HALF LIGHT in Berlin –  Interview mit Abul Mogard & Rafael Anton Irisarri

Abul Mogard mit Visuals von Marja de Sanctis – Foto: Igor Romanov

Das Event „Half Light“ in der Berliner Betonhalle am 23. Oktober 2026 versammelt Künstler*innen, die an der Schnittstelle von Sound, Bild und Wahrnehmung agieren, an diesem Abend wird eine zusammenhängende audiovisuelle Reise geboten, von experimentellen Tape-Sounds über immersive A/V-Kompositionen bis hin zu wuchtigen Drone-Landschaften.
Die beiden Mainacts Rafael Anton Irisarri aus den USA und Abul Mogard aus Italien haben wir zum Interview gebeten, um uns zu erzählen, was das Publikum an diesem Abend erwarten kann.

HALF LIGHT
23. Oktober, Einlass: 19 Uhr
Silent Green, Betonhalle, Berlin
Line-up: Abul Mogard, Marja de Sanctis, Rafael Anton Irisarri, Concepción Huerta
Tickets: www.eventim.de/event/half-light-abul-mogard-marja-de-sanctis-silent-green-betonhalle-22003057

„HALF LIGHT“ ist eher als ein Abend mit einem durchgehenden Erzählbogen konzipiert als als eine Abfolge einzelner Sets. Verändert die Einbettung in eine größere dramatische Struktur eure Herangehensweise, und wie bereitet ihr euch darauf vor?

Abul: Wir betrachten es als ein durchgängiges Erlebnis für das Publikum und arbeiten unter diesem Gesichtspunkt an den Sets. Concepción Huerta wird den Abend mit einem experimentellen Set eröffnen, bei dem sie Tonbänder und Tonbandmanipulationen einsetzt, gefolgt von Rafael Anton Irisarri, der sein neues Solo-Set präsentieren wird, das sich um seine Gitarre und die Art und Weise dreht, wie er die von ihr kommenden Klänge bearbeitet. Erwähnenswert ist auch, dass Rafael schon seit geraumer Zeit kein Solo-Set mehr in Berlin gespielt hat.

Marja de Sanctis und ich werden anschließend eine audiovisuelle Performance präsentieren, die auf meinem Album „Quiet Pieces“ und den Live-Auftritten basiert, die ich rund um dieses Album entwickelt habe. Marja ist seit Beginn an an dem Projekt beteiligt, hat das Album-Artwork gestaltet und an allen audiovisuellen Shows mitgearbeitet, darunter auch beim Berlin Atonal 2017. Für „HALF LIGHT“ wird sie ihre Bildsprache auf neue Weise in die Musik einbringen und dem Erlebnis so eine weitere Ebene hinzufügen. Dies wird das erste Mal sein, dass wir das Werk in dieser speziellen Form präsentieren.

Rafael: Ich habe das Substrata Festival in Seattle gegründet und kuratiert, wobei ich sehr genau darauf achtete, wie jeder einzelne Künstler ins Programm passte. Wir hatten weder Headliner noch Lückenfüller. Jeder Künstler war gleich wichtig, und die Reihenfolge der Auftritte spielte eine Rolle, da sie prägte, wie das Publikum die Musik erlebte. Ich wollte, dass die Leute wegen des gesamten Programms kamen. Deshalb kommt mir HALF LIGHT sehr vertraut vor, auch wenn ich diesmal auf der anderen Seite der kuratorischen Gleichung stehe. Ich glaube nicht, dass die Teilnahme an einem größeren Programm bedeutet, dass ich meine Musik ändern muss, um sie an eine vorgegebene Geschichte anzupassen. Mein Set basiert auf „Points of Inaccessibility“ und hat seine eigene innere Dynamik und einen eigenen Verlauf. Aber ich bin mir bewusst, was vor und nach mir kommt und wie sich diese Übergänge auf das Erlebnis auswirken.

Die Betonhalle ist ein unterirdischer Raum im brutalistischen Stil, der speziell für Musik und Kunst geschaffen wurde. Welche Rolle spielen Architektur und Akustik in eurer Arbeit, und passt ihr eure Darbietung an einen solchen Raum an, oder ist sie ein integraler Bestandteil der Komposition?

