Elektronische Tanzmusik ist heute wohl beliebter denn je. Unzählige Clubs, Open Airs und Festivals liefern Jahr für Jahr ein breites Partyangebot für Raver. Dabei einen klaren Überblick zu behalten, ist jedoch leichter gesagt als getan. Mit FAZE Trip soll sich das ändern! Die nationale Reihe versorgt euch künftig mit ausreichend Infos, sodass planlose Städtetrips der Vergangenheit angehören. Wir starten mit der Metropole Köln, die für ihre legendären Technopartys bekannt ist. Ein Rückblick auf die Kölner Szene der Vergangenheit soll mehr Klarheit in die Entstehungsgeschichte der deutschen elektronischen Musik bringen. Was die Domstadt schon damals zu bieten hatte und was heute so abgeht, erfahrt ihr hier.

„Eine Sache funktioniert nur, wenn du das, was du tust, liebst“ (Yena Kisla) Der Warehouse Club (1990-1994) sorgt für Aufsehen.

Die damalige Warehouse DJ-Crew  – Foto: Valery Kloubert

Der Großteil der Befragten schickte mich zu ihm: Yena Kisler. Er ist der Gründer des ehemaligen Warehouse Clubs – einer der bekanntesten Technoinstitutionen damaliger Zeit. Zuvor war in der Wilhelm-Mauser-Straße der Space Club beheimatet, der zur Legende und Keimzelle der rheinländischen Technobewegung wurde. Acid House ging durch die Decke. Nachdem sich die Space-Club-Macher bereits ein Jahr nach ihrem Einzug wieder verabschiedet hatten, beschloss der Pächter Kisla, selbst die Technohosen anzuziehen, und löste 1990 eine elektronische Epidemie aus. Mit seinen Residents begann er in Köln ein neues musikalisches Kapitel: „Der ‚Sound of Cologne‘ war damals einzigartig und einfach nicht von dieser Welt. Genauso waren die Leute. Techno hat in den 90ern dazu geführt, dass die Leute offener wurden. In unserer Bewegung konnte jeder machen, was er will. Ob es nun darum ging, sich im Club komplett frei zu machen oder Homosexuelle, die sich küssen – was zur damaligen Zeit noch nicht allgegenwärtig war. Es hat einfach keinen interessiert. Techno hat alles zusammengebracht, was es gibt, und vor allem alle Musikpaletten miteinander vereint.“ Kölsche Technoikonen wie DJ Roland Casper, Massimo, Oliver Bondzio, Mate Galic, Groovemaster K., Paul Cooper oder The Jeyênne faszinierten ihr Publikum auf völlig neue Weise. Doch im Gegensatz zu heute wurde nicht auf den Headliner gewartet – sobald die Technik angeschlossen war, wurde auch schon losgeravt. Aber wie kam man eigentlich in den Zeiten vor dem Internet an seine Künstler? Yena seufzt: „Booking war früher wie Puzzeln. Wenn uns eine Platte gefallen hat, mussten wir zuerst beim Recordstore nach dem jeweiligen Vertrieb des Künstlers fragen. Das war total aufwendig – im Endeffekt waren die Flüge teurer als die Gagen selbst.“ Damals war alles anders, sagt er mir immer wieder. „Die Leute kamen von überallher und feierten bis Sonntag durch. Keiner wollte nach Hause gehen, die hatten die Taschen voll mit Klamotten und waren für alles gewappnet. Sogar die DJs kamen jeden Sonntag zum Feiern, speziell aus den Frankfurter Kreisen, so zum Beispiel Sven Väth oder Mark Spoon“, schwärmt Yena. Im Sommer 94 musste der Veranstalter das Projekt Warehouse vorerst beenden – infolge einer Drogenrazzia wurde ihm die Genehmigung entzogen. Das Warehouse sorgte mit seinen bundesweiten Clubtouren für Aufsehen, ob nun in Hannover, Bremen oder Düsseldorf. „Es ging nicht um Namen, es ging um die Mukke.“

Seit einigen Jahren gibt es wieder regelmäßige Warehouse-Partys in verschiedenen Kölner Locations, unter anderem die jährliche Party zum 28. Jubiläum.

