
Ein Vierteljahrhundert hinter den Decks, ein viel diskutiertes Schranz-Comeback und nun auch noch der Sieg in der Königsdisziplin „Best DJ“ unseres Jahrespolls: Für Felix Kröcher fügt sich derzeit vieles zu einem besonderen Gesamtbild. Der Frankfurter DJ und Produzent blickt in unserem Interview nicht nur auf die Bedeutung dieser Auszeichnung, sondern spricht ebenfalls offen über die Rückkehr eines Sounds, der ihn geprägt hat, über Authentizität und Veränderungen in der DJ-Kultur. Darüber hinaus zeichnet Felix auch für den offiziellen Download-Mix in diesem Monat verantwortlich. Wie könnte es anders sein, als bester DJ?
Du hast unseren Jahrespoll als „Best DJ“ gewonnen – quasi die Königsdisziplin. Was bedeutet dir diese Auszeichnung, gerade jetzt, wo es in dein 25-jähriges DJ-Jubiläumsjahr geht?
Wow – das fühlt sich wirklich unglaublich an. „Best DJ“ zu gewinnen, bedeutet mir extrem viel. Vor allem, weil diese Auszeichnung direkt von den Menschen kommt, die meine Musik hören, meine Sets feiern und mich über all die Jahre begleitet haben. Genau das macht diese Auszeichnung für mich so besonders. Dass das ausgerechnet jetzt passiert, zum Start meines 25-jährigen DJ-Jubiläums, ist für mich mehr als nur ein schöner Zufall. Es ist wie ein großes Dankeschön und gleichzeitig eine Bestätigung dafür, dass sich all die Leidenschaft, die Nächte, die Energie und die Liebe zur Musik gelohnt haben. Ich bin einfach nur dankbar – und motivierter denn je, genau da weiterzumachen. Danke an alle, die das möglich gemacht haben.
Dein Schranz-Comeback begann als einmalige Nacht und ist inzwischen zu einer sehr erfolgreichen Tour avanciert. Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde: Das hier ist keine Nostalgie-Spielerei, sondern absolute Relevanz im Jetzt?
Ja, den gab es – und der kam früher, als ich selbst gedacht hätte. Am Anfang war das wirklich als einmalige Nacht gedacht, aus Liebe zur Musik und zu dieser Energie von früher. Aber dann standen da plötzlich nicht nur die Leute, die Schranz „von damals“ kannten, sondern eine komplett neue Generation, die jede Kick gefeiert hat. In dem Moment, als ich gemerkt habe, dass diese Musik heute wieder etwas auslöst, ohne sich erklären zu müssen, war klar: Das ist keine Nostalgie. Das ist Jetzt. Die Reaktion auf den Floors, die Intensität, die Nachfrage nach weiteren Dates – all das hat mir gezeigt, dass Schranz nicht zurückblickt, sondern wieder nach vorne geht. Und genau das macht diese Tour so besonders für mich.
Schranz galt lange als tot, erlebt aber aktuell ein deutliches Revival. Wie erklärst du dir diese Rückkehr eines Sounds, der jahrelang als „out“ abgestempelt war?
Ich glaube, die Rückkehr von Schranz hat viel mit dem Zeitgeist zu tun – und ganz stark mit einer neuen Generation an Ravern. Viele junge Leute sind mit perfekt produzierter, sehr glatter elektronischer Musik aufgewachsen. Irgendwann entsteht dann ganz natürlich der Wunsch nach etwas Roherem, Ehrlicherem, Ungefiltertem. Schranz liefert genau das: direkte Energie, keine Spielereien, kein Konzept, das man verstehen muss – nur Gefühl und Druck. Dazu kommt, dass diese neue Generation völlig unvoreingenommen an den Sound herangeht. Für sie ist Schranz keine „Vergangenheit“ oder Szene-Debatte, sondern etwas Frisches, Intensives, das sie im Hier und Jetzt abholt. Gleichzeitig treffen sie auf eine Community, die diese Musik über Jahre im Herzen getragen hat. Diese Mischung aus neuer Neugier und alter Leidenschaft gibt dem Sound gerade eine enorme Kraft. Ich glaube also nicht, dass Schranz „zurück“ ist, weil er Trend ist, sondern weil er nie wirklich weg war. Er passt gerade wieder perfekt in eine Zeit, in der Menschen auf dem Floor echte Emotionen und Verbindung suchen. Genau das kann Schranz bis heute liefern.
