Ein Mann und eine Frau sitzen jeder für sich in der gemeinsamen Wohnung, er am Laptop, sie vor dem TV. Aus einer Nichtigkeit heraus fangen sie an, sich zu streiten und zu beleidigen. Langsam schleichen sich aus dem Off dunkle elektronische Vibes an beide heran, um dann einem jenseitigen Falsett-Gesang auf Synthesizer-Melodien Platz zu machen, die alle Räume erfüllen.


Der Mann und die Frau recken die Köpfe, um herauszukriegen, woher die Musik kommt. Jeder bestreitet, etwas damit zu tun zu haben, und verdächtigt den anderen. Wenn sie sich einander nähern, wird die Musik immer lauter. Auch als das Paar die Wohnung verlässt, ist sie da. Ein Passant fragt die beiden verstört „Are you two noticing this …“, er zögert, „,house‘ track?“ Sie stellen sich blöd und gehen. Der Mann ruft ihnen hinterher: „I hate house music!“ Und dann legt er noch einmal mit der Erkenntnis nach: „It is coming from you Millenials!“ Und sie sagt: „People can hear our shit.“ Sie gehen allen auf die Nerven, streiten sich nur noch, eine Psychologin rät, den Lyrics zuzuhören, die unter anderem sagen: Dreaming never felt so bad, Loving never felt so wrong before, Wanting what you cannot have, Living with a sadness you cannot endure, Been trying hard to pull you back, All my life, it’s momentary, A moment like a heart attack, Stopped my life, it’s momentary.” Der Streit eskaliert in einer Art Performance, die aussieht wie eine rhythmische Herzattacke. Bis die Erkenntnis durchbricht: Nur wenn sich die beiden voneinander entfernen und ihre Beziehung beenden, hört der Spuk auf. Dies ist die bisweilen selbstironische und melancholische Handlung des Musikvideos der britischen Electro-Band Hot Chip zur ersten ausgekoppelten Single des neuen Albums. Die Schauspieler Martin Starr und Milana Vayntrub spielen in dem von Saman Kesh produzierten Video das unglückliche Paar zum Soundtrack der rund sechsminütigen Nummer.

Unter dem Titel „A Bath Full Of Ecstasy“ gibt es noch mehr neue Musik von Al Doyle, Alexis Taylor, Felix Martin, Joe Goddard und Owen Clarke. Das gesamte Album ist ab dem 21. Juni als signierte Deluxe-Doppel-LP, als Standard-Doppel-LP, als CD und digital zu haben. Der neue Longplayer erscheint wie die letzten beiden auf Domino Records, wo sich die Jungs sehr gut aufgehoben fühlen. Mit den Gründern und Machern sind sie befreundet, sie seien Familie. Und darüber hinaus kluge Köpfe, die wüssten, wie Hot Chip als Band ticke und was das Richtige für sie sei. Offensichtlich. Denn das Label empfahl den fünf Briten Rodaidh McDonald und Philippe Zdar als Mitstreiter, als sich die vor 19 Jahren in London gegründete und für ihren unvergessenen Track „Ready For The Floor“ Grammy-nominierte Band das erste Mal in ihrer Geschichte für eine Kollaboration mit externen Produzenten öffnete. Dieser Schritt markiert fast schon eine Zäsur, die Al so erklärt: „,A change is as good a rest’ [,eine Veränderung ist so gut wie eine Pause’, Anm. der Redaktion] lautet ein Sprichwort. Wir dachten, das könnte Spaß machen, eine externe Stimme, einen anderen Sound auszuprobieren.“ Philippe Zdar, den auch andere Freunde der Band ans Herz legten, steht für den Sound von Cassius und Phoenix und Rodaidh McDonald arbeitete mit anderen Größen wie The xx, David Byrne und Sampha zusammen.

„Wir wissen, wie man eine Hot-Chip-Platte produziert. Und das haben wir schon oft getan. Aber wir wissen nicht, wie man das nicht tut. An diesem Punkt ist eine außenstehende Person hilfreich.“
Dieser Prozess, sich selbst neu zu erkunden und zu erfinden, war für die Band ein Abenteuer. Denn Zdar und Goddard forderten die Band bei Songwriting und Produktion auf eine ihnen unbekannte Weise. Im Pariser Motorbass-Studio übernahm Philippe Zdar die Rolle des Co-Produzenten, Mixing-Engineers und sanften Exzentrikers, der den Sound des Albums maßgeblich prägte. Im Zentrum stehen Schlagzeug und Bass. Ein minimaler Einsatz von Gitarren und mehrschichtige, aneinandergereihte Keyboard-Melodien, damit das neue Album der Briten Zdars charismatischen „French Touch“ erhält.