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Foto: Kölner Flyer und Plakate (FB)

 

 

„Techno and Houze without boundaries”
Claus Bachor und Roland Casper starten im Rave Club (1988–1989)

Claus Bachor (re) und Roland Casper (li) im damaligen Rave Club – Foto: Psycho Thrill Cologne

Claus Bachor und Roland Casper können mit Fug und Recht als Kölner DJ-Legenden und Urgesteine der deutschen Technoszene bezeichnet werden. Mit ihnen nahm die Ära schon früh ihren Lauf. Genau genommen 1988, als einige Redakteure des Musikmagazins Spex in einer Location namens Rave Club ihre eigenen Club-Partys veranstalteten. House, Acid und Proto-Techno machten dort erstmals die Runde. Und das Ganze mit den beiden als Residents: „Der Rave war der erste Club, der konsequent elektronische Musik spielte. Zu Beginn wurde noch ein Mix aus Hip-Hop, Rare Groove und Disco aufgelegt. Doch später gingen die Genres House, Electro, Hip-House, Acid, Garage und Techno in unseren Upfront-Sets pur wie fließend ineinander über. Denn hier wurde dann einfach alles miteinander gemixt. Daraus entstand am Ende ein völlig neuer Sound: Techno“, erklärt Roland. Und diese Art des Club-Mixings, das sich zu dieser Zeit in den verschiedensten Metropolen der Welt zeitgleich entwickelte, bildete die Basis für alles, was man heute eben unter House und Techno versteht. Claus erinnert sich: „Die Leute im Club waren extrem euphorisch, sie kamen zu uns, weil sie den Sound abgefeiert haben und nicht sich selbst.“ Damals waren die lokalen Spieler die Kings der Stadt, denn viele Star-DJs gab es noch nicht. Und die Musik konnte man direkt im Club abgreifen: „Bis in die späten 90er gehörte es dazu, dass du die Tapes beim DJ oder in seinem Umfeld kaufen konntest. Teilweise zahlte man zwischen 30 und 100 DM, denn Internet gab es ja noch nicht“, so Roland. Ende November 89 machte der Club dicht. Das Ende kam für alle Beteiligten überraschend und sorgte dafür, dass Bachor das Rave-Club-Konzept mitnahm und auf eine bis heute fortwährende, nun 30 Jahre über erfolgreiche Psycho-Thrill-Cologne-Formel brachte. „Stay Underground. There are no rules, fear is unknown and sleep is out of question!“ Mit der Club-Event-Reihe und dem gleichnamigen Vinyl-Label liefert er seit 1991 undergroundaffinen Techno und spielt noch immer regelmäßig in Clubs. Schon damals bestach er durch Bookings von internationalen Top-DJs oder Mitgliedern der Underground Resistance, womit er ein Stück Detroit nach Köln brachte. Er und sein Long-time-Partner Roland bilden bis heute ein starkes Team und bespielen über das Jahr verteilt auch Off-Locations. Mit ihren Sets schaffen sie eine musikalische Atmosphäre, die in die Tiefe geht: „Unser Ziel war und ist es immer noch, neben rarem, älterem Vinyl auch neueste Sound-Entwicklungen in unserem Mix abzubilden. Alles andere wäre Stillstand“, rundet Bachor ab.

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Foto: Sofia


Foto: Kölner Flyer und Plakate (FB)

 

 

