
Mit „Another Show“ blickt Felix Reichelt auf seine Entwicklung als Produzent zurück – und zugleich nach vorn. 15 Tracks auf seinem eigenen Label Volume Berlin Records verbinden Deep Tech, Acid und Peaktime-Techno mit düsteren Industrial-Einflüssen. Seit dem 23. Oktober ist das Album auf Beatport und Spotify erhältlich, am 6. November folgt die Veröffentlichung auf den weiteren Plattformen. Dass das Material auf dem Dancefloor funktioniert, zeigte sich kürzlich auf ungewöhnliche Weise: Ein USB-Crash zwang ihn bei einem Auftritt vor Gary Beck im Kölner Odonien zu einem nahezu kompletten Album-Set. Im Interview spricht er über alte Schätze, kreative Freiheit und die nächste musikalische Phase.
Dein Album „Another Show“ vereint 15 Tracks aus unterschiedlichen Phasen deiner Karriere. Warum war gerade jetzt der richtige Moment, diese Produktionen zusammenzuführen?
Ich hatte schon länger das Gefühl, dass auf meinen Festplatten ein wertvoller Schatz liegt: fertige Tracks und Perlen aus den vergangenen Jahren, die viel zu schade sind, um dort zu verstauben. Jeder der 15 Tracks steht für einen Meilenstein meiner Entwicklung. Über die Jahre verändern sich Arbeitsweise, Sounddesign und der Blick auf die Clubkultur. Beim Durchhören wurde mir bewusst, wie viel Herzblut in jedem Projekt steckt. Jetzt war für mich die Zeit reif, diesen Bogen zu spannen. Die Stücke fügen sich zu einem organischen Gesamtbild zusammen. Das Ergebnis ist ein ehrliches, ungeschminktes Porträt meiner musikalischen Reise.
Der Titel „Another Show“ klingt beinahe beiläufig. Welche Bedeutung steckt für dich dahinter?
Der Titel hat zwei Ebenen. Einerseits beschreibt er die Realität im Leben eines DJs: Jedes Wochenende steigst du ins Auto oder in den Zug, fährst in den nächsten Club, spielst dein Set und gibst alles. Im positivsten Sinne ist es eine weitere Show in einer langen Kette durchzechter Nächte. Andererseits steckt viel Emotion darin. Hinter jedem Auftritt stehen Geschichten, Erlebnisse und Begegnungen – hinter dem Pult ebenso wie auf dem Dancefloor. Das Album ist sozusagen der Soundtrack hinter den Kulissen dieser Nächte, eine Sammlung der Vibes, die ich auf Tour erlebt und im Studio verarbeitet habe. Für jede dieser Shows bin ich dankbar.
Wie blickst du heute auf deine älteren Produktionen? Was könnte sich der Felix Reichelt von heute vom damaligen abschauen?
Mit ein paar Jahren Abstand auf alte Projekte zu blicken, ist immer eine Mischung aus Schmunzeln und einer tiefen Zeitreise. Technisch mische ich heute deutlich präziser ab. Ich weiß, welche Frequenzen Raum brauchen und wo der Bass drücken muss. Der damalige Felix hatte aber eine eigene Stärke: dieses unbedarfte, unverkopfte Denken. Es gab keine Regeln. Da wurde einfach geschraubt, bis es geknallt hat, ohne darüber nachzudenken, ob das den Genre-Standards entspricht oder der Master perfekt ist. Von dieser Unbekümmertheit und Rohheit in den Arrangements würde ich mir heute gerne öfter eine Scheibe abschneiden.
Zwischen Deep Tech, Acid, Peaktime-Techno und Industrial öffnet das Album viele Türen. Wie bewusst gehört diese Bandbreite zu deiner musikalischen Identität?
Techno war für mich nie ein starres Korsett, sondern eine klangliche Spielwiese. Ein gutes DJ-Set braucht eine Dramaturgie: eine Reise, die mit treibendem Rhythmus beginnt, sich zu energetischen Höhepunkten steigert und auch mal richtig düster werden darf. Genau das bildet die Tracklist ab. Das Album startet mit mitreißender Energie, nimmt mit Peaktime-Techno Fahrt auf, setzt auf sägende Acid-Lines und endet in dunklen, industriellen Gefilden. Diese Bandbreite ist beabsichtigt. Ich liebe es, wenn Musik unvorhersehbar bleibt und unterschiedliche Facetten zeigt.