Dieser ist zu einem großen Teil von Luftigkeit geprägt. „Du musst Luft reinbringen!“, würde er theatralisch ausrufen, sagt Al Doyle. „Es braucht mehr Luft!“ Mit dem großzügigen Einsatz eines Grampian-Hallgerätes gesellen sich angenehme Verzerrungen in den Sound. Dafür sorgen ebenfalls ein polyphoner KORG-PS3200-Synthesizer aus Holz, ein Yamaha CS70-M und ein CS-80, ein Oberheim OB-Xa, ein analoger Synthesizer mit heller, himmlischer Qualität, den Prince liebte und auch Depeche Mode und die Detroit-Techno-Szene mit Vorliebe einsetzen. Und auch der Gesang durchlebt eine Wandlung. Zwar ist Taylors Falsett charakteristisch für Hot Chip. Doch ist „A Bath Full Of Ecstasy“ diesbezüglich viel experimenteller. Delays, Effekte und modulare Zaubereien bringen Taylors Stimme in neue Richtungen. Lange Nächte in Philippes Studio waren trotz oder gerade dank einiger Whiskey Sour sehr fruchtbar: „Es passierte etwas wirklich Magisches und wir produzierten viel Material in kurzer Zeit.“ In der britischen Hauptstadt trieb McDonald die Musiker um Alexis Taylor und Joe Goddard an, Songwriting neu zu denken. Schlanker werden war die Devise. „Besonders bei ,Melody Of Love‘. Er war ziemlich rücksichtslos – ist dieser Vers zu lang? Müssen wir etwas Stärkeres schreiben? Wir sollten schneller zum Refrain kommen. Er drängte uns, ehrgeiziger zu sein“, erzählt Joe Goddard. Und Al ergänzt zur Kollaboration mit den beiden Produzenten: „Dieser Prozess brachte großartige Ergebnisse. Es gab Dinge, die ich genoss, und es gab Dinge, die ich als schwierig empfand. Aber es war gut, einen neuen Ansatz zu haben. Und ich glaube, unser Sound ist nun komplexer und tiefer als zuvor. Aber ich denke, wir werden erst irgendwann in der Zukunft realisieren, was neu gewesen ist.“

Und doch steht „A Bath Full Of Ecstasy“ für das, was Hot Chips Musik ausmacht: Euphorie und Melancholie verschmelzen mit bunten Melodien, eigenwilligen Gesangslinien und pumpenden elektronischen Pop-Rhythmen. „Unsere Musik ist auf der lyrischen Ebene oft dunkel, selbst wenn die Musik aufheiternd sein kann. Ich denke, diese kraftvolle, aber simple Spannung verleiht den Songs Leben und erlaubt es uns, mit den Hörern eine Verbindung herzustellen“, sagt Al. Auf „A Bath Full Of Ecstasy“ geht es einmal mehr darum, musikalisch zu formulieren, was gesagt werden muss, aber nicht ausgesprochen werden kann, wie es Alexis einmal auf den Punkt brachte. Ein Albumtitel übrigens, der durchaus einer Nachfrage würdig ist: „Jedes Mal, wenn wir den Titel sagten, mussten wir schmunzeln. Das war also schon einmal ein gutes Zeichen, ein Grund dafür. Der Titel zieht einen gewissermaßen in verschiedene Richtungen. Ecstasy meint, außerhalb von sich selbst zu stehen, aber gleichzeitig ist man doch sehr stark in einem Bad. Also ist es die Beschaffenheit dessen, innerhalb des Außerhalbseins zu sein. Okay, jetzt höre ich mich an, als wäre ich tatsächlich auf Ecstasy.“ Al schmunzelt. Ein gutes Zeichen.

 

Aus dem FAZEmag 088/06.2019
Text: Csilla Letay
Foto: Ronald Dick
www.hotchip.co.uk