„We Call It Acieed” (Spidy Johnson)
Robert Babicz lebt seinen Traum

Foto: www.facebook.com/robertbabicz

 Auch Robert erinnert sich noch genau. „Das war eine sehr wilde Zeit von 91 bis 94, kurz nachdem die ersten Raves entstanden sind. In Köln fand 1992 die Mayday statt. Einfach jeder kannte sich dort, wir haben uns derzeit sogar noch gegenseitig die Instrumente leihen müssen. Unser kleiner Kreis bestand aus ca. zehn Leuten, nur wir spielten diesen neuen Sound – es war total familiär. Wir fühlten uns so, als würden wir die Musik der Zukunft machen. Damals war das jedoch eine reine Nerd-Geschichte und kein Business so wie heute. Wir waren einfach glücklich, dass wir unsere Musik spielen konnten und die Leute ausgeflippt sind.“ Neben seinem roten Schal verhalfen ihm verschiedenste Pseudonyme zu einer neuen Identität. Das populärste ist wohl Acid Rob, aber auch Acid Warrior, Atlon Inc., Department Of Dance, Dicabor, Sontec oder Twirl sind ein Teil von Babicz. Es war sein erster Rave, der dafür sorgte, dass er der elektronischen Tanzmusik verfiel: „Als ich zum ersten Mal die neue Musik hörte, konnte ich es kaum fassen. Es klang wie Alien-Musik und nicht wie etwas, das von Menschen gemacht wurde. Ich dachte, entweder ich mache das oder ich bringe mich um.“ Kurze Zeit später folgte sein erster Live-Auftritt bei Riley Reinholds Partyreihe Cosmic Orgasm. Mit über 1000 veröffentlichten Tracks zählt Babicz zu den Technourgesteinen der Kölner Musikhistorie und gilt als Rekord-Produzent schlechthin. Durch seine jahrelange Erfahrung und die vielen durchlebten Phasen entstand schließlich sein eigener, ganz spezieller Stil. „Ich sehe mich als einen Geschichtenerzähler und benutze Musik als Medium. Ich experimentiere viel mit Sound und den Eigenarten von Techno, House und Progressive.“

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Foto: Kölner Flyer und Plakate (FB)

 

 

Maral Salmassi
Frauenpower mischt die Technoszene auf

Foto: Ivan Engler

Einen großen Unterschied zur damaligen Szene machen die weiblichen DJs aus, die heute deutlich mehr mitmischen als zu den Anfangszeiten. Eine, die bereits seit Beginn mit an Bord ist, ist Maral Salmassi: „Die 90er in Köln waren recht turbulent und so ziemlich genau das Gegenteil vom heutigen Köln. Die Stadt war am Wochenende voller Raver, die aus dem Sauerland, Frankfurt, Belgien, Holland oder Frankreich angereist kamen“, erzählt sie. „Ich habe mich meistens in Läden wie Warehouse, Liquid Sky, Petit Prince oder im Sixpack aufgehalten.“ 1994 begann die Karriere der Konsequent-Gründerin in Köln als DJ: „Ich fing mit dem Auflegen an, weil ich nicht nur tanzen, sondern auch meine eigene Musik spielen wollte. Also kaufte ich mir einen Plattenspieler und übte nach der Schule. Ich nahm Tapes auf, die ich dann auf Partys verteilte, und so kam eins zum anderen.“ Nachdem sie 97 das Label Konsequent Records gegründet hatte, wurde sie Mitinhaberin des Kölner Oldschool-Electro- und Miami-Bass-Vertriebs Formic Distributions. „Wir waren die Ersten, die eine breite Palette im Angebot hatten, die von Electro, Detroit-Techno, Chicago-House-Classics oder Miami-Bass bis hin zu ziemlich obskuren UK-Electronica wie Irdial Discs, Breakin Records oder Rephlex reichte.“ Als Maral Salmassi legt sie noch immer Techno auf, doch als Produzentin ist sie in verschiedensten Musikrichtungen wie Pop, Hip-Hop oder Trap für andere Bands und Projekte aktiv. Als ich sie um ein Foto aus der damaligen Zeit bat, offenbarte sich einer der wohl wichtigsten Unterschiede zwischen früher und heute: „Wir haben früher geravt und keine Fotos geschossen.“ In Sachen „Sound of Cologne“ hilft Maral mir ebenfalls auf die Sprünge: „Rückblickend würde ich sagen, dass Kompakt den Kölner Sound schon ziemlich geprägt hat und sich deutlich durchgesetzt hat. Die Kölner sind einfach eher melodisch unterwegs.“

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Vier Freunde sorgen für neuen Sound
Kompakt verbreitet Minimal (1998)