Mit 15 Tracks in voller Clublänge widersetzt du dich dem Trend zu immer kürzeren Releases. Warum ist dir dieses Format wichtig?
Das war mir extrem wichtig. Der Trend zu kurzen Radio-Edits mag für Playlists funktionieren, nimmt dem Techno aber seine eigentliche Magie. Clubmusik lebt von Entfaltung, Hypnose und Spannungsbögen. Ein DJ muss einen Track reinmixen, ihn wirken lassen und die Energie langsam aufbauen können. Ich habe dieses Album primär für die Tanzfläche und für DJs gemacht. Wenn man die Tracks im Club hört, braucht man diese Länge, um in den Beat einzutauchen und sich komplett im Moment zu verlieren.
Vor deinem Auftritt mit Gary Beck im Odonien hat ein Rekordbox-Update deinen USB-Stick lahmgelegt. Wie wurde daraus ein spontanes Album-Set?
Als mir klar wurde, dass meine gewohnte Playlist weg war, schoss mir ordentlich Adrenalin durch den Körper. Das war pure Schockstarre. Dann setzte der Überlebensinstinkt als DJ ein. Zum Glück hatte ich noch die Master-Files meines neuen Albums dabei. Die ließen sich über die Artist-Suche auf dem CDJ-3000 finden. Also hieß es: Augen zu und durch. Ich spielte spontan fast ausschließlich meine unveröffentlichten Tracks – und die Crowd reagierte fantastisch! Die Energie im Raum war magisch. Im Nachhinein war dieser technische Defekt die genialste Feuerprobe, die ich mir für „Another Show“ hätte wünschen können. Und das direkt vor Gary Beck zu spielen, war eine absolute Ehre.
„Another Show“ erscheint auf deinem eigenen Label Volume Berlin Records. Was bedeutet dir diese Unabhängigkeit?
Volume Berlin Records ist viel mehr als eine Release-Plattform: Es ist ein Kollektiv, mein Herzensprojekt und meine musikalische Heimat. Mein eigener Chef zu sein, gibt mir maximale künstlerische Freiheit. In der Musikbranche wirst du schnell in Schubladen gesteckt. Auf VBR kann ich genau die Vision umsetzen, die ich im Kopf habe, ohne Kompromisse einzugehen, mich zu verstellen oder jemanden um Erlaubnis zu fragen. Ob die Tracks technoid, groovig, sägend, melancholisch oder brachial sind: Ich entscheide selbst, wann die Zeit für welchen Sound reif ist. Diese Unabhängigkeit ist der wichtigste Nährboden für meine Musik.
Für die nächsten Monate und 2027 stehen bereits zahlreiche Auftritte an. Ist „Another Show“ für dich eher der Abschluss eines Kapitels oder der Beginn einer neuen Phase?
Beides. Es ist der Abschluss einer intensiven Arbeitsphase und zugleich der Startschuss für alles, was kommt. Ich freue mich riesig auf die Gigs am 6. November in der Bärenhalle Bindlach mit Andreas Kraemer und Lützenkirchen, am 14. November im Outside in Gießen, am 28. November beim Antrieb Showcase Unleashed im Insomnia und am 4. Dezember bei unserer Antrieb-Veranstaltung im Weißen Hasen in Berlin mit TiefundTon und den VBR-Residents. Für 2027 sind bereits weitere Bookings bestätigt: am 9. Januar bei Richtig Dick Techno im Fusion Club Münster, am 13. Februar bei UNDR im Amt Club und am 6. März in der Elektroküche Köln. Musikalisch bleibt Peaktime-Techno mein Fundament. Gleichzeitig habe ich Lust, mich stärker in Richtung Bounce auszutoben und neue Rhythmen auszuprobieren. Der Vorhang ist gelüftet, und die nächste Show fängt gerade erst an!
Aus dem FAZEmag 177/11.26
Text: Triple P
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