Du hast dich über viele Jahre bewusst vom Schranz distanziert. Was musste passieren – künstlerisch oder persönlich –, damit du heute wieder mit voller Überzeugung dahinterstehen kannst?
Die Distanz war für mich damals absolut wichtig – künstlerisch wie persönlich. Schranz war über Jahre ein sehr dominanter Teil von mir, und irgendwann kommt der Punkt, an dem man spürt: Wenn ich das jetzt einfach weitermache, wird es zur Routine. Ich wollte mich weiterentwickeln, andere Facetten zeigen, neue Einflüsse zulassen und mich selbst nicht festfahren. Was passieren musste, war vor allem Zeit. Abstand, um wieder einen ehrlichen Zugang zu diesem Sound zu bekommen – ohne Erwartungsdruck, ohne Szene-Diskussionen, ohne das Gefühl, etwas bedienen zu müssen. Und persönlich war es wichtig, wieder komplett bei mir zu sein und genau zu wissen, warum ich das mache: nicht wegen Trends, sondern wegen Emotionen und Energie. Als ich dann gemerkt habe, dass Schranz mich wieder wirklich packt – roh, kompromisslos, aber aus einer reiferen Perspektive heraus –, konnte ich mit voller Überzeugung zurückgehen. Heute stehe ich anders dahinter als früher: bewusster, freier und ohne etwas beweisen zu müssen. Genau deshalb fühlt es sich jetzt richtig an.

In Sachen Jahrespoll: Was macht für dich ganz grundsätzlich einen wirklich guten DJ aus – unabhängig von Genre, Hype oder Social-Media-Reichweite?
Für mich ist ein wirklich guter DJ vor allem jemand, der eine echte Verbindung zu den Menschen auf der Tanzfläche aufbaut. Es geht nicht um Genre, Trends oder Reichweite, sondern darum, einen Raum lesen zu können, Stimmungen zu spüren und die Menschen auf eine Reise mitzunehmen. Wenn du es schaffst, dass die Crowd die Zeit vergisst, dann machst du etwas richtig. Dankbar macht mich vor allem, dass ich über all die Jahre erleben durfte, wie wichtig Authentizität ist. Ein guter DJ steht ehrlich hinter dem, was er spielt – nicht, weil es gerade funktioniert, sondern weil er es fühlt. Technik, Skills und Erfahrung sind wichtig, aber sie sind Mittel zum Zweck. Am Ende zählen Leidenschaft, Energie und Respekt vor der Musik und den Menschen davor. Genau das ist für mich die Essenz dieses Jobs.
Gibt es einen DJ, der dich bis heute inspiriert oder geprägt hat, sei es musikalisch oder in seiner Haltung zur Szene?
Auf jeden Fall. Es gibt einige Kollegen aus den frühen Tagen, die mich bis heute inspirieren – sowohl musikalisch als auch in der Art, wie sie mit der Szene umgehen. Was ich an ihnen besonders respektiere, ist ihre Konsequenz: Sie sind ihren Überzeugungen treu geblieben, haben nie Kompromisse gemacht, nur um kurzzeitig Erfolg zu haben, und haben trotzdem immer eine enorme Leidenschaft für die Musik ausgestrahlt. Diese Haltung hat mich stark geprägt, weil sie zeigt, dass es im Kern nie um Ruhm oder Trends geht, sondern darum, ehrlich zu bleiben, die Musik zu leben und die Leute auf dem Floor wirklich zu erreichen. Die Inspiration liegt weniger in einzelnen Tracks als in dieser Haltung.
Wie hat sich aus deiner Sicht die Rolle des DJs in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren verändert – zwischen Künstler*in, Entertainer*in, Marke und Content-Creator?
