iFeature: Zwischen Studio, Code und Club

Jan Vincent Contopidis alias iFeature gehört zu einer neuen Generation von Künstlern, die sich nicht auf eine einzige Rolle beschränken. Der in Hamburg geborene Produzent, DJ und Vocalist bewegt sich musikalisch zwischen Drum & Bass, Bass Music und modernen Pop-Einflüssen, entwickelt gleichzeitig aber auch eigene Audio-Plug-ins, die inzwischen von namhaften Produzenten weltweit eingesetzt werden. Mit Veröffentlichungen auf Labels wie Majestic Collective, Neosignal, NCS oder Subsidia hat sich iFeature international einen Namen gemacht. Wir haben mit ihm über seine aktuelle EP und Single gesprochen, über seinen kreativen Ansatz sowie darüber, weshalb Musikproduktion und die Entwicklung eigener Plug-ins für ihn untrennbar miteinander verbunden sind.

iFeature! Stell dich doch mal in deinen eigenen Worten unseren Lesern vor.

Mein Name ist Jan Vincent Contopidis alias iFeature. Ich wurde am 12. Juni 2000 in Hamburg geboren. Mit griechischen und polnischen Wurzeln bin ich in Lübeck aufgewachsen und lebe heute in der Nähe von Paris. Meine Verbindung zur Musik begann 2006 mit dem Schlagzeug. Später kam Klavierunterricht bei einem strengen russischen Lehrer dazu, der mir ein solides Fundament vermittelte, das für meine weitere Entwicklung entscheidend war. Nachdem der Unterricht endete, brachte ich mir vieles selbst nach Gehör bei und experimentierte mit Drumpad 24, GarageBand und Magix Music Maker. Wirklich verändert hat sich alles, als ich ein Launchpad und meine erste Ableton-Lizenz bekam.

Die damalige Launchpad-Video-Ära hat mich stark geprägt – insbesondere Künstler wie M4SONIC, Shawn Wasabi und Madeon. Es war ein besonderer Moment, später selbst einen Track auf M4SONICs Label veröffentlichen zu dürfen. Von dort aus entdeckte ich meine Liebe zu hartem Dubstep – vor allem durch Skrillex und den YouTube-Kanal Dubstep Gutter (DSG), auf dem meine Musik mehrfach vorgestellt wurde und inzwischen mehr als 5,7 Millionen Streams erreicht hat. Nach Veröffentlichungen auf Subsidia Records und NCS entstanden enge Freundschaften mit anderen Produzenten, die sich ebenfalls über die Twitch-Streams von Virtual Riot kennengelernt hatten.

Durch das Hören unterschiedlichster Künstler entwickelte ich einen nahezu unerschöpflichen Ideenfluss. Im Laufe der Jahre habe ich mehr als 783 Tracks geschrieben und rund 178 davon veröffentlicht. Dabei habe ich mich in vielen Genres ausprobiert – darunter Dubstep, Tearout, Future Riddim, UK Garage, Synthwave, House, Pop und R&B. In letzter Zeit konzentriere ich mich vor allem auf energiegeladenen Drum & Bass mit eingängigen Pop-Einflüssen für meine DJ-Sets. Unabhängig vom Genre gilt für mich aber immer dieselbe Regel: Die Musik muss eingängig sein, eindeutig nach mir klingen und meine persönliche Handschrift tragen.

Dein Sound – insbesondere der auf deiner aktuellen EP – in deinen eigenen Worten?

Mein Sound bewegt sich an der Schnittstelle zwischen kraftvollem, präzisem Sounddesign und hochwertiger digitaler Signalverarbeitung (DSP). Ich produziere Musik aus einer sehr persönlichen Perspektive und verwandle die realen Erlebnisse und das emotionale Chaos meiner traumatischen Kindheit in klangliche Welten. Während des Produktionsprozesses achte ich besonders auf emotionale Kontraste und den verfügbaren Frequenzraum. Meine aktuelle Sechs-Track-EP „I Couldn’t Carry It Anymore“ erschien auf Majestic Collective, dem Label von Apashe. Der Titel steht für die Last meiner emotionalen Traumata und den Moment, an dem ich sie einfach nicht länger tragen konnte. Genau da begann ich, sie durch meine Kunst auszudrücken. Alle Songs verbindet das Thema Verletzlichkeit sowie die chaotische Energie, die mich bis heute begleitet.

