FAZEmag-Jahrespoll 2025: Event – Nature One

30 Jahre NATURE ONE — und jetzt auch noch der Sieg in solch einer wichtigen Kategorie unseres Polls. Anlass genug, genauer hinzuschauen: auf den Spirit des Festivals, die Community, die besondere Rolle der Pydna – und auf die Vision für die kommenden Jahre. In unserem Q&A geht es um Visionen, Herausforderungen und das, was NATURE ONE seit drei Jahrzehnten zusammenhält. Wir haben mit Geschäftsführer Oliver Vordemvenne gesprochen.

NATURE ONE wurde von unseren Leser*innen zum „Best Event 2025“ gewählt – was bedeutet euch diese Auszeichnung nach 30 Jahren Festivalgeschichte persönlich?

Hier geht es erst einmal nicht um uns. Es geht um die Community, um NATURE ONE selbst. Es zeigt, dass NATURE ONE bei vielen fest mit dem Festivalgedanken verbunden ist und über all die Jahre eine große Bedeutung behalten hat. Für viele ist es ein Zuhause geworden – und das ist nur möglich durch all die Menschen, die dort tanzen, lachen und lieben. Wir sind froh, dieses Glück und dieses Gefühl an so viele Menschen weitergeben zu können.

Das Jubiläum wurde von Besucher*innen, Behörden und Sanitätsdiensten als außergewöhnlich friedlich beschrieben. Was hat aus eurer Sicht konkret dazu beigetragen, dass dieses Festival so ruhig und respektvoll verlaufen ist?

Die Besucher*innen kommen zu NATURE ONE, weil sie genau wissen, wofür das Festival seit 30 Jahren steht. Es ist eine eigene Welt, in der kein Platz für Gewalt, Sexismus oder Rassismus ist. Elektronische Musik steht für Toleranz, Frieden und Liebe – und genau das wird hier gelebt. Es herrscht ein grenzenloses Wir-Gefühl. Eine Gemeinschaft, die jeden willkommen heißt. Hier kann jeder sein, wie er möchte.

60.000 Gäste, 350 Artists, 20 Floors – organisatorisch ein enormes Brett. Was war 2025 hinter den Kulissen die größte Herausforderung, die kaum jemand mitbekommen hat?

Herausfordernd sind vor allem die unvorhersehbaren Wetterbedingungen, jährlich steigende Kosten und zunehmende Bürokratie. Das betrifft die gesamte Veranstaltungsbranche. Zusätzlich merken wir, dass jüngere Generationen bei ihren musikalischen Vorlieben ein deutlich breiteres Spektrum haben.

Die Pydna ist seit Jahrzehnten ein besonderer Ort. Wie gelingt es euch, diesen historischen, rohen Charakter zu bewahren und gleichzeitig moderne Festivalstandards umzusetzen?

NATURE ONE findet seit fast 30 Jahren auf der Pydna statt, entsprechend sind die Gegebenheiten bekannt und eingespielt. Über die Jahre haben wir gelernt, den besonderen Charakter der Location bestmöglich in Szene zu setzen. NATURE ONE ist eine Symbiose aus Industrial und Nature. Genau das finden wir auf der Pydna wieder. Die Pydna steht als ehemalige Raketenbasis für Krieg, Macht und dunkle Zeiten – aber wenn NATURE ONE dort stattfindet, ist es das komplette Gegenteil: friedliches Feiern, keine Ausgrenzung, einfach grenzenloses Wir-Gefühl und Liebe. Die Bunker, der Turm, die Rakete am Eingang – alles feste Bestandteile des Nature-One-Bildes.

Das Camping-Konzept mit über 50 selbstorganisierten Stages ist einzigartig. Wie viel Kontrolle gebt ihr bewusst ab – und wo zieht ihr klare Grenzen?

Es gibt Vorgaben, die wir im Vorfeld mit den privaten Betreibern abstimmen, damit die Sicherheit aller Festivalbesucher*innen gegeben ist. Gleichzeitig gibt es ein gegenseitiges Vertrauen. Die Leidenschaft und Kreativität der Stage-Communities hat sich längst herumgesprochen, sodass wir mittlerweile viele Anfragen von größeren Künstlern haben, die neben ihren Sets auf der Pydna unbedingt auch einmal im CampingVillage spielen wollen.

In diesem Jahr gab es erstmals keinen klassischen VIP-Bereich. War das eine bewusste inhaltliche Entscheidung oder eher eine pragmatische – und wie fiel das interne Fazit aus?

