Indira Paganotto – Kunst ist Liebe

Foto: Alex Soto

Mit ihrem Debütalbum „Arte Como Amante“ öffnet Indira Paganotto ein sehr persönliches Kapitel. Nicht als kalkuliertes Karrierestatement, sondern als rückblickende Selbstvergewisserung einer Künstlerin, die sich nie verbiegen ließ. Das Album, das am 30. Januar digital über PIAS Électronique erschienen ist, ist das Ergebnis eines langen inneren Prozesses – und zugleich der konsequente nächste Schritt einer der derzeit spannendsten Charaktere der elektronischen Musik.

Für Indira Paganotto war dieses Album von Anfang an mehr als eine bloße Sammlung neuer Tracks. „Das Album war eigentlich nie eine Track-Sammlung“, erklärt sie im Gespräch. Über 300 Produktionen aus 14 Jahren lagen zunächst auf dem Tisch – musikalische Fragmente verschiedener Lebensphasen, Erinnerungen, Stimmungen. Die Entscheidung für nur 14 Stücke bedeutete, eine Rückschau mit Reduktion und Klarheit anzugehen. „Das wurde ganz automatisch zu einer Geschichte und zu einer sehr persönlichen Veröffentlichung.“ Diese Offenheit spiegelt sich auch im Sound wider. „Arte Como Amante“ ignoriert bewusst feste Genregrenzen und bewegt sich frei zwischen Psychedelic-Einflüssen, Techno, experimentellen Strukturen und emotionalen Momenten. Für Indira Paganotto ist das kein Kalkül, sondern gelebte Realität: „Ich habe schon immer Musik gemacht, die nirgendwo richtig reingepasst hat.“ Gerade deshalb war das Album für sie der richtige Ort, um alles zuzulassen – sich auch auf musikalisches Terrain zu begeben, das sie zuvor noch nicht betreten hatte: „Ein Album sollte alle Facetten deines Talents zeigen.“

Dass diese künstlerische Offenheit nicht aus einem Moment der Überforderung entstand, sondern aus bewusster Rückbesinnung, ist Indira wichtig zu betonen. Nach einem extrem intensiven Jahr mit ihrem Debüt bei Coachella, B2Bs mit Armin van Buuren und Sara Landry sowie einer 14-wöchigen Residency im Club Room von Hï Ibiza wurde das Album vielmehr zu einem inneren Anker. Alte Tracks hervorzuholen, neu zu bearbeiten oder loszulassen, half ihr, sich selbst wieder näherzukommen: „Es hat Erinnerungen zurückgebracht, die ich fast vergessen hatte.“ Ein besonderer Moment des Albums ist die Zusammenarbeit mit Nile Rodgers auf dem Titeltrack. Was für viele wie ein unerwartetes Feature wirkt, beschreibt Indira Paganotto als Herzensangelegenheit: „Ihn überhaupt kennenzulernen, war ein Traum.“ Entscheidend sei weniger der große Name gewesen als die gemeinsame Leidenschaft für Musik. Das Ergebnis: ein Track, der für sie einen ganz besonderen emotionalen Stellenwert hat – nicht zuletzt, weil sich beide musikalisch ergänzten, ohne sich gegenseitig zu dominieren.

Mit der Single „Crush“ schlägt Indira Paganotto anschließend eine Brücke zu ihren psychedelischen Wurzeln. Der Track erzählt von Sommer, Freiheit, jugendlicher Verliebtheit – und fügt sich als emotionaler Rückblick nahtlos in den Albumfluss ein. Das begleitende Musikvideo, umgesetzt mit KI-Technologie, funktioniert dabei fast wie ein Kurzfilm. Trotz aller technischen Möglichkeiten bleibt für Indira eines zentral: Gefühl. „Technologie ist faszinierend, aber bei meiner Musik geht es immer um Emotionen“, sagt sie. Zweifel spielen im kreativen Prozess durchaus eine Rolle – doch sie sind für sie kein Hemmnis. Am Ende entscheide immer der Instinkt, sagt sie. Manche Tracks seien unzählige Male verändert oder sogar komplett verworfen worden, nicht weil sie musikalisch nicht funktionierten, sondern weil sie nicht zur Erzählung des Albums passten. „Oft sind es gerade die Stücke, bei denen man selbst unsicher ist, die andere am meisten lieben.“

Dass sie heute mit Psy-Techno einen Sound geprägt hat, der untrennbar mit ihrem Namen verbunden ist, empfindet sie nicht als Erwartungsdruck, sondern als Befreiung. Mit ihrem eigenen Label ARTCORE hat sie sich und gleichgesinnten Künstler*innen endlich ein Zuhause geschaffen: „Es ist völlig organisch. Das ist einfach mein Stil.“ Der Blick nach vorn zeigt bereits, dass „Arte Como Amante“ kein Schlusspunkt ist. 2026 kündigt sich für Paganotto als Schlüsseljahr an – mit großen Veränderungen auf Ibiza, dem weiteren Wachstum von ARTCORE und dem Wunsch, verstärkt auch außerhalb der elektronischen Musik zu kollaborieren. Wachstum bedeute für sie vor allem, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Was sollen Hörerinnen und Hörer nach dem Durchlauf des Albums mitnehmen? Indira Paganottos Antwort ist schlicht und klar: „Kunst ist Liebe.“ Kunst sei immer subjektiv – und genau darin liege ihre Kraft. Wenn am Ende Leidenschaft, Hingabe und der Wunsch spürbar werden, etwas zurückzugeben, dann hat „Arte Como Amante“ sein Ziel erreicht.

Aus dem FAZEmag 168/02.2026
Text: Triple P
Foto: Alex Soto
www.instagram.com/indirapaganotto