In der Kategorie DJ haben wir einen Wechsel an der Spitze zu verzeichnen, die bisherige Nummer 1 rutscht einen Platz nach hinten ab, der neue Gewinner konnte um satte 13 Plätze aufsteigen – herzlichen Glückwunsch!

 

01 Claptone
02 Klaudia Gawlas
03 Charlotte de Witte
04 Carl Cox
05 DJ Hell
06 Drumcomplex
07 Boris Brejcha
08 David Guetta
09 Sven Väth
10 Moguai

 

11 Plastik Funk
12 Richie Hawtin
13 Chris Liebing
14 Amelie Lens
15 Kobosil
16 Ben Böhmer
17 Bicep
18 Ellen Allien
19 FJAAK
20 Tiësto

 

 

Das könnte dich auch interessieren:
Das sind die alternativen DJ Mag Top 100 DJs – in Kooperation mit Beatport
DJ Mag Top 100 DJs 2019 – Die gesamten Ergebnisse

 

Interview mit Claptone

Glückwunsch zur Krone in der wohl wichtigsten Kategorie!

Wow, ich bin sehr glücklich darüber. Es war ja ein Jahr, in dem ich fast gar nicht im Club nebenan oder auf einem großen Festival spielen konnte. Und das, obwohl ich 2019 fast ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wäre, so viele Shows habe ich in so vielen verschiedenen Ländern diese Welt gespielt. Umso mehr freut es mich, dass mich die Fans auch in diesem dunklen Jahr nicht vergessen haben, ja – ganz im Gegenteil – sich sogar aktiv an mich erinnert und für mich gestimmt haben.

Das Jahr wird in der Tat mitnichten aufgrund zahlloser Clubnächte und Festivals in die Geschichte eingehen. Wie hast du 2020 persönlich erlebt?

Es war ein grausames Jahr für unsere Szene, die Promoter, die DJs und die Clubmusik im Allgemeinen. Ich habe Verständnis für die Maßnahmen, die ergriffen werden mussten bzw. müssen, um das Coronavirus einzudämmen. Aber unsere Branche ist faktisch seit März im Dauer-Lockdown und die Perspektive oder ein konkreter Plan fehlt immer noch. Mich ärgert vor allem die ewige Leier, dass solch eine Krise immer auch – gerade für Kreative – eine Chance darstellt. Dann wird oft vom Zusammenrücken der Szene oder von den tollen Streaming-Angeboten gesprochen. Gerade jetzt ist es an der Zeit, mit dem Mythos zu brechen, dass Kunst immer Selbstzweck und außerhalb wirtschaftlicher Zusammenhänge ist. Denn genau das wird hier als Vorwand genutzt, Kulturschaffende und vor allem freischaffende Künstler finanziell allein zu lassen. All diese „kreativen Lösungen“ in der Krise bringen kein Geld ein. Ich möchte festhalten, dass es mir hier nicht um meinen eigenen Geldbeutel geht, sondern darum, wie mit unserer Szene in Gesellschaft, Medien und Politik umgegangen wird. 2020 war für Clubs, DJs oder für Veranstalter schlicht eine Katastrophe und das wird in 2021 auch erst einmal so bleiben. Ich selbst bin in meiner Existenz nicht bedroht, aber das faktische Berufsverbot als DJ und mehr noch der Spott und die leeren Versprechungen einiger Politiker haben auch mir mental schwer zu schaffen gemacht. Und das zusätzlich zu den Belastungen, die wir ja alle haben: Die Isolation, das Wegbrechen von Zusammensein und Nähe mit und zu anderen Menschen, die forcierte Verlagerung der Existenz und des Konsums ins „Online“. Wir werden uns mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen dieser Krise leider noch Jahrzehnte herumschlagen.

Wahre Worte. Aber auch wenn im März letzten Jahres für die meisten aus der Szene eine Welt zusammengebrochen ist, so gab es in den ersten paar Wochen noch einige Events. Unsere Leser haben dich mit einem riesigen Vorsprung zum besten DJ 2020 gewählt. An welche erinnerst du dich besonders?

Die Gigs im Watergate in Berlin und Uebel & Gefährlich in Hamburg im Januar waren sicher noch Highlights in Deutschland. Danach bin ich noch nach Tokyo geflogen, hab im Space Miami gespielt und hatte einen Wahnsinnsabend bei meinem All-Night-Long-Set in der Fabric in London. Ich kann mich auch noch an das Nitsa in Barcelona, Faust in Paris, Fuse in Brüssel und die letzte große Elrow-Party in Lissabon im Februar erinnern. Anschließend ging es nach Brasilien auf Tour und ich konnte noch mein „The Masquerade“-Event in Santiago de Chile zelebrieren. Ich erinnere mich auch noch sehr gut an die anschließende Russland-Tour mit drei Terminen, denn als ich in Russland landete, sagte der Promoter mir, dass die Grenzen für Einreisende an sich gerade geschlossen wurden. Er war überrascht, dass ich überhaupt im Lande war. Ich spielte die drei sehr energiegeladenen Gigs und als ich dann wieder in Deutschland landete, wurden auch hier die Grenzen dichtgemacht. Danach war nicht mehr viel mit Shows, wobei ich lobend die Konzepte vom Luft & Liebe in Duisburg und des Deus Temple in Berlin hervorheben möchte. Diese Veranstalter haben ihre wirklich sehr guten Corona-konformen Konzepte in der Politik durchgeboxt, ein enormer Aufwand und wirklich keine Selbstverständlichkeit.

