„Change“. Dieser Begriff macht seit einigen Wochen auf Ibiza verstärkt die Runde. Grund dafür sind einige wenige Protagonisten, die es trotz der seit Jahren bestehenden Großraumdisco- und Headlinerpolitik schaffen, eine Art neuen Underground aufleben zu lassen. Neben Jamie Jones mit seiner Paradise-Reihe im DC10 zählt dazu sicherlich auch die Hamburger Crew um Diynamic Music. Holger Behn aka H.O.S.H. und Kumpanen wie Solomun, David August, Stimming und Kollektiv Turmstrasse avancierten mit ihrer Neon Night binnen weniger Stunden zum Pflichttermin. Zehn Nächte lang drehten sie das in Playa d’en Bossa gelegene Sankeys, das vor der Saison noch niemand wirklich auf dem Schirm hatte, regelrecht auf links. Selbst Leute wie Sven Väth, Carl Cox oder Marco Carola schauten sich das Spektakel auf ein paar Drinks an.

Eine Nacht vor dem Closing traf ich H.O.S.H. – der unseren aktuellen Download-Mix zusammenstellt – zum Interview. Sein Fazit fiel schon vor dem Finale, das sich ebenfalls als spektakulär erweisen sollte, sehr gut aus: „Insgesamt war das hier für uns alle sehr eindrucksvoll. Diynamic und Ibiza sind in diesem Jahr wohl eine sehr glückliche Ehe eingegangen – Trennung nicht in Sicht. Wir werden uns jetzt mit allen Beteiligten zusammensetzen. Und da die positiven Highlights definitiv überwiegen, steht einer zweiten Saison im nächsten Jahr wohl nichts im Wege. Es war beeindruckend zu sehen, dass der Laden erst gegen Mitternacht geöffnet wurde und schon um eins absolute Ausnahmestimmung herrschte. Das, was wir uns als DJs jedes Wochenende in den verschiedensten Clubs dieser Welt wünschen, wurde hier jede Woche zelebriert.“

Erreicht haben sie dies ausschließlich mit eigenen Acts. Kein überdimensioniertes Name-Dropping auf den Werbeflächen der Insel, keine riesige Marketingmaschinerie im Hintergrund. Qualität des Hauses, Woche für Woche. So könnte man diese erfolgreiche Saison sicherlich als Bestätigung und Ernte für die Arbeit der letzten Monate und Jahre sehen. Durch die Bank weg – allen voran natürlich Solomun – werden Diynamic-Acts mit Begriffen wie „Shootingstars“ oder „neue Sterne am elektronischen Himmel“ betitelt. „Wir haben uns noch nie für Trends interessiert und machen seit der ersten Stunde unser Ding. Scheinbar müssen wir uns damit vor niemandem verstecken. Solomun hat im vergangenen Jahr hier gespielt und im Shardana, das genau gegenüber dem Sankeys liegt, gegessen. Der Besitzer kam durch Zufall vorbei und zeigte ihm den Laden. Die Vision, dort eine eigene Nacht zu hosten, war geboren.“ Mit einer Kapazität von rund 1.500 Leuten wurde hier immer wieder bis in die frühen Morgenstunden bei den für Diynamic typischen Beats gefeiert – in allen möglichen Konstellationen, was den betrifft. „Meine Gedanken über Ibiza waren zunächst etwas verhalten, da ich dachte, dass es wesentlich kommerzieller und prolliger zugeht. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Ich habe mir mit Solomun ein Appartement in Ibiza-Stadt geteilt und versucht, so viel von der Insel zu sehen wie möglich. Leider stand wegen der Party jedoch immer wieder einiges an. An den Wochenenden sind wir dann von hier zu unseren Gigs geflogen. Wir haben im Norden viele schöne Strände und Buchten gesehen, und zu meiner Verwunderung habe ich hier durchweg gut gegessen.“

Auch seinen Geburtstag hat der gebürtige Hamburger auf der balearischen Insel gefeiert. Auf einem Boot ging es von Eivissa nach Formentera. Dort wurde an einer Beachbar angelegt und bis in die späten Abendstunden gefeiert, ehe es wieder zurück an den Hafen von Ibiza ging. „Eigentlich hasse ich eigene Geburtstagspartys, und noch viel mehr hasse , ohne dafür etwas getan zu haben. Allerdings habe ich selten so eine legendäre Party erlebt. 150 Leute mit bester Stimmung. Ich habe back to back mit Solomun gespielt – solange, dass wir abends von Schlauchbooten zurück zum eigentlichen Boot gebracht werden mussten. Ich habe bereits Anfang der Saison diese Tour gespielt – allerdings bei gefühlten sechs Meter hohen Wellen. Ich wurde vom Veranstalter mehrfach gebeten, aufzuhören. Ich habe bis zum Ende durchgezogen und trage seitdem den Namen ‚Captain H.O.S.H.‘ (lacht). Danach kam mir die Idee, dort auch meinen Geburtstag zu feiern.“

