
Die elektronische Musikszene lebt von Projektionen: von Bildern, Rollen und Erwartungen. Doch hinter dem DJ-Booth stehen Menschen, deren Leben sich ständig verändert. In diesem persönlichen Text reflektiert Annett Gapstream über dreizehn Jahre in der Clubkultur – und darüber, wie Mutterschaft, Queerness und wachsende Gelassenheit ihre Perspektive auf Musik, Karriere und Öffentlichkeit verändert haben. „Immer wieder drei Uhr nachts“ ist dabei nicht nur eine Uhrzeit aus dem Clubleben, sondern ein Sinnbild für Umbrüche, Zweifel und neue Klarheit.
Hier beginnt der Text:
Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass die eigene Außenwirkung nicht mehr mit der eigenen Realität übereinstimmt. Bei mir kam er leise. Kein Bruch, kein Skandal. Nur diese wachsende Diskrepanz zwischen meinem Instagram-Feed inklusive dem innerlichen Drang ausschließlich coolen Party Content zu posten und meinem echten Alltag.
Dreizehn Jahre Musik. Dreizehn Jahre Musikindustrie. Wow. Sie vergingen sehr schnell. Als DJ, Producer, Festival Organizer und Label Founder habe ich Vieles von vielen Seiten gesehen. Diese Zeit prägt – nicht nur musikalisch, sondern auch sozial.
Als ich angefangen habe, wirkte die Szene auf mich irgendwie dunkler. Schwarzer. Ernster. Vielleicht war es nur meine Wahrnehmung als Mitte Zwanzigjährige ohne Erfahrung. Vielleicht war es der Zeitgeist. Techno hatte jedenfalls etwas Unnahbares. Man trug Schwarz. Man lächelte nicht auf Pressebildern. Und in Backstage-Gesprächen fielen Begriffe wie „Techno-Mafia“ – halb ironisch, halb ernst gemeint.
Ein bisschen Anpassung gehörte irgendwie dazu. Nicht mal unbedingt aus Schwäche, sondern eher aus Ehrgeiz. Aus Respekt. Aus dem Wunsch, ernst genommen zu werden.
Während ich z.B. meine allerersten Gigs 2013 mit Traktor aufgelegt habe, obwohl das Plattenspielen zuhause gut lief – verabschiedete ich mich ganz schnell davon einfach nur um den damals noch zu 95% männlichen DJs vor und nach mir (die ja auch noch nie was von mir gehört hatten – fair point) zu zeigen, dass ich auch „richtig“ auflegen kann. Heute würde ich da bei einigen Kommentaren anders reagieren, damals lag die Konsequenz im Eliminieren des Angriffspunkts.
Mein musikalischer Geschmack und somit auch meine Range haben sich in den Jahren nicht sonderlich stark verändert. Von Downbeat über House bis Melodic Techno, von warmen Grooves bis Peak-Time-Energy. Was sich allerdings sehr geändert hat, sind die Ausflüge innerhalb dieses Spektrums. Es ist weniger ernsthaft und dafür deutlich bunter geworden. Zuletzt oft mehr House Vibes als Melodic Techno und lange Breaks. Ich genieße diese Freiheit mehr das auszudrücken, wonach mir gerade ist und was ich für den Spirit auf dem Dancefloor passend finde.
Das spiegelt mein Leben und v.a. die Veränderungen der letzten drei Jahre sehr gut wider. Ich bin mehr bei mir und gelassener. Verspüre nicht zuletzt auch dank der vielen Jahre Erfahrung weniger Druck und gleichzeitig ein gewisses Urvertrauen, dass es schon gut werden wird. Wenn ich meine Sets der letzten drei Jahre höre, kommt da einiges in Echtzeit rüber, was ich selbst erst jetzt so wirklich artikulieren kann und möchte.
Die Prioritäten haben sich verschoben – drei Jahre Mutterschaft haben mir meine eigenen Grenzen auf eine Weise aufgezeigt, wie es kein Manager oder Karriere-Coach jemals könnte. Konfrontiert mit Geduld, Ungeduld, Erschöpfung, Fürsorge und den eigenen Ambitionen. Mit ganz neuen Emotionen kam auch – nicht von heute auf morgen, aber über die Zeit – mehr Ehrlichkeit mit mir selbst.
Erstens hat Zeit einen neuen Stellenwert. Zwei Stunden länger im Backstage bedeuteten auf einmal zwei Stunden weniger Schlaf und prophezeiten gleichzeitig einen eher wenig entspannten Sonntag mit Baby. Diese neue Liebe veränderte also meine Kapazität für alles Weitere. Nicht, weil sie etwas wegnimmt, sondern weil sie Maßstäbe neu setzt. Wenn etwas – jemand – so plötzlich und so selbstverständlich derartig Freude gibt, wird der Rest nicht unwichtig. Aber er muss Bedeutung haben. Echte Bedeutung. Sonst trägt er nicht mehr.
