael prägte 1981 den Satz „Die ELASTE von heute ist nicht die ELASTE von morgen“. Ich konnte mir damals vorstellen, Ausgaben als Videotape, Performance oder als T-Shirt herauszubringen.
Michael: Ich kann mir die ELASTE — so wie sie war — nicht in den 90er- oder Nullerjahren vorstellen. In Zeiten von Social Media schon gar nicht.
Von Hannover nach München, von Post-Punk bis Pop-Avantgarde: ELASTE dokumentierte sechs Jahre kulturellen Umbruch. Welche waren aus heutiger Sicht die wichtigsten Momente oder Wendepunkte dieser Ära?
Thomas: Aus meiner Sicht die Kommerzialisierung durch die Industrie – man erinnere sich, wie sie die NDW zu Grunde gerichtet hat. Das Auftauchen von MTV, den Videos und den dort promoteten Superstars wie Madonna, Prince und Michael Jackson. Das Lancieren von Kulturmagazinen wie „Tempo“, „Wiener“, „Jetzt“ etc., die von Verlagen gemacht wurden, um „junge Menschen“ zu erreichen, aber gewinnorientiert funktionieren mussten. Das Auftauchen von Hip-Hop, Rap, House, die ersten Warehouse-Partys. Der Weltuntergang wurde verschoben. Graffiti goes Gallery: Die Subkultur wurde salonfähig. Punk wurde zu einem Label, um Platten, Lederjacken und Haargel zu verkaufen. VIVA und angeblich von einem Schimpansen moderierte Musiksendungen veralberten die Pop-Kultur.
Michael: Die Simmons-Drums, der Fairlight, die ersten Sampler, Drumsequencer wie der Roland CR-78 bzw. der Nachfolger Roland TR-808, der Camcorder, der Fotokopierer für den Privatgebrauch; jede Menge technische Neuheiten beeinflussten die Musik, Fotografie, Mode und damit auch die Magazine. Performances in Clubs gab’s zuhauf.
Was hat dich bei der Zusammenstellung der 560 Seiten am meisten überrascht oder bewegt – und welche Geschichten mussten unbedingt erzählt werden?
Thomas: Ich finde es einfach verrückt, alles was wir gemacht haben so komprimiert auf einem Haufen zu sehen. Ich glaube, dass niemandem die Heften so nah sind und gehen wie mir. Als Gestalter kenne ich jeden Quadratzentimeter jeder Seite. Hab’ ich doch alles so angeordnet, ausgewählt, aufgeklebt. Jedes Bild, jeder Strich, jeder Text, ja, fest jeder Buchstabe ging x-mal durch meine Hände. Und bei jedem Heft haben wir versucht, uns immer wieder neu zu erfinden. Heute wird bei den Magazinen das meiste rubriziert, Standards geschaffen, tyopgrafische Raster zugrunde gelegt, Gestaltungsrichtlinen geschaffen, damit auch jede Ausgabe so aussieht wie die vorherige, aus Angst dass der vermeintlich unmündige Leser sein Heft nicht mehr wiederkennt. Dass wir all das ablehnten, freut mich noch immer.
Und, ja ist doch klar, Stones, Warhol, John Lydon mussten doch einfach rein. Und für Bowie haben wir auch noch einen Trick gefunden, um ihn ins Buch aufzunehmen.
ELASTE beschäftigte FotografInnen wie Ellen von Unwerth noch vor den großen kommerziellen Magazinen. Wie wichtig war dieser fotografische Pioniergeist für die Identität des Magazins?
Thomas: Aus meiner Sicht essentiell. Obwohl ich bis heute in der Modewelt arbeite, interessiert mich die eigentliche Mode an sich nur am Rande. Mich reizt es, ähnlich wie Modedesigner und Fotografen Zeitgeist und Lebensgefühl zu analysieren und auszudrücken. So wie junge Bands es tun, unmittelbar und immer mit Haltung. In meiner Karriere habe ich nur sehr wenige sogenannte Modefotografen kennengelernt, die sich wirklich für Mode interessieren, geschweige denn, gut darstellen können (oder wollen). Ich finde es sehr schade, dass die eine ELASTE #17 nie erschienen ist. Ich hatte ein Bewerbungsgespräch von Jürgen Teller in meinem Timer vermerkt, der gerne für uns fotografieren wollte. Aber kurz zuvor waren unserem damaligen Sponsor die Nerven durchgegangen, der daraufhin mehr oder weniger unser gesamtes Redaktionsinventar in einem Müllcontainer versenkt hat. (Wir sind ihm trotzdem sehr dankbar, dass er uns bis dahin tapfer unterstützt hat).
Damit war ELASTE Geschichte. Und das Treffen mit Jürgen ist nicht mehr zustande gekommen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er seine Karriere bei uns begonnen hätte … Immerhin habe ich später dann mit ihm gearbeitet, als Kreativdirektor des Modelabels Strenesse. Nicht zuletzt durch seine Fotos ist diese Marke kurzeitig international bekannt geworden.
Wie kam es dann zur Gründung des gleichnamigen Labels im Compost-Label-Kosmos? Was war die musikalische Intention/Stoßrichtung?
Thomas: Michael hatte schon vor einiger Zeit ein paar ELASTE-Compilations gemacht, bei denen ich lediglich das Artwork gestaltet habe. An der Musikauswahl war ich nicht beteiligt. Etwas später haben wir dann angefangen unter dem Label „ELASTE DJ Set“ gemeinsam Musik aufzulegen. Da lag es nahe, ein Label zu gründen und sowohl neuere als auch ältere Tracks, die dem ELASTE -Spirit entsprechen und uns beiden gefallen, zu veröffentlichen. Es gibt nun ELASTE the magazines, ELASTE the book, ELASTE T-Shirts, ELASTE Records – mal schauen was als nächstes kommt…
Michael: Thomas und ich haben sowohl als DJs, Journalisten und letztendlich als Fans mit Leidenschaft die Musik der frühen 80er-Jahre aufgesogen, miterlebt und zumindest mit dem Magazin ELASTE ein ganz klein wenig mitgestaltet, da war es für uns logisch, unser Know How später oder heute in die Runde zu werfen. Wir kamen nicht von „scratch“, als das erste New-Wave-Revival, die Disco-Edit-Mania und aktuell überhaupt die 80er-Jahre recycelt werden. Thomas und ich können heute sehr gut feststellen, wo was herkommt. Und – das ist erfreulich – wir hören zum Teil auch, daß die 80er äußerst gut neu interpretiert werden. So bauen wir auch viel neue Musik in unsere DJ-Sets ein, und werden auf Elaste Records nicht nur retro sein, nach dem Motto „Geschichte wird gemacht – es geht voran.“
https://elaste.lnk.to/Elaste.1980-1986.book
ELASTE 1980-1986
Vorworte und Texte: Max Dax, Klaus Walter, Thomas Elsner, Larissa Beham
Nachwort: Michael Reinboth
Inklusive Download-Code-Karte mit 14 Songs von Elaste Records.
Preis: 49 Euro
Hardcover 560 Seiten
www.dcv-books.com