Einen klassischen VIP-Bereich gibt es bei NATURE ONE nicht – bei uns sind alle „very important“. In den letzten Jahren wurde lediglich der Artist-Bereich etwas verändert. Dieses Jahr gab es zusätzlich einen Comfort-Bereich, den Besucher*innen optional buchen konnten.

Die Mischung aus großen Headfloors und kleinen, fast clubartigen Bunker-Floors prägt die NATURE ONE stark. Wie trefft ihr die Balance zwischen Massenmoment und Underground-Gefühl?

Die Pydna bietet dafür die perfekte Grundlage. Die Bunker stehen für Underground-Feeling, die großen Flächen für das klassische Open-Air-Festival. Diese Kombination ist in der Festivallandschaft einzigartig. Diese Mischung spiegelt die Vielfalt der elektronischen Musik und ihrer Community wider – am Ende wollen alle dasselbe: feiern und Spaß haben.

Mit der „Wall of Fame“, der digitalen Ausstellung und den Stadt-Aktionen in Kastellaun habt ihr die Geschichte des Festivals sichtbar gemacht. Wie wichtig ist euch kulturelle und historische Einordnung im Vergleich zum reinen Party-Aspekt?

Die Geschichte des Festivals zeigt auch die Entwicklung der elektronischen Musikszene in Deutschland und ihrer Community. Diese Einordnung hilft, Werte wie Toleranz, Zusammenhalt und Freiheit noch sichtbarer zu machen. NATURE ONE ist eine Ikone, die generationsübergreifend seit Jahrzehnten besteht. NATURE ONE ist Kultur.

NATURE ONE erreicht seit Jahren auch sehr junge Besucher*innen. Was versprecht ihr euch vom neuen „NextGeneration-Ticket“ – und wie wollt ihr diese Generation langfristig an das Festival heranführen?

Die junge Generation hatte durch die Corona-Pandemie kaum Möglichkeiten, Feiern und Kulturveranstaltungen kennenzulernen. Wir versuchen, finanziell entgegenzukommen und zu vermitteln, wie wichtig Zusammenkommen, Gemeinschaft und sozialer Umgang sind. Das Next-Generation-Ticket ist auch eine direkte Reaktion auf den Wegfall des Kulturpasses, den die neue Regierung bedauerlicherweise gestrichen hat.

Die Szene selbst und das Festivalpublikum haben sich in 30 Jahren stark verändert. Was ist aus eurer Sicht der größte Unterschied zwischen der NATURE ONE früher und heute?

Was auf jeden Fall gleich geblieben ist, ist der Spirit. Ein menschliches Grundbedürfnis ist es, in Gesellschaft zu sein, zu feiern und gemeinsam die Freiheit zu genießen. Ein Gefühl, das nicht digitalisiert werden kann und daher weiter bestehen wird. Unterschiede erkennt man daran, dass es für diese Grundbedürfnisbefriedigung heute deutlich mehr Angebote auf dem Festivalmarkt gibt. Außerdem existieren klarere Unterscheidungen in den einzelnen Musikstilen. Es gibt einen stärkeren Fokus auf Subgenres und deren Verteilung auf dem Festivalgelände. Das war früher etwas durchlässiger.

Etliche große Namen standen 2025 auf dem Line-up, gleichzeitig hatten auch Kollektive und kleinere Floors viel Raum. Wie definiert ihr heute Relevanz bei der Artist-Auswahl?

NATURE ONE hat schon immer eine große Bandbreite an Artists präsentiert. Bei der Erstellung des Line-ups geht es ganz klar darum, mit viel Mühe und Leidenschaft für die Musik viele Styles und Strömungen, Newcomer sowie Top-Acts und Überraschungen zusammenzustellen. Die Nature-One-Besucher haben das Vertrauen, die beste Musik geboten zu bekommen – auch dann, wenn sie einzelne Künstler noch gar nicht kennen.

Nach einem so erfolgreichen Jubiläum: Mit welchem Anspruch und welcher Vision geht ihr in die Zukunft der NATURE ONE?

Wer aufhört, besser sein zu wollen, hört auf, gut zu sein. Das ist seit 30 Jahren unser Anspruch und wird es auch in Zukunft sein. Im Endeffekt haben wir bei NATURE ONE ein Ziel: allen Beteiligten das „kleine Glück“ zu bescheren.

Aus dem FAZEmag 168/02.2026
www.nature-one.de/