
Dem färischen Musiker, Produzent und Songwriter Janus Rasmussen gelingt mit seinem neuen Album ein Rundumschlag gegen eine Trägheit, die sie im Laufe der Jahre bei ihm eingeschlichen hatte. Zu sehr hatte er sich an einem bestimmten Genre festgehalten und ist dann letztlich in eine Komfortzone abgebogen, in der es sich sehr bequem anfühlte. Bis ihn dann letztlich doch das Gefühl beschlich, dass die Zone ihn beengt, sowohl kreativ als auch musikalisch. Also brachte Rasmussen wieder sein wahres Ich ein – seinen eigenen Gesang einzubauen. weniger auf BPM achten und sich keine Gedanken über irgendwelche Genre-Einordnungen zu machen. Voilà, hier ist „Inert“, sein zweites Soloalbum.
Viele Jahre hat der in Reykjavik lebende Rasmussen als Teil der Band Bloodgroup und dann als Teil des Duos Kiasmos – zusammen mit dem Isländer Ólafur Arnalds – seine Musik veröffentlicht, bevor 2019 sein erstes Soloalbum „Vín“ erschien. Dabei sorgt auch die Arbeit mit Kiasmos – 2024 erschien das letzte Album – für einen großen Impact in Rasmussens Arbeit: „Diese Zusammenarbeit hat mir viel darüber beigebracht, darauf zu achten, was einem Song wirklich gut tut, und mich bei der Arbeit an einem Musikstück ganz auf das intensive Zuhören zu konzentrieren.“
„Inert“ ist ein weiterer wichtiger Meilenstein in seiner Karriere, wie bereits erwähnt, der Ausbruch aus der Trägheit, die ihn eingelullt hatte. „Für mich war der ausschlaggebende Faktor, dass ich das Singen vermisst habe, darüber hinaus ebenso das Songwriting. Es ist schon komisch, denn in der elektronischen Musik nennen wir sie oft „Tracks“, aber sobald man Gesang hinzufügt, entsteht plötzlich ein Song. Etwas, zu dem man mitsingen kann und das man tatsächlich als Song bezeichnen kann. Aus irgendeinem Grund haben sich diese beiden Dinge für mich immer wie zwei verschiedene Dinge angefühlt.“ Zunächst fühlte sich der Wiedereinstieg ins Singen einschüchternd an, Rasmussen musste es regelrecht neu lernen – seine eigene Stimme zu mögen und die richtigen Töne zu finden. Über vier bis fünf Jahre streckte sich der Schreibprozess für „Inert“. Manche Songs reichen bis 2021 zurück, andere entstanden erst wenige Monate vor Fertigstellung des Albums. Ein Großteil des Materials wurde aber während der Corona-Pandemie geschrieben – eine Zeit, die zweifellos auch den Ton des Longplayers beeinflusst hat. „Wir waren damals ziemlich isoliert, und ich war ein wenig ratlos, welche Art von Musik ich machen sollte, während ich zu Hause festsaß und nicht auf Tour gehen konnte“, erklärt er.

Der eigentliche Schreibprozess verläuft hingegen jedes Mal sehr ähnlich. Los geht es mit einer kleinen Jamsession im Studio, aus den meisten daraus resultierenden Skizzen wird zwar nichts, aber hin und wieder entwickelt sich daraus ein Song. Einige Ideen entstehen auch im Austausch mit Freunden, doch viele Lieblingsideen entwickelt der Songwriter am Morgen, „wenn ich noch einen Pyjama trage, Kaffee trinke und auf meinem Laptop über winzige Lautsprecher einfache Beats produziere. Einige der besten Momente entstehen in solchen zehn Minuten. Etwas taucht aus dem Nichts auf, und dann nehme ich es mit ins Studio, um es weiterzuentwickeln, nehme analoge Synthesizer, Klavier und Gesang auf und produziere und mische um diesen ersten Funken herum.“
Den größten Unterschied zwischen den beiden Soloalben sieht Janus Rasmussen darin, dass er sich mittlerweile als Produzent und Songwriter viel kompetenter fühlt, dass er stetig besser und präziser wird. „Ich denke, das ist wahrscheinlich etwas, was jeder so empfindet. Auch wenn ich mein Debütalbum nach wie vor für eine sehr schöne Platte halte, finde ich, dass dieses neue Album insgesamt eine stärkere Erzählkraft hat. Vielleicht bin ich mit der Zeit einfach ein besserer Geschichtenerzähler geworden.“
Aus dem FAZEmag 173/07.2026
Text: Tassilo Dicke
Foto: Vikram Pradhan
www.janusrasmussen.net