Vier Floors. 14 Stunden Party Nonstop, von 22:00 Uhr abends bis 12:00 Uhr am darauffolgenden Mittag. 90er-Rave-Klassiker und Pioniere der Raving-Society an den Decks, mit exzessiver und toleranter Selbstentfaltung als Leitfaden. Eine tolle Location, eine perfekte Licht- und Soundanlage. Mitten in Zürich, dem Hotspot der Schweiz, im X-Tra Club. Integriert: die „Tattoo & Paint Performance” mit der Möglichkeit, hautnahe Ästhetik zu verewigen, und zwar auf höchstem Niveau. So lässt sich das Konzept von IPSUM auf den Punkt bringen. Gründe genug also, um uns im virtuellen Raum mit dem Macher zu treffen und über die Erstausgabe von IPSUM im Züricher X-Tra zu unterhalten. Lest hier, was uns Sam Interessantes berichtet hat.

Am 29. Februar steigt in Zürich das IPSUM-Event. Was hat es mit dem Namen auf sich und welches Konzept steht hinter dem Event?

IPSUM oder „ipse” bedeutet „selbst“ oder auch „persönlich“. Für das steht unser Konzept auch. Sich selbst entfalten zu können, ohne Kompromisse mit der Außenwelt eingehen zu müssen. Es geht um Freiheit, Exzess und Toleranz. Du darfst sein, wer und was du willst, solange du Respekt zeigst.

Neben der Musik steht auch die Kultur im Fokus bei IPSUM. Plauder doch ein bisschen aus dem Nähkästchen darüber, was ihr plant.

Sollten wir nicht Musik als Teil der Kulturfreiheit ansehen? Bei uns ist es egal, welche Nationalität, welche Hautfarbe oder sexuelle Orientierung du hast. Du sollst einfach Toleranz zeigen. Schlussendlich ist es das Ziel, dass sich Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenschließen und eine unvergessliche Nacht erleben.

Stichwort „Tattoo & Paint Performance“. Was hat es damit auf sich?

Tattoos sind heute so alltäglich wie kein anderer Körperkult. Für gewisse Menschen hat jedoch die Tätowierung eine viel tiefgründigere Bedeutung – so auch für Julian aka Heroin & Sweet Kisses. Es ist Kunst, die spürbar ist und sich unter der Haut verankert. Julian beschreibt es so: „Tätowieren hatte für mich immer eine größere Bedeutung als nur Ästhetik. Mich selbst tätowieren lehrt mich, meine Emotionen auszudrücken, an meinen Narben zu arbeiten und mit meinen Schmerzen umzugehen. Ich fühle mich lebendig, mein Geist und mein Körper werden eins, es ist ein Ritual für alle Sinne. Wenn mich das Geräusch der Maschine aus meinem Alltag entlässt, bringen mich das Vibrieren und der Schmerz auf meiner Haut in meine gewohnte Umgebung und lassen mich das Gefühl haben, zu Hause zu sein. Es ist ein schmaler Grat zwischen Akzeptanz und Liebe gegenüber meinen inneren Dämonen, welche ich in Form von Kunst wiedergebe und umsetze.” Mit der „Paint Performance“ möchten wir von IPSUM und die Künstler SEKTION AMOK den Ausdruck von Emotionen, die sich während eines Raves ergeben, auf die Leinwand bringen. Dabei geht es darum, sich von der Musik und dem Treiben der Gäste inspirieren zu lassen. Jedes gemalte Bild hat seinen eigenen Charakter und seine eigenen Emotionen. Dabei fallen die Künstler förmlich in eine Ekstase, in der sie schnell die Zeit vergessen. Mit einem Schmunzeln darf ich erwähnen, dass dieser Zustand von Trance teilweise über zwölf Stunden andauern kann.

Lass uns doch einmal über das Line-up reden. Spätestens beim Projekt Planetary Assault System werden Erinnerungen geweckt bei all denjenigen, die bereits zu Zeiten der Raving Society auf den Dancefloors waren. Welche Pioniere werden noch spielen?

Dass P.A.S. vielfach mit den 90ern assoziiert wird, ist zwar verständlich, wird dem Projekt unserer Meinung nach aber nicht ganz gerecht. Klar, es gibt zeitlose Tracks wie „Surface Noise“ von 1996 auf Peacefrog Records. Jedoch hat P.A.S. immer wieder mit genialen Releases auf sich aufmerksam gemacht – erst vor ein paar Monaten mit der EP „Plantae” auf Ostgut Ton. Generell finden wir, dass Luke Slater einer der genialsten Künstler ist, der auf diesem Planeten wandert. Weltweit ist Luke Slater bzw. P.A.S. ein bekannter Name und er hatte ungerechtfertigt schon lange keinen Auftritt mehr in der Schweiz – zuletzt 2016. Auch Marcel Dettmann ist dabei, ein solider Techno-Act, den man wirklich nicht weiter erklären muss. Er hat schon diverse Male in der Schweiz gespielt und ist selbst in Zürich, wo diese Art Techno erst langsam wieder aufkommt, ein bekannter Name. Da er auch zum Standardinventar des Berghain gehört, passt er perfekt in unser Konzept. Auch zu nennen ist hier Kobosil, der in der Schweiz vor allem auch bei den jungen Leuten bekannt ist, die Techno erst vor nicht allzu langer Zeit für sich entdeckt haben. Die Entwicklung, die er als Artist gemacht hat, ist riesig, und den Erfolg gönnen wir ihm sehr gerne. Insbesondere seine Fähigkeit, ganze Dancefloors in Stücke zu reißen mit seiner schnellen, impulsiven Musik mit Rave-Einschlägen, macht ihn zum perfekten IPSUM-Act.