Abul: Der Veranstaltungsort prägt die Darbietung ziemlich stark. Die Akustik ist wahrscheinlich der wichtigste Faktor, der die Art und Weise beeinflusst, wie wir die Musik präsentieren, und wir versuchen immer, den Raum und seine Beschallungsanlage bestmöglich zu nutzen.

Aber die Atmosphäre ist ebenso wichtig, und die hängt stark von den Menschen ab, die zur Show kommen. Das Publikum strahlt eine bestimmte Energie aus, und die kann eine Performance sogar noch stärker beeinflussen als der Raum selbst. Das lässt sich im Voraus nicht wirklich vorhersagen, und genau das macht Live-Auftritte so interessant. Wir werden sehen, was in der Betonhalle passiert.

Rafael: Architektur beeinflusst meine Arbeit schon seit Jahren. „FAÇADISMS“ zum Beispiel wurde teilweise von der brutalistischen Architektur inspiriert – mit ihren rohen Materialien, freiliegenden Strukturen und ihrer physischen Masse. Ich sehe da eine Verbindung zu der Art und Weise, wie ich Gitarren, Verzerrung und Klangschichten einsetze. Hinzu kommt noch der praktische Aspekt. Ich verbringe den Großteil meiner Arbeitszeit als Mastering-Ingenieur, daher bin ich mir sehr bewusst, wie sich verschiedene Räume auf den Klang auswirken. Lang anhaltende Töne, tiefe Frequenzen und dichte Obertöne verhalten sich in jedem Raum anders. Ich schreibe ein Set nicht extra für einen bestimmten Veranstaltungsort um, aber ich passe die Dynamik, die Überlagerungen und manchmal auch den Anteil an Stille an. Zu wissen, wann man sich zurückhalten muss, ist genauso wichtig wie zu wissen, wann man den Klang verstärken muss.

Rafael Anton Irisarri – Foto: Iulia Alexandra Magheru

Eure Musik lebt von Langsamkeit, Wiederholung und Resonanz. Wie würdet ihr sie in einem einzigen Satz beschreiben, und was kann das Publikum erwarten?

Abul: Die Musik kann hypnotisch wirken, und unser Ziel ist es, den Zuhörer an einen bestimmten Ort zu entführen – der für jeden etwas anderes ist – und ihn dort eine Weile verweilen zu lassen.

Rafael: Bei HALF LIGHT werde ich Musik aus „Points of Inaccessibility“ auf einer Gitarre spielen, die ich speziell für das Spiel mit dem Bogen umgebaut habe. So entstehen zarte, fast celloähnliche Klänge, die sich nach und nach zu gewaltigen Klangwänden aufbauen. Es ist eine sehr körperliche, ausdrucksstarke Art zu spielen, und ich freue mich besonders darauf, dieses Set nach Berlin zu bringen, nachdem ich hier schon seit so vielen Jahren nicht mehr solo gespielt habe.

Ihr habt bereits zusammen gespielt und Musik produziert. Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit, und was entsteht zwischen euch, das ihr alleine nicht erreichen würdet?

Abul: Unsere Zusammenarbeit begann nach einem Doppelkonzert in Madrid im Jahr 2023. Wir spielten beide unsere eigenen Sets, ähnlich wie wir es bei HALF LIGHT tun werden, und wurden dann gebeten, als Zugabe ein abschließendes Stück gemeinsam aufzuführen.

Es hat uns wirklich viel Spaß gemacht, dieses Langstück zu planen und aufzuführen, und da das Konzert für eine Radiosendung aufgezeichnet worden war, konnten wir es uns anschließend noch einmal anhören. Uns wurde klar, dass die Aufnahme Teil eines gemeinsamen Albums werden könnte, und tatsächlich nahm sie schließlich eine Seite unseres ersten gemeinsamen Albums „Impossibly Distant, Impossibly Close“ ein.