Die Rolle des DJs hat sich in dieser Zeit definitiv stark gewandelt – und das ist völlig normal. Die Welt dreht sich weiter, elektronische Musik entwickelt sich weiter, und wer als DJ erfolgreich sein will, muss einfach mit der Zeit gehen. Früher war der Fokus klar: Musik auswählen, mixen, Stimmung erzeugen. Heute kommen viele zusätzliche Aspekte dazu: Social Media, Branding, visuelle Konzepte, manchmal auch Content-Produktion. Ein DJ ist längst nicht mehr nur Entertainer oder Künstler, sondern oft auch Marke und Medienschaffender. Für mich persönlich bleibt der Kern aber gleich: Es geht immer noch darum, Menschen auf der Tanzfläche zu bewegen und Energie zu transportieren. Alles andere – ob Marke, Content oder Social Media – sind Tools, um diese Verbindung zu stärken, aber sie ersetzen niemals das, was Musik live erzeugen kann. Wer sich dessen bewusst ist, kann die Veränderungen nutzen, ohne die Essenz zu verlieren.
Du spielst Clubs, Festivals, Radioshows und Podcasts. Inwiefern unterscheiden sich diese verschiedenen Formate bezüglich deiner Herangehensweise als Künstler?
Jedes Format hat für mich eine ganz eigene Dynamik und verlangt einen etwas anderen Ansatz. Clubs sind der intimste Raum – hier spüre ich direkt die Stimmung der Crowd, kann spontan reagieren und das Set wie ein Gespräch mit den Leuten aufbauen. Festivals sind größer, epischer; da geht es darum, Energie auf riesige Flächen zu transportieren und den Moment monumental zu machen. Radioshows und Podcasts sind wiederum eine andere Welt: Da habe ich Zeit, Geschichten zu erzählen, Tracks auszuwählen, die vielleicht nicht sofort für den Floor gedacht sind, und ein musikalisches Statement abzugeben, das länger nachklingt. Es ist eine Mischung aus Performance und Kuratieren, die mehr Ruhe und Konzentration verlangt. Für mich bleibt in allen Formaten die Leidenschaft gleich – aber die Ausdrucksform passt sich dem Raum und dem Publikum an. Es ist spannend zu sehen, wie sich das Set jedes Mal auf natürliche Weise verändert, je nachdem, wo und wie ich es spiele.
Mit der wöchentlichen „Schranz Is Back“-Show auf Sunshine Live kommt ein weiteres Format dazu. Was kann Radio heute noch leisten, was Clubnächte oder Streaming nicht können?
Radio hat für mich eine ganz eigene Stärke, die weder Clubs noch Streaming vollständig abbilden können: Es schafft Nähe und Verbindung auf einer sehr persönlichen Ebene – ohne dass man physisch zusammen ist. Bei einer Radioshow weißt du nie genau, wer zuhört, aber du kannst trotzdem direkt kommunizieren, Geschichten erzählen, Stimmungen aufbauen und den Hörer auf eine Reise mitnehmen. Clubs liefern die unmittelbare physische Energie, Streaming erlaubt maximale Flexibilität und Reichweite – aber Radio hat dieses intime Gefühl von Gemeinsamkeit und Kontinuität. Besonders bei einem Format wie „Schranz Is Back“ kann ich eine spezielle Atmosphäre kreieren, Tracks vorstellen, Insights teilen und die Musik mit einer gewissen Ritualisierung präsentieren, die über Wochen und Monate hinweg eine Verbindung aufbaut. Für mich ist Radio also ein eigener, wertvoller Kanal, der sowohl musikalisch als auch emotional eine andere Wirkung entfaltet. Und was soll ich auch anderes sagen: Radio mache ich nun ebenfalls über zwei Jahrzehnte (lacht).
Dein Podcast „We Are The Night“ wird inhaltlich überarbeitet. Wie hat sich deine Sicht auf die Szene, das Nachtleben und die DJ-Kultur seit der ersten Folge verändert? Was ist geplant?
