Es ist kurz nach 17 Uhr, als wir uns im Backstage-Bereich des Trance-Energy-Floors bei Mysteryland einfinden und auf einen der größten Superstars des Trance warten: Markus Schulz. Unser Plan war, von 17:15 bis 17:30 ein Interview mit dem Coldharbour-Labelowner zu führen, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, aber im Alter von 13 Jahren in die USA zog – wo er noch heute lebt: in Miami, Florida. 17:10 Uhr – für einen Augenblick streckte er seinen Kopf durch das große Zirkuszelt in Richtung Backstage-Areal, verschwand dann aber wieder. 17:25 Uhr – ein kurzer englischer Talk, dass er und Adina Butar vor dem Interview noch einen Burger essen wollten. Na gut, uns Journalisten kann man ja warten lassen. Dass wir nach weiteren 15 Minuten dabei waren, die Segel zu streichen, merkte er wohl – und kam auf uns zu. Im mit Plastikstühlen ausgestatteten Artist-Container bot uns Markus als „Sorry for waiting” dann Gummibärchen, Schampus und spaßeshalber einen Rundflug mit seinem Privatjet an. Ein feiner Schachzug. Unabhängig des Rundfluges entschieden wir uns gegen Champagner und für ein Bierchen. Cheers, auf einen gut gelaunten, auskunftsfreudigen Markus Schulz, und ein Interview, wie er es nur selten führt: auf deutsch.

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„In Search Of Sunrise” verbinden viele noch mit Tiësto, der Vol. 1 bis 7 gemixt hatte. Seit 2010 und somit ab der achten Ausgabe holte man Richard Durand ins Boot, der bis 2015 jährlich für die Marke stand. Dann: drei Jahre Pause. Und heute, 2018: die Neuauflage. Drei Mixes – drei Acts.

Exakt. Nebst meiner Wenigkeit haben auch Gabriel & Dresden und Andy Moor je ein Set beigesteuert. Die Idee kam Arny (Gründer und Chef von Black Hole Recordings, Anm. d. Red.), weil wir mit ihm bereits vier Jahre intensiv zusammenarbeiten. Er wollte etwas Neues kreieren. Etwas anderes. Großes. Seine Idee: Drei Trance-DJs steuern einen Mix bei. Drei DJs, die aber völlig unterschiedliche Arten von Trance spielen. Erst lehnte ich ab, weil „In Search Of Sunrise” so eine legendäre Compilation ist, die die Partycrowd nur mit Tiësto in Verbindung bringt. Was wäre mein Part, überlegte ich. Einen ähnlichen Mix machen wie Tiësto? Meine Definition von Trance ist eine etwas andere als die von Tiësto, und auch eine andere als die von Richard Durand. Doch Arny hat mich überzeugt mit seinem Konzept, das völlig konträr zum bisherigen war. Und mit Gabriel & Dresden und Andy Moor holte er zwei absolute Top-Acts – und (ich finde) das Konzept geht perfekt auf. Drei Acts, drei Konzepte.

Und dein Konzept war, sich im Set peu-a-peu zu steigern. Langes Intro, stampfender Bass, großflächige Melodie. Das ist der erste Track, eine Koproduktion von dir mit …

… mit Jam el Mar. Rolf, also Jam, bildete zusammen mit Marc Spoon das Duo Jam & Spoon und feierte riesige Erfolge. Für mich war er immer eine Art Idol, weil er schon so lange dabei ist. Und auch die Zusammenarbeit mit ihm, Adina und mir hatte super geklappt hatte. Stichwort „Right In The Night”. Aber zurück zu ISOS und dem Opening-Track „Hymn Of The Replicant”. Die ideale Eröffnung, mit einem minutenlangen Intro, extra für diese Compi produziert. Dafür stehe ich ja auch in irgendeiner Form, denn lange Intros hatte ich auch immer auf meinen City-Series-Compilations.

… die es ja leider nicht mehr gibt.

Richtig. Wobei „leider” das falsche Wort ist. Du musst bedenken, dass ich jeden Monat einen „World-Tour”-Mix mache neben meiner Weekly-Radioshow Global DJ Broadcast. Und das war dann irgendwie alles too much. Und auch zu ermüdend. Für mich wäre das Stillstand gewesen, einfach die City-Series-Compilation weiterzuführen. Ich versuche, immer etwas Neues zu schaffen. Es gab tatsächlich aber einmal die Idee, die Serie wieder aufleben zu lassen – aber dann kam Arny mit „In Search Of Sunrise”. Und wenn das den Leuten gefällt, mache ich gerne dort weiter. ISOS ist anders. Ist stark. Neuartig.

