Flatbeat: Wenn Musik, Bewegung und Diversität eins werden

Foto: Gilgen Marc

In der Druckerei Solothurn schlägt ein Herz, das seit Jahrzehnten für Techno, Gemeinschaft und künstlerische Freiheit brennt – und mittendrin steht eine DJ, deren Weg durch die Szene so vielseitig ist wie ihr Sound. Seit 27 Jahren prägt sie Clubnächte mit Energie, Gefühl und kompromissloser Leidenschaft und verbindet Musik, Körperkunst und queeres Empowerment zu einer Ausdrucksform, die weit über reine Performance hinausgeht. Ihre Nächte leben von Intensität, Wärme und einem Verständnis dafür, wie sich Menschen im Rhythmus finden können.

Im Gespräch erzählt sie, warum die Druckerei für sie mehr Familie als Arbeitsplatz ist, wie sich die Szene gewandelt hat und welche Werte eine Nacht erst wirklich zum Erlebnis machen. Sie spricht offen über kreative Freiheit, über die Verantwortung queerer Sichtbarkeit und darüber, warum echte Momente in Clubs heute wertvoller sind denn je. Gleichzeitig gewährt sie Einblicke in ihre künstlerische Entwicklung, ihre Label-Arbeit und die Leidenschaft, die sie trotz fast drei Jahrzehnten hinter den Decks weiter antreibt. Für sie bleibt Musik nicht nur ein Beruf, sondern ein Lebensgefühl – ein Raum, in dem sie denkt, fühlt und zu sich selbst findet. Außerdem spricht sie über ihr neuestes Release „Give Me Hell“ auf dem Label Flăm.

Du bist fixer Bestandteil der Druckerei Solothurn. Was bedeutet dir dieser Club persönlich – und was macht ihn für dich so besonders?

Die Druckerei ist ein vollkommenes Herzensprojekt. Alle, die dort arbeiten und den Club vorantreiben, leben dafür. Es steckt extrem viel Liebe drin – und das merkt man. Sei es an den Gästen oder am ganzen Vibe, der dort herrscht. Ich fühle mich da einfach wohl, kann so sein, wie ich bin, und jede Minute genießen. Es ist eine große Familie, und alle genießen einfach den Moment.

Du legst bereits seit 27 Jahren auf. Wenn du auf all die Jahre zurückblickst – was hat sich in der Clubkultur zum Guten verändert, und was ist deiner Meinung nach verloren gegangen?

Was sich zum Guten verändert hat, ist, dass Techno für viele schon immer ein Raum der Freiheit, des In-Seins und des Andersseins war – aber mittlerweile wird dieses Potenzial stärker wahrgenommen und gelebt. Außerdem ist es heute viel einfacher, neue Musik zu entdecken und neue Sounds auszuprobieren. Die technische Vielfalt ist enorm gewachsen, und damit auch die Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken. Was sich aber verschlechtert hat, ist, dass sich vieles vom reinen „Tanzen im Jetzt“ hin zu „Zusehen und Präsenz markieren“ verschoben hat. Immer mehr Clubs kämpfen zudem mit steigenden Miet- und Betriebskosten, und dadurch wird Clubkultur manchmal mehr zum Geschäftsmodell als zu einem Raum für echte Subkultur.

Welche Werte oder Emotionen sind dir bei einer Clubnacht am wichtigsten – sowohl als DJ als auch als Teil des Publikums?

Für mich geht’s in einer Clubnacht um Herz, Nähe und Energie. Dieses unsichtbare Band, das sich zwischen Menschen spannt, wenn Musik den Raum erfüllt – das ist pure Magie. Ich liebe diese Momente, in denen alle Unterschiede verschwinden, in denen wir gemeinsam atmen, tanzen, fühlen. Wenn ich auflege, versuche ich genau das zu spüren und weiterzugeben – Liebe, Wärme, Vertrauen. Ich möchte, dass sich jede Person gesehen fühlt, ohne Worte, einfach durch Vibes und Schwingung. Eine gute Nacht hat für mich Seele. Es geht nicht nur ums Feiern, sondern ums Fallenlassen, ums Loslassen, ums sich Öffnen. Wenn du spürst, dass das Publikum mit dir mitschwingt, dass ein Track Herzen berührt – dann ist das das Schönste überhaupt. Da passiert etwas, das man nicht erklären kann – du bist eins mit der Musik, mit den Menschen, mit dem Moment.

