
Es war an einem Abend des Jahres 2008 im Club „Weekend“ am Berliner Alexanderplatz, als in der schätzungsweise 20. Etage mit Blick über die halbe Stadt Alex Barck auflegte. Als DJ mit dabei war auch der Wuppertaler Marcus Worgull, durch den ich den Einfluss von Jazz in DJ-Sets kenne, aber trotzdem House-Musik bleibend. Alex Barck multiplizierte diesen Jazz-Einfluss an diesem Abend noch einmal. Doch die eigentliche Geschichte von Jazzanova beginnt viel früher, und am Anfang waren sie auch gar keine Band, sondern nur Freunde, die zusammen als DJs auflegten und nach einem Namen für dieses Projekt suchten. Die Namensfindung war von einer Musikrichtung beeinflusst, die von Anfang an für alle Beteiligten wichtig war: dem Bossa Nova.
Im Jahr 1995 war der Name dann gefunden, und die ersten Partys fanden freitags im „Delicious Doughnuts“ in Berlin-Mitte statt. Weiterhin organisierte Daniel Best, mit dem das Kollektiv bis heute gut befreundet ist, Veranstaltungen in der Kulturfabrik und im „Easy“ in Frankfurt/Oder (in letzterem Club fand damals auch die heute fast schon vergessene Verkuppelungsparty „Fisch trifft Fahrrad“ statt, aber das nur am Rande). Die Veranstaltungsreihe in der Grenzstadt zu Polen, bei der die Jungs regelmäßig als Gast-DJs eingeladen waren, hieß „The Rub Club“.
Mit den Jahren wuchs die Lust, auch Live-Musik zu machen, und wurde zu einem zentralen Teil von Jazzanova. Die „Jazzanova EP“ aus dem Jahr 1998 (auf der neu erschienenen Deluxe-Edition ist auch das wunderbare, fast Downbeat-artige „Fedime’s Flight“ drauf) war ein erstes Ausrufezeichen in Sachen Produktion, Sampling und Soul. Im Jahr 2002 dann kam das Debütalbum: „In Between“. „Es war für uns ein Meilenstein – musikalisch wie produktionstechnisch. Es war stark Sample-basiert, aus DJ-Perspektive gebaut und klanglich sehr dicht“, sagt Gründungsmitglied Jürgen von Knoblauch 23 Jahre später über dieses Album, das nicht nur für das Kollektiv ein Meilenstein war. Spätestens mit dem zweiten Album „Of All the Things“ entwickelte sich die Live-Band zu einem zentralen Teil von Jazzanova, berichtet er weiter — „mit eigener Energie und einem neuen Zugang zum Material“.
Die Entscheidung, diese „Neubesichtigung“ ausgerechnet 23 Jahre und nicht etwa 20 oder 25 Jahre später zu machen, war eine ganz bewusste: Es war schlicht und einfach nötig, das Album „ins Jetzt zu holen“, sagt Jürgen von Knoblauch, „live, organisch und mit neuem Atem“. Das Little Big Beat Studio bot die Möglichkeit, dort etwas aufzunehmen: „Wir wollten das Album schon lange von der Band neu interpretieren lassen. Aber die Umsetzung musste passen – nicht als Jubiläumsgag, sondern als musikalisches Statement.“
Die Jubiläumsedition zum eckigen 23. Geburtstag von „In Between“ ist sehr umfangreich geworden. Zum einen wird das Originalalbum neu veröffentlicht. Weiterhin gibt es das Album als neu aufgenommene Live-Platte aus dem Little Big Beat Studio: ein legendäres Studio in Liechtenstein mit analoger Aufnahmetechnik und viel Liebe zum Detail, wie gemacht für eine inzwischen schon lange existierende Band, die man als Big Band bezeichnen könnte, mit Flügelhorn, Saxophon, Bass und Synthesizern. Und natürlich mit Gast-Sänger*innen wie Clara Hill oder einem anderen Spezial-Gast: „We would like to introduce our next special guest: Please get your hands together for Wayne Snow“ — diese Stimme sorgt sofort für Gänsehaut. Darüber hinaus ist eine Single-Collection mit Raritäten aus der Zeit vor dem Debütalbum („Pre-In-Between“) erschienen.
Neben diesen Werken aus den frühen Tagen und dem wirklich überragenden, toll und mit viel Respekt vor dem Original in die Gegenwart katapultierten Live-Album stechen die Remixe heraus. „Die Auswahl der Remixer war ein kollaborativer Prozess. Die eigentliche Organisation und kuratorische Ausrichtung lag aber vor allem bei unserem Labelmanager Oliver Glage“, so Jürgen von Knoblauch, also bei demjenigen, der das ebenfalls von Jazzanova gegründete Label Sonar Kollektiv mit viel Liebe managt. Der Name des Kollektivs geht auf die nur kurz existierende Band Ira Kris Group aus München zurück, die ursprünglich aus den USA und Venezuela stammt und im Jahr 1972 mit ihrem Album „Jazzanova“ in Sachen Bossa Nova einen Meilenstein setzte. Im Grunde ist dieses „Revisited“ auch dadurch schon mit einem Fuß in der Vergangenheit und mit einem in der Gegenwart und mit einem dritten natürlich auch in der Zukunft. Bossa Nova, futuristischer Jazz, viel Soul und im Grunde aber doch House-Music – soweit die Rezeptformel.
Remixe von internationalen Künstler*innen wie den Jacana People, von Crackazat, Paskal & The Urban Absolutes zeugen hiervon. Auch Kid Fonque aus Südafrika ist mit dabei – mit einer überlangen, aber eben nicht zu langen Interpretation von „Another new way“, mit einer tollen Afro-House-Ästhetik. „Das Ziel war es, Produzent*innen einzuladen, die sich mit unserer Musik verbunden fühlen – sei es durch persönliche Beziehungen, musikalische Nähe oder gemeinsame Geschichte“, sagt Jürgen von Knoblauch sehr zufrieden. „Jeder mit eigener Handschrift, aber alle im Geiste des Originals.“ Für das Kollektiv, zu dem neben Jürgen von Knoblauch und Alex Barck bis heute auch Claas Brieler gehört, war es wichtig, dass die neuen Interpretationen nicht ein bloßer Abklatsch der Vergangenheit sind, sondern sich „zwischen Clubästhetik, Jazzgefühl und elektronischer Verspieltheit“ bewegen. Spätestens beim Remix des Tracks „The One-Tet“ von Groove Chronicles wird deutlich, dass der Spagat gelungen ist: gleich mehrere Füße im Jazz, im Hip-Hop, im UK-Garage und – wie in fast jedem Stück von Jazzanova – auch tief im Soul.
Herausgekommen ist ein vielschichtiges, globales Remix-Album, das „In Between“ mit frischen Perspektiven auflädt. Zwischen vertraut und überraschend, zwischen Clubästhetik, Jazzgefühl und elektronischer Verspieltheit. Das gesamte Paket der neuen, alten Musik von Jazzanova zeigt, wie vertraut und überraschend „In Between“ auch 23 Jahre nach Erscheinen und 30 Jahre nach der Gründung dieses bis heute frischen und spannenden Kollektivs ist.
Aus dem FAZEmag 166/12.2025
Text: Dirk Domin
Foto: Georg Roske
www.instagram.com/jazzanova_berlin