
Eine Auszeichnung zum besten Label 2025, die weniger für kurzfristigen Erfolg steht denn für Kontinuität, Haltung und künstlerische Konsequenz, kommt in diesem Fall nicht ganz überraschend. In unserem Interview spricht Labelmanager Edgar Dirksen über die Bedeutung dieses Votums, über bewusstes Kuratieren jenseits von Hype-Logiken und über die Rolle von Sven Väth.
Cocoon hat 2025 sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert und wurde zugleich zum „Best Label“ gewählt – wie blickst du persönlich auf dieses Jahr zurück?
Ein Vierteljahrhundert Cocoon bedeutet unzählige Geschichten, Nächte, Releases und Begegnungen, die sich in diesem Jubiläum gespiegelt haben. Musikalisch stand das Jahr für eine Rückkehr zum langen Atem. Statt möglichst vieler Veröffentlichungen ging es darum, eine Handvoll ausgewählter Projekte richtig zusammenzustellen, zu zelebrieren und ihnen Raum zu geben. Ein Jahr, in dem wir bewusst auf Werke gesetzt haben, die eine Geschichte über mehrere Seiten, Tracks und Kapitel erzählen: Svens „Retrospektive“-Vinyl-Box als Auftakt, gefolgt von der „V“-Compilation, Jonathan Kaspars Doppel-12″, Vol. 1 der 25-Jahre-Jubiläumsbox und schließlich Extrawelts Album „Dystortion“ als Schlusspunkt. Diese Veröffentlichungen stehen stellvertretend für das, was wir 2025 im Fokus hatten: lange Bögen statt schneller Singles, vertraute Wegbegleiter neben neuen Impulsen – und ein Label, das sich seiner Geschichte bewusst ist, ohne stehen zu bleiben. Die Auszeichnung als „Best Label“ ist eine wunderbare Bestätigung für die Arbeit, die wir seit vielen Jahren mit Leidenschaft leisten. Dankeschön!
Was zeichnet Cocoon nach 25 Jahren heute am stärksten aus, und worin unterscheidet sich das Label fundamental von der frühen Phase, als die ersten Hits gelandet wurden?
Es war rougher und spontaner, eine Mischung aus Euphorie und Chaos. Heute ist mehr Struktur drin. Cocoon tickt internationaler, ein wenig komplexer, auch reflektierter. Was gleich geblieben ist, ist der Glaube an Musik, nicht an Mechaniken. An Künstler, nicht an Content. Wir haben gelernt, zwischen Tradition und Innovation zu balancieren: Vinyl als Kulturgut neben digitaler Reichweite. Und wenn wir Hits landen, dann bitte nicht aus Versehen – aber auch nicht mit Reißbrett-Formel.

Welche Rolle spielt Sven Väth heute im laufenden Labelbetrieb – als künstlerischer Impulsgeber, strategischer Kopf oder eher als übergeordnete Konstante?
Sven ist für uns Inspiration und Kompass, ein Seismograf für die Dinge, die nicht messbar sind. Er redet nicht rein, aber er hört zu. Gleichzeitig hält er uns wach. Er ist als Künstler in Höchstform, liefert Impulse oder bringt Demos von der Tour mit. Manchmal ruft er an und sagt: „Ich habe gerade ein Dubplate von XY gehört, das ist total Cocoon!“ Sprich: Cocoon ohne Sven? Unvorstellbar. Cocoon mit ihm? Energiequelle, Abfahrt!
Nach welchen Kriterien entscheidet ihr euch aktuell für neue Artists: musikalische Vision, Haltung oder langfristiges Entwicklungspotenzial?
Am Ende ist es ein geschultes Bauchgefühl. Wir suchen nach Künstlerinnen und Künstlern, die etwas Eigenes mitbringen – eine klare Handschrift, musikalische Tiefe und das Potenzial, sich über Jahre hinweg zu entwickeln. Es sollte, wie in einer Beziehung, eine ähnliche musikalische DNA geben, die uns gemeinsam trägt. Haltung ist dabei genauso wichtig wie der Sound.
Wie behauptet sich ein kuratiertes Label wie Cocoon in einer Zeit, die stark von Streaming-Logiken, Kurzlebigkeit und Social-Media-Druck geprägt ist?
Ehrlich gesagt erzeugt dieser „Algorithmen-“, „Hype-Machinery-“ und „Fake it till you make it“-Zirkus bei mir nur noch Genervtheit. Lieber Substanz statt kurzlebiger Aufmerksamkeit. Unsere Compilations, Alben und EPs sind keine Content-Drops. Wir sehen uns als Kulturbeitrag, nicht als Social-Media-Lieferant. Wer uns folgt, tut das, weil er weiß, dass hier nicht im Wochenrhythmus Beliebigkeit gepostet wird. Und wenn ein Release mal leiser startet, ist das auch okay.
Wenn du auf die nächsten Jahre schaust: Wofür soll Cocoon künftig stehen – und was darf sich auch nach 25 Jahren auf keinen Fall verändern?
Cocoon soll weiter für Eigensinn mit Haltung stehen. Manchmal unbequem, meist überraschend, immer mit Charakter. Gemeinsam mit Sven haben wir einen Raum geschaffen, in dem sich Musik und Künstler entwickeln können. Und genau das sollte unantastbar bleiben.
Aus dem FAZEmag 168/02.2026
www.cocoon.net/