
Ellen Allien hat sich in einem aktuellen Interview kritisch über gesellschaftliche Entwicklungen, Social Media und politische Einflussnahme geäußert.
Die Berliner Techno-Pionierin sieht die Clubkultur dabei weiterhin als wichtigen Ort für Gemeinschaft, Austausch und kulturellen Widerstand. Besonders deutlich wird Ellen Allien beim Thema soziale Netzwerke. „Wir werden durch Social Media gelenkt“, sagt sie. Wer politische Positionen vertrete, müsse damit rechnen, in seiner Reichweite eingeschränkt zu werden. Als Beispiel nennt sie gegenüber der Berliner Zeitung eigene Erfahrungen nach Beiträgen von Demonstrationen. „Das System versucht manchmal, die Kunst zu beschneiden, weil es merkt, wie groß und unabhängig wir sind.“
Für die Produzentin besitzen reale Gemeinschaften deshalb eine größere Bedeutung als digitale Plattformen. Sie verweist auf Solidarität innerhalb der Szene, gegenseitige Unterstützung und gemeinsames Handeln bei Problemen. Physische Präsenz und kollektive Organisation seien aus ihrer Sicht wichtiger als reine Online-Sichtbarkeit. Auch ihr am 9. Juli erscheinendes Album „New Life“ ist von solchen Gedanken geprägt. Ursprünglich habe sie das Werk „Nobody Needs Any Leaders“ nennen wollen. Statt Hierarchien und Führungspersonen setzt Allien auf Selbstbestimmung. „Das neue Leben wäre ohne Hierarchie“, erklärt sie. Führung manipuliere häufig, fördere Diskriminierung und setze Menschen unter Druck.
Mit Blick auf die Geschichte der Szene betont Allien zudem die politische Dimension von Techno. „Techno war auf jeden Fall Widerstand – gegen die vergangene Diktatur und gegen die Bevormundung durch die Politik.“ Nach dem Mauerfall hätten sich junge Menschen eigene Räume geschaffen, weil staatliche Strukturen aus ihrer Sicht keine Angebote für sie bereitgestellt hätten. Gleichzeitig kritisiert sie die spätere Kommerzialisierung der Kultur. Mit Großereignissen wie Loveparade und Mayday sei vieles stärker vermarktet worden. Dennoch sieht sie die ursprünglichen Werte nicht verloren. Solange es Orte gebe, an denen experimentiert werden könne, sei Techno nicht ausverkauft. Als Beispiele nennt sie das RSO und die Säule im Berghain.
Sorgen bereitet ihr dagegen die zunehmende Nutzung von Künstlicher Intelligenz in der Musikindustrie. In Agenturen werde KI bereits eingesetzt, um Daten auszuwerten und Booking-Entscheidungen zu beeinflussen. Einige produzierten sogar Musik mit KI. Für Allien fehlt diesen Ergebnissen jedoch häufig die kreative Tiefe. „Für mich ist die Arbeit mit echten Maschinen viel zu spaßig, um sie einer KI zu überlassen.“ Trotz Diskussionen über Clubschließungen bleibt sie optimistisch. Die oft beschworene Krise der Berliner Clublandschaft hält sie für übertrieben dargestellt. Statt vom „Clubsterben“ zu sprechen, sollten Politik und Behörden kulturelle Räume stärker unterstützen. Kurze Mietverträge und fehlende Planungssicherheit seien aus ihrer Sicht größere Probleme als mangelnde Kreativität innerhalb der Szene.
Für Allien bleibt Berlin weiterhin „das Mekka des Undergrounds“. Gleichzeitig beobachtet sie spannende Entwicklungen in Südamerika, insbesondere in Brasilien, Chile und Mexiko. Dort entstünden neue kulturelle Impulse, queere Räume und eigenständige Spielarten elektronischer Musik. Am 25. Juni ist Ellen Allien zudem bei der Reihe Berlin Beats vor dem Hamburger Bahnhof zu erleben. Die kostenlose Veranstaltung versteht sie als Chance, Techno einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Dass Museen und kulturelle Institutionen die elektronische Musik heute stärker einbeziehen, wertet sie als Zeichen dafür, dass die Techno-Kultur inzwischen als eigenständige Musikkultur anerkannt wird.
Quelle: Berliner Zeitung
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