Und zweitens sind mein Selbstverständnis und damit einhergehend meine Selbstakzeptanz mehr in Balance. Baby-Situationen, in denen es mir nur darum ging, dass es Mini wieder gut geht, ließen wenig Kapazität nach rechts und links zu schauen. Rechts und links kalkulieren zu wollen. Dabei ist mir über die Zeit aufgefallen, dass rechts und links oft auch viel weicher und empathischer reagieren, wenn ich selbst überhaupt den Raum dafür gebe. Dieses durch das Muttersein verstärkte Gefühl hat somit gleichzeitig auch mein Queersein für mich entspannter gemacht und mehr nach außen tragen lassen. Überall außen, abgesehen von meinen Social Media Kanälen.
Ich fühle mich gelassener und paradoxerweise gleichzeitig entschlossener denn je. Weniger Fragezeichen, weniger Erklärungen und mehr Selbstverständlichkeit geben meinem Nervensystem Raum über Karriere und Familie gleichermaßen nachzudenken. U.a. möchte ich meine Kanäle nicht nur für Musikthemen, sondern zumindest gelegentlich auch für Mutterschaft und Female Empowerment nutzen.
Mein USB-Stick hat nach wie vor eine klare Handschrift. Allerdings keine Schubladen mehr. Mein Leben ist vielschichtiger geworden. Und das wusste die Musik schon irgendwie vor mir.
Interview:
- Die Überschrift ist sehr passend. Welche Dimensionen spiegelt „Immer wieder drei Uhr nachts“ für dich wider?Tatsächlich ist es nicht nur die happy Peaktime im Club für mich. Sondern steht genauso für viele Nächte, die ich lieber geschlafen hätte, das aber aufgrund eines wachen Baby’s oder auch zu vielen Gedanken was ich jetzt eigentlich genau möchte und was andere erwarten, nicht ging.
- Hattest du jemals das Gefühl, dich zwischen verschiedenen Rollen entscheiden zu müssen, um Erwartungen zu entsprechen? Wie siehst du das heute?Definitiv. Allerdings eher unterbewusst und nicht als aktive Entscheidung. Heute bin ich der festen Überzeugung, dass man weich und stark sein kann. Mutter und DJ. Queer und Mainstage. Emotional und professionell.
- Es wirkt, als sei dieser Schritt kein spontaner, sondern das Ergebnis einer längeren inneren Verschiebung. Gab es einen konkreten Moment, in dem dir klar wurde: Jetzt muss ich das öffentlich zusammenführen?Es war eher ein stetig größer werdendes Bedürfnis. Es kam öfter vor, dass ich Instagram Entwürfe hatte und mir kurz vor dem Posten dachte, dass das jetzt schon weit hergeholt sei und mitunter etwas zu viel verlangt ist für meine Follower. Der Wunsch mehr Zusammenhang zu geben wurde in solchen Situationen größer.
- Deine Musik war schon immer emotional und melodisch. Hat sich dein Sound durch Mutterschaft und offen queer sein verändert – oder war er vielleicht schon immer ein Spiegel dessen?Letzteres.
- Die elektronische Szene lebt stark von Projektion und Image. Wie navigierst du heute zwischen künstlerischer Inszenierung und echter Identität?Die Diskrepanz zwischen Realität und Instagram musste eine Schwelle überschreiten, damit mir überhaupt bewusst wird, dass es mir wichtig ist. Jetzt wird alles näher beisammen sein und ich probiere mir weniger Gedanken darum zu machen, ob etwas relevant genug ist, um es zu posten. Letztendlich ist es mein Channel, auf dem ich die Freiheit habe zu posten, was ich möchte.
- Du willst deine Karriere bewusst weiter ausbauen. Was bedeutet Ambition heute für dich – drei Jahre nach einem derartigen Lebensumbruch?Ambition bedeutet für mich heute nicht mehr, überall dabei sein zu müssen. Früher war sie stärker mit Tempo verbunden – mehr spielen, mehr reisen, mehr Möglichkeiten mitnehmen. Heute geht es mir weniger um Geschwindigkeit und mehr um Substanz. Ich möchte die Dinge machen, die sich richtig anfühlen: musikalisch, menschlich und zudem logistisch mit meinem Leben und meiner Familie vereinbar sind.
- Mit was für Inhalten darf man zukünftig auf deinem Profil rechnen?In erster Linie Musik: Deep House, House, Melodic Techno, Downbeat, Progressive Techno. Gigs und Festivals aus DJ-, Festival Producer- oder Musikliebhaberin Perspektive. Sport à la rave-run-repeat. Female Empowerment und reminder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Kunst, Wein, Food and the good life.
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