Du bist nicht nur DJ, sondern auch Aerial- und Pool-Dance-Artist. Wie beeinflusst diese körperlich-expressive Seite dein musikalisches und künstlerisches Schaffen?

Aerial- und Pool-Dance sind für mich – genau wie Musik – eine Form, abzuschalten, mich zu spüren und Emotionen in Bewegung zu bringen. Es geht ums Loslassen, ums Grenzen austesten, ums ständige Weiterentwickeln. Mein Körper wird dabei zum Instrument, genauso wie beim Auflegen meine Hände und mein Herz es sind. Beides – Tanz und Musik – fließt stark ineinander. Wenn ich mich bewege, höre ich Rhythmen. Wenn ich spiele, sehe ich Bewegungen. Das ist für mich eins: Energie, Ausdruck, Präsenz. Manchmal, wenn es der Raum zulässt, verbinde ich das sogar live – ich lege auf und mache gleichzeitig eine Aerial-Hoop-Performance. Diese Momente sind unglaublich intensiv, fast wie ein körperlicher Dialog mit der Musik. Leider gibt’s dafür nur selten Möglichkeiten, weil die meisten Clubs architektonisch nicht darauf ausgelegt sind – aber wenn es klappt, entsteht etwas Magisches.

Foto: Gilgen Marc

Als queere Persönlichkeit bist du auch ein wichtiges Gesicht für Diversität in der Szene. Wie hat sich die Akzeptanz und Sichtbarkeit queerer Künstler:innen in der elektronischen Musik in den letzten Jahren verändert?

Da ich mich erst vor etwa drei Jahren wirklich getraut habe, mich zu outen und mich so zu zeigen, wie ich bin, kann ich die Entwicklung nur aus dieser Zeit heraus beurteilen. Für mich persönlich hat sich seither unglaublich viel verändert – vor allem in mir selbst. Ich habe gelernt, dass Echtheit Kraft schenkt, auch wenn sie manchmal Mut kostet. Ich spüre, dass die Akzeptanz in Europa in den letzten Jahren gewachsen ist. Es gibt immer mehr queere Künstler:innen, die sichtbar werden, ihre Stimme erheben und ihre Identität als Teil ihrer Kunst leben. Das ist wunderschön und wichtig. Aber ich weiß auch, dass das nicht überall so ist. In vielen Ländern ist queeres Leben noch immer mit Angst oder Ausschluss verbunden – und selbst in unserer Szene gibt’s noch Hürden. Akzeptanz ist da, ja, aber bei Bookings oder in Strukturen merkt man manchmal, dass die Gleichheit noch nicht ganz angekommen ist. Trotzdem glaube ich fest daran, dass wir auf dem richtigen Weg sind – je mehr wir uns zeigen und füreinander stehen, desto bunter, echter und freier wird unsere Szene.

Dein Sound bewegt sich zwischen verschiedenen Stilen – wie würdest du deine musikalische Signatur heute beschreiben?

Mein Sound ist über die Jahre zu einer Mischung aus ganz unterschiedlichen Einflüssen geworden. Jede Phase, jeder Club, jedes Publikum hat etwas hinterlassen. Heute bewege ich mich meistens zwischen Peaktime-, Industrial- und Psy-Techno – kraftvoll, energetisch, mit viel Druck und Gefühl. Ich liebe es, wenn der Sound roh, intensiv und hypnotisch ist, aber trotzdem Emotionen transportiert. Musik darf knallen, aber sie muss auch berühren. Am allerliebsten spiele ich allerdings Detroit Techno – diese warme, groovige Tiefe, die mich schon immer fasziniert hat. Leider ist das in der Schweiz im Moment nicht mehr so gefragt, aber für mich bleibt dieser Stil das Herzstück von dem, was Techno für mich bedeutet: Seele, Groove und echte Emotion.

Du hast zusammen mit Flozirkus das Label Flăm gegründet. Was steckt hinter der Idee, und welche Philosophie verfolgt ihr mit euren Releases?

Flăm ist für uns viel mehr als nur ein Label – es ist eine Haltung, ein Gefühl, eine kleine musikalische Welt mit Seele. Der Name selbst hat mehrere Bedeutungen: „Flăm“ ist einerseits ein Schlagmuster, ein rhythmischer Akzent, andererseits kann es auch etwas Ungewöhnliches, Schräges oder Täuschendes bedeuten. Genau das passt zu uns – wir mögen das Unperfekte, das Echte, das Spontane. Flăm ist eine minimalistische Techno-Boutique mit einer klaren Vision: Musik soll wieder fühlbar sein. FloZirkus und ich lieben analoge Geräte – Maschinen, die man anfassen kann, bei denen man den Sound wirklich spürt. Diese direkte Verbindung zwischen Emotion und Technik ist für uns essenziell. Wenn du einen Regler drehst und der Raum plötzlich vibriert, entsteht Magie – da fließt Gefühl in Frequenz über.