Mal wieder alles richtig gemacht. So bekommt man das Gefühl, dass Diynamic mit ihrem konsequenten Schaffen und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten auf spielerische Art wahre Pionierarbeit geleistet hat. Und das auf einer Insel, auf der Größen wie Sven Väth und Co. einst Jahre dafür gebraucht haben. Diynamic-Sound wohin man hört. Auch bei den auf Ibiza stationierten Radiosendern wie Ibiza Global Radio oder Ibiza Sonica. Dass ein Solomun, der erst kürzlich neben unzähligen Remix-Hits, einem gefeierten Essential Mix oder der Watergate-Compilation auch mal selbst zu Plakaten und Klebeband greift, zählt für sie dazu, erzählt H.O.S.H.: „Warum sollten wir das nicht tun? Diese ganzen Superstarallüren, die sich Leute mit einem weitaus geringeren Status als Solomun bereits rausnehmen, passt nicht zu uns. Wir sind eine Crew und ziehen an einem Strang. Amüsant finde ich es, dass es nach außen hin immer so wirkt, als wäre dieser Erfolg, der sich derzeit bei uns einstellt, innerhalb kürzester Zeit passieren. Ich persönlich empfinde das total anders. Das liegt wohl daran, dass ich als einer der ersten erfahre, was bei uns in der Pipeline liegt. So z.B. auch beim bis heute auf Hot Rotation laufenden Remix von Solomun für Noir & Haze. Ich habe Anfang letzten Jahres im EGO gespielt, und er saß oben im Studio. Nach etwas mehr als zwei Stunden kam er mit einem fetten Grinsen auf mich zugerannt und meinte ‚Digger, hau die Nummer rein‘. Der Laden stand Kopf.“

Und so wächst Diynamic immer mehr und die Kreise drehen sich um immer größere Achsen. Neue Künstler wie Hunter/Game, Karmon, NTFO debütieren mit großartigen EPs auf dem Hamburger Imprint. „Wir bereichern uns sehr, auch dadurch dass wir sehr viele unterschiedliche Charaktere sind. Wir alle sind Teamplayer – ohne diese Eigenschaft würde Diynamic nicht funktionieren. Ehe ein Track releast wird, erhalten wir meist von allen Seiten Ideen oder konstruktive Kritik. Das zeichnet uns denke ich aus.“ Angelehnt an die Neon Night im Sankeys, dem spanischen Ableger des Clubs in Manchester, veröffentlicht H.O.S.H. am 10. Oktober seine „Neon EP“ und komplettiert damit Katalognummer 60 des Labels. Wie bei seinen letzten beiden Releases, hat er auch bei „No One“ mit der deutschen Sängerin Malonda gearbeitet. Eine Premiere feiert H.O.S.H. im Bereich Musikvideos. „Beim Dreh zum Promovideo der Neon Night im EGO haben wir jede Menge Neonfarben benutzt. Dabei kam mir die Idee, dass dies auch zur Single passt. Ein großes Dankeschön an Markus Haaser von nonstoprevolution, mit dem wir das Video in zwei Tagen gedreht haben. Er sitzt im selben Gebäude, in dem ich mein neues Studio habe. Und auch wenn ich früher als Runner beim Film gearbeitet habe, war dies eine völlig neue Erfahrung für mich. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden, zumal ich durch den bereits poppigen und catchigen Song nicht in eine bestimmte kommerzielle Ecke wollte.“ Eine Mischung aus Future Pop, Neon-Sounds und zeitgemäßen Basslines. State of the Art. Also das, wofür Diynamic seit der Geburtsstunde steht und auch verkörpert.

Im kommenden Winter wird sich H.O.S.H. eventuell an ein neues Album setzen. Seine Debüt-LP „Connecting The Dots“ erschien 2010. Damals wohnte er mit seiner damaligen Freundin auf dem Land und fand dort ausreichend Ruhe und Kreativität. „Ich wollte weg von dem allgegenwärtigen minimalen Gefrickel. Nach Monaten habe ich mir vor ein paar Tagen das Album wieder angehört und war immer noch zufrieden. Natürlich habe ich meinen Style mit der Zeit etwas verändert – deshalb werde ich wohl die Inspiration und zahlreichen Eindrücke aus Ibiza mitnehmen und abwarten, was in den kalten Wintermonaten an der Alster passiert. Ich könnte mir vorstellen, mit Malonda, die bei ‚No One‘ gesunden hat, auf Tour zu gehen. Dann allerdings nicht im Club, sondern auf Festivalbühnen. Nun steht allerdings erstmal der FAZEmag Download-Mix an. Meine letzte Compilation ist nämlich eine Weile her …“

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