Ein Teil des heutigen Kompakt-Teams im Store – Foto: Jelena Ilic

Den Gegenpol zum harten Berliner Techno bilden die minimalistischen, hypnotisierenden Klänge der Kölner Elektromusiker. Fern von Großraum-Techno, Berliner Clubsounds und prominenter Starbesetzung entwickelte sich in den frühen 90er-Jahren Minimal Techno. 1993 eröffneten Wolfgang Voigt, Jörg Burger und Ingmar Koch ihren ersten eigenen Plattenladen Delirium Köln. Michael Mayer, Jurgen Paape und Reinhard Voigt kamen später dazu. Aus dem Freundeskreis rund um ihren Laden entwickelte sich im Laufe der Zeit jene spezielle Technovariante, die als „Sound of Cologne“ um die Welt ging. Anfang 1998 wurde die Firma in Kompakt umbenannt, unter deren Dach nun mehrere Labels, ein Vertrieb sowie eine Künstleragentur und der Plattenladen zu Hause sind. Der Fokus des Recordstores liegt auf elektronischer Musik in Form von Techno, House und Ambient. Kompakt verhalf im Laufe der Jahre vielen namhaften und international gefeierten Künstlern wie Kölsch, DJ Koze oder Gui Boratto zu einer erfolgreichen Karriere. Tobias Thomas ist seit nunmehr 25 Jahren ein fester Bestandteil der Kompakt-Familie. Hinter ihm liegen eine 30 Jahre andauernde DJ-Karriere sowie Tätigkeiten als Musikjournalist bei Spex und Festivalleiter des c/o pop Festivals sowie einst der Betrieb des hauseigenen Fanzines House Attack. Zusammen mit Michael Mayer und Superpitcher startete er 1998 im kleinen Kellerclub Studio 672 die mit dem Label eng verbundene Partyreihe Total Confusion. „Es ist nicht nur die Musik, die Köln von anderen Großstädten unterscheidet. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre und Offenheit, die die kölsche Mentalität ausmacht. Die Kölner gehen gerne raus und reden miteinander, ein familiärer Spirit liegt in der Luft.“ Kompakt schaffte es, den Kölner Spirit in Musik umzuwandeln, und letztendlich erfand das Label dadurch seine eigene Sprache: „Viele Kölner Produzenten haben sich auf unterschiedlichste Art mit Popmusik auseinandergesetzt, hinzu kam später eine vor allem von Wolfgang Voigt geprägte, sehr minimale Soundästhetik. Auf eine gleichzeitig sehr melodiöse, poppige Art unterschied sich Köln sehr stark von anderen elektronischen Hochburgen wie Berlin oder Frankfurt. So wurde der ‚Sound of Cologne‘ zu einer Marke, die sich Kompakt zunutze machte. Andere Labels haben sich mit dem Begriff immer sehr schwer getan, wir dagegen mochten ihn.“ Im Laufe der letzten Jahre schlossen sich immer mehr Kölner Künstler vereinzelten Gruppen an, wodurch sich verschiedenste Genres entwickeln konnten. „Viele unterschiedliche DJs, Labels oder Clubs wie beispielsweise Space Club oder Warehouse bildeten damals ihre eigenen Lager. Die einen spielten Drum ’n’ Bass, andere Techno oder House. Nach der anfänglichen Acid-House-Welle, Ende der 80er, entstanden viele neue Formen elektronischer Musik, die ersten Mayday- und Loveparade-Events. Dadurch fing die Kölner Szene an zu wachsen und entwickelte sich sehr schnell. Heute gibt es diesen speziellen Sound nicht mehr. Dieser Kreis von Künstlern, die sich damals sehr viel untereinander ausgetauscht haben, ist heute nicht mehr in dieser Form existent. Die 90er waren einfach eine einzigartige Zeit. Heute gibt es längst eine neue Generation, zum Beispiel die Szene rund um den Ebertplatz, wo neue Freiräume für Kunst und Musik entstanden sind. Von der Kunsthochschule für Medien kommen viele junge Leute und experimentieren mit Musik und sorgen für neue Impulse“, schließt Tobias ab.

www.kompakt.fm
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Foto: Kölner Flyer und Plakate (FB)

 

 

So viel zur Technostory Kölns. Wie es um das heutige Köln steht und wo es sich am besten abfeiern lässt, erfährst du im FAZE Trip Köln Pt. 2. Aktuell starten meine Recherchen zu FAZE Trip #München. Du denkst du kannst mir was zur damaligen Story erzählen oder hast selbst mitgemischt? Dein Club, Festival, Open Air, Veranstaltungsreihe, Label, Kollektiv, Shop oder was auch immer darf auf keinen Fall fehlen? Du hast noch altes Bild oder Videomaterial? Na dann schreib mir doch einfach eine Mail an: sofia@fazemag.de

Text: Sofia Kröplin
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