
Mit „Dystortion“ legen Arne Schaffhausen und Wayan Raabe aka Extrawelt am 5. Dezember ein Album vor, das so lange gereift ist wie keins ihrer Werke zuvor. Es ist ihr fünftes Album auf Cocoon, entstanden über sechs Jahre hinweg, geprägt von einer Welt, die zwischen Corona-Pandemie, politischer Spaltung, KI, Social Media und Dauerkrisen taumelt. Ein Werk „voller Kontraste, die hoffentlich trotzdem einen Flow ergeben“, so Wayan. Es spiegelt einerseits eine Realität, die immer härter, schneller und unübersichtlicher wird, und andererseits eine Sehnsucht nach Klarheit und Wärme, die in vielen Tracks greifbar wird.
Die Geschichte des Albums beginnt eigentlich schon im Jahr 2018. „Direkt nach dem Elektroalbum ‚Unknown‘ lagen schon erste Skizzen für das nächste Album bereit“, erinnert sich Arne. Auch das Jubiläumsprojekt „Extra Welt Hits“ stand an. Dann kam das Jahr 2020 mit der Corona-Pandemie: „Die Welt stand auf einmal still. Wir haben, so gut es geht, weiter Musik produziert. Einiges direkt veröffentlicht, anderes für das Album zurückgelegt.“ Irgendwann spürten sie, dass sich genug Material angesammelt hatte – aber genau darin lag das Problem. „Genug heißt in diesem Fall zu viel“, sagt Arne. „Wir waren in der luxuriösen Situation, aus so viel Musik auswählen zu können wie bei keinem Album zuvor. Das führte aber auch dazu, dass es gedauert hat, bis sich aus dieser Fülle das Album geformt hatte, das wir gesucht und erhofft hatten.“ Wayan investierte Stunden in Sequenzen, Reihenfolgen und Durchläufe: „Ich habe immer wieder unterschiedliche Tracks zu einem einzigen zusammengeklebt, um der Versuchung des Skippens zu widerstehen. Soll man ja durchhören so’n Album. Wir haben bei jeder Fahrt, beim Sport, in der Küche alles rauf und runter gehört. Am Ende wurden ein paar liebgewonnene Tracks geopfert.“ Genau aus dieser radikalen Auswahl sei „Dystortion“ entstanden – ein Album, das bewusst die Widersprüche der Gegenwart spiegelt, so wie es auch im Pressetext heißt: von brodelnder Spannung bis hin zu aufhellenden Momenten, ein Klang, der von industriellen Einflüssen ebenso lebt wie von Euphorie und Hoffnungsschimmern.
Die Krisen der letzten Jahre sind für das Duo kaum auszublenden. „Die Pandemie hat alle beeinflusst, auch uns“, sagt Wayan. „Während manche Kolleg*innen im Lockdown im Studio waren, waren wir mit Kindern und Homeschooling beschäftigt. Und nun kommen die Rückkehr von Faschismus, Krieg, suizidalem Widerstand gegen Klimaschutz, Fake-News-Bots und KI hinzu. Die Zukunft sah zu den Hochzeiten der Loveparade echt anders aus. Alles zu ignorieren, ist jetzt schlicht keine Option mehr.“ Arne drückt es ähnlich aus: „Es geht so krass in die falsche Richtung, dass es beängstigend ist. Und trotzdem, ob Krieg, Rechtsruck, Wirtschaft oder Umweltschutz: Aufgeben ist nicht. Entweder wir gehen mit wehenden Fahnen unter oder wir stoppen die Korrosion der Werte.“ Genau diese Spannungen seien im Album hörbar. „Es ist das erste Mal, dass sich extreme Kontraste richtiger angefühlt haben als Ähnlichkeiten.“