Was macht für dich generell einen „guten“ DJ aus heutzutage?

Da haben sich meine persönlichen Kriterien über die Jahre an sich wenig verändert, wenn ich ehrlich bin. Ein guter DJ sollte der Crowd eine tolle Party ermöglichen – sie oder er sollte seinen eigenen unverwechselbaren Stil repräsentieren, die Leute überraschen, aber über die Musik auch immer in Kontakt bleiben, d.h. das Ego hier und da auch einmal zurücknehmen und die Crowd möglichst objektiv lesen. Am besten ist es sicher, wenn 90 Prozent über die Musik, über das Musikwissen und Musikgefühl des DJs allein funktioniert. Aber ein DJ ist auch immer Entertainer. Selbst die kredibelsten ihrer Zunft gehen voll in ihrer Musik auf, tanzen und feiern hinterm Pult. Das finde ich enorm wichtig.

Das Thema Livestreams war bei dir ein großes in 2020, du hast aus den unterschiedlichsten Locations gestreamt, etwa aus einem Zirkuszelt oder von Rooftops.

Nach ein paar Wochen ohne Party wurde klar, dass ich nicht so schnell wieder auf Tour gehen kann. Wie also in Kontakt bleiben mit den Fans, ihnen musikalisch etwas bieten? Ich hatte zufällig von einem Zirkus hier um die Ecke gehört, der Leute gebeten hatte, alte Lebensmittel für die Zirkustiere zu spenden. So entstand die Idee, den Zirkus für wöchentliche Streams zu mieten und so auch zu unterstützen. Solch ein Stream ist natürlich etwas komplett anderes als ein Live-Erlebnis. Das Inspirierende war hier, dass ich mir jede Woche ein musikalisches Thema vornehmen konnte, anstatt jede Woche ein Clubset abzufeuern. Die Musikauswahl für die Streams ließ mir oft auch die Möglichkeit, viel tiefer in bestimmte Sounds und die Geschichte von House und Artverwandtem einzutauchen. So kam es zu „Kids Party“ oder „Spooky Tunes“. Am Ende ist es eben kein Club, sondern ein Zirkuszelt, in dem man spielt und es macht Sinn, die Musik auch immer der Umgebung anzupassen, um den Vibe der Location zu unterstreichen.
Als die Zirkusreihe beendet war, bin ich in mein Wohnzimmer umgezogen. Auch hier habe ich mir passende Themen wie „Claptone Home Originals“ oder „Secret Edits“ gesucht. Danach ging es dann auf Einladung von Luft & Liebe bzw. der Kiesgrube nach Duisburg. „Warehouse Vibes“ und „Around The World“ haben sich gut angefühlt in der Dschungel-Deko.
Anschließend ging es auf einen Rooftop. Um wieder etwas mehr Sonne in den hiesigen Winter zu bringen, bin ich nach Südeuropa geflogen und habe ein paar Wochen lang von einer Dachterrasse gespielt. Zurzeit arbeite ich an einer neuen Location und Streams mit dem Pacha München zu deren Geburtstag sowie an einer sehr schönen Streaming-Idee mit dem Ritter Butzke in Berlin. Ich habe das Gefühl, dass die Fans ein „Lost Claptone Remixes“- oder „Rave Anthems“-DJ-Set regelrecht abfeiern. Das ist ein tolles Gefühl gerade in Anbetracht der schwierigen Zeit, die wir alle durchleben.

Ein paar deiner Streams hast du ausschließlich mit Vinyl gespielt und dabei aus deiner riesigen Plattensammlung gegriffen. Wie war es für dich, während des Lockdowns auf eine Art Zeitreise zu gehen und welche Schätze hast du dabei wiedergefunden?

