Früher Fleisch, heute Bass: Harz bekommt neuen Techno-Club

Wo früher Wurst in den Auslagen lag, wummern heute Bässe: In Ballenstedt im Harz hat ein junges Kollektiv einen stillgelegten Fleischereibetrieb in einen Technoclub verwandelt.

Der Name: „Feinkost“. Die Location: ein Flachbau am Rande der Stadt, der jahrelang brachlag. Jetzt ist er Herzstück pulsierender Nächte – und Hoffnungsträger für eine ganze Region. Der Club entstand in kompletter Eigenleistung.

Hannes Herrmann und Kai Mente haben das Projekt mit einem Freundeskreis gestartet. Elektriker, Schweißer, Dachdecker und Kfz-Mechaniker waren mit an Bord. Alles wurde selbst gebaut, gesprayt, geschweißt – nach Feierabend, neben regulären Jobs. Der Sound: roh. Die Vision: groß. Die Umsetzung: kompromisslos DIY.

In der unteren Etage feiert heute die Region, oben sieht man noch den Verfall. Zerbrochene Scheiben, alte Büros, Betonreste. „Es hat ein bisschen gedauert, den Eigentümer davon zu überzeugen“, sagt Hannes. Der wollte das Gebäude loswerden – es galt als Schandfleck von Ballenstedt. Jetzt ist es kultureller Fixpunkt. Hunderte Gäste kommen zu den Events – nicht nur aus der Stadt, sondern aus dem gesamten Umland.

Kai betont: „Wir sind die einzigen, die überhaupt was Neues aufgemacht haben hier in der Region.“ Und es scheint zu funktionieren. Die Feinkost-Partys füllen regelmäßig den Club. Das Lichtsetup wird ständig weiterentwickelt, zuletzt kamen schillernde Kronleuchter im Barbereich hinzu. Jeder Quadratmeter wurde transformiert – von verstaubter Gewerbehalle zur leuchtenden Nachtoase.

Dass gerade leerstehende Gebäude zu Geburtsstätten der Technokultur werden, hat Geschichte. Anfang der 90er-Jahre entstanden die ersten Clubs in verlassenen Fabriken und Industriebauten, als Ostdeutschland im Wandel war. Detroit-Techno fand offenen Raum in kaputten Strukturen – und verwandelte sie in Kulturorte. Der Harz knüpft nun an genau diese Tradition an.

Auch andernorts in Ballenstedt wird der Leerstand kreativ genutzt. Anneke Richter, Teil des Vereins „Heimatbewegen“, organisierte 2019 ein Kunst- und Kulturwochenende in der alten Napola, einem Gebäude mit NS- und DDR-Vergangenheit. Sie sagt: „Viele begreifen Leerstand als Mangel. Wir wollten diesen Mangel in eine Ressource umwandeln.“

Ihr erstes eigenes Techno-Event plante sie mit 42 Jahren. Die Motivation: Lebensqualität schaffen, Erinnerung ermöglichen. „Der schönste Moment war eigentlich, viele Leute zu sehen, die ihren Spaß hatten. Und man selber hat gedacht, ich habe das jetzt ermöglicht hier.“ Ihre Initiative half auch dem Feinkost-Kollektiv – zum Beispiel bei behördlichen Vorgaben und beim Brandschutz.

Die Clubszene im Harz zeigt: Es braucht keinen Millionenetat, sondern Ideen, Mut und Gemeinschaft. Was mit ein paar Freundinnen und Freunden begann, ist jetzt ein Magnet für Jugendkultur in der Provinz. Alle Daumen sind gedrückt!

Quelle: mdr

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