Apashe entdeckte mich, nachdem ich den Mut hatte, ihn direkt per E-Mail zu kontaktieren, kurz nachdem er das neue Label gegründet hatte. Er mochte meine Vision und wir arbeiteten ein ganzes Jahr lang gemeinsam an der Veröffentlichung. Außerdem hatte ich das Glück, mit großartigen internationalen Künstlern zusammenzuarbeiten: Jasq aus Polen, JK Reptile aus Deutschland, Beutnoise aus Kuba und Zei aus den USA. Für mich hat jeder Track der EP seinen Platz verdient. Ich höre sie bis heute täglich – sogar während ich an meinen Plug-ins programmiere. Sie repräsentiert genau die Musik, die ich selbst liebe und hinter der ich zu hundert Prozent stehe. Trotz der schweren Themen glaube ich fest daran, dass der menschliche Geist viel stärker ist, als uns oft bewusst ist – selbst wenn die Welt um uns herum auseinanderzufallen scheint. Ein wesentlicher Bestandteil meiner musikalischen Identität ist außerdem, dass ich in fast allen Produktionen ausschließlich meine selbst entwickelten Plug-ins verwende. Genau dadurch forme und festige ich den unverwechselbaren iFeature-Sound.

Du machst nicht nur Musik und legst auf, sondern programmierst auch Plug-ins. Was für einen musikalischen beziehungsweise beruflichen Background hast du?

Die Musik war zuerst da. Mit zunehmender Erfahrung als Produzent entwickelte ich jedoch immer mehr Interesse daran, was eigentlich hinter den Plug-ins passiert, die ich täglich nutzte. Nachdem ich stundenlang das Ableton-Handbuch von vorne bis hinten gelesen hatte, fragte ich mich ständig, wie digitale Signalverarbeitung im Inneren eigentlich funktioniert. Diese Neugier führte mich schließlich zu Max for Live. Später ermutigten mich Freunde dazu, den Schritt in die Entwicklung eigener VST-Plug-ins zu wagen. Zunächst arbeitete ich mit Cycling ’74s RNBO, um die Brücke zwischen Max und eigenständiger Software zu schlagen. Anschließend wechselte ich vollständig zu C++ und dem JUCE-Framework, um maximale Kontrolle auf Low-Level-Ebene zu erhalten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Plug-ins werden meine Tools von einem aktiven Produzenten für Produzenten entwickelt. Sie verbinden komplexe DSP-Algorithmen mit einer intuitiven Bedienung. Gleichzeitig spielt das visuelle Erscheinungsbild eine große Rolle. Jede Benutzeroberfläche entwerfe ich zunächst in Figma, bevor ich sie in C++ umsetze und so den dunklen, futuristischen Look direkt mit der Markenidentität von iFeature verbinde. Die Entwicklung meiner Plug-ins hat außerdem zu spannenden Kooperationen geführt. So entstand gemeinsam mit Virtual Riot ANOMALY, ein Band Frequency Shifter. Darüber hinaus arbeitete ich mit Phace – einer Legende des Drum & Bass und Mitglied von Noisia – an unserem gemeinsamen Track Religious für dessen Label Neosignal. Seit der Veröffentlichung meines ersten Plug-ins nutzen inzwischen Künstler wie Apashe, Virtual Riot, Phace, Space Laces sowie Camo & Krooked meine Software aktiv in ihren eigenen Produktionen.

Als Entwickler von DSP-Tools und Plug-ins blickst du auch aus einer anderen Richtung auf das Thema Musikproduktion. Woraus entstand bei dir das Bedürfnis, selbst eigene Plug-ins zu entwickeln? Wie beeinflussen deine Tools deinen Workflow?

Vor etwa zehn Jahren wechselte ich von FL Studio zu Ableton, nachdem ich Max for Live entdeckt hatte. Damals sagte ich mir: „Eines Tages werde ich dafür bereit sein.“ Am 27. November 2023 wurde dieser Traum mit der Veröffentlichung meines ersten Max-for-Live-Geräts – einem Spectral Gate – Wirklichkeit. Digitale Signalverarbeitung habe ich mir selbst beigebracht: durch wissenschaftliche Facharbeiten, unzählige Tutorials, den Austausch in der Max-Discord-Community und mithilfe von Freunden. Eine ältere Person sagte einmal zu mir: „Lerne deine Werkzeuge kennen, dann kannst du alles meistern.“ Heute kommen meine Plug-ins in jeder Session zum Einsatz, die ich öffne. Die Marke iFeature und mein eigenes Software-Ökosystem sind vollständig miteinander verwoben. Meine Software verleiht meinen Sounds sofort ihre unverwechselbare Handschrift.