Wir arbeiten, wann immer möglich, nicht mit gekauften Samples, sondern erschaffen unsere Sounds selbst. Die meisten Stücke entstehen durch gemeinsame Jam-Sessions im Studio – intuitiv, roh, lebendig. Wir nehmen diese Momente auf und formen daraus unsere Tracks. Das gibt der Musik etwas Echtes, etwas, das man nicht programmieren kann. Der Fokus von Flăm liegt auf unserem eigenen kreativen Output, aber wir öffnen uns auch für andere Artists, die denselben Spirit teilen: ehrlicher, handgemachter Techno mit Seele. Wir wollen Musik veröffentlichen, die nicht einfach „funktioniert“, sondern berührt – die dich in Bewegung bringt, im Körper und im Herzen.

Gibt es neue Releases oder Projekte, auf die du dich aktuell besonders freust?

Ja, ich freue mich riesig auf meinen neuen Track „Give Me Hell“, der am 19. Dezember auf unserem Label Flăm erscheint. Der Track entstand ursprünglich im Rahmen eines Remix-Contests von Mha Iri und ihrem Stück „Give Me Bell“ – am Ende ist aber vom Original fast nichts mehr übrig geblieben. Es war mehr wie ein kreativer Startpunkt, aus dem sich im Flow etwas ganz Eigenes entwickelt hat. „Give Me Hell“ hat diesen typischen Acid-Touch mit einer 303, kombiniert mit einer groovigen, treibenden Bassline – roh, hypnotisch, aber mit Gefühl. Genau so, wie ich es liebe. Außerdem habe ich gerade zwei weitere Tracks in der Pipeline, für die ich noch ein passendes Label suche. Vielleicht liest ja jemand dieses Interview und fühlt sich angesprochen – ich bin offen für alles, was musikalisch ehrlich, kraftvoll und echt ist. Worauf ich mich auch besonders freue, ist meine neu gestartete Partyreihe „TRAEUM“ in der Druckerei. Dort darf ich hosten, kuratieren und immer wieder Acts einladen, die mir persönlich viel bedeuten und deren Musik ich zutiefst bewundere. Es ist ein Herzensprojekt – ein Raum zum Fühlen, Tanzen und Träumen.

Wenn du dir wünschen könntest, wie Clubnächte in Zukunft wieder mehr „Seele“ bekommen – was müsste sich verändern?

Ich wünsche mir, dass Menschen wieder öfter in den Club gehen, um eine schöne Nacht mit Musik zu erleben – einfach, um abzuschalten, loszulassen und sich treiben zu lassen. Nicht nur, weil ein großer Headliner spielt, sondern weil sie wirklich wegen der Musik kommen. Ich fände es schön, wenn wir wieder öfter Partys besuchen würden, ohne genau zu wissen, wer auflegt – einfach offen sein, sich überraschen lassen, Neues entdecken. Ich glaube, Clubnächte bekommen ihre Seele zurück, wenn wir wieder lernen, im Moment zu sein – weniger vergleichen, weniger planen, einfach fühlen. Musik, Menschen, Energie – das ist alles, was zählt.

Was treibt dich nach fast drei Jahrzehnten an, immer noch hinter den Decks zu stehen?

Ich kann’s einfach nicht lassen. Für mich ist das Auflegen ein Ort des Abschaltens, ein Raum, in dem ich fühle, statt denke. Diese Energie, die man vom Publikum zurückbekommt – das ist wie Balsam für die Seele. Hinter den Decks zu stehen bedeutet für mich, im Moment zu sein. Alles loszulassen, was draußen passiert, und einfach einzutauchen – in Klang, in Emotion, in Verbindung. Es ist mein Ort, um meine Gedanken ziehen zu lassen und ganz bei mir zu sein. Musik ist und bleibt meine Sprache, mein Herzschlag, mein Zuhause. 

Das könnte euch auch interessieren:

Kendal – „Italo-Disco und Trance sind sich eigentlich sehr ähnlich“