Früher wurden Partys fast ausschließlich mit Flyern und per Mundpropaganda beworben und das Internet steckte in den Kinderschuhen. Wie stehst du zum Online-Marketing via Facebook & Co. und welche Chancen ergeben sich in der digitalen Welt für Event-Veranstalter?

Ein wichtiger Unterschied zu früher ist, dass Techno – oder generell elektronische Musik – keine reine Untergrundbewegung mehr ist. Wenn man sich vor Augen führt, wie viele Events an einem normalen Wochenende stattfinden, vor allem in den Ballungszentren Zürich und Basel, wird einem klar, welche Popularität diese Art von Musik erlangt hat. Dies hat positive und negative Aspekte: Zwar ist es erfreulich, dass so viele Leute die gleiche Leidenschaft teilen, gleichzeitig gibt es jedoch auch einen immensen Konkurrenzdruck. Insbesondere in Schweizer Städten, wo die verschiedenen Events in Laufdistanz voneinander entfernt sind. Unabdingbar ist Community-Building. Und hier spielt Mundpropaganda nach wie vor eine essenzielle Rolle, ist vielleicht sogar wichtiger denn je. Social Media sind ein Phänomen, das – ob wir wollen oder nicht – nicht mehr aus der heutigen Gesellschaft wegzudenken ist und einen großen Teil unseres täglichen Lebens beeinflusst. Für viele sind die sozialen Medien die primäre Informationsquelle, und das haben Event-Veranstalter weltweit schon lange begriffen. Spannend ist auch die Interaktivität von Social Media – man ist ja nicht reiner Konsument, sondern man kann als User den Informationsfluss mitgestalten, durch eigene Beiträge, Reposts, Likes usw. Wir von IPSUM setzen klar auf eine Mischung aus Social Media, Print und Mundpropaganda. Für eine neue Brand wie IPSUM sind die Social Media ein sehr effektives Werkzeug, um eine gewisse Bekanntheit zu erlangen, und das mit einer um ein Vielfaches größeren Reichweite als mittels Flyer oder Mund-zu-Mund. Außerdem hat man auch einen Einblick, wie das Ganze von der Community aufgenommen wird, und man spürt, wie die Resonanz ist. Bei unserer Social-Media-Strategie war es uns von Anfang an wichtig, die Leute nicht einfach zuzuspammen, sondern auch spannende Inhalte zu kreieren. Insbesondere in den Videoteasern steckt viel Arbeit und Schweiß, denn wir wollten etwas auf die Beine stellen, das ästhetisch und spannend anzuschauen ist, selbst für Leute außerhalb der Technocommunity.

In Deutschland gibt es auf großen Festivals teilweise riesige Classic-Rave-Areas. Die Retro-Tracks und DJs erleben heute eine Hochkonjunktur. Wie ist das in der Schweiz? Beschreitet ihr mit IPSUM neues Terrain oder gibt es bereits vergleichbare Raves?

Die Schweiz, speziell Zürich, ist traditionell eine Tech-House-/Deep-House-Hochburg. Seit der Schließung des legendären Rohstofflagers klaffte eine riesige Lücke im Bereich Techno, die nur teilweise und bei Weitem nicht vollständig gefüllt wurde. Techno à la IPSUM konnte man in Zürich lange nur bei vergleichsweise kleinen Underground-Raves genießen. Während in Schweizer Städten wie Basel und Genf eine mittlerweile große Szene aufgebaut wurde, sah es in Zürich ganz anders aus. Nun haben wir insbesondere in den letzten vier Jahren eine positive Entwicklung in dem Bereich mitverfolgen können. Auch beobachten wir, dass viele junge Leute diese Art der Musik sehr schätzen und vorantreiben. Darum ist das der richtige Moment, ein Großformat im Stil von IPSUM zu lancieren.

Line-up: Marcel Dettmann, Kobosil, Planetary Assault System (live), Tijana T, Janina, Kaiser, Stephan Krus, Woodencrate

IPSUM // 29.02.2020 // X-Tra Club, Zürich (Schweiz)

www.ipsum-official.com

Foto Kobosil: Sven Marquardt