Seitdem stehen wir in ständigem Kontakt und haben viele Konzerte zusammen gespielt. Ich denke, das Interessante an unserer Zusammenarbeit ist, dass wir zwar unterschiedliche musikalische Hintergründe haben, aber ähnliche Herangehensweisen an den Klang, die sich ganz natürlich ergänzen. Wir hören einander viel zu und reagieren auf das, was der andere macht, und das führt die Musik oft an einen Ort, an den keiner von uns allein gelangt wäre.

Rafael: Was mir bei diesem ersten Auftritt in Madrid besonders aufgefallen ist, war, wie natürlich sich das Ganze angefühlt hat. Normalerweise habe ich eine ziemlich klare Vorstellung davon, was ich will, wenn ich alleine arbeite, daher war ich überrascht, wie leicht es mir fiel, diese Vorstellung bei der Zusammenarbeit mit Guido loszulassen. Ich verbringe die meiste Zeit damit, alleine zu arbeiten – sei es beim Komponieren oder beim Mastering –, und das bedeutet, dass ich jede Entscheidung selbst treffe. Die Zusammenarbeit mit Guido ist eine ganz andere Erfahrung. Es herrscht großes Vertrauen, und keiner von uns scheint besonders darauf bedacht zu sein, Raum für sich zu beanspruchen oder den eigenen Beitrag hervorzuheben. Das gibt mir die Freiheit, Risiken einzugehen, über die ich sonst vielleicht zu viel nachdenken würde. Während unseres Aufenthalts im Morphine Raum in Berlin, wo wir an „Where Light Pauses in the Silence of the Sun“ arbeiteten, gab es Momente, in denen ich wirklich nicht sagen konnte, welche Klänge von mir und welche von ihm kamen. Das liebe ich. Das Interessante daran ist nicht, zwei erkennbare Künstler nebeneinander zu hören. Es ist der Moment, in dem sich diese individuellen Handschriften aufzulösen beginnen.

In welcher musikalischen Tradition seht ihr euch selbst; welche Künstler haben eure Arbeit beeinflusst oder tun dies noch immer? Und welche Arten von Einflüssen und Inspirationen sind generell wichtig für eure Arbeit?

Abul: Mein musikalischer Hintergrund war nicht besonders stark in der experimentellen Musik verwurzelt. Ich bin in den 1980er Jahren in Italien aufgewachsen und habe italienischen Pop gehört, der damals ziemlich elektronisch war und mein Interesse an Synthesizer-Klängen weckte, ebenso wie alles, was im Fernsehen populär war, und die Platten, die meine Eltern auflegten. Meine Mutter liebte Frank Sinatra und Sérgio Mendes, während mein Vater klassische Musik hörte, insbesondere Beethoven.
Mein Interesse an experimenteller Musik entwickelte sich nach und nach, angefangen bei Pink Floyd, insbesondere Richard Wright, der einen großen Einfluss auf mich hatte. Später entdeckte ich Ambient-Musik durch Brian Eno und Aphex Twins „Selected Ambient Works Volume II“ sowie deutsche elektronische Musik durch Tangerine Dream und Klaus Schulze. Ein Freund machte mich später mit Coil bekannt. Mein Musikgeschmack war ziemlich vielseitig, und als ich etwa 20 war, stand ich auch total auf Metal. Viel später entdeckte ich Éliane Radigue, Bernard Parmegiani und Pauline Oliveros, insbesondere ihre „Deep Listening“-Aufnahmen.
Ich sehe mich nicht als Teil einer bestimmten musikalischen Tradition. All diese Einflüsse haben die Art und Weise geprägt, wie ich Klang höre und mich ihm nähere, auch wenn meine Musik nicht unbedingt der ihren ähnelt.

Rafael: Ich bin mit Metal und Punk aufgewachsen und habe mich später als Teenager für Dub, Shoegaze und minimalistische Musik begeistert. Arvo Pärt, My Bloody Valentine, The Orb, Cocteau Twins und Harold Budd waren für mich besonders wichtig. Dub hat mich gelehrt, das Studio als Instrument zu betrachten, während Shoegaze mir die Möglichkeit eröffnete, die Gitarre eher als Quelle für Klangtexturen denn als herkömmliches Instrument zu nutzen. Auch die körperliche Intensität des Metal hat mich nie wirklich losgelassen.