Extrawelt wollen sich nicht in Trends pressen lassen. Wayan kommentiert dies ironisch: „Nicht anpassen wollen oder nicht anpassen können? Hätten wir in 20 Jahren den Algorithmus geknackt, würden wir es nicht sagen.“ Arne beschreibt ihre Arbeitsweise lieber so: „Wir versuchen, frei an unsere Musik heranzugehen. Wenn wir Dubstep oder Elektro gut finden, lassen wir uns inspirieren, wenn es Indie-Rock oder Filmmusik ist, auch gut. Wir lassen Einflüsse zu und denken nicht, dass irgendetwas nicht erlaubt ist, weil es nicht clubkompatibel ist.“ Den sozialen Medien stehen die beiden skeptisch gegenüber: „Wir kaufen jedenfalls keine Bots, egal, wie viele Leute uns dazu raten. Keinen Bock drauf, dass Musk oder Zuckerberg in unser Leben reinfunken.“ Der Albumauftakt „Grand Départ“ zeigt exemplarisch, wie Extrawelt arbeiten. „Bei uns ähnelt das eher dem Schmetterlingsfänger“, sagt Wayan. „Die Bassline war das Erste, was geklickt hat. Der Rest ergab sich von selbst. Die Hip-Hop- und Rockeinflüsse lassen sich kaum leugnen.“ Eine zentrale Besonderheit des Albums ist die Zusammenarbeit mit Jimi Jules. „Wir waren während der Corona-Zeit in derselben Stadt eingeschlossen“, sagt Arne. „Wir haben einfach mal gemacht. Es hat total Spaß gemacht und das hört man hoffentlich.“
Überraschend ist die Wärme, die in Tracks wie „Surrounded By Miracles“ oder „Hope Sounds Good“ auftaucht. „So düster wie das Cover aussieht, ist das Album nur in Teilen“, sagt Arne. „Wir sind nicht nur Skeptiker und Zweifler, sondern auch Genussmenschen und Sinnsucher. Man fängt im Studio etwas ein, das sich plötzlich gut anfühlt – und dann spinnt man den Faden weiter.“ Der Titeltrack „Dystortion“ bildet einen emotionalen Gegenpol. „Der Track ist kurz nach der Trennung von meiner damaligen Frau entstanden“, erzählt Wayan. „Deshalb liegt da so viel Wut, Verletzlichkeit und Trauer drin. Musik kann ein Ventil sein, ein Kampf gegen sich selbst, gegen den Feind im Spiegel.“ Lange war unklar, ob der Track überhaupt veröffentlicht werden würde. „Arnes Mut hat den Ausschlag gegeben“, sagt Wayan. Zum Thema Genres haben beide eine klare Haltung. „Who cares? Musik ist toll oder blöd, je nach Situation“, meint Wayan und Arne ergänzt: „Genres helfen beim Austausch, aber sie sagen nicht aus, ob ein Lied gut ist. Bei der unveröffentlichten Musik, die hoffentlich irgendwann rauskommt, ist noch das ein oder andere Überraschungsei dabei.“
Das Album hat die Live-Performance des Duos verändert. „Unser erstes richtiges Konzert letztes Jahr hat uns extrem motiviert“, sagt Arne. „Wir haben Sets mit mehr Zeit, mehr Dynamik, mehr Kontrasten gespielt. Mehr wir.“ Die Shows hätten ihnen gezeigt, wie sich die Stimmungen des Albums organisch übertragen lassen – teils introvertiert, teils explosiv. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Extrawelt ist das Staunen geblieben. „Zack, 20 Jahre! Wie schnell das ging, hat uns überrascht“, sagt Arne. „Im Studio fasziniert mich immer noch jeder neue Sound.“ Wayan lacht: „Wir sind immer wieder überrascht, was für schlechte Geschäftsleute wir sind.“ Doch die kreative Zusammenarbeit habe sich weiterentwickelt, so die beiden. „Der Abstand zu Clubs und der Wegfall selbstauferlegter Schranken hat viel durcheinandergewirbelt. Wir haben uns getraut zu streiten und Tracks verbannt, die nicht gut genug waren.“ Beim Thema KI gehen die Meinungen auseinander. „Echt wird Musik, sobald Luft vibriert und ein Ohr Schallwellen wahrnimmt“, sagt Wayan und Arne warnt: „KI-Musik sollte klar gekennzeichnet werden. Aus einem Prompt Musik zu erzeugen und damit kommerziell in den Wettbewerb zu treten, ist aus meiner Sicht nicht ok.“ Ein Punkt, der sich durch das ganze Album zieht: menschliche Handschrift, echte Emotion, bewusste Reibung.
Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Triple P
Fotos: Tiffany Panel, Christophe Carasco
www.instagram.com/extrawelt/