Seit der ersten Folge von „We Are The Night“ hat sich unglaublich viel getan – nicht nur in der Szene, sondern auch mein Blick auf das Nachtleben und die DJ-Kultur. In den letzten Jahren habe ich in über 100 Folgen unzählige Gespräche mit den lustigsten, klügsten und inspirierendsten Menschen aus der Szene geführt. Dabei ist mir immer wieder klar geworden: Das Nachtleben ist so viel mehr als nur Party – es ist Kultur, Community, Experimentierfeld und manchmal auch Refugium. Gleichzeitig verändert sich die Szene ständig, sei es durch neue Genres, neue Technologien oder die Art, wie Menschen Musik erleben. Für die überarbeitete Staffel möchte ich genau diese Vielfalt noch stärker einfangen. Es wird tiefgehende Gespräche geben, neue Perspektiven aus der Szene, aber auch Insights, die den Hörer überraschen. Und natürlich bleibt der Spaß nicht auf der Strecke – es geht weiterhin um spannende Geschichten, ehrliche Einblicke und die pure Liebe zur Musik. Wer die Entwicklung der Szene verstehen oder einfach gute Geschichten hören will, sollte unbedingt reinhören.
Du arbeitest an einem Biopic über deine Karriere. Gibt es Kapitel oder Entscheidungen, die du lange ausgeblendet hast und die jetzt – mit Abstand – plötzlich erzählenswert werden?
Ja, auf jeden Fall. Rückblickend merkt man, dass es immer wieder Momente gab, die man damals eher ausgeblendet oder für sich behalten hat – sei es aus Unsicherheit, Selbstschutz oder einfach, weil man mitten im Geschehen war. Heute, mit 25 Jahren Erfahrung und einem gewissen Abstand, lassen sich diese Kapitel viel klarer erzählen, und sie gewinnen sogar an Bedeutung. Für mich ist besonders spannend, die frühen Jahre in Frankfurt zu reflektieren – die Hochburg des Technos, die ersten Schritte als Raver, die Faszination, zu den Großen der Szene aufzuschauen, und wie ich selbst langsam aufgenommen und respektiert wurde. Damals waren es harte, intensive Lernphasen, kleine Entscheidungen, die großen Einfluss hatten, und auch Rückschläge, die man einfach schluckte, um weiterzumachen. Heute kann ich genau diese Geschichten erzählen, weil sie zeigen, wie sich ein Kindheitstraum über Jahre hinweg entwickelt hat, wie Leidenschaft, Konsequenz und die Szene selbst einen geprägt haben. Dieses Biopic wird also nicht nur die Highlights zeigen, sondern auch die Ecken und Kanten – genau die Momente, die mich als Künstler und Mensch geformt haben.
Wenn du auf die nächste DJ-Generation blickst: Was sollten junge Artists heute unbedingt lernen – und was vielleicht ganz bewusst ignorieren?
Ich denke, jede Generation bringt ihre eigenen Vorstellungen, Energie und Ideen mit – und das ist großartig. Für junge Artists heute ist es besonders wichtig, zwei Dinge zu lernen: erstens, Musik wirklich zu fühlen, und zu verstehen, wie man eine Crowd bewegt; zweitens, authentisch zu bleiben und zu wissen, warum man auflegt – nicht für Klicks oder Trends, sondern aus Leidenschaft.
Was sie vielleicht bewusst ignorieren sollten, ist der ganze Druck von außen: Hypes, Likes, kurzfristige Erwartungen. Diese Dinge können schnell von der eigentlichen Musik ablenken. Wer sich zu sehr davon steuern lässt, verliert leicht den Kern dessen, warum DJing überhaupt so besonders ist. Ich bin sehr dankbar für dieses Interview und die Möglichkeit, darüber zu sprechen – solche Gespräche erinnern mich selbst immer wieder daran, wie wertvoll unsere Szene und der Austausch zwischen den Generationen sind. Vielen Dank dafür!
Aus dem FAZEmag 168/02.2026
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