Die zwei Ostwestfalen Stefan Helmke und Steffen Neuhaus leben gerade ihren persönlichen Traum und sind als DJ- und Produzenten-Duo Hanne & Lore seit geraumer Zeit jedes Wochenende in den Clubs des Landes unterwegs. An Halloween, zwischen TV-Dreh und bevorstehenden Gigs in Aachen und Köln, hatte ich das Vergnügen, den beiden mit mehr als der Frage „Süßes oder Saures?“ auf den musikalischen Zahn zu fühlen …

Kennengelernt habt ihr euch in den 90ern im Herforder Club Kick, dem heutigen X, wo ihr getrennt voneinander als Resident-DJs für populäre Acts die Clubnächte eröffnet oder besiegelt habt. Habt ihr seinerzeit geahnt, welcher Erfolg euch im Doppelpack beschienen wäre?
Stefan: Im Kick haben wir das DJing von der Pieke auf gelernt. Und genau das ist der Grund, weshalb wir unser Handwerk heute flexibel und zu jeder Tages- und Nachtzeit einsetzen können. Gerechnet haben wir mit dem Erfolg aber überhaupt nicht. Das kann man auch nicht planen, nur dran arbeiten.
Steffen: Der Erfolg ist quasi eskaliert (lacht). Stefan legte damals schon House auf, ich spielte im Dark Wave & EBM-Bereich des Clubs. Als wir während eines Kaffeklatsches unseren ersten Track bastelten, hatten wir nicht die Intention, schnellstmöglich populär zu werden. Erst 2007 kam uns die Idee zu Hanne & Lore, die wir dann auch direkt umsetzten. Was heute abgeht, wundert uns manchmal selbst. Aber da uns der Erfolg nicht in den Schoß gefallen ist, freuen wir uns umso mehr darüber.

Ist es schwer, bei solch einem Durchmarsch „auf dem Teppich“ zu bleiben?
Stefan: Nein, überhaupt nicht. Das Wochenende ist immer schnell vorbei, und ab montags steht zuhause auf dem Plan. Dieser stetige Wechsel und unser Umfeld erden uns automatisch.
Steffen: Zudem sind wir aus dem Alter raus, in dem man schnell einen Höhenflug erlebt. Wir haben einfach Spaß am Auflegen und leben das Ganze auch selbst zusammen mit dem Publikum auf den Partys, auf denen wir spielen. Fünf Minuten vor dem Gig ankommen und direkt danach einen Abflug machen? Das gibt es bei uns nicht.

Wie empfindet ihr den Verlauf der elektronischen Musik- und Feierszene?
Stefan: Früher ist man in die Clubs gegangen, um die neusten Scheiben der DJs zu hören und es ging vorrangig um die Musik. Heute weißt du durch YouTube, Soundcloud u.ä., was dich auf der nächsten Party erwartet.
Steffen: Das ganze Feeling war komplett anders … dieses Kribbeln im Bauch. Eine Woche Entzug von unbekannter Musik (die man sich nicht wie heute einen Tag später im Netz tothören konnte), eine Woche Entzug von einer tollen Dame (die man nicht gleich am nächsten Tag bei Facebook adden konnte) – einfach ganz anders halt. Heutzutage verkommen immer mehr Clubs zu vollausgestatteten VIP-Areas inklusive perfekt temperiertem Champagner. Da merkt man, dass die Musik nur noch zweitrangig ist.

Ihr nutzt beim DJing digitale Technik. Einige eurer Releases erscheinen aber ausschließlich limitiert auf Vinyl. Ein Live-Act mit vielerlei analogen Gerätschaften, Drum-Machines und Co. … für euch vorstellbar oder lieber weiterhin das klassische DJ-Back2back?
Steffen: Klingt verdammt gut, aber leider ist diese Live-Sache zu zweit sehr problematisch (wenn man nicht einfach nur Knöpfchen drehen möchte). Wenn, dann würde unsere Live-Show einer Band mit echten Musikern und Instrumenten ähneln, nicht einer halbherzigen Laptop/Controller-Session.

Gibt es in eurem Produktionsprozess unverzichtbare Tools oder Schritte, die ihr extern abgebt?
Steffen: Wir nutzen seit zwei Jahren hauptsächlich Ableton, vorher Cubase. Auf gewisse Tools sind wir nicht fixiert. Unsere Tracks entstehen meist aus einer Art Demo im Kopf, dessen Umsetzung manchmal über Umwege zu ganz neuen Ideen führt. Das Mastering ist der einzige Part, den wir abgeben. Ich könnte es zwar selbst machen, aber beim eigenen Output fehlt die objektive Wahrnehmung. Das wäre wie Suppe mit Schnupfen abzuschmecken.

In eurem Track „Dr. House“ hört man ein nettes Jodeln. Sampelt ihr spontan und überall die Soundsnippets für eure Tracks selbst?
Steffen: (lacht) Das Jodeln stammt tatsächlich aus einer Eckkneipe in Niederbayern, in der wir aufgelegt haben … oder war es vielleicht doch aus einer Sample Library!?

Für einen Break bei „Dölmerei Deluxe“ haben wir z.B. ein Geräusch modifiziert, das entstand, als Stefan nichtsahnend mit einer Tüte Haribo vor dem Mikrofon herum knisterte. Neu im Repertoire ist ein Percussionsatz, dem wir in Zukunft sicher auch wieder das eine oder andere nette Geräusch entlocken werden.

Releasetechnisch war es im Gegensatz zu euren Auftritten eher ruhig dieses Jahr. Euer geplantes Studioalbum wird voraussichtlich erst 2013 erscheinen. Werden wir gewohnten Techhouse hören oder auf neue Klänge stoßen?
Steffen: Unser Album wird definitiv keine chartverdächtige Dancefloorcompilation werden, sondern eher eine Selbstverwirklichung, bei der wir unsere tiefsten musikalischen Abgründe experimentell ausleben werden. Darauf freuen wir uns schon lange. Wann es genau erscheint, steht aber noch nicht fest.
Stefan: Mit dem Album machen wir uns keinen Stress. Die Ideen werden früher oder später sprudeln, ohne dass wir sie aus den tiefsten Tiefen hochpumpen müssen.

Dafür steht euer eigenes Label Heulsuse bereits in den Startlöchern, um diesen Monat das erste Release auf den Markt zu werfen. Wird das Label stilistisch vielseitig aufgezogen oder gilt es in erster Linie als eigene Vermarktungsplattform?
Stefan: Genau, unsere Heulsuse ist auch ein Grund, weshalb das Album warten muss. Die Labelarbeit wird in den nächsten Monaten unser Hauptaugenmerk sein. Genregrenzen wird das Label allerdings nicht ziehen. Nachwuchskünstler werden wir ebenso supporten und einbinden wie etablierte oder auch befreundete Artists.
Steffen: Der Release-Opener wird ein Werk von uns selbst sein mit Remixversionen von Niconé und Zombie Disco Squad. Zu erwerben gibt es die Tracks dann auf Vinyl und digital.


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