Es war unglaublich schön, die Zeit zu haben, durch meine Vinyl-Sammlung zu gehen und Sets zu „Illegal Vinyl“ oder „House History on Vinyl“ vorzubereiten. Es war wirklich auch eine Art Zeitreise und sehr spannend zu hören, wie viel gute House- und Clubmusik nicht auf Beatport und schon gar nicht auf Spotify zu finden ist. Auf der anderen Seite hat es mich aber auch überrascht, wie viele schlecht produzierte Platten damals gepresst wurden und wie der Zahn der Zeit an einigen Produktionen genagt hat. Alles in allem ist eine kleine Vinyl-Sammlung ein echter Segen. Es gibt für mich nichts Inspirierenderes als Vinyl anzuhören. Bevor ich diese Sets gespielt habe, hatte ich allerdings seit Jahren kein Vinyl mehr aufgelegt. Ich hatte zum Beispiel ganz vergessen, dass es bei vielen Klassikern einfach kein Beat-Intro oder Beat-Outro zum Mixen gibt. Funfact: Es ist extrem schwierig, mit meinen Claptone-Handschulen aufzulegen, ich hoffe, das hat man nicht gemerkt …

Generell bist du online sehr kreativ und hast eine eigene Kochshow initiiert. Wie kam es zu der Idee?

Da der Lockdown auch extrem viel freie Zeit bedeutet, koche ich auch immer wieder etwas. Das war sicher auch eine Art, Glücksmomente zu erzeugen, während es keine Auftritte gab. Da Kochen eigentlich nicht schwer ist und jeder etwas mit ein paar Arbeitsschritten erreichen kann, habe ich ein paar meiner liebsten Rezepte aufgezeichnet, um sie mit der Welt zu teilen. Ich würde gerne mehr peruanische und mexikanische Gerichte kochen, da mich ihre Frische und Vielfalt begeistern. Dort wird viel mit scharfen Gewürzen, tropischen Früchten und frischer Limettensäure gearbeitet, was mich sehr fasziniert. Auch die indische, vor allem südindische Küche möchte ich mir noch erschließen. Dazu bald mehr.

Welche Küche weltweit inspiriert dich am meisten?

Da ich ja viel um die Welt gereist bin und dabei den Vorteil hatte, viele Länder und deren Küchen kennenzulernen, ist es gar nicht so einfach, diese Frage pauschal zu beantworten. Die thailändische, spanische, chinesische oder italienische Küche sind mit Sicherheit weit vorne, aber wenn es nur einen Favoriten geben darf, wäre es wohl Japan. Dort geht es immer um die augenscheinliche Einfachheit und den Eigengeschmack der frischen Produkte, was meist zu geschmacklichem Hochgenuss führt – ein sehr interessanter Ansatz.

Wie hat sich Claptone mit der darüber hinaus sicherlich immer noch übrig geblieben Zeit die Langeweile vertrieben? In diesem Monat mixt du ja unseren offiziellen Download-Mix.

Ja, und darüber freue ich mich sehr. Am Ende komme ich immer wieder bei der Produktion von Musik an. In dem Prozess kann ich mich verlieren, alles ausprobieren, auch wenn es nie veröffentlicht wird. Wie alle leide ich unter der Einschränkung meiner Freiheit. Musik hilft mir, da sie ein Ort ist, an dem ich frei sein kann ohne Wenn und Aber. Zudem hat es etwas Meditatives, von morgens bis abends an einem Track oder Song zu arbeiten, sich komplett auf ihn einzulassen und ganz tief einzutauchen. Leider verfolgt mich die Musik dann auch oft nachts noch als Ohrwurm. Am schlimmsten sind Remixes für Popsongs. Man wird die Hooks einfach nicht mehr los, und das über Tage hinweg (lacht).

Einigen Gerüchten zufolge arbeitest du aktuell an einem neuen Album?

2021 wird es ein neues Album geben, ja. Die Aufnahmen sind schon fast abgeschlossen, und voraussichtlich schon im März erscheint die erste Single, der Startschuss zu einer langen Album-Kampagne. Ich habe sehr intensiv und mit vollem Fokus über Monate an der Musik gearbeitet, und das hört man dem Album auch an. Nun wird es richtig spannend zu sehen, was die Fans davon halten; so gespannt war ich noch nie. Das Album fühlt sich wie ein großer Schritt nach vorne an, ein Schritt von Claptone Richtung Menschlichkeit.

Wie sieht deine weitere Agenda für die nächste Zeit aus?

Im Februar wird es einen Remix von Trans-X’ „Living On Video“ geben. Kurz darauf wird ein Remix für Morgan Geists „Storm Queen“ veröffentlicht und ein dritter Remix ist auch noch in der Pipeline. Im März kommt dann voraussichtlich die erste Single aus dem im Herbst erscheinenden Claptone-Album, wie bereits erwähnt. Ich bin sehr gespannt, was sich dieses Jahr musikalisch sonst noch ergeben wird.

Welchen Song spielst du zuerst, sobald die Clubs wieder ohne Einschränkungen öffnen?

Den muss ich noch produzieren, habe aber schon eine Idee …

 

Text: Triple P
Foto: Andreas Waldschütz