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Du hast gerade schon ihren Namen erwähnt: Adina Butar. Stimmt das Gerücht, welches seit ein paar Wochen um die Welt geht?

(lacht) Gerücht? Ich habe nichts gehört. Okay, mal Spaß bei Seite. Du spielst bestimmt darauf an, dass Adina und ich heiraten werden.

Genau. Ich will das Thema jetzt keineswegs boulevardesque ausschlachten, aber wenn du darüber erzählen magst – gerne.

Klar, damit habe ich kein Problem. Wir kennen uns seit sechs Jahren, als wir uns im Studio zum ersten Mal getroffen haben. Gleich auf Anhieb war da eine total faszinierende Electricity. Wobei ich sagen muss, dass wir das erste halbe Jahr sehr professionell beruflich zusammengearbeitet haben. Aber auch zu der Zeit knisterte es schon gewaltig. Und letztes Jahr an Silvester habe ich Adina dann einen Heiratsantrag gemacht. In New York. Und – yeah! – sie hat Ja gesagt. (lacht)

Hochzeit ist dann am …

1. Juni 2019. Auf Ibiza.

Cool, wir kommen auf jeden Fall vorbei.

Das könnt ihr gerne machen (lacht).

Deine künftige Ehefrau ist auch musikalisch gesehen der Hit. Die meisten kennen sie wahrscheinlich durch ihre Neuinterpretation des Jam-&-Spoon-Klassikers „Right In The Night”.

Auch, ja. Aber meine Community kennt Adina auch schon länger. Adina war auch Co-Writerin von „Caught” und „Universe Is Mine”. Beides Tracks, die auf meinem „Scream”-Album sind, das vor ziemlich genau sechs Jahren releast wurde. Aber klar, „Right In The Night” war ein richtiger Meilenstein für Adina. Sie liebte den Track in seiner Originalfassung und hat ihn rauf- und runtergehört. Meine Idee war „Hey, du singst die Vocal-Line. Vielleicht nur als Sample, das ich in meine Sets hier und da mal einbaue.” Als Jam el Mar das allerdings hörte, war er so angetan, dass er sagte „Kommt, wir re-releasen das Ding in einem neuen, zeitgemäßen Gewand.” Mit Jam arbeitete ich aber schon länger zusammen, und wir haben bereits einige Tracks produziert, die immer wieder in meinen Open-to-Close-Sets landen.

Gutes Stichwort. Open-to-Close-Sets spielst du ja öfters, wie beispielsweise bei Tomorrowland. Wie gehst du konzeptionell ran, zehn Stunden aufzulegen?

Ich habe schon unzählige Open-to-Close-Sets gespielt. Vor allem in meinen Anfangsjahren, als ich Resident-DJ war. Du startest um 21 Uhr, wenn die Disco aufmacht und spielst den letzten Beat, wenn die Partypeople den letzten Schluck getrunken haben und sich die Türen schließen. Aber je bekannter mein Name und je häufiger ich gebucht wurde, umso kürzer wurden meine Sets. Klar, auf welchem Festival spielt man noch acht oder zwölf Stunden? 60 Minuten – oder maximal anderthalb Stunden. Oder wie hier heute, im Trance-Energy-Zelt: 70 Minuten. Deshalb sind die Open-to-Close-Sets für mich immer etwas ganz Besonderes. Ich spiele sie quasi immer als eine Art Tribute für alle Residents auf dieser Welt und denke gerne an diese Zeit zurück, als ich selbst noch Resident war.

Du bist natürlich viel freier bei Open-to-Close-Sets und kannst deine Playlist kreativer zusammenstellen. Langsam anfangen, sich Track by Track steigern, der Peaktime einen ordentlichen Wumms und Techno-Shot mitgeben, dann vielleicht wieder etwas trancy werden, ein bisschen Uplifting mit rein, tolle, einprägsame Melodien und so weiter – so sehe ich deine Open-to-Close-Sets.

Hätte ich nicht besser auf den Punkt bringen können. Yes!

Danke. Und deine Sets auf den weltweiten Festivals …?

Die kannst du gut mit Schaufenstern vergleichen. Die Geschäfte in den Städten haben zwei, drei Schaufenster. Darin stehen zwei, drei Puppen, die Klamotten anhaben und so den Style des Stores definieren und anpreisen. Du hast also nur eine kleine Auswahl. So ist das auch bei Sets auf Festivals. Ich kann nur eine kleine Auswahl dessen spielen, was mein gesamtes Repertoire angeht.

Wenn ich an das Schaufenster des Amsterdamer Clubs „The Sand” denke, in dem ich vor einigen Jahren war, sehe ich zwei – verzeihe mir den Ausdruck – Schaufensterpuppen namens Markus Schulz und Ferry Corsten.