Als DJ bist du hauptsächlich in der Drum-&-Bass- und Bass-Music-Szene zu Hause. Mit deiner aktuellen EP und Single bewegst du dich allerdings deutlich in poppigere Gefilde – nicht zuletzt, weil du selbst singst und mit Rae Louie zusammengearbeitet hast. Wie kam diese Kollaboration zustande und welche Vision hattet ihr für „BNB“?

Da ich ständig neue Musik produziere, habe ich eine riesige Sammlung unfertiger Ideen und Skizzen in meiner DAW – darunter auch Produktionen, die bereits 2023 während meiner Zeit bei NCS entstanden sind. Auf dieses Archiv greife ich immer wieder zurück, wenn mich neue Inspiration trifft. Die Zusammenarbeit mit Rae Louie entstand durch meine wöchentlichen Feedback-Streams auf Twitch. Als ich ihre Stimme hörte, wusste ich sofort, dass sie perfekt zu meinem Stil passen würde. Da sie in den USA lebt und ich in Paris, arbeiteten wir komplett remote über den Atlantik hinweg zusammen.

Während der Produktion entwickelte ich eine besondere Faszination für asymmetrische Verzerrung, die letztlich den Charakter des gesamten Tracks prägte. Für den Drop modulierte ich ihre synthetisierte Stimme mit einem LFO und integrierte ihre Vocals direkt in das Sounddesign. Inhaltlich handelt „BNB“ vom Schmerz einer toxischen Beziehung, die von Verrat geprägt ist. Es geht darum, tief verletzt worden zu sein, zu wissen, dass man eigentlich loslassen müsste – und sich den Ex-Partner trotzdem verzweifelt zurückzuwünschen. In einem Satz zusammengefasst: „Du hast mir wehgetan, aber ich brauche dich trotzdem.“

Wie kannst du dich bei der Zusammenarbeit mit Sängerinnen wie Rae Louie in Sachen Sounddesign kreativ entfalten, ohne dass die Vocals darunter leiden?

Die Arbeit mit Sängerinnen und Sängern bedeutet für mich, die richtige Balance zwischen Anleitung und kreativer Freiheit zu finden. In der Regel lasse ich Vocalists ihren Part zunächst völlig frei performen, um ihre natürliche Ausdrucksweise einzufangen. Anschließend passe ich die gesamte Produktion an ihre Performance an.

Da mein Sounddesign oft sehr aggressiv und komplex ist, achte ich besonders auf eine saubere Trennung der Frequenzbereiche. Egal, ob ich mit externen Sängerinnen wie Rae Louie oder mit meiner eigenen Stimme arbeite – mein Vocal-Workflow umfasst immer präzises dynamisches Sidechaining, Transient Shaping und Dynamic EQing. So schmiegen sich Synths und Bass um die Vocals herum, anstatt sie zu überdecken.

Was steht in der nächsten Zeit bei dir auf der Agenda? Irgendwelche besonderen Releases, Gigs oder Plug-in-Veröffentlichungen geplant?

Nach meiner letzten Veröffentlichung im Juni erscheint im Oktober meine neue Single „Sacrifice“, die mir persönlich besonders am Herzen liegt. Der Song erzählt von Angst und den Opfern, die wir dafür bringen. Er handelt von der Dunkelheit in uns selbst, die uns paradoxerweise das Gefühl gibt, lebendig zu sein. Es geht um Albträume, die uns verfolgen, während wir versuchen, der Gefahr zu entkommen – nur um denselben Kreislauf immer wieder zu durchlaufen.

Was Live-Auftritte betrifft, möchte ich an den Schwung der vergangenen Monate anknüpfen. Nach einer ausverkauften Headliner-Show im Vice Versa in Paris und einem Auftritt vor mehr als 2.000 Menschen bei der Fête de la Musique stehen weitere DJ-Sets mit meinem energiegeladenen, vocalorientierten Drum-&-Bass-Sound auf dem Plan. Parallel dazu arbeite ich kontinuierlich an neuen VST-Konzepten in C++, um die Möglichkeiten digitaler Signalverarbeitung weiter auszuloten.

 

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