(lacht) Ah, du meinst unser Projekt New World Punx.

Bingo! Was ist daraus geworden?

Wir haben es momentan in den Ruhestand geschickt – was aber nicht heißt, dass wir es nicht irgendwann wieder reanimieren werden. Aber momentan ist jeder für sich einfach zu busy in den Soloprojekten. Ferry hatte mit seinem „Blueprint”-Album und der zusätzlichen Remix-Ausgabe viel zu tun. Ich war mit meinem Side-Project Dakota ziemlich beschäftigt und habe gerade mein neues Album fertiggestellt, das am 5. Oktober erscheint: „We Are The Light”. Jeder hat gerade viel um die Ohren, aber wir sind gut connected. Und wenn wir NWP wieder aufleben lassen, dann mit einem ganz neuen Konzept und einer ganz neuen Show. Größer. Um so ein Konstrukt zu bauen, dauert zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Und momentan haben wir dafür einfach keine Zeit. Denn wir wollen nicht einfach Ferry b2b Markus machen – das wäre nicht New World Punx.

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Lass uns New World Punx für den Moment zwar nicht beerdigen, aber ad acta legen. Fokus jetzt: Dein neues Album. Viele Vocals oder doch eher Dakota-Style?

Viele, viele Vocals. Adina singt einen Song, Emma Hewitt, Christina Novelli und Jes. Auch Sebu von Capital Cities ist dabei. Ich konnte aber auch einige neue Leute gewinnen, wie Jared Lee oder die rumänische Sängerin Alina Eremia, die dort ein echter Superstar ist. Ebenfalls aus Rumänien: Smiley. Er moderiert die dortige Ausgabe von The Voice. Tolle Stimme, klasse Track. Das Lied haben Adina und ich zusammen in Los Angeles geschrieben. Wir hatten es ihm gezeigt und er sagte „Bitte, bitte, darf ich den Song singen?” Und wir so: „Guy, you are the perfect one to do this!”

Dein für mich persönlich bester Track ever ist „Nothing Without Me” mit Ana Diaz.

Ja, für mich auch eine der besten Produktionen. Danke aber für die Blumen. (lacht) Allerdings ist der Hintergrund nicht ganz so lustig. In der Zeit, in der der Song entstand, hatte ich ein paar Fans, die mich massiv gestalkt haben. Dann kam mir der Gedanke, aus dieser Thematik einen Track zu basteln – und zwar aus Perspektive der Stalker.

Passt thematisch super. Nothing without me – ohne mich geht nichts. Da haben sich ein paar Fans wohl etwas zu wichtig genommen.

Absolut. Ich habe sogar noch eine Schippe draufgelegt und mit „Erase You” quasi die Fortsetzung von „Nothing Without Me” geschaffen. Der Track ist auf „Scream 2” zu hören. Auf dem letzten Album „Watch The World” habe ich mit „In The Night” sozusagen dann „Nothing Without Me 3” kreiert. Allerdings ist der Inhalt der Lyrics weitaus weniger aggressiv.

„Nothing Without Me 4” hören wir dann ab Anfang Oktober auf deinem neuen Album?

(lacht) Nein, diesmal gibt es keinen Stalker-Anthem. Das Album heißt „We Are The Light” und bedeutet, dass wir als Trance-Community genau das sind, was die Welt braucht. Klingt abgehoben und übertrieben – aber guck mal, die Welt ist so negativ, so gewaltbereit. Und unsere Trance-Family? Wir sind friedlich, umarmen uns und haben auf Festivals, Events und in Clubs eine tolle Zeit zusammen. Wir versprühen die positiven Vibes. Wir sind das Licht. Und schau, es gibt einen Titel „We Rise Together” mit Jared Lee. Alle Tracks vermitteln Gutes. Ein Stalker-Topic passt da nicht ins Konzept.

Letzte Frage – du musst ja auch gleich auf die Stage: „Coldharbour Chill Vol. 2”…

… wird es geben. Ich vermute, Mitte nächstes Jahr. Die Idee zu Vol. 1 kam durch die Sunrise-Sets, die ich einmal pro Jahr mache. Es gibt ja vier Special-Sets pro Jahr: Im Winter rund um Silvester das „Classic Showcases”-Set, im Frühling dann „In Bloom”, also die besten Vocal Tracks. Im Sommer das „Sunrise”-Set und im Herbst „Afterdark”, ein Set von mir, das ein bisschen technoider ist.

Kein Techno, sondern puren Trance – den hören wir gleich von dir live. Danke für das Interview, Markus, und viel Spaß on Stage.

Super, danke auch dir. Und viele Grüße in meine Homebase Germany und alles Gute den FAZE-Lesern!

www.markusschulz.com
www.mysteryland.nl